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15.10.2015 Kurzinformation 162 0

Ingenieurmangel in Deutschland

Die nächste Welle des Defizits an Ingenieuren soll nach Berechnung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) in rund zehn Jahren in Deutschland ankommen. Der Stifterverband der Deutschen Wissenschaft hingegen gibt Entwarnung und sieht mittelfristig sogar einen möglichen Überschuss an Ingenieuren voraus. Der VDE dialog sprach mit Prof. Dr. Axel Plünnecke vom IW über seine Einschätzung.

Plünnecke, Prof. Dr. Axel

Plünnecke, Prof. Dr. Axel

| Institut der deutschen Wirtschaft Köln

Prof. Dr. Axel Plünnecke ist der Leiter des Kompetenzfelds Bildung, Zuwanderung und Innovation am Institut der deutschen Wirtschaft Köln. In seiner Funktion als Berater der Bundesregierung erstellt er zudem Gutachten zur Fachkräftesicherung.

Die Zahl der Studienanfänger in den Ingenieurwissenschaften ist in den letzten zehn Jahren um circa 50 Prozent angestiegen. Das sollte doch Entspannung im Hinblick auf den künftig von Ihrem Institut wieder erwarteten Fachkräftemangel bedeuten. Oder kippt die Situation angesichts der hohen Quote an Studienabbrechern unter den Ingenieuren wieder in die andere Richtung?

Die deutliche Zunahme der Zahl an Studienanfängern hilft bei der Fachkräftesicherung. Insbesondere durch den Sondereffekt doppelter Abiturientenjahrgänge und durch die jüngsten Erfolge bei der Zuwanderung erwarten wir wie auch der Stifterverband eine Entspannung bis zum Jahr 2020. Danach dürfte sich jedoch die demografische Struktur auswirken – geburtenschwache Jahrgänge müssen geburtenstarke ersetzen und den Zusatzbedarf decken. Dies wird im Zeitraum von 2020 bis 2030 ohne zusätzliche Maßnahmen zur Fachkräftesicherung nicht gelingen. Hierfür haben wir verschiedene Szenarien berechnet. Zwischen 2020 und 2030 liegt der Engpass im günstigsten Fall bei 84.000, falls der Run auf die Ingenieurfächer wieder nachlässt und die Zuwanderung rückläufig ist, könnte der Engpass im schlimmsten Fall 390.000 betragen.

Wie beeinflussen der demografische Wandel in Deutschland einerseits und Zuwanderung ausländischer Fachkräfte andererseits den Arbeitsmarkt für Ingenieure mittel- bis langfristig?

Während Daten zum demografischen Wandel in Deutschland wie der Ersatzbedarf an Ingenieuren recht gut prognostiziert werden können, sind Daten zur Zuwanderung sehr volatil. Während von 2005 bis 2009 netto in Summe nur gut 100.000 Menschen zugewandert sind, waren es im Zeitraum von 2010 bis 2014 fast 1,7 Millionen Personen. Die Ingenieurbeschäftigung unter Zuwanderern ist dadurch deutlich schneller gewachsen als die Ingenieurbeschäftigung insgesamt.
Die Hauptzuwandererländer in Mittel- und Osteuropa stehen aber in den nächsten Jahren vor ähnlichen demografischen Herausforderungen wie Deutschland, sodass die Zuwanderungsdynamik wieder abnehmen dürfte. Insgesamt bin ich aber optimistisch, dass Deutschland eine hohe Zuwanderung von Ingenieuren erreichen kann. Die Zuwanderung über die Hochschulen ist hocheffektiv. Wenn die Kapazitäten an den Hochschulen gestärkt werden, sollte es gelingen, die Engpässe zu reduzieren.

Die moderne Arbeitswelt ist im Wandel begriffen: Industrie 4.0, das Internet der Dinge, Robotik und andere Stichworte stellen anspruchsvolle Herausforderungen an die Elektroindustrie dar. Was bedeutet diese Entwicklung für den Arbeitsmarkt der Elektroingenieure?

Für die nächsten Jahre entsteht dadurch ein Sonderbedarf. Dazu kommt noch die Energiewende als weiterer Nachfrageimpuls. Der Gesamtbedarf an Ingenieuren sollte in den nächsten Jahren weiter zunehmen.

Beim Ranking der zehn besten Einstiegsgehälter belegen aktuell Ingenieurberufe die beiden vorderen Plätze. Aber: Bedingt durch die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre haben wir in den kommenden Jahren die Situation, dass doppelte Abiturjahrgänge in die Hochschulen und auf den Arbeitsmarkt gespült werden. Würden Sie heute den Abiturienten noch empfehlen, ein Ingenieurstudium zu beginnen?

Dies gilt grundsätzlich für alle Hochschulfächer, Ingenieure sind aber gefragter als die meisten anderen Fachrichtungen. Dazu ist der Arbeitsmarkt semipermeabel. Während also Ingenieure auch in wirtschaftswissenschaftlichen Berufen als Berater, Vertriebler oder Manager tätig sind, können beispielsweise Wirtschaftswissenschaftler nicht in Ingenieurberufen arbeiten. Die technischen Systeme werden komplexer, sodass auch an den Schnittstellen zu anderen Berufen das technische Know-how immer wichtiger wird.

​Interview aus dem VDE dialog 04/2015

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