01.01.2012 Mitgliederinformation 50 0

Interview zum Thema "Energiewende" mit Dr. Erik Landeck, Vattenfall Europe Distribution Berlin GmbH, Berlin

Redaktion: Die „Energiewende“ ist in aller Munde. Welche Auswirkungen sehen Sie für die
Energietechnik?

Landeck: Die „Energiewende“ wurde im Sommer 2011 durch ein umfangreiches Maßnahmenpaket
der Bundesregierung definiert: der Ausstieg aus der Kernenergie, die deutliche Reduzierung der CO2- Emissionen und eine signifikante Primärenergieeinsparung stehen nun auf dem Programm. Deutschland wird also zusätzliche Erzeugungskapazitäten insbesondere auf Basis erneuerbarer Energien benötigen. Die Energieversorgung in Deutschland wird in Teilen dezentraler. Aber nicht wenige erneuerbare Energien werden fernab der Lastschwerpunkte in die Netze eingespeist. Insgesamt wird das Energiesystem deutlich komplexer. Die Energiewende ist also mehr als ein einfacher Technologiewechsel, bei dem Kernenergie gegen Windkraft getauscht wird. Wir stehen am Vorabend einer umfangreichen Systemveränderung, die Erzeugung, Kunden und Netze umfassen wird.

Redaktion: Die Veränderungen am Erzeugungspark scheinen offensichtlich. Aber welche
Anpassungen sind in den Netzen notwendig?

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Dr. Erik Landeck

Landeck: Veränderte Einspeisungspunkte eines neuen Erzeugungsparks führen auch zu veränderten Lastflüssen. Wir brauchen zusätzliche Transportkapazität. Hinzu kommt die besondere Charakteristik von volatilen Einspeisungen wie Wind oder Photovoltaik. Großkraftwerke sind üblicherweise im Übertragungsnetz angeschlossen. Aber über 80% der heutigen EEG-Einspeiser sind an die Verteilnetzebene angeschlossen. Bei viel Sonne oder Wind produzieren die EEG-Einspeiser weit mehr Strom, als lokal benötigt wird. Es kommt zu Rückspeisungen in das Übertragungsnetz und der Strom muss von dort in andere Lastzentren transportiert werden. Und da die Einspeisung von Wind- und Photovoltaikanlagen volatil und kaum steuerbar ist, fällt es auch schwerer, die sogenannte Systembalance zu halten – also die jederzeitige Übereinstimmung von Last und Erzeugung.

Redaktion: Aber da sollen doch die intelligenten Netze helfen! Wann werden die Netze denn so weit sein?

Landeck: Die Energiewende erfordert in der Tat netzseitige Anpassungen. Das ist zunächst der klassische Netzausbau, um neue Erzeugungsanlagen überhaupt erst anschließen zu können. Und dann muss die Transportkapazität für die erzeugte Leistung sichergestellt werden. Da die neuen Erzeugungsanlagen meist an anderen Orten, als die bisherigen Erzeugungsanlagen stehen, muss tatsächlich meist zusätzliche Transportkapazität geschaffen werden. Schon für diese Transportkapazität helfen „intelligente Techniken“ wie z.B. das Temperaturmonitoring von Freileitungen.

Aber besondere Bedeutung kommt der Systembalance zu. Es ist schon heute erkennbar, dass die Aufgabe der Systemsicherheit für die Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) immer komplexer wird. Zum einen nimmt die Zahl der zentralen und gut steuerbaren (Groß-) Erzeugungsanlagen ab. Zum anderen erlauben die dezentralen, meist kleineren und vor allem kaum steuerbaren Erzeugungsanlagen für die ÜNB keine zusätzlichen Steuermöglichkeiten für die Systembalance.

Intelligente Netze sollen und werden durch die Koordination von Erzeugungssteuerung, Speicherbewirtschaftung und Kundenverhalten helfen, diese Systembalance jederzeit einzuhalten. Der Weg dorthin ist aber eine Evolution und wird im Gleichtakt mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien laufen. Dabei werden sowohl Übertragungs- als auch Verteilungsnetzbetreiber mitwirken müssen.

Redaktion: Heute ist das Halten der Systembalance aber eine Aufgabe der Übertragungsnetzbetreiber. Sollen wirklich zukünftig die Verteilungsnetzbetreiber hier mitwirken?

Landeck: In der Tat haben die Verteilnetzbetreiber heute weder rechtliche Verpflichtungen noch wirtschaftliche Anreize, die Systembalance zu unterstützen. Andererseits haben die Übertragungsnetzbetreiber zwar die gesetzliche Aufgabe der Systembalance, aber weder zu den Verbrauchern noch zu den dezentralen Erzeugern relevante Kundenbeziehungen, um die Steuerfunktionen eines intelligenten Netzes zu gewährleisten. Diese Kundenbeziehungen haben aber die Verteilungsnetzbetreiber.

