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Uschi Schindlbeck
25.02.2020

Erdfunkstelle Raisting

Hofstätterweg 1, 82399 Raisting

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VDE Ausschuss Geschichte der Elektrotechnik

Die in den Jahren 1962 bis 1964 im Auftrag der Deutschen Bundespost errichtete Satelliten-Erdfunkstelle in Raisting mit ihrer ersten, unter einer strebenlosen Traglufthalle (»Radom«) errichteten Parabolantenne von 25 m Durchmesser ist heute eine der wenigen weltweit noch erhaltenen Anlagen aus der Anfangszeit der globalen Telekommunikation über Satelliten. Nach der Stilllegung der Erstanlage im Jahre 1985 wurde diese 1999 unter Denkmalschutz gestellt.

Beschreibung


erbaut: 1962-64
Bauherr: Deutsche Bundespost


Bis in die 1960er Jahre war man für die Kommunikation im Transatlantikverkehr auf Kurzwelle und Seekabel angewiesen. Die erste Seekabelverbindung von Deutschland in die USA kam 1957 zustande. Sie bot nur 17 Verbindungen. Auch TV-Signale ließen sich live über Seekabel nicht übertragen, so dass Fernsehaufzeichnungen auf Magnetbändern per Luftpost transportiert und auf diese Weise übermittelt wurden. Mit dem Satellitenfunk stand seit Mitte der 1960er Jahren eine neue Technik zur Verfügung, die das globale Kommunikationszeitalter einläutete. Mit ihr ließ sich nicht nur die Kapazität an Fernsprechkanälen für den Überseeverkehr erheblich ausweiten. Von nun an war es auch möglich, Ereignisse wie die Amtseinführung von Präsident Johnson im Januar 1965, die Mondlandung 1969 oder die Olympischen Sommerspiele in München 1972 weltweit live zu übertragen.

Die Erdfunkstelle in Raisting war in Deutschland die erste Anlage, die in den Jahren von 1962 bis 1964 im Auftrag der Deutschen Bundespost für die Satellitenkommunikation errichtet wurde und die auch in der Bundesrepublik das internationale Kommunikationszeitalter einleitete. Erbaut wurde die Anlage unter anderem von den deutschen Firmen Siemens, MAN, Telefunken und Linde. Kernstück der Anlage war die große Parabolantenne, die später als »Antenne 1« bezeichnet wurde. Da Wettereinflüsse, wie Regen, Schnee und Wind, auf die Oberfläche der Parabolschüssel Signaldämpfungen und Strahlablenkungen bewirken und damit große Leistungseinbußen hervorrufen würden, wurde zum Schutz über der Antenne eine als »Radom« (von engl. „radar dome”, deutsch: „Radarkuppel”) . bezeichnete Hülle aufgespannt, die nur durch einen gegenüber dem Atmosphärendruck gering erhöhten Luftdruck gehalten wird. Die Hülle sowie einige spezielle Geräte wurden aus den USA importiert. Zuerst wurde das Rundgebäude errichtet, die Hülle aufgesetzt und aufgeblasen; danach wurde im lnnern die Parabolantenne montiert. Für die Antenne mit Radom und den Erstausbau des Zentralgebäudes wurden 45 Mio. DM investiert. Die Antenne 1 hat einen Paraboldurchmesser von 25 m, der Radomdurchmesser beträgt 49 m und die Höhe insgesamt 39,50 m

Standort und Technik
Die Standortwahl war auf den Ort Raisting gefallen wegen seiner weit südlichen Position, die eine bessere Sichtbarkeit von Satelliten im Synchron-Orbit bietet. Außerdem ist der Ort durch Hügelketten im Osten, Westen und Süden funktechnisch relativ stark abgeschirmt. Die Größe der Antenne war erforderlich, weil die Satelliten der 1960er Jahre viel weniger Sendeleistung erzeugen konnten als moderne Satelliten. Eine große Antennen-Auffangfläche bot eine hohe Empfangssignalstärke und eine sehr starke Bündelung der Funkwellen (vergleichbar im sichtbaren Bereich wie scharf bündelnde Scheinwerfer) zum Satelliten. Die Antenne wurde nach dem aus der Fernrohr-Technik bekannten Cassegrain-Prinzip gebaut. Die Übertragungseinrichtungen wurden aus der schon erprobten Richtfunktechnik übernommen. Breitbandige Sendeverstärker (wassergekühlte Wanderfeldröhren-Verstärker) mussten neu entwickelt werden. Aus den USA importiert wurden unter anderem der extrem rauscharme Empfangsverstärker (ein mit flüssigem Helium gekühlter „Maser”, entsprechend dem Laser-Prinzip für Mikrowellen), sowie die Antennen-Nachführeinrichtung. Die Satellitenverfolgung erfolgte zunächst durch Computersteuerung mit einem lBM-Rechner 1620 mit Magnetband- und Ringkernspeichern, später dann automatisch mit Hilfe des Monopuls-Verfahrens. Bewegt wurde die Antenne zunächst über Hydraulikantriebe, die später durch je vier Elektromotoren in Azimut (Drehung) und Elevation (Neigung) ersetzt wurden. Untersetzungsgetriebe ermöglichen Bewegungen auf hundertstel Grad genau. Erste Fernsehübertragungen fanden seit Oktober 1964 aus USA über die damals umlaufenden Satelliten statt.

