Der Schutz von Leben und Gesundheit ist die wichtigste Voraussetzung bei der Nutzung von Energiequellen. Der VDE sorgt seit über hundert Jahren durch seine fachliche Arbeit in den entsprechenden Gremien dafür, dass der Umgang mit elektrischer Energie sicher ist, Unfälle durch technisches Versagen nahezu ausgeschlossen werden können und Unfälle durch menschliches Versagen auf ein Minimum reduziert bleiben. Dadurch konnte in Deutschland die Zahl der Stromunfälle mit Todesfolge von ca. 300 im Jahre 1990 auf ca. 60 im Jahr 2006 gesenkt werden, obwohl die elektrische Energie in allen Lebens- und Arbeitsbereichen vielfältig eingesetzt wird. Damit gehört die elektrische Energie zu den sichersten Energiequellen. Dieses Ergebnis ist jedoch kein Ruhekissen, sondern Motivation für weitere Verbesserungen.
Grundlage weiterer Verbesserungen ist stets auch eine umfassende und tiefgründige Unfallanalyse, um
- zwischen Unfall, Suizid oder Fremdverschulden eindeutig trennen zu können und
- um den Stromweg, die Stromstärke durch den menschlichen Körper, die Einwirkdauer und gegebenenfalls die Ursachen für das Versagen von Schutzeinrichtungen, aber auch das Verhalten von Betroffenen und Beteiligten so genau wie für Schlussfolgerungen erforderlich zu ergründen und zu beschreiben.
Leider sind einige Fälle bekannt geworden, bei denen Gutachten als Abschluss der Untersuchungen am Ort des Geschehens die Anforderungen nicht hinreichend erfüllt haben, weil
- die Gutachter nicht über ausreichende Erfahrungen verfügten, oder
- die Notwendigkeit der Einschaltung eines qualifizierten Gutachters infolge der routinemäßig scheinbar klar erkennbaren Indizien nicht gesehen wurde, oder
- durch die Tätigkeit der ersten Einsatzkräfte am Unfallort, wie Notärzte und Einsatzkräfte der Polizei und der Feuerwehr, wichtige Beweismittel nicht gesichert oder aber sogar zerstört wurden.
Dabei ist zu berücksichtigen, dass diese Einsatzkräfte am Unfallort den schmalen Gratweg zwischen den erforderlichen Maßnahmen zum Schutz des eigenen Lebens, den notwendigen Hilfeleistungen für den Verunfallten und der Sorgfalt für den Beweismittelerhalt unter Stressbedingungen finden müssen.
Im VDE-Ausschuss Sicherheits- und Unfallforschung werden ausgewählte Stromunfälle anhand der Gutachten analysiert. Ziel ist es, Schlussfolgerungen abzuleiten und diese Herstellern und Betreibern von Geräten und Anlagen sowie nationalen und internationalen Normungsgremien zur Verfügung zu stellen. Auf dieser Basis werden weitere Empfehlungen für den Umgang mit elektrischer Energie erarbeitet.
Bei der Analyse von Gutachten zu Todesfällen, verursacht durch elektrische Körperdurchströmung wurde festgestellt, dass die Qualität der Gutachten einen großen Streubereich aufweist. Daher wurde vom VDE-Ausschuss Sicherheits- und Unfallforschung zusammen mit Vertretern des Landeskriminalamts Nordrhein-Westfalen ein Leitfaden als Arbeitshilfe für Gutachter entwickelt. Dieser VDE-Leitfaden "Technisches Gutachten bei vermuteter elektrischer Körperdurchströmung" hat zum Ziel, die Arbeit der Gutachter bei der Unfalluntersuchung und bei der Gutachtenerstellung zu unterstützen und damit zur Qualifizierung der Gutachten beizutragen.
Nach einer Einführung werden die grundsätzlich in einem solchen technischen Gutachten zu behandelnden Punkte genannt. Es folgen Erläuterungen basierend auf theoretischen Überlegungen und praktischen Erfahrungen bei der Erstellung eines derartigen Gutachtens.
Es wird hervorgehoben, dass Grundlage jedes Gutachtens stets die Nachweisführung oder der Ausschluss einer elektrischen Körperdurchströmung ist, einschließlich einer Abschätzung der dabei auftretenden Stromstärke und Einwirkdauer. Dem jeweiligen Gutachter steht dafür oft nur das gesicherte Beweismaterial zur Verfügung.
Die Entscheidung, ob das betreffende Ereignis durch einen Unfall oder durch eine Tötung verursacht wurde, sowie eine Schuldfrage werden richterlich geklärt, so dass die technische Beschreibung im Gutachten vorurteilsfrei zu erfolgen hat.