01.01.2014 Mitgliederinformation 778 1

Aus der Tätigkeit des ETG-Fachausschuss V2.2 "Arbeiten unter Spannung (AuS)"

1. Der Fachausschuss V2.2 Arbeiten unter Spannung

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Die Energietechnische Gesellschaft im VDE (ETG) bearbeitet alle Gebiete der Elektrotechnik in Deutschland. Die Arbeitsschwerpunkte der ETG - Fachbereiche erstrecken sich von der Energieerzeugung, der Energieverteilung bis zur Anwendung der Elektroenergie. Aber auch die neu entstandenen Querschnittstechnologien werden hier intensiv bearbeitet und untersucht.

Kontakt

Dipl.-Ing. Matthias Diettrich

Im Fachbereich 2 „Übertragung und Verteilung von elektrischer Energie“ arbeitet der Fachausschuss „Arbeiten unter Spannung“ (AuS), Bild oben.

Der ETG-Fachausschuss V2.2 „Arbeiten unter Spannung“ ist das einzige Gremium in Deutschland welches sich aus Anwendern des AuS, Mitarbeitern von AuS Ausbildungsstätten, Vertretern von Forschungseinrichtungen, der Berufsgenossenschaft, Prüf- und Zertifizierungsstellen sowie Vertretern der Hersteller von AuS Ausrüstungen und Vertretern von Industrie- und Anlagenbauunternehmen zusammensetzt um grundsätzliche Fragen bei der Anwendung des AuS zu klären und damit ein stabiles Fundament zur Erhaltung der Sicherheit und der Qualität beim AuS zu schaffen.

Im Fachausschuss werden dabei neue Ausrüstungen und neu entwickelte Technologien zum AuS vorgestellt und bewertet, aber auch Fragen aus der Anwendung von Arbeiten unter Spannung diskutiert und Empfehlungen ausgesprochen, Bild unten.

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N-ERGIE

In Deutschland steht ein umfangreiches Werk von allgemeingültigen Vorschriften, Regeln, Informationsschriften, Grundsätzen und Empfehlungen zur Verfügung, die bei konsequenter Einhaltung ein sicheres Arbeiten unter Spannung ermöglichen bzw. gewährleisten. Die Rahmenbedingungen für das Arbeiten unter Spannung werden im Wesentlichen durch die Regel 103-011 „Arbeiten unter Spannung an elektrischen Anlagen und Betriebsmitteln“ (ehemals BGR A3) der Deutsche Gesetzlichen Unfallversicherungsträger (DGVU) definiert. Diese Regel beinhaltet die technisch-organisatorischen Voraussetzungen für das AuS im Unternehmen, die Kriterien zur Personalauswahl, die Gestaltung der Arbeitsabläufe, die Vergabe von Aufträgen an Fremdfirmen, Grundsätze zur Vorbereitung und Durchführung von AuS, für Werkzeuge, Ausrüstung, Schutz- und Hilfsmittel sowie  für den Erwerb und die Erhaltung der Befähigung zum AuS.
Die Personalauswahl, eine Spezialausbildung AuS und entsprechende Rahmenbedingungen im Unternehmen sind daraus abgeleitet natürlich grundlegende Voraussetzungen für die Einführung und Anwendung der Methode AuS in allen Spannungsbereichen.

2. Vertrauensgrundsätze AuS

Ergänzende Vertrauensgrundsätze für das AuS formulierte der Fachausschuss unter Berücksichtigung der in der DGVU Regel 103-011 (ehemals BGR A3) festgelegten Mindestanforderungen für die Vorbereitung und Durchführung von AuS. Sie gelten für alle am Arbeiten unter Spannung Beteiligten, d.h. für Arbeitgeber, Anlagenverantwortliche, AuS anweisende und AuS ausführende Personen.

Die Vertrauensgrundsätze beim AuS ermöglichen klare Verfahrensweisen und Entscheidungen bei:

  • der Gestaltung des Arbeitsschutzes
  • der Festlegung von Arbeitsabläufen
  • der Formulierung von Arbeitsanweisungen
  • der Bereitstellung und Reservehaltung von Ausrüstungen
  • der Praxisorientierung
  • der AuS-Spezialausbildung
  • der Festlegung von Maßnahmen zum Erhalt der Befähigung zum AuS
  • der Durchführung von Kontrollen
  • der Festlegung von Sanktionen bei Missachtungen oder Verstößen.