Nachrichtensatelliten
1964 wurde das International Telecommunications Satellite Consortium (2001 privatisiert, seitdem  Intelsat SA mit Sitz in Luxemburg) als internationale Fernmeldesatelliten-Organisation von den Regierungen mehrerer Länder gegründet, um Satelliten zu bauen, sie in die Umlaufbahn schießen zu lassen sowie den koordinierten Satellitenfunk-Betrieb sicherzustellen. Über die Satelliten »Early Bird« (mit nur 38 kg Gewicht) oder »Intelsat I« wurde ab Juni 1965 der kommerzielle Transatlantik-Fernsprechbetrieb eingeleitet. Die amerikanische Gegenstation stand in Andover/Maine. Auf europäischer Seite wechselten sich die englische Station Goonhilly, die französische in Pleumeur-Bodou (im Département Côtes-d’Armor, Bretagne) und Raisting wöchentlich ab. Die ersten Satelliten gestatteten die Übertragung von 240 Fernsprechkanälen zwischen nur zwei Erdfunkstellen oder eines Fernsehprogramms. Für den Ausbau der Satellitenübertragung war zunächst an eine Kette von umlaufenden, in rund 200 km Höhe fliegenden Satelliten gedacht, die mit mehreren Antennen einer Erdfunkstelle hätten verfolgt werden müssen, um unterbrechungsfreie Verbindungen zu gewährleisten. Der Vorteil hätte in einfacheren Satellitenstarts und kürzeren Signallaufzeiten (wenige Millisekunden) gelegen. Es wurde jedoch die Alternative dazu verwirklicht. Heute umkreisen Synchronsatelliten die Erde in 36.000 km Entfernung in der Aquatorebene. Für eine Antenne auf der Erde stehen sie (fast) still, jedoch benötigen die Signale höhere Laufzeiten von etwa 300 ms. »Intelsat II« gestattete ab 1967 die Verbindung mehrerer Erdfunkstellen gleichzeitig, »Intelsat III« richtete ab 1968 erstmals seine Sendeenergie mit Richtantennen auf die Erde, um eine größere Übertragungskapazität zu ermöglichen, was eine Lagestabilisierung des Satelliten nötig machte. »Intelsat V« benutzte ab 1980 zur weiteren Kapazitätserhöhung dualpolarisierte Wellen, mit denen das knappe Gut der verfügbaren Frequenzbänder im Synchronorbit verdoppelt werden konnte.

Der Betrieb bis 1985
Nach Installation der ersten großen Antenne in Raisting kamen in der Folgezeit weitere Antennen ähnlichen Ausmaßes hinzu, die letzte, »Antenne 5«, im Jahr 1981. Da während der Betriebszeit der Anlage der nachrichtentechnische Verkehrsfluss ständig zunahm, versuchte man die verfügbaren Übertragungsfrequenzen mit Hilfe orthogonal polarisierter Wellen doppelt auszunutzen. Dabei stellte sich heraus, dass die Hülle insbesondere bei Regen die notwendige Entkopplung zwischen den Polarisationen störte, so dass diese technische Lösung aufgegeben werden musste. Die späteren Antennen wurden deshalb ohne Schutzhülle aber mechanisch entsprechend stabiler gebaut und mit Heizelementen versehen, mit denen aufliegender Schnee abgetaut werden konnte.
Heute hat sich weltweit, auch im Interkontinentalverkehr, aufgrund der vielfach höheren Kapazitäten die Glasfasertechnik durchgesetzt. Der Betrieb der Antenne 1  wurde 1985 eingestellt. Die anderen Antennen werden von zwei US-amerikanischen Betreibern für globale industrielle Anwendungen und Notfalleinsätze weiter verwendet. Das Radom Raisting wurde 1999 zum Industriedenkmal erklärt. 2009 wurden das Industriedenkmal Radom Raisting und die Antenne I durch das bayerische Landesamt für Denkmalpflege als ein Denkmal von „herausragender nationaler Bedeutung“ eingestuft und somit auch als ein für „Deutschland singuläres bau- und technikgeschichtliches Zeugnis der modernen Kommunikationstechnik“ gewürdigt.

