Hans van Steen, Dr. Paul Rübig, Karin Bensch, Michel Derdevet, Dr. Stefan Küppers

Die Integration erneuerbarer Energien in Europa diskutierten: Hans van Steen, Europäische Kommission, Dr. Paul Rübig, Europäisches Parlament, Karin Bensch als Moderatorin, ARD, Michel Derdevet, Enedis, Dr. Stefan Küppers, VDE|FNN

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02.03.2018 539 0

Mehr Tempo und Handlungsspielraum für eine erfolgreiche Energiewende in Europa

Die Europäische Kommission hat mit dem Winterpaket erstmals eine europäische Energie- und Klimaschutzpolitik verankert. Neben der Umsetzung der europäischen Ziele gilt es für die EU-Mitgliedsstaaten auch, die nationalen Anforderungen zu erfüllen. Besonders die Systemintegration der erneuerbaren Energien stellt viele Länder vor Herausforderungen. Die VDE|FNN-Podiumsdiskussion „Integration erneuerbarer Energien in Europa: Wie geht es weiter?“ am 27. Februar 2018 in Brüssel zeigte verschiedene länderspezifische Wege und machte deutlich, wie wichtig der grenzüberschreitende Austausch ist.

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VDE Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik e. V.
Dr. Stefan Küppers, VDE|FNN

Dr. Stefan Küppers: „Unser oberstes Ziel ist eine jederzeit sichere und zuverlässige Stromversorgung. Dafür müssen wir die Regeln für den Systembetrieb entsprechend auslegen.“

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Dr. Stefan Küppers, Vorstandsvorsitzender von VDE|FNN, erläuterte in seinem einleitenden Impulsreferat, unter welchen Bedingungen erneuerbare Energien integriert werden. Dabei richtete er den Blick sowohl nach Deutschland als auch nach Europa. Er unterstrich die Bedeutung der Regelsetzung: „Unser oberstes Ziel ist eine jederzeit sichere und zuverlässige Stromversorgung. Dafür müssen wir die Regeln für den Systembetrieb entsprechend auslegen. Denn die Versorgungsqualität und Verfügbarkeit von Strom müssen wir weiterhin auf dem sehr hohen Niveau von heute halten.“ Wichtig sei zudem, das System vorausschauend weiterzuentwickeln. Dem stimmte Markus Ferber, erster stellvertretender Vorsitzender im Ausschuss für Wirtschaft und Währung im Europäischen Parlament und stellvertretender Vorsitzender der Hanns-Seidel-Stiftung, zu und warnte in seiner Begrüßungsrede: „Wer heute nichts tut, bleibt morgen wie gestern.“

In der anschließenden Diskussion ging Dr. Stefan Küppers genauer auf das Erreichte und die Herausforderungen in Deutschland ein. So seien bereits 1,6 Millionen Erneuerbare-Energien-Anlagen ins System integriert, der größte Teil davon seien PV-Anlagen. Damit einher ging eine Flut von Anträgen, die die Netzbetreiber vor allem zwischen 2009 und 2011 bearbeiten mussten. Man habe dabei viel gelernt, berichtete Küppers, der in seiner Funktion als Geschäftsführer Spezialtechnik/Digitalisierung bei der Westnetz GmbH die Herausforderungen der Netzbetreiber kennt.

Dr. Paul Rübig, MdEP

Dr. Paul Rübig berichtete, dass in Österreich der Anteil regenerativer Energien am Bruttostromverbrauch bereits bei 70 Prozent liege.

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Zunehmende Komplexität fordert Austausch zwischen den Ländern

Auch in Österreich werde viel auf dem Gebiet der Erneuerbaren getan, bekräftigte Dr. Paul Rübig, Mitglied des Ausschusses für Industrie, Forschung und Energie im Europäischen Parlament. So liege der Anteil regenerativer Energien am Bruttostromverbrauch bereits bei 70 Prozent. Österreich nutzt aufgrund seiner geografischen Lage vor allem Wasserkraft. Der französische Vertreter auf dem Podium, Michel Derdevet, Generalsekretär des Netzbetreibers Enedis, erklärte, dass Frankreich bei den Erneuerbaren weiter sei, als oft vermutet werde. Ähnlich wie Küppers sieht er in der wachsenden Zahl der Anlagen und zunehmenden Komplexität der Infrastruktur große Herausforderungen. Deshalb käme es auf den Stromaustausch zwischen den Ländern an. Die Diskutanten blickten dabei auch über den europäischen Tellerrand hinaus. Hans van Steen, Advisor im Direktorat Renewables, Research and Innovation, Energy Efficiency der Europäischen Kommission, erklärte: „Die Kommission ist gegen ein globales Netz. Wir konzentrieren uns auf die Region.“ Dennoch werde die Außen-Strom- und -Energiepolitik für Europa immer wichtiger. Die unterschiedlichen Entwicklungen in den EU-Mitgliedsstaaten sind für van Steen selbstverständlich. Er betonte aber den gemeinsamen europäischen Rahmen. Für diesen forderte Küppers ausreichend Handlungsspielraum, damit die unterschiedlichen Anforderungen aus Europa und den Nationalstaaten erfüllt werden können.


