Am 27. und 28. Januar 2009 fand in Dresden die ETG-Fachtagung STE 2009 zum Thema „Sternpunktbehandlung in Verteilnetzen – Stand, Herausforderungen, Perspektiven“ statt. Nach Tagungen in Braunschweig (1988), Muhlhouse/Frankreich (1995) und Cottbus (1996) wurde wieder eine Plattform in einem größeren Rahmen zu diesem Thema geboten. So konnten sich 251 Fachleute (Bild) aus Deutschland, Österreich, Schweiz und Schweden gemeinsam über die aktuellen Themen der Sternpunktbehandlung austauschen. Die Beiträge und Diskussionen waren fundiert, spannend und inhaltsreich. Es wurde über Lösungen, Trends und Erfahrungen berichtet und diskutiert. Parallel zur Tagung präsentierten zwölf Unternehmen ihre Produkte und Dienstleistungen dem fachkundigen Publikum.
In der folgenden Zusammenfassung werden - ohne Anspruch auf Vollständigkeit - exemplarisch Vorträge zitiert.
1. Tagungsschwerpunkte
Elektrische Netze sind von Betriebsstörungen betroffen, die in der Mehrzahl der Fälle ihren Ursprung im Durchbruch oder der Überbrückung der Isolierung eines Leiters gegen Erde (Erdschluss) haben. Das Verhalten des Energieversorgungsnetzes bei einpoligen Fehlern hängt im Wesentlichen von seiner Sternpunktbehandlung ab. Die Tagungsteilnehmer konnten sich in 8 Sitzungsblöcken mit 22 Referaten und 11 Kurzbeiträgen über den aktuellen Stand der Sternpunktbehandlung informieren. Die Sitzungsblöcke gliederten sich in die Leitthemen:
- Grundlagen, Normung
- Netzplanung
- Schutztechnik, Netzkomponenten
- Netzbetrieb, Kundenanlagen
- Vertragsrecht
Mit dem Verzicht auf parallele Vortragsreihen und Workshops erhielten die Teilnehmer die Möglichkeit, die Themen der gesamten Tagung zu verfolgen. Um möglichst aktuelle Entwicklungen vorstellen zu können, wagte der Programmausschuss ein Experiment: Erstmals war im Programm ein Sitzungsblock mit Kurzbeiträgen zu finden, zu denen erst im letzten Quartal 2008 aufgerufen wurde. Vertreter aus Industrie, Consulting, Hochschulen und EVU folgten dem Aufruf und reichten 17 Themen ein, wovon 11 vom Programmausschuss ausgewählte Referate im Plenum vorgestellt wurden. Der gesamte Umfang der Kurzbeiträge ist exklusiv für die Teilnehmer der Tagung auf der Homepage des VDE www.vde.com/ste2009 bereitgestellt.
2. Resümee
Als ein brisantes Thema stellte sich der aktuelle Entwurf zur DIN EN 50522 (bzw. prEN 50522) dar. Hier besteht der Wunsch nach Angleichung des europaweit geltenden Harmonisierungsdokumentes HD 637 S1 und der IEC 61936. Das HD 637 S1 ist bereits in vielen nationalen Standards, wie z. B. der DIN VDE 0101 umgesetzt. Geplant sind wesentliche Änderungen beim Weiterbetrieb von erdschlussbehafteten Netzen. So wird z. B. in der Tabelle 1 des DIN Entwurfes ein „statistischer Nachweis“ für das „unwahrscheinliche“ Eintreten von Doppelerdschlüssen verlangt, um weiterhin mit dem Erdschlussreststrom rechnen zu können. Sollte dieser Nachweis nicht gelingen, so ist gemäß dem neuen Entwurf der Fehler nach max. 5 Sekunden abzuschalten. Die Einspruchsfrist beim DKE für den Entwurf DIN EN 50522 endete am 28.02.2009. Den DKE erreichten bereits sehr viele Einsprüche. Über das weitere Vorgehen wird in den bekannten Medien berichtet werden.
