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Innovationen in der Medizintechnik 

Innovationen in der Medizintechnik 

6 Thesen

Frankfurt 

These 1:
Medizintechnik ist eine wichtige zukunftsorientierte Hochtechnologie-Branche, die Arbeitsplätze und Wohlstand in Deutschland sichert und gleichzeitig einen Beitrag zur Gesundheit der Menschen und zur Steigerung der Effizienz im Gesundheitswesen erbringt.

Hierzu ein paar Zahlen und Fakten:

Im Jahr 2003 wurden in Deutschland Waren im Werte von 12,5 Mrd. Euro im Bereich Medizintechnik produziert. Davon gingen über 50% in den Export. Die jährliche Steigerung dieses Produktionsvolumens liegt stabil über viele Jahre bei 5,5% und damit deutlich über dem Durchschnitt des verarbeitenden Gewerbes. Und eine konservative Prognose besagt, dass diese Steigerungsrate mindestens für die nächsten 100 Jahre anhält - es gibt kaum eine Branche mit solch positiven Zukunftsaussichten. Medizintechnik sichert in Deutschland heute ca. 110.000 Arbeitsplätze. Trotz einer vereinzelt bei größeren Unternehmen erkennbaren Auslagerung von Produktionsteilen und Forschungs- und Entwicklungsabteilungen ins Ausland gibt es insgesamt ein positives Beschäftigungssaldo. Mittelständische Unternehmen behaupten sich erfolgreich im Weltmarkt. Viele Unternehmensgründungen sind erfolgreich.

These 2:
Drei Motoren müssen bei medizintechnischen Innovationen zusammen spielen:
a) neue technologische, informationstechnische oder naturwissenschaftliche Möglichkeiten müssen entstehen und ihr Potential für die Medizin muss erkannt werden,
b) die technischen Möglichkeiten müssen übersetzt werden in Komponenten, Geräte, Systeme, Software etc zur Anwendung am Menschen,
c) die neuen medizinischen Möglichkeiten müssen erkannt und ausgeschöpft werden.

Die Forschungslandschaft in Deutschland ist in allen drei Bereichen stark im internationalen Vergleich - dies ist ein deutlicher Trumpf für Deutschland. Die öffentliche Forschung bewegt sich aber in der personellen und finanziellen Ausstattung "am Limit". In der Forschung in Deutschland darf keiner dieser drei Motoren gebremst werden.

These 3:
Medizintechnik ist interdisziplinäre Zusammenarbeit "par excellence".

Nur durch eine reibungslose interdisziplinäre Kooperation können Innovationen entstehen. Trotz vieler guter Beispiele gibt es hier in Deutschland Verbesserungsbedarf: Zu oft wird noch "Abgrenzungspolitik" zwischen verschiedenen Fachrichtungen oder Berufsgruppen betrieben. Es gibt in Deutschland über 20 eigenständige Fachverbände, die sich mit oder auch mit Medizintechnik beschäftigen, interdisziplinär angelegte Lehrstühle gehen verloren, DFG-Sonderforschungsbereiche mit medizintechnischen Themen haben es schwer, weil keine Interessengruppe sich mit ihnen identifiziert usw. Dies gilt es zu überwinden. Interdisziplinäre Teams, die sich gegenseitig verstehen, anerkennen und befruchten, sind der Schlüssel für Innovationen - nicht nur in der Medizintechnik. darf keiner dieser drei Motoren gebremst werden.

These 4:
Innovationen der Medizintechnik werden in der Regel Kosten im Gesundheitswesen senken und die Behandlungsqualität verbessern.

Der Nachweis von Kostenreduktion und Qualitätsverbesserung kann aber fast nie in einer frühen Projektphase erbracht werden. Oft wird dieser Nachweis heute zur Voraussetzung für die Förderung gemacht. Hier sind mehr Spürsinn und visionäres Denken gefragt. Und trotz des hohen Kostendrucks im Gesundheitswesen muss es auch in Zukunft möglich sein, Medizintechnik für die reine Qualitätsverbesserung zu erforschen - oft stellt sich die mögliche Kostenreduktion dann in einer späteren Phase ein, wenn die neue Methode breit eingesetzt wird.