Durch die Volatilität der Erneuerbaren gilt es, ausreichend Flexibilitäten durch kreative Lösungen zu schaffen. Für Küppers und Rübig ist dafür ein wesentlicher Erfolgsfaktor, Entwicklungen technologisch offen zu gestalten. Speicher, Blockchain und Elektromobilität sind Beispiele dafür. Es gäbe viele weitere kreative Lösungen, die schnell realisiert werden müssten. Küppers unterstrich: „Europa besitzt eine enorme Innovationskraft. Dazu seine Wirtschaftskraft addiert, ist unsere Region in der besten Lage, die Herausforderungen der Energiewende erfolgreich zu meistern. Aber: Wir müssen mit noch mehr Tempo die anstehenden Aufgaben umsetzen, sonst bleiben die Ideen in der Schublade.“

Michel Derdevet, Enedis

Michel Derdevet setzt sich für eine europaweite Ladeinfrastruktur entlang von Autobahnen ein.

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Potenziale der Erneuerbaren für den Verkehr nutzen

Der Verkehrssektor leistet mit der Nutzung nachwachsender Ressourcen zunehmend einen größeren Beitrag für eine nachhaltige Energieversorgung. So berichtete Rübig, dass der Anteil der Erneuerbaren im österreichischen Verkehrssektor bereits bei zwölf Prozent liege. Wichtig ist vor allem die Ladeinfrastruktur für klimaschonende Fahrzeuge. Nach Aussage von Derdevet sollen bis 2025 auf europäischen Autobahnen alle 80 Kilometer Ladestellen für elektro-, gas- und wasserstoffbetriebene Fahrzeuge installiert werden.

Markus Ferber, MdEP, Hanns-Seidel-Stiftung

Wirtschaftlichkeit, Nachhaltigkeit und Verfügbarkeit bilden für Markus Ferber das „magische Dreieck“ bei der Integration der erneuerbaren Energien.

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Die Wirtschaftlichkeit von erneuerbaren Energien wurde in der Veranstaltung von verschiedenen Seiten beleuchtet. Bereits bei seiner Begrüßung betonte Ferber, dass bei der Integration der Erneuerbaren Wirtschaftlichkeit, Nachhaltigkeit und Verfügbarkeit ausgewogen sein müssen. Er bezeichnete dieses Verhältnis als „magisches Dreieck“. Van Steen nahm Stellung zur Förderung der Erneuerbaren, für die es in der Vergangenheit viel Kritik gab: „Viele Menschen waren der Ansicht, dass die systematische Nutzung regenerativer Energien nur durch Subventionen möglich geworden ist. Inzwischen konnten die Kosten für entsprechende Anlagen, etwa für Photovoltaik, deutlich gesenkt werden. Gerade Offshore-Anlagen beweisen, dass es auch ohne Subventionen geht.“ Genauso wie Infrastruktur grenzüberschreitend gedacht werde, müssten auch die Fördersysteme ausgerichtet sein.

Hans van Steen, Europäische Kommission

Hans van Steen beschrieb die neue Rolle der Bürger bei der Energieversorgung als Prosumer.

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Vom Konsumenten zum Prosumer


Bei all den wirtschaftlichen und technischen Aspekten – die Kunden stehen im Mittelpunkt. Insbesondere van Steen hob die neue Rolle der Bürger hervor. Während diese früher ausschließlich Konsumenten waren, seien sie heute dank der stärkeren Nutzung erneuerbarer Energien zudem auch Produzenten. Als Prosumer seien Kunden in die Energieversorgung deutlich aktiver involviert.


Der Einladung von VDE|FNN nach Brüssel folgten rund hundert Gäste verschiedener europäischer Behörden, Verbände und Unternehmen. Die Veranstaltung fand in Zusammenarbeit mit der Hanns-Seidel-Stiftung und der Fondation Robert Schumann statt.

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