Europäischer Arbeitsmarkt
ZIEHL-ABEGG
13.08.2014 Seite 36 0

Europäischer Arbeitsmarkt - Hola Alemania!

In Spanien suchen Hunderte von Ingenieuren Arbeit, in Deutschland suchen Arbeitgeber händeringend nach Ingenieuren. Weil auch die Behörden die Anwerbung spanischer Techniker nach Deutschland kräftig unterstützen, finden Angebot und Nachfrage unkompliziert zusammen. Der gemeinsame (Arbeits-)Markt Europa macht’s möglich.

Oscar Seoane Rodriguez kennt Deutschland von klein auf – aus den Erzählungen seiner Eltern. „Vor 40 Jahren haben die beiden hier gearbeitet und mir oft davon berichtet“, sagt der 33-jährige Elektroingenieur, der in der spanischen Hauptstadt groß geworden ist. Die früh geweckte Neugier auf ein anderes Land, die schwierige Arbeitsmarktsituation in Spanien und die attraktiven Stellenangebote für Ingenieure, die der Madrilene auf eigene Faust im Internet gefunden hatte, machten ihm den Entschluss leicht, sich bei ABB zu bewerben. Es klappte: Seit März arbeitet Seoane Rodriguez in Mannheim als Projektingenieur und entwickelt Bauteile für Niederspannungs-Heizkraftwerke und elektrische Pumpstationen. Dem verheirateten Spanier gefällt es gut in der Stadt am Rhein, so schnell möchte er gar nicht mehr nach Hause. „Niemand weiß, was die Zukunft bringt“, sagt er, „aber es ist eine Riesenerfahrung für mich, mit den Kollegen aus Deutschland und anderen Ländern zusammenzuarbeiten.“ Rodriguez spricht gut Englisch, es fällt ihm noch leichter als Deutsch. Kein Problem bei einem Global Player wie Siemens oder ABB. Aber sonst brauchen die jungen Spanier fast überall gute Deutschkenntnisse. Oder etwa nicht? „Ach was“, hält Frank Soballa, Account Manager bei Euro Engineering in Braunschweig dagegen. Die Zeiten, da in einem deutschen Büro zwingend Deutsch gesprochen werden müsse, seien vorbei. Soeben rekrutiert Soballa in Spanien Ingenieure für Deutschland, seine Kunden riefen danach. Entscheidend im Engineering seien Fachkenntnis und Erfahrung, meint der Manager, und so spürt er deutlich, dass sich auch deutsche Mittelständler immer stärker für ausländische Ingenieure interessieren. An fehlenden Deutschkenntnissen scheitere ein Personaleinsatz selten. „Das ist eine Generationsfrage“, glaubt Soballa. „Die spanischen Ingenieure unterscheiden sich fachlich nicht von ihren deutschen Kollegen. Fachlich nicht, dass kann Michael Schanz, Experte für Arbeitsmarkt und Beruf beim VDE, bestätigen: „Insbesondere die gute theoretische Ausbildung der spanischen Ingenieure wird sehr gelobt“, sagt er. Nachholbedarf sieht er hingegen bei der Praxiserfahrung – und bei Deutsch. „Ein spanischer Elektroingenieur hat mir kürzlich das Sprachproblem folgendermaßen beschrieben: Überleben kann man im Hightech-Umfeld mit Englisch zwar irgendwie, leben kann man aber in Deutschland nur, wenn man die Landessprache spricht“, erzählt er. Sein Rat also: „So schnell wie möglich deutsche Freunde finden und Deutsch lernen!“

