Internationale Karrieren
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29.09.2014 Seite 201 0

Arbeiten im Ausland - Internationale Karrieren

Den einen plagt das Fernweh. Der andere träumt von einer besseren Welt. Der Dritte will seine Fremdsprachenkenntnisse aufbessern. Am Ende fördern Auslandseinsätze Karrieren und lassen Lebensziele wahr werden. Es sind engagierte Leute mit Mut, die sich aus ihrer Komfort-Zone trauen, um Neues zu wagen. Drei Elektroingenieure erzählen aus ihrem bewegten Leben.

Jia Chen

Jia Chen auf dem Dach des Havard Science Center in Cambridge bei der Messung der Luftqualität.

| Privat

Jia Chen ist zwar erst 32 Jahre, hat aber von der Welt schon sehr viel mehr gesehen, als die meisten anderen in ihrem ganzen Leben. Geboren wurde sie in der chinesischen Hafen- und Industriestadt Tianjin. Mit zehn Jahren ist sie mit ihrer Familie in die nahe gelegene Hauptstadt Beijing, zu Deutsch: Peking, umgezogen. Dort hat Chen an der Universität zwei Jahre Elektro- und Informationstechnik studiert. Dann hat sie an die Uni Karlsruhe gewechselt und ihr Studium als Diplom-Ingenieurin 2006 abgeschlossen. Der Wechsel kam so: In Peking lernte sie deutsche Austauschstudenten kennen und stellte fest, „dass die Deutschen vielseitig interessiert sind und ein großes Wissensspektrum haben“. Speziell nach Karlsruhe ist sie gegangen, „weil die Uni dort berühmt ist für die Ingenieurwissenschaften“. Nach ihrem Studium promovierte Chen an der Technischen Universität München in Elektrotechnik und zurzeit hat sie eine Post-Doc-Stelle an der Harvard Universität, USA. Sie forscht an der Ermittlung von Schadstoffemissionen in städtischen Gebieten durch optische Gasmessungen und Modellierung der Atmosphäre. Chen ist Förderpreisträgerin der Informationstechnischen Gesellschaft im VDE im Jahr 2012. Ein beeindruckender Lebenslauf, einer jungen Frau, die sich als zielstrebig beschreibt und die sich gut auf eine Sache konzentrieren kann. „Ich gebe immer einhundert Prozent und habe einen hohen Anspruch an mich selbst.“ Es macht ihr Spaß, Analogien zwischen unterschiedlichen Disziplinen zu erkennen und daraus neue Konzepte zu entwickeln. Harvard war ihr Traum von Kindheit an, ebenso wie sich mit Klimaforschung zu beschäftigen.
„Beides habe ich mir als Ziel gesetzt und geschafft.“ Dass die Auslandseinsätze ihre Karriere fördern, davon ist Chen überzeugt. Sie hat Sprachen und Kulturen kennengelernt und sich ein internationales, wissenschaftliches Netzwerk aufgebaut, was bei ihrer Arbeit hilft. „Durch meine Internationalität und Mobilität habe ich viel gelernt und profitiere von dem, was ich gesehen habe: von der Flexibilität und Hartnäckigkeit der Chinesen, dem eigenständigen Denken der Deutschen und deren Organisationstalent, dem Marketing und der Risikofreudigkeit der Amerikaner.“ Ab März 2015 ist Dr.-Ing. Jia Chen voraussichtlich wieder an der TU in München. Von dort hat sie einen Ruf als Professorin in Umweltsensorik und –modellierung erhalten.
„Auslandseinsätze fördern Karrieren“, sagt die Berliner Karriereberaterin Susanne Rausch. Wer international mobil ist, profitiert persönlich von seinen Erfahrungen und kann sie auch positiv vermarkten. Viele Unternehmen fördern internationale Einsätze, indem sie Mitarbeiter auf Zeit in ausländischen Niederlassungen einsetzen oder ins Stammhaus holen. Expatriates (kurz: Expats) werden diese Arbeitsnomaden auf Zeit genannt, die zwischen drei und fünf Jahren im Ausland arbeiten. „Expats erweitern ihren Horizont. Sie sehen über den Tellerrand hinaus, lernen Arbeitsprozesse, Kollegen und Kultur an einem Auslandsstandort kennen, was zu einem besseren Verständnis beiträgt.“ Und die Nestflüchtlinge Expats sind besser vernetzt als Stubenhocker, was die Kommunikation erleichtert und die Zusammenarbeit fördert.