Das Radom Raisting als Industriedenkmal
Ausschlaggebend für die Unterschutzstellung des Radoms in Raisting war die Tatsache, dass die Antenne 1 die größte noch erhaltene Antennenanlage ihrer Art aus der Anfangszeit der globalen Telekommunikation über Satelliten ist. Zusammen mit der Antenne und der Kuppel wurde ausgewähltes lnventar unter Denkmalschutz gestellt. Zu den erhaltenen Exponaten gehören unter anderem Satellitenmodelle, Hochfrequenzbauteile, Sendeverstärker, Röhren und heliumgekühlte Empfangsverstärker. Im Zuge der Sanierung von Antenne 1 im Jahr 2010 wurde auch die originale Hülle, bestehend aus 1,8 mm starkem Dacron-Gewebe, eingebettet in Hypalon, durch eine dünnere, leichtere und lichtdurchlässige Membran von 1,2 mm Stärke ersetzt. Wie früher wird diese Hülle allein durch erhöhten Luftdruck getragen. Der Eigentümer der Anlage ist heute die Radom Raisting GmbH, eine 100%-ige Tochter des Landkreises Weilheim-Schongau.
Besichtigungen, Gruppenführungen und weitere Nutzungen werden durch die Radom Raisting GmbH und die Pfaffenwinkler Kulturführerrinnen organisiert und betreut. Darüber hinaus wurde 2020 eine Machbarkeitsstudie zur weiteren Entwicklung des Denkmals durchgeführt, welche die Möglichkeiten zur Erhöhung der Attraktivität und der didaktischen Weiterentwicklung untersuchte.

Technische Eckdaten der Antenne 1
Frequenzbereich: Empfang 3,7 ... 4,2 GHz, Senden 5,925 ... 6,425 GHz
Antennengewinn (gegenüber einem Kugelstrahler): Empfang 58 dB, Senden 62 dB
Strahlbreite (Sendesignal): 0,13 Grad
Signalstärke der Satellitenbake: 0,1 pW
Sendeleistung: max. 3 kW
Antennendurchmesser: 25 m
Antennengewicht: 280 t
max. Drehgeschwindigkeit: ursprünglich 3,50 Grad /s
Radomdurchmesser: 49 m
Überdruck im Radom: 3 bis 12 mbar (je nach Windstärke)
Stand: 30. September 2017

Am Abend des 27. Februar 2020 zog Sturmtief „Bianca“ durch Bayern, verursachte zahlreiche Schäden und zerriss die Hülle des Radoms Raisting. Die Arbeiten zur Wiederherstellung sind derzeit noch im Gange.
 
Informationsstand: 20.02.2021
Schlagworte: Sendeanlagen; Informations- und Kommunikationstechnik (IKT); Nachrichten- und Kommunikationstechnik
Stichworte: Deutsche Bundespost; Kommunikation; Transatlantikverkehr; Kurzwellentechnik; Seekabel; Magnetband; Luftpost; Satellitenfunk; Fernsprechkanal; Überseeverkehr; Olympische Sommerspiele 1972; Mondlandung; Erdfunkstelle; Raisting; Satellitenkommunikation; Parabolantenne; Signaldämpfung; Strahlablenkung; Radom; Radarkuppel; Hülle; Empfangssignalstärke; Fernrohrtechnik; Cassegrain-Prinzip; Richtfunktechnik; Sendeverstärker; Wanderfeldröhren-Verstärker; Empfangsverstärker; Heliumkühlung; Maser; Antennen-Nachführeinrichtung; lBM 1620; Monopuls-Verfahren; Hydraulikantrieb; Untersetzungsgetriebe; Fernsehübertragung; International Telecommunications Satellite Consortium; Intelsat SA; Fernmeldesatelliten-Organisation; Satellitenfunkbetrieb; Early Bird; Intelsat 1; Transatlantik-Fernsprechbetrieb; Goonhilly; Pleumeur-Bodou; dualpolarisierte Wellen; Heizelement; Glasfasertechnik; Radom Raisting GmbH; Landkreis Weilheim-Schongau; Förderverein lndustriedenkmal Radom Raisting e.V.

Quelle(n)

  • Dr. Wolfgang Köthmann / Fritz Münzel (VDE Südbayern)
  • Informationszentrale der Elektrizitätswirtschaft e.V. (Hrsg.), Von Augsburg bis Oberstdorf. Tips für Technik-Trips (TechnikTouren, Nr. 27), Ostfildern o.J.

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