Unterstützung durch Sprachkurse und Hilfe bei der Wohnungssuche

Natürlich gebe es auch einen Mentalitätsunterschied, der vielleicht mit den Sprachkenntnissen manchmal in einen Topf geworfen werde, sagt Frank Soballa. „Aber da muss man differenzieren können.“ „Ja, die Kulturen sind ein bisschen unterschiedlich“, bestätigt Amanda Garcia Muñoz, ebenfalls aus Madrid, ebenfalls Elektroingenieurin. „Die Menschen reagieren anders in Spanien“, sagt sie, „sowohl privat als auch im Beruf. Aber es ist nicht schwer, sich bei der Arbeit anzupassen.“ Die 26-Jährige ist Leitsystem Administratorin bei der Deutsche Bahn (DB) Energie in Frankfurt, eine „kleine, aber sehr internationale Stadt“, wie sie findet. Das einzige, was sie in Mainhattan vermisse, sei das spanische Wetter: „Aber“, tröstet sie sich, „im Urlaub kann ich ja immer wieder nach Spanien fliegen.“ Dass sie in Deutschland arbeitet, verdankt die junge Ingenieurin ihrem Studienfach und ihrer frischen Unbekümmertheit. „Ein Bekannter sagte mir, es gäbe viele Joboptionen in Deutschland, gerade in meinem Arbeitsfeld als Elektroingenieurin.“ Also hat sie es einfach mal versucht. „Ich konnte zwar kaum Deutsch und kannte das Land nicht, aber ich wollte mein Wissen erweitern.“ Ab mit dem Lebenslauf, ab in den Flieger nach Frankfurt zum Bewerbungsgespräch, und auf Anhieb die Zusage. „Man bot mir sogar an, mir bei der Wohnungssuche und mit einem Sprachkurs zu helfen. Das hatte mich zusätzlich zu den Jobinhalten überzeugt.“

Was Amanda Garcia Muñoz besonders an Deutschland gefällt, zeugt von ihrer Offenheit. „Zurzeit die Beschäftigungsmöglichkeiten“, sagt die Spanierin lachend, „aber natürlich auch meine Arbeit und ganz besonders der wertschätzende Umgang mit mir als Mitarbeiterin im Unternehmen.“

Spanische Ingenieure auf gleichem fachlichen Niveau wie deutsche

Genau dieses Pfund wirft Frank Bröcker, Niederlassungsleiter Ratingen im Hightech-Consultingunternehmen Salt and Pepper, in die Waagschale, wenn er in Südeuropa nach Ingenieuren Ausschau hält. Er bereitet die neuen Kollegen gründlich auf die Arbeit in Deutschland vor, auf die straffen Prozesse, auf die vielen Formulare und darauf, dass man hierzulande nicht so viel vom Improvisieren hält wie zu Hause. Vor etwa einem Jahr ging Bröcker in Spanien, Griechenland und Italien auf Rekrutierungstour.

Denn zwei und zwei sind für ihn, selbst Ingenieur, eindeutig vier: „In diesen Ländern gibt es eine hohe Arbeitslosigkeit, auch unter den hochqualifizierten Ingenieuren, und bei uns gibt es Bedarf.“ Für die Niederlassung Stuttgart fand er binnen Kurzem drei passende Kandidaten und hat sie zunächst ein halbes Jahr lang sprachlich, fachlich und mit einer Einführung in die deutsche Mentalität fit gemacht. „Das war erforderlich“, sagt Bröcker, „obwohl die südeuropäischen Ingenieure fachlich durchaus auf demselben Niveau stehen wie die deutschen Kollegen.“ Das gilt selbst für Berufseinsteiger, wofür Ismael Nistal aus Madrid das beste Beispiel liefert. Der Elektroingenieur der Fachrichtung Telekommunikation arbeitet seit seinem Masterabschluss Im Februar 2011 beim Institut für Mobilfunk- und Satellitentechnik (IMST) in Kamp- Lintfort. „Mein Professor ist auf mich zugekommen“, erzählt der 26-Jährige, der wusste von einer freien Stelle beim deutschen Institut. Ismael Nistal hatte Lust darauf, und das IMST hatte Lust, es mit ihm zu versuchen. „Zunächst habe ich eine Stelle für ein Jahr bekommen, eine Art Praktikum“, berichtet der Spanier. An dessen Ende stand ein befristeter Arbeitsvertrag, so Nistal, „jetzt sprechen wir über eine unbefristete Stelle.“ Derzeit entwickelt der Ingenieur, der mitsamt seiner Freundin, die gleichfalls Elektroingenieurin ist, nach Nordrhein-Westfalen gekommen ist, zusammen mit Kollegen von der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrt (DLR) eine neue Antenne für Satellitenkommunikation. „Meine Arbeit gefällt mir sehr“, sagt er. „Eigentlich ist es wie in einer Universität: Wir machen Forschung und Entwicklung.“ Persönlich gilt das für den jungen Spanier auch: Sein frisches Hochschulwissen bekommt in Deutschland nun den letzten Schliff.

Autor:
Corinne Schindlbeck

Artikel aus dem VDE dialog 04/2013​

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