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2016 Norbert Gilson
30.09.2020

Hamburgische Electricitäts-Werke AG

Überseering 12, 22297 Hamburg

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VDE-Ausschuss Geschichte der Elektrotechnik

Beschreibung


Das in den 1960er Jahren neu errichtete Verwaltungsgebäude der Hamburgischen Electricitäts-Werke AG dokumentiert die Bedeutung dieses Elektrizitätsversorgungsunternehmens, das bis in die 1990er Jahre als Betreiber von Kohle- und Kernkraftwerken sowie eines Pumpspeicherkraftwerks zu den Großen der Branche gehörte.


erbaut: 1965-69
Architekten: Arne Jacobsen / Otto Weitling

Die neue Hauptverwaltung der Hamburgischen Electricitäts-Werke AG (HEW) in der »City Nord« entstand nach einem Entwurf der dänischen Architekten Arne Jacobsen und Otto Weitling als 4-Scheiben-Hochhaus im Stil des Funktionalismus. Für die Innenraumgestaltung waren zunächst nichtklimatisierte Einzelbüros vorgesehen. Während der Bauausführung wurde dieses Konzept jedoch zugunsten von Großraumbüros und Klimatisierung des gesamten Gebäudes geändert.

Als das neue Gebäude 1969 bezogen werden konnte, hatte die Stromerzeugung in Hamburg schon eine 90-jährige Geschichte. Bereits 1879 leuchteten die ersten Bogenlampen in Hamburg, und zwar auf den Kaianlagen des Hafens - ein unschätzbarer Vorteil, da die Schiffe nun auch nachts be- und entladen werden konnten. Ab 1882 erleuchteten 16 Bogenlampen auch den Hamburger Rathausmarkt. 1884 waren bereits zwei Elektrizitätswerke in Hamburg in Betrieb: die Stadtwassermühle, das spätere Kraftwerk Poststraße, und das neue Hafenkraftwerk »Sandthorquai«. Die Konzession zum Bau und Betrieb der Kraftwerke war an die Elektrizitäts-Aktiengesellschaft (EAG) vorm. Schuckert & Co. erteilt worden.

Der Hamburger Senat konnte sich auch in den 1890er Jahren nicht dazu entscheiden, das unternehmerische Risiko der neuen Technik der Elektrizitätsversorgung auf sich zu nehmen. So gründete die EAG vorm. Schuckert & Co. im März 1894 mit Unterstützung finanzkräftiger Hamburger Persönlichkeiten eine neue Aktiengesellschaft, die HEW. Zum größten Kunden des Unternehmens wurde die elektrisch betriebene Untergrund- und Hochbahn Hamburgs. Ebenso trugen Gewerbe, Industrie und privater Verbrauch zur stetigen Steigerung des Strombedarfs bei, so dass bis zum Ersten Weltkrieg drei weitere Kraftwerke - Karoline, Barmbek und Bille - errichtet wurden. Noch während des Krieges nahm die HEW 1917 in Tiefstack ihr erstes Großkraftwerk in Betrieb.

1914 beteiligte sich der Hamburger Senat, zunächst mit einem Anteil von 50%, an den Unternehmen. Das Versorgungsgebiet wurde in einem neuen Konzessionsvertrag festgelegt. Nach dem Krieg setzte die HEW Maßstäbe in der Anwendung der Kraft-Wärme-Kopplung, als sie mit der Firma Rudolph Otto Meyer die Fernheizwerk Hamburg GmbH gründete. In den 1920er Jahren wuchs die Hamburger Fernwärmeversorgung zum größten Versorgungsnetz in Europa heran. Mit dem Erlass des »Groß-Hamburg-Gesetzes« durch die Reichsregierung 1937 erweiterte sich das bisherige Staatsgebiet Hamburgs ab 1938 um volkswirtschaftlich wichtige Gebiete aus den benachbarten preußischen Landkreisen und kreisfreien Städten, unter anderem um die Städte Altona, Wandsbek und Harburg-Wilhelmsburg. Damit verdoppelte sich das Absatzgebiet der HEW.

