Landis & Gyr GmbH (Hauptverwaltung)_Bild 1
2008 Norbert Gilson
08.06.2020

Landis & Gyr GmbH Hauptverwaltung

Friesstraße 20-24, 60388 Frankfurt am Main

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VDE-Ausschuss Geschichte der Elektrotechnik
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Die wechselvolle Geschichte des ursprünglich schweizerischen Unternehmens Landis & Gyr in Deutschland ist in mehrfacher Hinsicht typisch für die Unternehmen der Elektroindustrie: internationale Expansion, Unternehmenskonzentration, Standortverlagerung von Berlin in die Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg sind ebenso zu finden wie die Diversifizierung des Fertigungsprogramms und der Übergang von der Feinmechanik zur Elektronik.


Beschreibung


erbaut: 1950

Die Geschichte des Frankfurter Werks der Landis & Gyr GmbH reicht bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts zurück, als Karl Heinrich Gyr (1879-1946) als Teilhaber in die Zählerfabrik seines Studienfreunds Heinrich Landis (1879-1922) eintrat. Heinrich Landis, zuvor bei der Maschinenfabrik Oerlikon tätig gewesen, war 1903 in das Elektrotechnische Institut Theiler & Co. eingetreten, das 1896 von Richard Theiler im schweizerischen Zug zur Produktion eines von ihm modifizierten Shallenberger-Zählers gegründet worden war. Zum 1. Oktober 1904 übte Landis seine Option zur Übernahme der Firma mit inzwischen 35 Beschäftigten aus und änderte den Firmennamen in H. Landis, vormals Theiler & Co. Als im Dezember 1905 Karl Heinrich Gyr dazu stieß, wurde das wissenschaftlich-technische Potenzial der Firma weiter gestärkt. Karl Heinrich Gyr hatte seit 1897 Chemie studiert, zunächst am Eidgenössischen Polytechnikum Zürich, ab 1901 dann bei Fritz Förster an der Technischen Hochschule Dresden, und war 1902 an der  Universität Zürich bei Prof. Alfred Werner mit einer Arbeit über die Elektrolyse des Jodkaliums promoviert worden. Nach dem Eintritt von Karl Heinrich Gyr nannte sich die Firma Landis & Gyr, vormals Theiler & Co., ab 1907 dann nur noch Landis & Gyr.

Gyr verwendete sein Know-how im Wesentlichen zur Verbesserung der Zählerfabrikation, sowohl in konstruktiver als auch in fabrikatorischer Hinsicht. Zähler wurden mehr und mehr zum Hauptbestandteil der Fertigung des Unternehmens. Außerdem standen Schaltuhren und Treppenlichtautomaten auf dem Produktionsprogramm. Das Unternehmen expandierte und bis 1912 wurden außerhalb der Schweiz Verkaufsbüros eingerichtet: in London, Mailand, Lyon, Paris, Prag, Moskau, Wien und, bereits 1907, in der bürgerlich geprägten Landgemeinde Friedenau im Süden von Berlin. In Wien und Friedenau waren den Verkaufsbüros zusätzlich kleine Werkstätten angeschlossen. Kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs, Anfang Juli 1914, erfolgte die Umwandlung der bisherigen Kollektivgesellschaft in eine Aktiengesellschaft unter dem Namen Landis & Gyr AG.

1920 erwarb die Landis & Gyr AG die Deutsche Magneta AG, einen Hersteller von elektrischen Uhr- und Zeitsignalanlagen, deren Sitz sich in Köln befand und die mit Filialen in allen größeren Städten Deutschlands vertreten war. 1921 wurden Sitz und Produktionsstätte dieses Unternehmens nach Berlin verlegt. Ein Jahr später erfolgte mit dem Erwerb der Mehrheit der 1898 gegründeten Berliner Paul Firchow Nachfgr. GmbH eine weitere Firmenakquisition. Unter dem Markenzeichen »PFN« produzierte das Unternehmen hauptsächlich Zeitschaltuhren, aber auch Zähler und sonstige elektrotechnische Messgeräte (siehe -> Link). Im Juli 1928 erfolgte die Fusion der beiden Unternehmen zur Paul Firchow Nachfgr. - Landis & Gyr Apparate- und Uhren-Fabrik AG. 1933 ließ man den Namensbestandteil »Landis & Gyr« fallen, um den schweizerischen Ursprung zu verdecken. Während der NS-Zeit agierte die Firma nun unter PFN.

