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21.08.2019 Fachinformation 256 0

Bewerben als Ingenieur: Die Bedeutung des Anschreibens nimmt immer mehr ab

Schmälert der Fachkräftemangel die Bedeutung von vollständigen Bewerbungsunterlagen? Wie muss eine Bewerbung in der Elektronikindustrie heute aufgebaut sein? Markt&Technik hat Personalberater Thomas Hegger vom VDE gefragt, was Ingenieure beachten müssen.

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Dipl.-Ing. Thomas Hegger
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Thomas Hegger

Thomas Hegger, Personalberater und stellvertetender Vorsitzender im VDE-Ausschuss Studium, Beruf + Gesellschaft

Markt&Technik: Herr Hegger, manche Unternehmen verzichten mittlerweile auf das Anschreiben, Business-Netzwerke wie LinkedIn bieten die Direktbewerbung mit dem eigenen Profil an. Hat die Bedeutung von vollständigen Bewerbungsunterlagen abgenommen?

Thomas Hegger: Das hängt von der Unternehmenskultur ab. Deutsche Familienunternehmen sind nach meiner Erfahrung eher konservativ. Eine vollständige Bewerbungsmappe, bestehend aus CV und Zeugnissen, wird immer gerne gesehen. Andererseits stellen wir fest, dass die Bedeutung von Arbeitszeugnissen immer mehr abnimmt, da deren Aussagekraft sehr beschränkt ist. Profile in sozialen Netzwerken können im Bewerbungsprozess einen leichten Einstieg darstellen. Wird der Bewerbungsprozess fortgesetzt, wird aber in der Regel nach einem ausführlichen Lebenslauf und Zeugnissen gefragt, um die Angaben des Bewerbers zu verifizieren. Referenzen hingegen haben bei uns noch nicht die Bedeutung erlangt wie in anderen Ländern. Bei Führungskräften gehört die Nennung von Referenzen jedoch zum Standard.

Markt&Technik: Wie sollte der Lebenslauf aufgebaut sein, hat sich da was verändert?

Thomas Hegger: Es gibt nicht den Lebenslauf oder die Form eines Lebenslaufs. Wichtig ist, dass der CV klar strukturiert ist und ein roter Faden in der beruflichen Entwicklung erkennbar ist. Ein anderer, oftmals unterschätzter Punkt ist, dass der Lebenslauf auf die jeweilige Position angepasst werden sollte, d.h. relevante Berufserfahrungen oder Weiterbildungen sollten hervorgehoben werden. Dinge, die nicht im Bezug zu der ausgeschriebenen Position stehen, können auch weggelassen werden, um die Lesbarkeit zu verbessern. Weniger ist hier oft mehr.

Markt&Technik: Das klassische Anschreiben: Was sollte drin stehen, was ist bei Ingenieuren wichtig, was wollen die Unternehmen hier lesen?

Thomas Hegger: Die Bedeutung des Anschreibens nimmt immer mehr ab. Bei einer Bewerbung lese ich zuerst den Lebenslauf; wenn der mein Interesse weckt, wird ein Blick auf das Anschreiben geworfen. Beim Anschreiben interessieren dann im Wesentlichen folgende Punkte: Erstens – Was ist meine (Bewerber-) Motivation für gerade diesen Job? Zweitens: Warum dieses Unternehmen? Und drittens: Weshalb soll das Unternehmen gerade mich einstellen?

Das Anschreiben sollte für jede Bewerbung individuell erstellt werden, diese Mühe muss sein. Ein Standard-Anschreiben, bei dem wie in einem Lückentext nur der Firmenname und ggf. der Ansprechpartner ausgetauscht werden, wird wenig Aussicht auf Erfolg haben. Dies gilt übrigens gerade bei Bewerbungen, die per E-Mail verschickt werden.

Markt&Technik: Bewerbungsprozesse dauern insgesamt zu lange, lautete jahrelang die Kritik. Reagieren Unternehmen mittlerweile dank Digitalisierung wenigstens schneller auf eintreffende Bewerbungen?

Thomas Hegger: Mein Eindruck dazu ist, dass es sehr stark von den Unternehmen abhängig ist. Je mehr Ebenen und Personen am Entscheidungsprozess im Unternehmen beteiligt sind, desto länger dauert der Prozess. Mein genereller Eindruck ist nicht, dass die Unternehmen mit ihren Reaktionen auf Bewerbungen schneller geworden sind.

