Energieforschung in Deutschland 

VDE/ETG-Studie "Energieforschung 2020" 

Ergebnisse - Zusammenfassung

20.11.2007 

 

Die ETG Task Force "Öffentlichkeitsarbeit in Politik und Medien" hat unter Leitung von Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Schröppel eine Studie "Energieforschung 2020" erstellt. Diese Studie wurde im April 2007 in der Bundespressekonferenz in Berlin öffentlich vorgestellt. Die VDE/ETG-Studie zeigt gravierende Defizite bei der Energieforschung auf und entwirft Eckpunkte für ein dringend erforderliches Gesamtkonzept.

Im internationalen Vergleich schneiden Deutschland und Europa bei der Energieforschung schlecht ab. Während Japan für die Energieforschung pro Kopf der Bevölkerung über 30 US-Dollar ausgibt und die USA 10 Dollar, sind es in Deutschland nur 6,20 Dollar. Mit jährlich 3,9 Milliarden US-Dollar investiert Japan 7,6-mal so viel Geld in die Energieforschung wie Deutschland, die USA investieren absolut fast sechsmal so viel wie die Bundesrepublik. Auch in Relation zum Bruttoinlandsprodukt liegen in Deutschland die Ausgaben für Energieforschung mit einem Anteil von 0,18 Prozent hinter den USA (0,24) und Japan (0,84 Prozent). Wie die VDE/ETG-Studie "Energieforschung 2020" feststellt, werden in der EU vom gesamten Forschungs- und Entwicklungsetat nur 3 Prozent für Energiefragen ausgegeben, in Deutschland sind es 8 Prozent. Die energietechnische Forschung in Deutschland befasst sich heute in vielen Bereichen nur noch mit kurzfristigen Themen und verfolgt kein Gesamtkonzept, so ein weiteres Ergebnis der Studie.


Bild 1: Übersicht über die Forschungsausgaben ausgewählter Länder in Mio. US$ (Quelle: IEA)

 

Während der letzten Jahrzehnte hatte die energietechnische Forschung in Deutschland einen starken Rückgang zu verzeichnen. Die Aufwendungen entwickelten sich gegenläufig zu den immer drängender werdenden Problemen wie Klimaschutz, Versorgungssicherheit und Importabhängigkeit. Statt die Energieforschung zu forcieren, sind Hochschulinstitute aufgelöst und Professorenstellen gestrichen worden. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die in der Vergangenheit viele energietechnische Forschungsprojekte förderte, hat Mittel abgezogen und widmet sich jetzt vorzugsweise anderen Themen, etwa der Kommunikations- und Datentechnik oder der Biologie. Auch die Versorgungsindustrie hat Forschungsmittel reduziert und den zeitlichen Horizont der Arbeiten verkürzt.

Stark ist die Bundesrepublik in der Forschung bei Fusionskraftwerken und erneuerbaren Energien. Zurzeit werden die deutschen Aktivitäten in der Fusionsforschung als weltweit führend betrachtet. Es wird als realistisch angesehen, bis spätestens 2050 ein kommerzielles, wettbewerbsfähiges Fusionskraftwerk zu bauen. Mit der Entscheidung zur Realisierung des ITER (International Thermonuclear Experimental Reactor)-Experiments in Cadarache in Südfrankreich unter Beteiligung der EU, der USA, Russlands, Chinas, Indiens, Südkoreas und Japans ist der Weg zum Beweis der prinzipiellen Machbarkeit der magnetischen Fusion unter kraftwerksähnlichen Bedingungen geebnet und ein Demonstrationsreaktor bis 2025 in Sicht.

Energiepolitik, Energietechnologie und Energieforschung sind strategische Hebel für die Wirtschaftspolitik und die Prosperität Deutschlands und Europas. Die im Koalitionsvertrag für die Energieforschung ursprünglich vorgesehenen Mittel von jährlich circa 400 Millionen Euro bewertet die ETG als unzureichend. Zwar ist die Mittelausstattung in der Energieforschung durch die Bundesregierung für die Periode 2007 bis 2009 deutlich erhöht worden. Gleichwohl erreicht sie bei weitem nicht das Niveau vergleichbarer Länder. Erforderlich ist eine kontinuierliche Erhöhung der Forschungsmittel des Bundes in den nächsten fünf Jahren auf rund 1 Milliarde Euro p. a.

