Schaltwerk (SSW)_Bild 1
2010/13 Norbert Gilson
19.08.2020

Schaltwerk (SSW)

Nonnendammallee 104-110, 13629 Berlin-Siemensstadt

Kontakt

VDE-Ausschuss Geschichte der Elektrotechnik

Das 1916/17 errichtete und später mehrfach erweiterte Schaltwerk der Siemens-Schuckertwerke GmbH hat seinen Namen von der hier durchgeführten Produktion von Schaltanlagen. Es kennzeichnet die enorme Ausdehnung der Fertigung von Leistungs- und Trennschaltern sowie aller anderen Anlagenteile von Hochspannungs-Schaltanlagen in den 1920er Jahren. Als einer der markantesten Industriebauten Berlins entstand nach Plänen von Hans Hertlein an der Nonnendammallee in Berlin-Siemensstadt das elfstöckige Schaltwerk-Hochhaus als Verwaltungszentrale.

Beschreibung


erbaut: 1916-17 / 1921-22, 1927-28
Architekt: Karl Janich / Hans Hertlein

Der Bau des »Schaltwerks« begann 1916, als nach den Plänen von Karl Janich eine Halle - die »Halle D« - für den Flugzeugbau im Ersten Weltkrieg errichtet wurde. Der Bau von Kriegsflugzeugen war von Wilhelm von Siemens initiiert und zunächst im Dynamowerk aufgenommen worden. Zum Teil wurde die Halle auch für die Produktion von Schalttafeln in Beschlag genommen, für die die Räumlichkeiten im Charlottenburger Werk nicht mehr ausreichten. Nachdem 1919 der Flugzeugbau eingestellt worden war, wurde die Schaltanlagenproduktion auf die gesamte Hallenfläche ausgedehnt und die Halle erhielt die Bezeichnung »Schaltwerk«. In den Jahren 1921/22 erfolgte eine Erweiterung nach Norden und Osten hin durch weitere Hallenanbauten. Alle Konstruktionen waren reine Stahlskelettbauten, bestehend aus Stahlstützen und Stahlträgern mit Shed-Oberlichtern.
Neben Schalttafeln wurden auch Leistungsschalter, vornehmlich schwere Ölschalter, sowie Trennschalter, aber auch Stützer und Durchführungen bis zu Spannungen von 220 kV, der damals höchsten Spannungsebene, hergestellt. Im April 1923 hatte das Schaltwerk eine Belegschaft von mehr als 1.000 Arbeitern und 250 Angestellten.

Der rapide Aufschwung des Baus von Hochspannungs-Schaltgeräten seit 1924 führte zu der Entscheidung, diese Abteilung endgültig von Charlottenburg nach Siemensstadt zu verlegen und Gesamtproduktion und Verwaltung hier zu konzentrieren. Zu diesem Zweck entstand ein elf Stockwerke umfassendes Hochhaus mit 45 m Höhe auf einer Grundfläche von 176 m x 16 m. Die Idee für einen Hochhausbau soll von Carl Köttgen, den Vorstandsvorsitzenden der Siemens-Schuckertwerke, vorgeschlagen worden sein. Nach Plänen von Hans Hertlein entstand dann in den Jahren von 1926 bis 1928 eines der markantesten Bauwerke von Siemensstadt.

Das unterste Stockwerk des Schaltwerk-Hochhauses war ein Kellergeschoss, das die Anlagen für Heizung und Wasserversorgung sowie Waschräume und Garderoben umfasste. Die darüber liegenden sechs Stockwerke beherbergten die verschiedenen Produktionsgänge, angefangen von den mit schweren Maschinen ausgerüsteten Vorbereitungswerkstätten (Stanzerei, Schleiferei, Härterei, Bohrerei, Fräserei und Großdreherei) im ersten Stock bis zum eigentlichen Schaltgerätebau (Regler, Anlasser, Walzen-, Stufen- und Zellenschalter, Relais, Kontaktgeber, Bahnfahrschalter und Steuerschalter sowie Schütze und Motorschutzschalter) im fünften, sechsten und siebenten Stockwerk. Eine Lehrlingswerkstatt befand sich im vierten Stock.
Alle Produktionsabläufe wurden weitgehend von Fließfertigung bestimmt. Die Revisionsabteilungen, Prüffelder und Teileläger waren den einzelnen Werkstätten organisch angegliedert.
Die oberen vier Stockwerke waren den Arbeitsplätzen der Angestellten vorbehalten. Im südlichen Teil des achten Geschosses lagen die Büros der Werksleitung und der kaufmännischen Abteilung, eine Fachbibliothek, die Konferenzzimmer, ferner die Personalabteilung, Hauptbuchhaltung, Kasse, Betriebsbuchhaltung, Statistik, die technischen Büros und das Patentbüro. Das neunte Stockwerk umfasste in einem riesigen, durch keinerlei Zwischenwände getrennten Saal alle für die Auftragsabwicklung zuständigen Büros, angefangen von der Bearbeitung der Auftragseingänge über Materialeinkauf und Selbstkostenkalkulation bis zur Festlegung der Liefertermine.
Im zehnten Stock waren die drei mit Reißbrettern und modernsten Zeichenmaschinen ausgestatteten Hauptkonstruktionsbüros für Schaltanlagen sowie für Hoch- und Niederspannungs-Schaltgeräte zu Hause. In dem darüber liegenden Stockwerk waren schließlich die Lichtpauserei und ein Konstruktionsbüro für Kraftübertragungsapparate sowie die Wirtschaftsräume - Küche, Speisenverkauf für Arbeiter und Angestellte und Speisesäle für die Angestellten - untergebracht.