Trotz der schweren Kriegsschäden konnte die Stromversorgung Hamburgs mit etwa einem Viertel der Vorkriegs-Erzeugungskapazitäten aufrecht erhalten werden. Schon 1949 erreichte die Hamburger Stromerzeugung wieder das Vorkriegsniveau und konnte sogar mit den Überschüssen noch bis 1956 über das mecklenburgische Stromversorgungsnetz West-Berlin mit elektrischer Energie beliefern. Bis 1953 wurden drei neue Kraftwerke in Harburg, Wedel und im Hafen errichtet. Die Inbetriebnahme des Pumpspeicherkraftwerks in Geesthacht 1958 war ein wichtiges Element im Management der Spitzenbelastungen. Ende der 1960er Jahre speisten insgesamt acht Kraftwerke der HEW das 110-kV-Versorgungsnetz des Stadtstaats. Der weiter steigende Strombedarf wurde aufgrund politischer Vorgaben seit den 1970er Jahren auch aus den vier im Norden neu errichteten Kernkraftwerken gedeckt: seit 1972 aus Stade, seit 1976 aus Brunsbüttel und seit den 1980er Jahren aus Krümmel (1984) und Brokdorf (1986). Die inzwischen stillgelegten Kernkraftwerke Brunsbüttel und Krümmel wurden direkt von der HEW geführt.

1997 begann die Freie und Hansestadt Hamburg mit der Veräußerung ihrer Anteile an der HEW. 1999 wurde der schwedische Elektrizitätsversorgungskonzern Vattenfall AB mit 25,1% Großaktionär und bis 2000 Besitzer der Aktienmehrheit der HEW. Gleichzeitig erwarben beide Unternehmen gemeinsam die Aktienmehrheit an der Vereinigten Energiewerke AG (VEAG) und der Lausitzer Braunkohle AG (Laubag). Nachdem sich die zur E.on fusionierten Energiekonzerne PreussenElektra und Bayernwerk AG aus kartellrechtlichen Gründen von ihren Anteilen an der Berliner Kraft- und Licht (Bewag)-AG trennen musste, verkauften sie diese an die sich aus Vattenfall AB und HEW neu formierende Unternehmensgruppe. Damit entstand 2002 die neue Vattenfall Europe AG als damals drittgrößter deutscher Stromkonzern. Der alten Markenname »HEW« wurde schließlich 2006 aufgegeben.

Nachdem die gesetzlich vorgeschriebene Trennung von Stromerzeugung und Stromverteilung bereits eingeleitet und für den Netzbetrieb die Vattenfall Stromnetz Hamburg GmbH gegründet worden war, fiel im September 2013 in einem Volksentscheid die Entscheidung zur Rekommunalisierung der Energienetze in Hamburg. Daraufhin erwarb die Freie und Hansestadt Hamburg Anfang 2014 alle von  Vattenfall noch gehaltenen Anteile von 74,9% an der Stromnetz Hamburg GmbH, die dadurch zu einem rein kommunalen Unternehmen wurde.
 
Informationsstand: 28.03.2017
Schlagworte: Elektrizitätserzeugung; Stromerzeugung; Energie; Energy
Stichworte: Hauptverwaltung; Hamburgische Electricitäts-Werke AG; HEW; Arne Jacobsen; Otto Weitling; 4-Scheiben-Hochhaus; Funktionalismus; Einzelbüro; Großraumbüro; Klimatisierung; Elektrizitäts-Aktiengesellschaft vorm. Schuckert & Co.; Vattenfall AB; Vereinigte Energiewerke AG; VEAG; Lausitzer Braunkohle AG; Laubag; E.ON; Preußenelektra; Bayernwerk AG; Berliner Kraft- und Licht (Bewag)-AG; Bewag; Vattenfall Europe AG; Stromnetz Hamburg GmbH; Kernkraftwerk; Stade; Brunsbüttel; Krümmel; Brokdorf; Fernheizwerk Hamburg GmbH; Fernwärmeversorgung; Groß-Hamburg-Gesetz; Altona; Wandsbek; Harburg-Wilhelmsburg; Untergrundbahn; U-Bahn; Hochbahn; Erster Weltkrieg; Karoline; Barmbek; Bille; Tiefstack; Großkraftwerk; Hafen; Hafenkraftwerk; Kraftwerk Poststraße; Stadtwassermühle; City Nord
 

Quelle(n)

  • Vattenfall Europe, 120 Jahre Stromverteilung für Berlin und Hamburg, (TerraVatt. Die Mitarbeiterzeitung, Extra), [2004] (Download von web.archive.org/web/20070926223811/http://www.vattenfall.de/www/vf/vfde/GemeinsameInhalte/D OCUMENT/154192vatt/Unternehmen/P0266276.pdf, Stand: 22.03.2017)
  • Oliver Fok, Kathedralen der Electricität. Zu den Anfängen der Hamburgischen Electricitäts-Werken und ihren Bauten, Hamburg 1991
  • Volkwin Marg / Reiner Schröder, Architektur in Hamburg seit 1900, Hamburg 1993

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