Personen im Meeting
Rawpixel.com / Fotolia
04.10.2018 211 0

Gender Diversity Impact – was macht gute Teams aus?

Was zeichnet exzellente Teams in Forschung und Entwicklung aus? Hat eine (ausgewogene) Mischung aus Frauen und Männern einen positiven Einfluss auf den „Output“, die Produktivität der Gruppe? Wie können Innovationen in Europa beflügelt werden? Dieser Fragestellung ging eine dreijährige EU-Studie zum „Gender Diversity Impact“, sprich zur Auswirkung der Geschlechterverteilung auf Forscherteams nach. Jetzt liegen erste Ergebnisse vor.

Im Juli wurden bei einem internationalen Expertenworkshop, der beim VDE in Berlin stattfand, erste Ergebnisse mit ausgewählten Experten diskutiert. In den kommenden Tagen werden die Abschlussergebnisse bei der Kommission vorgelegt und auf der GEDII-Webseite veröffentlicht.

Kontakt

Dr. Walter Börmann
Downloads + Links

Biometrische Messungen

Wie häufig sprechen Teammitglieder miteinander, schauen sie sich dabei an oder blicken sie gemeinsam auf den Bildschirm? Biometrische Daten sind in die sozialwissenschaftliche Untersuchung eingeflossen. Das Messgerät in der Größe eines Mobiltelefons wird um den Hals getragen und enthält – Prinzip der Freiwilligkeit – eine oder keine Funktionalität. Vier Sensoren messen, zum Teil mit Infrarot, die jeweilige Entfernung der Teammitglieder zueinander, die Länge und die Aufteilung ihrer Redebeiträge, Lautstärke und Stimmlage. Die anonym, über eine Woche am Arbeitsplatz aufgenommenen Messungen sind zeitcodiert und geben zahlreiche Informationen zur jeweiligen Arbeitssituation.

Deutsche Unternehmen haben Datenschutzbedenken

Im Unterschied zu anderen europäischen Ländern  wie Spanien, Großbritannien, Schweden, Litauen war in Deutschland die Bereitschaft der Unternehmen gering bis nicht vorhanden, sich an der Datenerhebung zu beteiligen. Hier mag das Inkrafttreten der Europäischen Datenschutz-Grundverordnung zum 25. Mai 2018 eine abschreckende Wirkung gehabt haben. Umso größer ist hingegen das Interesse an verwertbaren Erkenntnissen. Ein Werkzeug, der Gender Diversity Index, kann über die GEDII-Internetseite als Selbsttest ermittelt werden. Das Analysetool zielt auf Rahmenbedingungen in Universitäten und Forschungseinrichtungen.

Wirtschaftlicher Nutzen

Im zunehmenden Kampf um Fachkräfte können die ab Herbst 2018 vorliegenden Ergebnisse für Unternehmen ein Unterscheidungsmerkmal gegenüber dem Wettbewerb darstellen. In den USA wird das biometrische, am Massachussetts Institute of Technology entwickelte Messverfahren bereits seit einiger Zeit erfolgreich in Versicherungen und Call-Centern eingesetzt. Eine Unternehmensberatung verlangt stattliche Stundensätze, um Teams aufgrund der Messungen optimal zusammenzustellen – vielleicht auch ein künftiges Modell für Europa oder international zusammengewürfelte Teams aus verschiedenen Kulturen?

Ergebnisse in Form von Thesen

  • Das Gefühl von Zugehörigkeit zur eigenen Abteilung ist für den freien Austausch von Informationen, gerade auch von Teammitgliedern auf geringerer Hierarchiestufe, ausschlaggebend. Diese tendieren in einer auf Macht und Status ausgerichteten Umgebung dazu, neue „riskante“ Informationen nicht im Gesamtteam vorzustellen.
  • Der Informationsaustausch und die Art der Teamkommunikation wird durch implizite Erwartungen und Geschlechterzuschreibungen verändert. Frauen in Leitungsfunktionen müssen sich an männliche Spielregeln anpassen. Dabei ist nicht das Verhalten selbst, sondern die Bewertung des Verhaltens von Frauen und Männern unterschiedlich.
  • Frauen und Männer verfügen über unterschiedliche Unterstützungssysteme, diese sind für Frauen in der Regel weniger stark ausgeprägt.
  • Der GEDII Index zeigt, wer sichtbar ist in der Wissenschaft und wer nicht. Es geht nicht darum, Köpfe zu zählen. (Dr. Anne Laure Humbert, Oxford Brookes University).
  • Nur die Wissenschaftscommunity kann die Maßstäbe in der Wissenschaft weiter entwickeln (Ulf Sandström, Universität Örebro).
  • Informelle Kommunikation – auch beim Kaffee oder in der Mittagspause – sollte in ihrer Bedeutung für die Teamkommunikation, aber auch in der Besetzung von wissenschaftlichen Positionen, niemals unterschätzt werden.

Beteiligte Forschungsinstitutionen

„Es erfordert viel Gespür im Management, um bei allen Teammitgliedern die volle Leistungsbereitschaft abzurufen“, sagt Dr. Jörg Müller von der Universitat Oberta de Catalunya in Barcelona. Der Soziologe forscht am Internet Interdisciplinary Institut (IN3), einer 1994 gegründeten, virtuellen Fernuniversität, und leitet das GEDII-Forschungsprojekt (2015 bis Oktober 2018). Es trägt sozialwissenschaftliche Untersuchungsmethoden (Interviews, statistische Auswertungen, Literaturanalyse, Bibliometrie) zusammen und lässt Erkenntnisse der biometrischen Datenerhebung einfließen. Neben der UOC Barcelona gehören die Oxford Brookes University (UK), die Örebro Universität in Schweden und die Hochschule Furtwangen mit dem VDE zu den Partnern des von der Europäischen Kommission im Rahmen von „Horizon 2020“ geförderten Projekts.

 

Das könnte Dich auch interessieren