Ingenieure schauen dem Neurochirurgen über die Schulter

Beim Praxisworkshop "Neurochirurgie für Ingenieure" konnten die Teilnehmern den Ärzten bei der Arbeit über die Schulter schauen.

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26.11.2018 Bochum Veranstaltungsrückblick 278 0

Entwickler trifft Anwender – Neurochirurgie für Ingenieure

Mediziningenieure entwickeln innovative Geräte für Operation und Therapie, die später in der Klinik und am Patienten zum Einsatz kommen. Mit den täglichen Arbeitsabläufen der Ärzte und dem genauen Einsatz der Geräte sind die Ingenieure jedoch meist nicht bis ins Detail vertraut. Der von VDE|DGBMT organisierte Praxisworkshop „Neurochirurgie für Ingenieure“ setzte genau hier an und bot eine Plattform zum Austausch zwischen Medizin und Technik, damit sich Medizinprodukte in Zukunft noch besser entwickeln lassen.

Kontakt

Dr. Thorsten Prinz
Workshop Neurochirurgie für Ingenieure

Im Theorieteil des Workshops erhielten die Teilnehmer viele interessante Hintergrundinformationen zur Neurochirurgie.

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Die Chance zum Austausch nutzten zwölf Teilnehmer aus Industrie, Forschung und Lehre am 21. November 2018 im Universitätsklinikum Knappschaftskrankenhaus in Bochum. Neben einem Theorieteil mit verschiedenen Vorträgen führten Oberarzt Dr. Mortimer Gierthmühlen und Facharzt Robin Krug die Workshopteilnehmer durch die verschiedenen Bereiche der Klinik inklusive dem Operationsaal.

Bei allen Workshopteilen stand der Austausch im Vordergrund, um ein Verständnis für die Arbeitsweise der jeweils anderen Disziplin zu schaffen. Denn innovative Medizinprodukte lassen sich nur erfolgreich entwickeln, wenn Ansprüche und Arbeitsabläufe der medizinischen Anwender bekannt sind. Diese Erfahrung teilt auch Gierthmühlen: „Mir fällt auf, dass der direkte Kontakt mit Patienten oder patientennahen Einrichtungen in der Ausbildung der Mediziningenieure nur wenig behandelt wird. Der Einblick oder das Verständnis für das, was ein Arzt während einer Operation braucht, fehlt manchmal.“

Hygiene gegen Infektionen

In den Vorträgen während des Workshops erläuterten die Referenten, welche Probleme bei der täglichen Arbeit mit medizinischen Geräten immer wieder auftauchen. Oberärztin Dr. Christina Schulze legte ihren Schwerpunkt dabei auf die Sterilität im OP. So seien Wundinfektionen eine der häufigsten Ursache für Komplikationen nach einer Operation. Die richtige Hygiene sei deshalb enorm wichtig, um Folgekrankheiten zu vermeiden. Dies gelte auch für die Nutzung der Geräte und Medizinprodukte im OP, die dementsprechend behandelt und desinfiziert werden müssen.

Gerät zum Neuromonitoring

Am Modell demonstrierte einer der Ärzte den Einsatz eines Pointers bei der intraoperativen Navigation.

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Elektromagnetische Störungen im OP

In einem Vortrag beschäftigten sich Gierthmühlen und Oberarzt Dr. Yaroslav Parpaley mit der medizinischen Hardware und technischen Problemen. Als Beispiele nannten die beiden Ärzte Kabelbruch oder Batterieerschöpfung, die bei der Verwendung auftreten können sowie den Einfluss von elektromagnetischen Feldern auf medizinische Geräte. Letzteres Thema stand besonders im Fokus. Denn obwohl alle Medizingeräte nach Normen zur elektromagnetischen Verträglichkeit entwickelt werden, kommt es oft zu Störungen. Das liegt in der Neurochirurgie vor allem daran, dass die Geräte hochsensibel sind und auf jede noch so kleine Änderung im elektromagnetischen Umfeld reagieren. Passiert dies zum Beispiel bei einer Operation am Gehirn, kann es gefährlich werden.

Ärztealltag live erleben

Ein besonderes Erlebnis für die Ingenieure war der Praxisteil des Workshops. Bei einer Führung erhielten sie Einblicke in einen der Operationssäle, die Station und Notaufnahme der Neurochirurgischen Klinik. Die Teilnehmer lernten, die Verpackungen steriler Medizinprodukte wie Kanülen und Handschuhe zu öffnen und übten sich nach vorheriger Demonstration im korrekten An- und Ausziehen der OP-Kleidung. Dabei konnten sie sich einen Eindruck von den Anforderungen an steril zu verpackende Produkte und die komplexen Abläufe machen. Auch durften sie während einer Operation einen Blick in den Saal werfen. So erfuhren die Teilnehmer mehr zur eingesetzten Technik, aber vor allem zu den Abläufen in einem Krankenhaus. Live vor Ort konnten sie sich ein Bild davon machen, wie Medizingeräte eingesetzt und genutzt wurden.

Auch Einblicke in die Operationsplanung, unter anderem mit 3D-Modellen, standen auf dem Programm. Dabei gaben die Ärzte Antworten auf Fragen wie:

  • Welche technischen Herausforderungen entstehen während einer Operation?
  • An was wird aktuell geforscht?
  • Welche Medizintechnik kommt zum Einsatz?
  • Und welche Technik wäre noch wünschenswert?

Mehr Austausch – bessere Technik

In der Abschluss-Diskussion diskutierten Teilnehmer und Ärzte wie sich sinnvolle neue medizinische Geräte entwickeln lassen. Fazit: Die Entwicklung von Medizinprodukten muss sich an den Anwendern und deren Anforderungen orientieren. Damit dies gelingt, müssen sie in Zukunft noch stärker miteinbezogen werden. Ein wichtiger Schritt dahin ist der gemeinsame, persönliche Austausch zwischen Technikern und Medizinern – so wie ihn der Workshop „Neurochirurgie für Ingenieure“ ermöglichte.

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