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30.01.2017 377 2

Health-IT: Big Data fördert Gesundheit

Ob Diagnose oder Therapie, Pharma- oder Medizinforschung: Computer entwickeln sich zum wichtigen Assistenten von Ärzten und Wissenschaftlern. Und auch für Patienten öffnen sich neue Möglichkeiten der Beteiligung an Gesundheitsvorsorge und -fürsorge. Eine Gemeinschaftsveranstaltung von VDE und der Berliner Ortec GmbH erörterte neue Trends.

Es sind dramatische ökonomische Zahlen: Zwischen 2010 und 2017 laufen Patente für Blockbuster-Medikamente mit einem Marktwert von schätzungsweise 150 Milliarden US-Dollar aus. Pharma-Konzerne suchen weltweit dringend nach Ersatz zum Ausgleich der drohenden Verluste. Ein Hindernis für Entwicklung und Tests neuer Medikamente sind Probleme bei der Rekrutierung von Patienten. Klinische Studien benötigen genügend Teilnehmer und signifikante Fallzahlen. Aber zwei Drittel aller klinischen Studien scheitern daran, dass sie nicht ihre Rekrutierungsziele erreichen. Und die Mehrzahl aller Studien sprengt wegen fehlender Probanden den geplanten Zeitrahmen, durchschnittlich um vier bis fünf Monate, schätzen Experten. Dabei geht es um enorme Aufwendungen: Milliarden Euro kann die aufwändige Suche nach einem neuen Wirkstoff kosten.

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Die herkömmliche manuelle Suche nach Teilnehmern an Studien ist zeitintensiv, ineffizient und fehleranfällig. An einer Lösung für diese Probleme arbeitet in Berlin ein Konsortium von Partnern mit ausgewiesener Expertise: Die Charité ist mit über 700.000 Fällen und 3.095 Betten eine der größten Universitätskliniken Europas. Vivantes ist mit über 500.000 Fällen und 5.329 Betten Deutschlands größter kommunaler Krankenhauskonzern. Und die Ortec medical GmbH in Berlin-Wannsee ist ein auf Enterprise und Content Management Systeme sowie Wissensmanagement spezialisiertes IT-Unternehmen. Das Projektvolumen der Konsortialpartner beträgt immerhin 10 Millionen Euro u.a. aus EU-Mitteln. Über 50 Mitarbeiter sind an der Entwicklung einer Health Intelligence Plattform (HIP) beteiligt. Auf einem Vortragsabend zum Thema „Health IT“, zu dem die Ortec GmbH gemeinsam mit dem VDE an den Wannsee geladen hatten, präsentierten Ortec-CEO Matthias Ort, Partner des Unternehmens und renommierte Entscheidungsträger Potenziale der Digitalisierung für das Gesundheitswesen, insbesondere neue Entwicklungen bei Big Data und semantischer Datenanalyse.

Neue Quellen der klinischen Forschung

Die Projektpartner wollen bislang ungenutzte medizinische Datenquellen zum Auffinden von Patienten mit den passenden Ein-/Ausschlusskriterien für die klinische Forschung erschließen und die Verlässlichkeit von Fallzahlaussagen erhöhen. Derzeit, schätzt Ort, werden vorliegende Daten nur ungenügend genutzt. Nur digital strukturierte medizinische Daten  sind mit herkömmlichen Datenanalysen problemlos auszuwerten. Zwei Drittel möglicher Quellen medizinischer Daten sind aber nur unstrukturiert gespeichert oder liegen nur in Papierform als Textdokumente vor, etwa als Arztbriefe oder in Patientenakten. Die Kombination von medizinischen Informationen aus klinischen Freitextdokumenten mit der Verarbeitung von strukturierten Informationen soll typische Symptome und Daten herausfiltern und so verknüpfen, dass sie für Studien, Forschung und Diagnosen genutzt werden können. Insbesondere die Erkennung bislang schwer diagnostizierbarer seltener Erkrankungen könnte dadurch verbessert werden. Ein ähnliches Ziel verfolgen andere Big Data-Konzepte, die in Biobanken Gewebe- und Zellproben durchforsten. Auch hier wird nach typischen Symptomen gefahndet, die mit gemeinsamen Merkmalen bestimmte Krankheiten signalisieren. Von der Verknüpfung dieser Daten mit anderen Informationen in der Health Intelligence Plattform könnte die Diagnostik von Krebs und Alzheimer ebenso wie anderer Erkrankungen profitieren. Die neuen Entwicklungen sollen in Zukunft Forschung und Pharmaindustrie und Gesundheitswesen unterstützen. Patienten können auf sicherere Diagnosen, zielgenauere Therapien und bessere Heilungschancen hoffen. Darüber hinaus sehen die neuen datenbasierten Konzepte auch eine bessere Information und Einbeziehung der Kranken in ihre Heilung vor. Dahinter steht die Erkenntnis, dass gut informierte Patienten eher in der Lage sind, an Heilprozessen teilzunehmen und sie zu steuern. Information muss ein wesentlicher Bestandteil der Gesundheitsversorgung werden, fordern Experten. Das gilt besonders auch für chronische Erkrankungen, deren Behandlung einen großen Anteil der Kosten im Gesundheitswesen verursacht. Deshalb verfolgen die Entwickler neuer Konzepte wie der Health Intelligence Plattform auch das Ziel, Patienten durch den gezielten Zugang zu Wissen und Informationen stärker gleichberechtigt an Vorsorge und Therapie sowie an der Steuerung der Kosten im Gesundheitswesen zu beteiligen.