Vor Beginn des Zweiten Weltkriegs waren bei PFN rund 450 Mitarbeiter beschäftigt. Inwieweit die Firma in die Kriegsrüstung einbezogen wurde, ist derzeit nicht bekannt. Jedenfalls wurde nach Zerstörung der Berliner Werksanlagen 1945 der Wiederaufbau begonnen, jetzt in Berlin-Marienfelde, wo das Berliner Werk in einem Gebäudeteil des leer stehenden »Wernerwerks VII« der Siemens Apparate- und Maschinen GmbH unterkam. Parallel dazu begann man mit dem Aufbau einer Fertigungsstätte in Westdeutschland. Die Entscheidung fiel, dank seiner zentralen Lage, zugunsten von Frankfurt am Main, wo die Paul Firchow Nachfgr. AG zunächst in der Baseler Straße 27 eine Zählerreparaturwerkstatt einrichtete. Als die Räumlichkeiten hier zu klein wurden, begann Ende der 1940er Jahre der Neubau einer Fabrik auf dem Grundstück an der Friesstraße. In dem 1950 neu errichteten Verwaltungsgebäude (siehe Fotos) wurden nun Verkauf und Verwaltung für das gesamte Unternehmen zentral zusammengefasst. Die neue Frankfurter Produktionsstätte fungierte zum einen als Basisfabrik, zum anderen wurde hier die Produktion auf Wärmezähler (zur Verrechnung thermischer Energie in Fernwärmenetzen) und Temperaturregler konzentriert. In schnellem Tempo vollzog sich auch im Frankfurter Werk der Übergang von der Feinmechanik zur Elektronik. Das Temperaturregler-Programm umfasste Komponenten für Öl- und Gasbrenner sowie Heizkessel ebenso wie Geräte und Anlagen zur Regelung von Heizung, Lüftung und Klima, deren Einsatzfelder vom kleinen Einfamilienhaus bis zum industriellen Großbau reichten.

Seit Ende der 1980er Jahre wurde das Unternehmen im Rahmen von Verkäufen mehrfach umstrukturiert und umfirmiert, bis es schließlich 2011 von Toshiba erworben wurde. Das Frankfurter Werk wurde in den 1990er Jahren stillgelegt. In Deutschland hat Landis+Gyr heute seinen Sitz in Nürnberg (siehe -> Link).

Informationsstand: 22.07.2015
Schlagworte: Elektroindustrie; Geschichte der Elektro- und Informationstechnik; Automation; Informations- und Kommunikationstechnik (IKT); Messtechnik
Stichworte: Landis & Gyr GmbH; Karl Heinrich Gyr; Zählerfabrik; Heinrich Landis; Maschinenfabrik Oerlikon; Richard Theiler; Elektrotechnisches Institut Theiler & Co.; Zug; Shallenberger-Zähler; H. Landis, vormals Theiler & Co.; Eidgenössisches Polytechnikum Zürich; Technische Hochschule Dresden; Alfred Werner; Universität Zürich; Fritz Förster; Landis & Gyr, vormals Theiler & Co.; Landis & Gyr; Zählerfabrikation; Schaltuhr; Treppenlichtautomat; Erster Weltkrieg; Friedenau; Verkaufsbüro; London; Mailand; Lyon; Paris; Prag; Moskau; Wien; Kollektivgesellschaft; Aktiengesellschaft; Landis & Gyr AG; Deutsche Magneta AG; elektrische Uhr; Zeitsignalanlage; Köln; Paul Firchow Nachfgr. GmbH; PFN; Zeitschaltuhr; Paul Firchow Nachfgr. - Landis & Gyr Apparate- und Uhren-Fabrik AG; NS-Zeit; Zweiter Weltkrieg; Marienfelde; Wernerwerk VII; Wärmezähler; Fernwärmenetz; Temperaturregler; Toshiba; Paul Firchow Nachfgr. AG; Zählerreparaturwerkstatt


Quelle(n) 

  • Landis & Gyr GmbH. Berlin, Frankfurt, Rastatt. 1907-1982, Berlin [1982]
  • Matthias Wiesmann, Karl Heinrich Gyr (1879 - 1946). Der Aufbau des Weltkonzerns Landis & Gyr. (Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik; Bd. 96), Zürich 2012
  • Kurt Jäger, Karl Heinrich Gyr (1879-1946); in: Kurt Jäger / Friedrich Heilbronner, Lexikon der Elektrotechniker, 2. Aufl., Berlin / Offenbach 2010, S. 178
  • Rudolf Sölch / Reinhard Brunk (Redaktion), Stadtwerke Frankfurt am Main. 1869 - 1969. 100 Jahre im Dienst der Allgemeinheit, Berlin / Basel 1969, S. 169

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