Die aktuelle Fassung der „Vertrauensgrundsätze AuS“ ist im öffentlichen Bereich der ETG-Homepage des Fachausschusses V2.2 veröffentlicht.

3. Zielstellungen

Das verstärkte Interesse am AuS vor allem im Nieder- und Mittelspannungsbereich neue und verbesserte Ausrüstungen sowie umfangreiche Erfahrungen beim AuS waren und sind Anlass für Überlegungen, weiterführende Schritte zur Sicherung und Verbesserung der Arbeitssicherheit auf dem Fachgebiet AuS zu unternehmen.

Zielstellungen der Arbeit des FA sind deshalb

  • die fachliche Unterstützung und Beratung zur Anwendung des AuS in allen Spannungsebenen
  • die Erarbeitung von Ausbildungskonzeptionen
  • die Einhaltung eines hohen Qualitätsstandards bei der AuS-Spezialausbildung
  • die fachliche Unterstützung bei der Weiterentwicklung von Technologien und Ausrüstungen
  • die Unterstützung der Normungsarbeit auf dem Gebiet AuS in allen Spannungsebenen
  • die Organisation und die Beteiligung an nationalen und internationalen AuS-Fachveranstaltungen mit Unterstützung und fachlicher Beratung von Unternehmen und anderen Veranstaltern

Neben anderen Faktoren ist besonders wichtig, in den vielen Trainingseinrichtungen eine vergleichbare hohe Qualität bei der Erst- und Wiederholungsausbildung zum Arbeiten unter Spannung und die Einhaltung der hohen Sicherheitsanforderungen am Arbeitsplatz, besonders beim Einsatz von Dienstleistungsunternehmen (Fremdfirmen), zu gewährleisten.

4. Gütezeichen AuS-Ausbildungsstätte und AuS-Fachbetrieb

4.1 Einführung

Zur Qualitätsprüfung und Qualitätssicherung der Ausbildung wurde 2011 das „Gütezeichen AuS“ eingeführt. Basis der Qualitätsprüfung bilden die allgemeinen Sicherheitsgrundsätze der Live Working Association und die nationalen Vorschriften, Zertifikate-Vorschau oben. Seit 2014 konnten sich auch Unternehmen einer Überprüfung der freigegebenen AuS-Technologien, der Unternehmensorganisation, der organisatorischen sowie technischen Voraussetzungen unterziehen und als AuS-Fachbetrieb zertifizieren lassen.

Die Teilnahme am Zertifizierungsverfahren ist freiwillig und erfolgt auf Antragstellung. Das Gütezeichen wird nach einem erfolgreichen Audit durch den ETG-Güteausschuss AuS vom VDE Prüf- und Zertifizierungsinstitut Offenbach vergeben.

Es dokumentiert für die Ausbildungsstätten die konsequente Einhaltung optimaler Trai-ningsbedingungen in Theorie und Praxis und später auch für Anwender als zertifizierter AuS-Fachbetrieb die konsequente Einhaltung aller technisch-organisatorischen Voraussetzungen (vom Management bis zur Ausführung der Arbeiten). Die an diesem Verfahren beteiligten Unternehmen verpflichten sich mit der Antragstellung durch andere zertifizierte Ausbildungsstätten, erteilte Befähigungsnachweise AuS anzuerkennen.

Die „Güte- und Prüfbestimmungen“ mit Durchführungsbestimmungen, der Antrag auf Zertifizierung sowie weitere Informationen zum Gütezeichen AuS sind im Bereich ‚ Gütezeichen‘ ebenfalls auf der ETG-Homepage des Fachausschusses V2.2 veröffentlicht.

4.2 Bisherige Erfahrungen

Bisher wurden etwa 20 Ausbildungsstätten mit Erfolg zertifiziert. Bei den auditierten Unternehmen bzw. Ausbildungsstätten wurde auf Verbesserungspotenziale hingewiesen; selten lagen Abweichungen vor, die aber in kurzer Zeit behoben werden konnten. Die zertifizierten Ausbildungsstätten äußerten sich bisher vorrangig positiv zur Zertifizierung. Als großer Vorteil wird von allen der Nachweis des sehr guten Qualifikationsniveau sowie der hohen Sicherheitsanforderungen in der Ausbildung genannt. Gleichzeitig konnte das Auswahlverfahren in Ausschreibungen verbessert und vereinfacht werden. Positiv wurde von den teilnehmenden Unternehmen genannt, dass die Unterlagen auf der ETG Webseite veröffentlicht und zugänglich sind.