Grundlage für die Vergabe und den Einsatz der Gelder muss laut ETG ein konsistentes, langfristig angelegtes energiepolitisches Gesamtkonzept sein. Dass es ein solches Konzept bisher nicht gibt, führt die ETG auch auf die Zersplitterung der Zuständigkeiten zurück. In Deutschland ist die bundespolitische Verantwortung für Energieforschung auf vier Ministerien verteilt: Wirtschaftsministerium (fossile Energieträger und korrespondierende Technologien), Umweltministerium (erneuerbare Energien, Aufsicht über Kernenergietechnologien), Ministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft (Energietechnologien mit Biomasse), Ministerium für Bildung und Forschung (Grundsatzfragen und Koordinierung). Von einer einheitlichen und strategisch ausgerichteten Energiepolitik und Energieforschung kann unter diesen Umständen bisher keine Rede sein. Die Bündelung der Zuständigkeiten wäre nach Ansicht der ETG ein großer Schritt in diese Richtung.

Die Studie "Energieforschung 2020" fordert Eckpunkte für ein Gesamtkonzept zur nachhaltigen, sicheren und umweltverträglichen Energieversorgung. Dazu gehören:

  • Qualitative und in Grundzügen quantitative Festlegung des Energiemix für die kommenden zwei bis drei Jahrzehnte
  •  Festlegung von Grenzwerten für die Importabhängigkeit bei Energieträgern
  •  Quantitative Festlegung von Energiesparzielen und Festlegung von Kennwerten für die Energieeffizienz
  •  Fixierung eines Forschungsrahmenprogramms für das nächste Jahrzehnt
  •  Abstimmung dieses Rahmenprogramms mit der EU
  • Zuverlässige und langfristige Bereitstellung der Finanzmittel

In der Skizze für ein langfristiges Forschungsprogramm werden in der Studie die Schwerpunkte auf einen ausgewogenen Energie-Mix, auf die Nutzung eigener Ressourcen und auf die Steigerung der Energieeffizienz gelegt. Auch in die bisher nicht ausreichend geförderte Forschung zum CO2-freien Kohlekraftwerk sollten Gelder fließen. Nicht ausgeklammert werden darf die Entwicklung intelligenter Technik zur Steuerung der Versorgungssysteme. Die Netze, die nach der Marktliberalisierung unter anderem den europaweiten Handel und den Stromtransport aus erneuerbaren Energien von Nord nach Süd verkraften müssen, werden nach zur knappsten Ressource der Energieversorgung. Die heutigen europäischen Netze können ihre Aufgabe nur unvollkommen erfüllen. Die Studie sieht daher die Versorgungssicherheit wegen Überlastung der Netze gefährdet, wenn nicht heute ausreichend in diese Netze investiert wird.

Die Vergabe von Forschungsgeldern sollte wo immer möglich nach dem Wettbewerbsprinzip an die besten Forschungseinrichtungen vergeben werden. In diesem Zusammenhang wird eine "Exzellenzinitiative Energieforschung 2020" empfohlen. Neben der materiellen Ausstattung müssen zusätzliche Anstrengungen zur Nachwuchsgewinnung sowie zur Nachwuchsförderung und Ingenieurausbildung unternommen werden. Dabei sollten speziell die Studiengänge für Energietechnik an den Hochschulen gestärkt werden. Wegen der bestehenden Unsicherheit sind die Studentenzahlen in der elektrischen Energietechnik stark geschrumpft, so dass die Absolventen nur noch einen Teil des Bedarfs decken. Die Expertenlücke bei Ingenieuren und die Abwanderung von Spitzenkräften bedroht nicht nur die Wirtschaft, sondern vor allem auch die Forschung.

VDE-Mitgliedern steht die Studie unter www.vde.com/studien kostenfrei zum Download zur Verfügung. Nichtmitglieder können die Studie in Papierform für Euro 150,- erwerben.