Telemedizin als neues Geschäftsfeld

Diese Entwicklungen stellen auch die Telekom vor neue technische Herausforderungen und eröffnen neue Geschäftsfelder vor allem in der Telemedizin. Die Basis dafür ist teilweise schon vorhanden und wächst zügig: Schon seit 2012 gebe es weltweit mehr internetfähige Geräte als Menschen, sagt Dr. Michael Hübschen vom Bereich Versorgungsmanagement der T-Systems International GmbH in Berlin. Für 2020 rechnet er mit 50 Milliarden verbundenen Geräten. Rund 500 Millionen Menschen könnten laut Prognosen dann aktive Wearables tragen, um ihren Gesundheitsstatus zu überwachen. Für den Datenverkehr der tragbaren Medizingeräte wird es womöglich spezielle Tarifstrukturen geben. In Ostsachsen mit den Zentren Dresden und Chemnitz arbeitet T-Systems am Aufbau eines Musterprojekts mit: Die Telemedizinplattform CCS Telehealth hat die telematische Vernetzung von Systemen zur Überwachung der Gesundheit beteiligter Kunden zum Ziel. Sie soll darüber hinaus den Fachkräftemangel in der Gesundheitsversorgung und Auswirkungen der demografischen Entwicklung eindämmen helfen.

Telehealth hat verschiedene Schwerpunkte, etwa Family Care, eine Health Cloud, elektronische Patientenakten, eine intelligente Datenanalyse sowie eine Informationsplattform. Teilnehmer können z.B. Blutzucker, Ernährung und Bewegung überwachen oder den Cholesterin-Spiegel kontrollieren und bei signifikanten Überschreitungen von Normwerten automatisch medizinische Notfallhilfe aktivieren lassen. Gegen die Vergesslichkeit gibt es einen Alarm zur rechtzeitigen Einnahme von Medikamenten. Interessenten für das Gesundheitsangebot registrieren sich mit höchst unterschiedlichen Absichten: Teilnehmer mit Krankheitsrisiken wünschen sich etwa regelmäßige Kontrollen durch ihren behandelnden Arzt ohne ständig eine Arztpraxis aufsuchen zu müssen. Sie lassen z.B. kritische Werte laufend überwachen, drei Mal täglich den Blutdruck messen und ihre Schlafgewohnheiten verfolgen. Aber auch Gesundheitsbewusste nehmen die Telemedizin in Anspruch, z.B. um die Ergebnisse von Workouts im Fitness-Studio und täglich ihr Gewicht zu kontrollieren. Oder sie buchen das Tracking von Fitness und Puls mit einer Smartwatch und treten über die Telehealth-Plattform in den sportlichen Wettbewerb mit Freunden. Für die meisten ist das Führen einer elektronischen Patientenakte nicht zuerst ein Problem des Datenschutzes, sondern ein gern genutzter Service.

Thomas Bencard ist freier Journalist aus Berlin.

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