Werk Lichterfelde (Telefunken)_Bild 1
2008 Norbert Gilson
05.06.2020

Werk Lichterfelde (Telefunken)

Goerzallee 190-238, 14167 Berlin-Lichterfelde

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VDE-Ausschuss Geschichte der Elektrotechnik

Der kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs für die Telefunken Gesellschaft für drahtlose Telegraphie mbH - kurz: Telefunken - begonnene Neubau des umfangreichen Gebäudekomplexes in Berlin-Lichterfelde sollte die bisher vertreut liegenden Produktionsanlagen des Unternehmens zentral zusammenfassen. Die nach Plänen von Hans Hertlein gestalteten Gebäude dokumentieren auch die im Weltkrieg unternommenen Forschungen und Entwicklungen des Unternehmens in Hochfrequenz- und Funkmess- (Radar-)technik.

Beschreibung


erbaut: 1937-40
Architekt: Hans Hertlein

Mit dem Neubau des in Lichterfelde-Süd (heute Bezirk Steglitz-Zehlendorf) gelegenen Gebäudekomplexes der Telefunken Gesellschaft für drahtlose Telegraphie mbH wurde kurz vor dem Zweiten Weltkrieg begonnen. Die 90.000 qm Nutzfläche umfassende Anlage diente dazu, die über die gesamte Stadt in 15 Betriebsstellen verstreuten Firmenaktivitäten an zentraler Stelle zusammenzufassen. Auch die Verwaltung des Unternehmens fand hier ihr neues Domizil. Bild 21 zeigt die Anlage in einem zeitgenössischen Modell.

Telefunken war 1903 von der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft (AEG) und von Siemens & Halske unter Vermittlung von Kaiser Wilhelm II. zwecks Beilegung von Patentstreitigkeiten und Zusammenfassung der Arbeiten an der damals aufstrebenden Funktechnik gegründet worden. Die ersten Entwicklungen der Firma für die zivile Schifffahrt und die Marine markieren auch für Deutschland den Beginn des Zeitalters der „drahtlosen“ Nachrichtenübermittlung. Mit Nutzung der Rundfunktechnik und Durchsetzung eines öffentlichen Rundfunks in den 1920er Jahren erlebte die Firma einen steilen Aufstieg und wurde zum »Weltkonzern«. Am Bau von Rundfunksendern und -empfängern war das Unternehmen ebenso beteiligt wie am Betrieb von Sendeanlagen oder seit Ende der 1920er Jahre an den Pionierarbeiten der Fernsehtechnik. Auch bei der Entwicklung der für die neuen Techniken erforderlichen elektronischen Bauteile stand Telefunken an führender Stelle (zur Geschichte von Telefunken -> siehe Link).

Seit 1934 nahmen wehrtechnische Aufträge einen immer größeren Stellenwert in Forschung, Entwicklung und Produktion des Unternehmens ein. Bis 1940 stieg das Volumen der Wehrmachtsaufträge auf das Zehnfache an. Für Heer, Luftwaffe und Marine steuerte Telefunken wichtige Entwicklungen auf den Gebieten von Hochfrequenz- und Radartechnik bei. Besondere Bedeutung hatte in diesem Zusammenhang die Produktion von Elektronenröhren der unterschiedlichsten Bauarten. Um diese wichtigen Bauelemente in eigener Regie herstellen zu können, übernahm Telefunken 1939 das bisherige Röhrenwerk von Osram, das ehemalige Glühlampenwerk der  AEG.

Nur einzelne Stilelemente der weiträumig angelegten Fabrikanlage an der Goerzallee weisen den Neubau als Teil der NS-Architektur aus. Dazu gehören der mit monumentalisierendem Pfeilermotiv und hohem Uhrenturm (Fotos 1 bis 3) gestaltete Ehrenhof, die Gestaltung der Gebäude mit nüchternen Putzfassaden und kräftigen Fenstereinfassungen, die flachen Rundbögen der Durchfahrten (Fotos 11 und 12) sowie die attikaartigen Abschlüsse über den Hauptgesimsen. In ihrer formalen Gestaltung lassen die Gebäude aber auch das Vorbild der Bauhaus-Architektur (insbesondere Fotos 6 bis 10) erkennen.

Nach Kriegsende bis 1949 war die Anlage zunächst unter dem Namen »McNair-Barracks« Hauptquartier der US-Streitkräfte und dann bis zum Abzug der alliierten Streitkräfte aus Berlin (1994) Kaserne der US-Berlin-Brigade. Nach vorübergehendem Leerstand wurde mit der Umwandlung des seit 1995 unter Denkmalschutz stehenden Gebäudeensembles in ein Wohnprojekt begonnen. Unter dem Namen »Monroe-Park« (Foto 20) soll hier das derzeit größte Denkmalwohnprojekt Deutschlands entstehen. Durch die Insolvenz des Hauptinvestors Lehman Brothers wurden die Bauarbeiten im Herbst 2008 unterbrochen, wurden anschließend jedoch unter neuer Trägerschaft fortgeführt.

In einem Gebäude hat ein Kreis von ehemaligen Zivilangestellten der westlichen Alliierten in Berlin unter dem Namen »Initiativkreis Berlin Stiftung e.V.« eine Dauerausstellung eingerichtet, in der die Geschichte der bei den Alliierten beschäftigten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern dokumentiert wird, um die Erinnerung an diese fast 50-jährige Beziehung wach zu halten (Näheres -> siehe Link).

Informationsstand: 31.12.2014
Schlagworte: Elektroindustrie; Geschichte der Elektro- und Informationstechnik; Informations- und Kommunikationstechnik (IKT); Nachrichten- und Kommunikationstechnik
Stichworte: Radartechnik; Hochfrequenztechnik; Telefunken; Hans Hertlein; Telefunken Gesellschaft für drahtlose Telegraphie mbH; Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft; AEG; Siemens & Halske; Kaiser Wilhelm II; Rundfunksender; Rundfunkempfänger; Fernsehtechnik; Elektronenröhre; NS-Architektur; Bauhaus-Architektur; McNair-Barracks; Monroe-Park; Initiativkreis Berlin Stiftung e.V. 

Quelle(n)

  • Erdmann Thiele, Telefunken nach 100 Jahren. Das Erbe einer deutschen Weltmarke, Berlin 2003
  • Volker Rödel, Reclams Führer zu den Denkmalen der Industrie und Technik in Deutschland. Bd. 2. Neue Länder - Berlin, Stuttgart 1998
  • Telefunken Hausmitteilungen, 18(1937), Nr. 77
  • Landesdenkmalamt Berlin, Denkmalliste Berlin (Stand: 16.04.2013), Nr. 09065824

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