Fragen an Prof. Dr.-Ing. habil. Gerald Gerlach, TU Dresden
Vorsitzender des VDE-Ausschusses "Ingenieurausbildung"
Der Ausschuss hat die Empfehlung "Gegen ein Verbot von Studiengebühren" im Entwurf erarbeitet und diesen Entwurf mit anderen VDE-Gremien, darunter den Studentenvertretern, vor Veröffentlichung beraten. Die Empfehlung ist auf der Homepage des VDE abrufbar.
Frage:
Fordert der VDE die bedingungslose Einführung von Studiengebühren?
Antwort:
Nein. Der VDE sieht zwar Vorteile bei der Einführung von Studiengebühren, aber nur, wenn dies unter klar genannten Bedingungen geschieht: Die Hochschulen sollen selber entscheiden können, ob sie dies tun wollen. Wenn sie dies tun, muss garantiert sein, dass das Geld bei den Hochschulen verbleibt und zu einem Teil für ein entsprechendes Finanzierungssystem verwandt wird, das allen Geeigneten den Zugang zum Studium ermöglicht.
Die VDE-Empfehlung setzt also die Entwicklung umfangreicher Veränderungen bei den Finanzierungs-Instrumenten einschließlich von Rückzahlungsmodellen voraus, die der VDE nur anregen aber nicht selbst entwerfen kann - zumal an anderer Stelle solche Modelle (z. B. beim CHE Centrum für Hochschulentwicklung, Gütersloh) bereits vorliegen.
Wenn in der aktuellen Politik unsere erwähnten Bedingungen nicht berücksichtigt werden, kann der VDE dafür nicht in Verantwortung genommen werden. Die Politik geht dann einen falschen Weg, was die Notwendigkeit unserer Empfehlung geradezu noch verstärkt. Uns geht es darum, das Tabu aufzubrechen, über Studenten- bzw. Absolventenbeteiligung an den Kosten überhaupt nachzudenken.
Frage:
Ist es nicht blauäugig, anzunehmen, dass die Studiengebühren bei den Hochschulen verbleiben? Der Staat wird dies doch sicherlich mit seinen Zuwendungen an die Hochschulen verrechnen?
Antwort:
Diese Gefahr besteht natürlich immer, ebenso die, dass der Staat seine Ausgaben für die Hochschulen kürzt. Das Verhalten der Politik enthebt aber den VDE nicht von der Aufgabe, seine Position darzustellen und auf mögliche Lösungswege hinzuweisen, gerade um allen geeigneten Jugendlichen ein Studium zu ermöglichen. Die bisherige Entwicklung in Deutschland widerspricht nämlich den Kritikern: Es ist nicht wahr, dass der bisherige Verzicht auf Studiengebühren mehr Jugendliche aus gering verdienenden Haushalten zum Studium führt. Das Gegenteil ist der Fall; der Anteil gerade dieser Schüler ist in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich zurückgegangen.
Der VDE hat in seiner Empfehlung klar herausgestellt, dass die eingenommenen Studiengebühren in keiner Weise nur für die Hochschulfinanzierung oder gar für Defizite im Landeshaushalt verwendet werden dürfen. Stattdessen wird vorgeschlagen, dieses Geld z. B. für Stipendien an solche potentiellen Studenten zu vergeben, an denen die Hochschule, mehr noch unser Land, ein besonderes Interesse hat, wenn sie als Schüler bzw. Gymnasiast besonders gute schulische Leistungen erbracht haben. Eine Zielsetzung unserer Empfehlung ist es, die Zahl der besonders qualifizierten Studierenden zu erhöhen und die Effizienz des Studiums zu steigern.
Eines muss aber auch betont werden: Studiengebühren in einer solchen Höhe, wie sie in den USA zur Hochschulfinanzierung gebraucht und deshalb auch erhoben werden, wollen wir auf keinen Fall. Um die Steuerungs-, besser Regelungseffekte, die mit dem Mittel Studiengebühren verbunden sind und die wir in der positiven Wirkung in unserer Empfehlung aufgezeigt haben, ist dies aber auch überhaupt nicht nötig.
Frage:
Wen stört es, wenn es einige Langzeitstudenten mehr gibt? Eigentlich kostet es doch die Hochschulen ziemlich wenig.
Antwort:
Das mag auf den ersten Blick so erscheinen. Wenn man aber nicht nur die einzelne Hochschule anschaut, sondern unsere Gesellschaft, wird überlange Studienzeit doch immens teuer! In der Zeit, in der die Studenten nicht zum Bruttosozialprodukt beitragen und auch keine Steuern entrichten, fehlen dem Staat wichtige Einnahmen, insbesondere auch für die Sozialkassen. Die wirksame Zeit der jungen Leute im Berufsprozess muss länger werden. Andererseits darf man auch nicht vergessen, dass üblicherweise als Student eine Reihe von Vergünstigungen nutzbar sind; Ermäßigungen bei Eintritten oder das sogenannte Semesterticket. Dies wird ja auch durch die Gemeinschaft der Steuerzahler finanziert.
Frage:
Ich halte Studiengebühren prinzipiell für sozial ungerecht. Sieht dies der VDE nicht?
Antwort:
Was verstehen Sie unter sozialer Gerechtigkeit? Wenn wir darüber sprechen, dann doch so, dass nicht alle gleich sein können. Das ist nie zu erreichen! Sondern, dass alle die gleichen Chancen erhalten, hier die Chancen auf eine gute Bildung. Und dies ist beispielsweise mit den o. g. Finanzierungsquellen einschließlich Kreditsystemen möglich. Außerdem ist, wie bereits dargestellt, trotz Gebührenfreiheit der Anteil von Studierenden aus nichtakademischen oder einkommensschwachen Haushalten stetig zurückgegangen. Die Hochschulen werden aus dem "Steuertopf" finanziert, in den etwa drei Viertel Nichtakademiker einzahlen. Lässt man auch ökonomische Betrachtungen zu, könnte ich ebenso vereinfachend wie viele Diskutanten sagen: Der Nulltarif ist nicht sozial - auch unter dem Gesichtspunkt vieler Studenten aus Haushalten mit hohem Einkommen! Bei Gebühren für Kindergärten gibt es im übrigen keine in der Fragestellung enthaltenen Vorbehalte.