Redaktion: Wie könnte dann die Lösung durch die Verteilungsnetzbetreiber aussehen?

Landeck: Als energiewirtschaftliche Lösung gelten insbesondere der Zubau und die Bewirtschaftung von Speichern (z.B. in Form von Kälte/Wärmespeicher) und die Steuerung der Nachfrage („Demand Side Management“). Dazu müssen auf Verteilungsnetzebene im wesentlichen vier Systembestandteile neu ausgerichtet werden. Es werden benötigt:

  • Messeinrichtungen, die in angemessener zeitlicher Auflösung das tatsächliche Verhalten von z.B. Verbrauchern und Erzeugern aufzeichnen,
  • Anreizsysteme, die das Verhalten der Netznutzer im Sinne des sicheren Systembetriebs beeinflussen,
  • Sicherungssysteme, die trotz wettbewerblichen Verhaltens der Netznutzer den sicheren Systembetrieb durch die Netzbetreiber über alle Ebenen gewährleisten und
  • entsprechende Informations- und Kommunikationssysteme (IKT-Systeme), mit denen die notwendigen Daten in Echtzeit generiert, verarbeitet und verteilt werden können.

Redaktion: Soll das heißen, dass der Verteilungsnetzbetreiber künftig die Kundenlasten steuert? Was wäre denn dann noch die Rolle der Stromvertriebe?

Landeck: Zukünftig werden die verschiedenen Marktakteure intensiver zusammenarbeiten müssen, um die Steuerungspotenziale auszuprägen und zu heben. Vor allem aber um die Sicherheit des Gesamtsystems zu gewährleisten ist diese enge Zusammenarbeit notwendig. Die Plattform für diese Zusammenarbeit sind die „intelligenten Netze“.

Ein intelligentes Netz stellt eine Marktplattform dar, die von allen Marktakteuren genutzt werden kann. Die Ausgestaltung des intelligenten Netzes erfolgt durch die Netzbetreiber, die somit die ENABLER sind. Auf dieser Plattform können dann Energievertriebe Produkte entwickeln, mit denen z.B. Demand-Side-Management finanziell angereizt wird.

Redaktion: Wie müsste eine solche Plattform ausgestaltet werden?

Landeck: Für die Verteilungsnetzbetreiber stehen drei Aufgaben bei der Integration der neuen Erzeugungsstruktur ganz vorne: Anschluss der dezentralen bzw. aus erneuerbaren Quellen gespeisten Anlagen, Erhalt eines zuverlässigen Netzes, auch unter den neuen Lastflussbedingungen sowie Ermöglichen und Unterstützen einer aktiven Teilnahme von Erzeugern und Verbrauchern an den Energie- und Ausgleichsmärkten.

Die ersten beiden Punkte entsprechen den klassischen Aufgaben des Verteilungsnetzbetreibers, jedoch erfordert der letzte Punkt von den VNB in Zukunft einen neuartigen Ausbau ihrer technischen und informationstechnischen Infrastruktur, um die erforderliche Plattform zu bilden. Dazu sind fünf Funktionen des Netzbetreibers zwingend erforderlich:

1. Bereitstellung energiewirtschaftlicher Daten;

2. Sicherstellung einer ausreichenden Durchdringung mit intelligenten Messgeräten;

3. Aufbau und Betrieb von Steuerungsfunktion für Lasten und Erzeuger;

4. Schaffung entsprechender IKT-Infrastrukturen;

5. Pilotprojekte der Netzbetreiber als Katalysator für wettbewerbliche Smart Grid Produkte.

Redaktion: Der letzte Punkt klingt sehr spannend. Ein regulierter Netzbetreiber soll Katalysator für wettbewerbliche Produkte sein?

Landeck: Schon aus dem heutigen Verhalten der Marktakteure kann leicht abgeleitet werden, dass wirtschaftlich tragfähige Geschäftsmodelle eine gewisse Entwicklungszeit benötigen. Denken Sie nur an die schwache Verbreitung der Smart Meter in den letzten Jahren.

Hier kommt den Verteilungsnetzbetreibern für eine Übergangszeit die Rolle zu, das „Henne-Ei- Problem“ aufzulösen. Nur mit und durch die Netzbetreiber kann in Pilotprojekten in den Bereichen Smart Metering, E-Mobility und gesteuertes Laden, Speicherung von Elektrizität und Steuerung dezentraler Anlagen zukünftigen, volkswirtschaftlich sinnvollen Anwendungen der Weg geebnet und die Entwicklung positiver Business-Cases vorangetrieben werden. Es sind also in erster Linie die Netzbetreiber, welche vor-wettbewerbliche Smart Grid Produkte entwickeln können – jedenfalls dann, wenn der Regulierungsrahmen hierbei finanziell unterstützt.

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