Trotz dieses umfassenden Erweiterungsbaus entstand bereits in der Bauphase Bedarf an zusätzlichen Büroflächen. Daher wurde der zur Nonnendammseite hin gelegenen Seite des Schaltwerk-Hallenbaus ein zweigeschossiger Kopfbau vorgesetzt, der weitere Büros aufnahm.

Die schweren Luftangriffe vom Februar 1944, die bei den Flachbauhallen erhebliche Schäden anrichteten, ließen den Hochbau weitgehend unbeschädigt. Die unzerstörten Einrichtungen von Werkstätten und Fertigungsanlagen wurden von sowjetischen Truppen nach Kriegsende weitgehend demontiert. Als die Alliierten zur Wiederbelebung des deutschen Bergbaus im Oktober 1945 die Fertigung schwerer Grubenausrüstungen anordneten, nahm man im Schaltwerk-Hochhaus die Fertigung von schlagwettergeschützten Expansionsschaltern auf. Allerdings begrenzte die hier ungenügende Tragfähigkeit der Decken die Größe der produzierbaren Geräte.
Zu Beginn der 1950er Jahre wurde das Produktionsprogramm des Schaltwerks um den Stromrichtersektor (Quecksilberdampfgleichrichter, Trockengleichrichter, Kontaktumformer) ergänzt. In den 50er Jahren blieb dies ein bedeutender Produktionszweig, bis mit Beginn der 1960er Jahre der Siegeszug der Halbleiter-Stromrichter begann, die nun im Gerätewerk Freimann produziert wurden.
Stattdessen konzentrierte sich das Schaltwerk wieder auf Schaltgeräte für Hoch-, Mittel- und Niederspannung. Der Ausbau des Hochspannungsverbundnetzes und die Erhöhung der Übertragungsspannung auf 380 kV brachten für die Entwicklungsabteilungen neue Aufgaben mit sich. Mit der Entwicklung des mit dem Lichtbogenlöschgas Schwefelhexafluorid (SF6) betrieben Leistungsschalters gelang es dem Schaltwerk, eine führende Stellung auf dem Weltmarkt zu erobern.
Nachdem 1959 mit einer Belegschaftsstärke von 5.871 Personen der Höchststand nach dem zweiten Weltkrieg erreicht worden war, nahm die Zahl der Mitarbeiter seitdem, vor allem durch die einsetzenden Rationalisierungsmaßnahmen, kontinuierlich ab. Bis 1984 sank die Mitarbeiterzahl auf rund 2.600.

Der Hochbau musste in den 1980er Jahren umfassend saniert werden, nachdem man an den äußeren Teilen der tragenden Konstruktion Korrosionsschäden festgestellt hatte. In den Zeiten der Vollbeschäftigung und billiger Energie war es üblich, auch alle Fenster des Schaltwerk-Hochhauses nachts zu beleuchten. Das Zusammenspiel aus den hell erleuchteten Fenstern, den dunklen Fassadenflächen und dem schwarzblauen Himmel symbolisierte das Wirtschaftswunder und war eines der Elemente, das den Ruf Berlins als »Elektropolis« festigte.

Informationsstand: 31.12.2014
Schlagworte: Elektroindustrie; Industry
Stichworte: Schaltwerk; Karl Janisch; Hans Hertlein; Halle D; Flugzeugbau; Erster Weltkrieg; Schaltapparatebau; Hochhaus; Carl Köttgen; Vorbereitungswerkstätten; Schleiferei; Härterei; Bohrerei; Fräserei; Großdreherei; Schaltgerätebau; Regler; Anlasser; Walzenschalter; Stufenschalter; Zellenschalter; Relais; Kontaktgeber; Bahnfahrschalter; Steuerschalter; Schütz; Motorschutzschalter; Fließfertigung; Revisionsabteilung; Prüffeld; Teilelager; Personalabteilung; Hauptbuchhaltung; Kasse; Betriebsbuchhaltung; Statistikabteilung; Technisches Büro; Patentbüro; Auftragsabwicklung; Materialeinkauf; Selbstkostenkalkulation; Hauptkonstruktionsbüro; Lichtpauserei; Stromrichtersektor; Quecksilberdampfgleichrichter; Trockengleichrichter; Kontaktumformer; Halbleiter-Stromrichter; Lichtbogenlöschgas; Schwefelhexafluorid; SF6
 

Quelle(n)

  • Wolfgang Schäche / Wolfgang Ribbe, Die Siemensstadt. Geschichte und Architektur eines Industriestandortes, Berlin 1985
  • Volker Rödel, Reclams Führer zu den Denkmalen der Industrie und Technik in Deutschland. Bd. 2. Neue Länder - Berlin, Stuttgart 1998
  • Landesdenkmalamt Berlin, Denkmalliste Berlin (Stand: 16.04.2013), Nr. 09085701

Bilder

Karte