These 5:
Nur durch einfache, transparente und nachvollziehbare Strukturen für einen Markteintritt von neuer Medizintechnik in den geregelten deutschen Markt kann die Stellung der deutschen Medizintechnik erhalten werden.

Am Ende einer oft sehr langen Phase der technischen Vorentwicklung stehen immer die klinische Studie und danach die Frage nach der Aufnahme der neuen Methode in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen. In diesen beiden Bereichen haben wir in Deutschland in den letzten Jahren immer mehr Bremsen in den Innovationsprozess eingebaut. Forscher und Entwickler in der Medizintechnik wollen niemals Technik um der Technik willen. Im Vordergrund steht immer der nachgewiesene Nutzen für den Patienten. Aber wenn es am Ende zu viele Hürden gibt, diesen Nachweis zu erbringen, verlaufen medizintechnische Innovationen im Sande. Dringend werden gefordert:

  1. einfach funktionierende und transparente Strukturen für die Erprobung innovativer Methoden in der Medizin,
  2. berechenbare, flexible und schnelle Entscheidungsstrukturen zur Abrechenbarkeit von innovativen Leistungen in der Medizin.

 

These 6:
Die großen und besonders wichtigen Innovationsfelder der Medizintechnik sind:

  1. Mikrosysteme für aktive Implantate, Neuroengineering, in-vivo-Diagnostik, in-vitro-Diagnostik, DNA Chips, Lab-on-Chip, Drug-Delivery-Systeme
  2. Medizintechnik für minimalinvasive Interventionen, bildgeführte Interventionen
  3. Neue bildgebende Verfahren mit Fokus auf Funktionsdiagnostik und biomolekulare Bildgebung
  4. Medizintechnik für die regenerative Medizin, Gewebezüchtung, Zelltherapie
  5. Computerunterstützte Diagnostik, Therapieplanung und Therapiebegleitung
  6. Neue Materialien für die Diagnostik und Therapie, Nanomaterialien, funktionelle Oberflächen, passive Implantate aus neuen Werkstoffen
  7. eHealth, elektronische Patientenakte, Datennetze, Telemedizin

Ein großes Produktionsvolumen und eine starke Position im Weltmarkt hat Deutschland auch in den Bereichen Instrumente, Systeme und Materialien für die Zahnmedizin und für die Ophthalmologie.

Fazit
In der Abwägung verschiedener Kriterien nimmt Deutschland im weltweiten Vergleich den zweiten Rang in der Medizintechnik ein. Diese Position gilt es zu festigen und auszubauen. Denn trotz aller positiven Nachrichten ist der Umsatzanteil deutscher Unternehmen am Weltumsatz von 1991 bis 2001 von 21 % auf 16 % Prozent gesunken. Im gleichen Zeitraum konnten beispielsweise die USA ihren Anteil von 26 % auf 31 % steigern. Deutschland hat alle Randbedingungen für eine erfolgreiche Zukunft in der Medizintechnik:

  1. Innovative Ärzte, die Entwicklung neuer Verfahren anstoßen und neue Produkte und Methoden einsetzen wollen.
  2. Eine hervorragende Grundlagenforschung mit kreativen Forschern in den Bereichen Medizin, Naturwissenschaften und Technik
  3. Eine stark FuE-geprägte Unternehmenslandschaft, die in der Vergangenheit viele Ideen aus der Grundlagenforschung in innovative Produkte umsetzen konnte, die im Weltmarkt erfolgreich waren.
  4. Ein Gesundheitswesen, dass als Erstnutzer den schnellsten Vorteil von Innovationen nutzen kann und als starker Heimatmarkt eine Signalwirkung für den internationalen Absatz von Medizintechnik hat.

Vor dem Hintergrund eines ständig steigenden internationalen Wettbewerbs muss allen Beteiligten und Verantwortlichen klar sein, dass sich die gute deutsche Position nur durch eine erfolgreiche und geschlossene Wirkungskette von der Grundlagenforschung über die Entwicklung und Produktion bis zur Anwendung halten lässt.


Prof. Dr. Olaf Dössel
Vorsitzender der
DGBMT Deutsche Gesellschaft für Biomedizinische Technik im VDE
Frankfurt am Main, Mai 2005