Markt&Technik: Keine Stellenausschreibung ohne Forderung nach (zum Teil verhandlungssicherem) Englisch. Sind mangelnde Kenntnisse ein KO-Kriterium?

Thomas Hegger: Die Erwartungen an die Englischkenntnisse sind abhängig von der Position. Von einem Absolventen werden sicherlich keine verhandlungssicheren Englischkenntnisse erwartet; hier reichen solide Schulkenntnisse aus, die dann im Job nach Bedarf ausgebaut werden. Bei einem erfahrenen Bewerber für eine international ausgerichtete Position (Vertrieb, Entwicklung, Unternehmensführung) werden hingegen sehr gute Englischkenntnisse vorausgesetzt.

Konkret: In der Entwicklung bei einem deutschen mittelständischen Unternehmen sollte der Entwickler englische Handbücher lesen und verstehen können und ggf. per E-Mail mit Kunden auf Englisch kommunizieren. In einem international agierenden Konzern mit Englisch als Unternehmenssprache sind die Anforderungen höher, aber auch hier reichen für den Einstieg solide Schulkenntnisse, der Rest wird sich „on the Job“ und im Rahmen von Weiterbildungen und im Laufe der Einarbeitung angeeignet.

Ein Muss sind (verhandlungs-)sichere Englischkenntnisse im internationalen Vertrieb. Aber auch hier gilt: Absolventen müssen diese nicht sofort mitbringen. Aber sehr wohl die Bereitschaft, sich diese anzueignen.

Markt&Technik: Bedeutet das, dass man sich also auch ohne verhandlungssicheres Englisch bewerben darf?

Thomas Hegger: Wenn in einer Stellenanzeige verhandlungssichere Englischkenntnisse verlangt werden, sollten sich Bewerber nicht davon abschrecken lassen. Normalerweise reichen „solide“ Englischkenntnisse, die im Job erlangt worden sind, für den Einstieg. Ingenieure neigen dazu, sich kleiner zu machen, als sie eigentlich sind; das gilt nach meiner Erfahrung auch gerade für die Englischkenntnisse.

Markt&Technik: Immer mehr Unternehmen setzen Matching-Software ein, heißt es. Muss man heute seine Bewerbung auf Algorithmen tunen?

Thomas Hegger: In unserer Industrie stellt sich eher die Frage, ob der Einsatz einer Matching-Software überhaupt Sinn macht, da die Anzahl der Bewerber doch eher überschaubar ist.

Wir haben derzeit auf dem Arbeitsmarkt einen Ersatzbedarf von rund 11.000 Elektroingenieuren pro Jahr. Diese Zahl wird sich in den kommenden Jahren nochmals deutlich erhöhen, wenn die Babyboomer-Generation in Rente geht. Auf der anderen Seite haben wir weniger als 8000 Absolventen pro Jahr, die auf den Arbeitsmarkt kommen. Bereits seit einigen Jahren kann der Bedarf an Elektroingenieuren in Deutschland nicht mehr durch Absolventen gedeckt werden, wie man an den Zahlen erkennt. Der erwartete Aufbau ist hier noch nicht mit eingerechnet.

Markt&Technik: Was empfehlen Sie Unternehmen stattdessen?

Thomas Hegger: Egal ob Konzern oder KMU: Praktika, Praxissemester oder Bachelor-/Masterarbeiten haben sich als das Recruiting-Tool für Absolventen etabliert und bewährt. Bei der Besetzung von Positionen, bei denen eine mehrjährige Berufserfahrung vorausgesetzt wird, hält sich die Anzahl der Bewerber nach unserer Erfahrung bei den Unternehmen in sehr engen Grenzen. Wir hören immer wieder von Unternehmen, dass diese auf ausgeschriebene Positionen keine qualifizierten Bewerbungen erhalten und Positionen daher länger als ein halbes Jahr unbesetzt bleiben. Falls Unternehmen eine Matching-Software für das Recruiting von erfahrenen Ingenieuren einsetzen, werden die unterschiedlichen Kriterien eher großzügig ausgelegt werden, d.h. der NC liegt nicht bei 1,3, sondern bei 3,1. Ob ein Tunen des CV da noch Sinn macht, wage ich zu bezweifeln. Außerdem muss ich den Algorithmus kennen, der hinter der Software steckt. Und grundsätzlich stellt sich die Frage, ob Matching-Software, die KI-basiert ist, die Diversität unter den Mitarbeitern fördert oder ob diese nicht dadurch verlorengeht.