10.09.2007 Frankfurt Seite 205 0

Noch schnell den Elektro-Rollstuhl vor dem Gewitter schützen ...

In der Nacht zog gegen 5 Uhr ein Gewitter auf. Karin J. schreckte aus dem Schlaf hoch und dachte an den elektrischen Rollstuhl, der draußen neben dem Wohnblock zum Aufladen der Batterie stand. Die 64-Jährige zog sich eine Regenjacke über und eilte hinaus, um das Aufladekabel vom Stromnetz zu trennen. Dann schlug der Blitz ein. Seither sieht sie ihre Umgebung greller und fühlt imaginäre Spinnweben auf ihrer Haut.

Angst vor dem Blitz hatte sie nie. Schon oft war sie mit ihrem Rollstuhl bei Gewitter unterwegs. Zuerst würde der Blitz sicher in die hohen Birken und Nussbäume einschlagen, dachte Karin Jung. Sie dachte falsch.

"Plötzlich wurde alles grell blau, meine Regenjacke, die Plane über dem Rollstuhl. So wie die Flamme eines Gasbrenners. Auf der Plane hat man den Schatten der Blätter an den Bäumen gesehen", schildert sie. Dann sei der Blitz um sie herum geschossen, sie habe sich gefühlt wie in einer Decke eingehüllt – und alles beinahe lautlos, nur ein leises Knistern sei zu hören gewesen. Frau J. erstarrte und tat dann das, weswegen sie sich überhaupt nach draußen gewagt hatte: das Stromaufladekabel vom Rollstuhl trennen – ein lautes Knistern, als sie den Stecker löste – und alles war vorüber.

Benommen stieg sie die vier Stufen im Treppenhaus hinauf in ihre Wohnung im ersten Stock. Sie setzte sich auf ihr Bett und betete. "Ich habe Gott gedankt, dass ich überlebt habe". Die Regenjacke, glaubt die 64-Jährige, haben ihr das Leben gerettet. Die Jacke war aus Gummi, genau wie ihre Schuhe.

Das schockierende Erlebnis weckte auch Erinnerungen an die späten 60er-Jahre. Da starb ihre Großmutter infolge eines Blitzschlags. Sie wusch sich gerade in der Küche die Hände, als der todbringende Schlag aus der Wasserleitung kam. "Ich habe mir den Blitz immer schmal vorgestellt", sagt Karin Jung, "fern, weit weg oben am Himmel". Nun war er ihr ganz nah, viel zu nah.

Sichtbare Schäden hat Karin Jung nicht davon getragen, so wie die meisten Blitzopfer. Die wenigsten sterben beim Blitzeinschlag, aber fast alle tragen Schäden davon, merkwürdige Symptome, die unterschiedlich ausfallen. Karin Jung fühlt seither Spinnennetze auf ihrer Haut und versucht mittlerweile den Reflex zu unterdrücken, ständig über Gesicht und Arme zu streifen. In ihren Träumen taucht der Blitz manchmal wieder auf, der um sie herum schoss. Wenn draußen die Sonne scheint, braucht sie nun gleich eine Sonnenbrille, da das Sonnenlicht für ihre geschädigten Augen zu grell ist.

Quelle: Badische Zeitung / Hautli 6.9.2007

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