(Foto: L. Fickert)
Ein Schwerpunkt-Thema war der hohe Erdschlussreststrom an der Fehlerstelle im resonanzsternpunktgeerdeten Hoch- und Mittelspannungsnetz durch den zunehmenden Einsatz von Kabeln. Hier werden immer häufiger die zulässigen Grenzwerte erreicht bzw. überschritten, so dass ein weiterer Ausbau auf dieser Grundlage nicht mehr möglich erscheint. Vorträge von Gernot Druml „Neue Methoden zur Erdschlusseingrenzung“ und Gunnar Groß „Technische Lösungen zur Kompensation der Oberschwingungen im Erdschlussreststrom“ zeigten hier aufschlussreiche Lösungsansätze.
Zwei aufeinander folgende Vorträge stellten die derzeitige Situation bei den EVU zur Wahl der Sternpunktbehandlung dar:
Der „Erfahrungsbericht eines städtischen Netzbetreibers: Umstellung der Sternpunkterdung von erdschlusskompensiert auf niederohmig“ von Robert Nagy, MVV Energie und der „Erfahrungsbericht eines regionalen Netzbetreibers: Umstellung der Sternpunkterdung von niederohmig auf erdschlusskompensiert“ von Rudolf Grimme, LEW Netzservice, zeigten die Anwendung in dem jeweiligen Netz. Aus der folgenden Diskussion und den in weiteren Vorträgen beschriebenen Vorgehensweisen konnte sich keine eindeutige Tendenz zur Wahl der Sternpunktbehandlung ableiten lassen. Die Anwendung einer Methode ist nach ihren speziellen Einsatzbedingungen zu wählen.
Eine auf der Tagung häufig getroffene Aussage war, dass „gelöschte Netze geringere Ausfallzeiten bei einpoligen Fehlern aufweisen“. Stephan Schubert, envia Netzservice, wies in seinem Beitrag „Einfluss der Sternpunktbehandlung auf die Störungs- und Verfügbarkeitsstatistik“ darauf hin, dass in Deutschland heute 87% der Mittelspannungsnetze und 79% der 110-kV-Netze mit kompensiertem Sternpunkt betrieben werden.
Erstmals wurden im Zusammenhang mit den Leitthemen der Tagung auch die rechtlichen Aspekte betrachtet. Der Vortrag von Torsten Höck, BDEW „Haftung für unzureichende Versorgungsqualität“ zeigte u. a. die Zusammenhänge zwischen der Haftung aus Verträgen (z. B. NAV), der deliktischen Haftung gemäß §823 BGB, dem Haftpflichtgesetz und dem Produkthaftungsgesetz auf.
(Foto: G. Druml)
Eine Podiumsdiskussion aus dem Themenbereich „Sternpunktbehandlung in Verteilnetzen im Hinblick auf die Versorgungsqualität unter Berücksichtigung rechtlicher Aspekte" mit Beteiligung von Juristen und Fachleuten aus Hochschule, Industrie, EVU und der Bundesnetzagentur rundete die Tagung ab.
Die erörterten Themen, wie
- Netz der Zukunft mit dez. Einspeisung gelöscht oder geerdet betrieben?
- Einsatzmöglichkeiten intelligenter Netzknoten bei der Fehlerortung unter Berücksichtigung der Sternpunktbehandlung
- Wünsche an die Gerätetechnik (z. B. verbesserte Lösungen zur Tiefenortung im kompensierten Netzbetrieb)
- Anstehende Definition des Q-Elements in der Regulierungsformel
- Umgang mit Normvorgaben
- Weiteres Vorgehen mit dem Entwurf DIN EN 50522
werden auch noch nach der Tagung für Diskussionen sorgen.
Die Beiträge sind als ETG-Fachbericht 116, im VDE-Verlag www.vde-verlag.de erschienen. Die Vortragspräsentationen und Kurzbeiträge stehen den Teilnehmern der Tagung auf der Homepage des VDE unter www.vde.com/ste2009 exklusiv zur Verfügung.