Viele zertifizierte AuS-Ausbildungsstätten haben gerne den Hinweis zur Personenzertifizierung zum AuS-TrainerIN/AuS-ManagerIN angenommen. Durch eine Prüfung, deren Ergebnisse von der Zertifizierungsstelle Elektrotechnik der BG ETEM bewertet werden, wird festgestellt, ob die Person den Anforderungen der BG ETEM an einen AuS TrainerIN/AuS ManagerIN genügt. Hierzu wurde ein spezielles Zertifizierungsverfahren gemäß DIN EN ISO 17024 entwickelt. Das Zertifikat, das auf die Person ausgestellt wird, ermöglicht dieser, Dritten gegenüber darzulegen, dass die persönliche Qualifikation von einer unabhängigen Stelle festgestellt wurde.

Ausbildung
N-ERGIE

Eine Rezertifizierung erfolgt nach drei Jahren auf Antrag der AuS-Ausbildungsstätte oder des AuS-Fachbetriebes. Eventuelle  zwischenzeitliche Änderungen, z.B. im Ablauf der Ausbildung, sollte, um eine gültige Zertifizierung nicht zu gefährden, dem Güteausschuss formlos mitgeteilt werden.

Für alle beteiligten Unternehmen im Trainingsbereich sowie im Ausführungsbereich des AuS ergibt sich damit ein großer Vorteil – sie dokumentieren einheitlich höchste Qualität und Arbeitssicherheit. Auftraggeber für Training und Ausführung von AuS aus allen Wirtschaftsbereichen können sowohl auf ein hohes Ausbildungsniveau des Personals vertrauen als auch bei der Vergabe von Aufträgen ihrer Auswahlverantwortung national und international besser gerecht werden. Eine unternehmensspezifische Mehrfachqualifikation mit den Inhalten einer Erstschulung zum AuS wird weitgehend vermieden. An spezielle Technik angepasste Ergänzungsunterweisungen und unternehmensspezifische Kontrollarbeiten können optimiert werden und erfordern keinen großen Zeit- und Kostenaufwand.

Die Akzeptanz der Gütezeichen (Berechtigung und Nachweis Befähigung AuS) ist nicht überall gegeben. Hier ist vorrangig in den Energieversorgungsunternehmen, die AuS-Aufträge zu vergeben, allen AuS ausführenden Dienstleistern (Fremdfirmen), in der Industrie und im Handwerk Aufklärungsarbeit zu leisten. Jedes Mitglied des Fachausschusses und des Güteausschusses trägt durch sein persönliches Engagement zur Steigerung des Bekanntheitgrades bei.


5. Zukünftige Aktivitäten

Folgende Fragestellungen bzw. Themen werden den Fach- und Güteausschuss in naher Zukunft beschäftigen:

  • Überprüfung der zertifizierten AuS-Ausbildungsstätten und Fachbetriebe
  • Personaleinsatz in neuen Technologiebereichen (KfZ-Technik)
  • Stichprobenkontrollen vor Ort
  • Verfahren zum Erhalt der Befähigung AuS
  • Alleinarbeit bei AuS
  • AuS ohne PSA (Handschutz, Gesichtsschutz, Kopfschutz, …)
  • Standpunkt zu Arbeiten in Sekundärkreisen
  • Netztechnische Maßnahmen

Besonderes Augenmerk soll auf folgende Probleme gelegt werden:

  • Technologie im Bereich Photovoltaik
  • Personaleinsatz im KfZ-Bereich ‚Hohe Spannungen‘,

Bilder 5/6/7 (BG ETEM - BGHM)

Neue Richtlinien und Informationen der Berufsgenossenschaft ETEM sowie die Ausbildung von Hybrid-Technikern im KfZ-Bereich sind erste Schritte in die richtige und sichere Handhabung dieser neuen Technologien. Es sind jedoch noch Fragen offen, deren Beantwortung eine Stabilisierung und Erhöhung der Sicherheit und Qualität der Arbeiten unter Spannung für die Zukunft sichern.