Promovierter Elektroingenieur aus München als Kalifornier auf Zeit bei BMW.

Anton Lesnicar

Der promovierte Elektroingenieur Anton Lesnicar ist Expat von BMW in Kalifornien.

| Privat

Anton Lesnicar, 43, ist zum zweiten Mal Kalifornier auf Zeit. Der promovierte Elektroingenieur ist Expat von BMW und arbeitet als Senior Test- und Entwicklungsingenieur in Oxnard, nahe Los Angeles. Die 70 Mitarbeiter erproben Elektro-Fahrzeuge für den US-Markt und sichern sie ab, etwa den i8, ein Plug-in-Hybrid-Sportwagen. Unterschiede zu Deutschland gibt es etwa in Stromspannung und -frequenz. Spannend ist die persönliche Entwicklung von Lesnicar allemal. Er ging in München auf die Realschule, machte eine Lehre als Energieanlagenelektroniker, holte über den zweiten Bildungsweg das Abitur nach und studierte an der TU München Elektrotechnik. 2006 fing er bei BMW in München in der Vorausentwicklung elektrischer Antriebe an und promovierte parallel zum Job an der Universität der Bundeswehr in München in Elektrotechnik.
Zweifelsfrei ist auch er eine ausgesprochen zielstrebige Person. Bei BMW entwickelte er mit an Hybrid-Prototypen und wurde Fachmann für Elektroantriebe in Autos. „Mit meinen speziellen Kenntnissen gab es nur ganz wenige im Unternehmen.“ Ende 2008 wurde ihm die technische Leitung vom Mini E in den USA angeboten. Mit Frau und einjährigem Sohn zog Lesnicar für dreieinhalb Jahre nach Kalifornien. Während dieser Zeit kam eine Tochter auf die Welt – und im Juni 2012 ging es zu viert zurück nach München. „Meine Frau war überzeugt, dass damit meine Sehnsucht nach Kalifornien gestillt war. Ich hoffte im Geheimen, dass wir bald wieder dort sein werden.“ Nach einem Jahr wurde Lesnicar wieder gefragt, ob er sein spezielles Wissen über Elektroantriebe in Autos in den USA einbringen wolle. Er wollte unbedingt – und seine Frau stimmte spontan und für ihn überraschend zu. „So wie Kalifornien und ich ticken, passen wir bestens zusammen.“ Und der amerikanische Sonnenstaat ist der weltweit bedeutendste Markt für Elektrofahrzeuge und Hybride. Der Elektroingenieur ist dort, wo der Markt ist, was die Karriere sicherlich fördert. Und er ist dort, wo er hat, was ihm wichtig ist: „In Kalifornien zu leben, ist für mich Lebensqualität.“ Lesnicar schätzt Toleranz, Offenheit und positive Lebenseinstellung der Menschen dort. Mindestens drei Jahre wollen sie diesmal bleiben, mit der Option, um zwei Jahre zu verlängern. Vielleicht werden sie sogar für immer bleiben.
Bei BMW arbeiten rund 440 Ingenieure aus Deutschland zurzeit als Expats an einem ausländischen Standort. „Wir verkaufen über 80 Prozent unserer Fahrzeuge im Ausland. Gleichzeitig arbeiten rund 70 Prozent unserer Mitarbeiter in Deutschland. Beide Zahlen machen deutlich, wie wichtig es ist, dass unsere Ingenieure die Märkte und Erwartungen unserer Kunden in aller Welt kennen“, sagt Katharina Müller, Leiterin Recruiting von BMW für München. Diese Kenntnis gewinnt man am besten vor Ort. „Gleichzeitig ist uns wichtig, auch in Deutschland eine kulturelle Vielfalt bei unseren Mitarbeitern zu erreichen, um auch auf dem umgekehrten Weg unterschiedliche kulturelle Aspekte und Denkweisen in die Entwicklungsteams zu holen.“ Doch Impats gibt es bei BMW deutlich weniger als Expats. Etwa 60 Ingenieure von Standorten im Ausland arbeiten derzeit in Deutschland. Auslandseinsätze sind nach Angaben von Müller „zwar weder ein Muss noch eine Garantie für die Karriere. Sie tragen aber wesentlich zur Reife einer Führungskraft bei.“

Für Auslandseinsätze von Ingenieuren gibt es mehr Stellen als Bewerber.

Doch viele Unternehmen tun sich schwer, Ingenieure für Auslandseinsätze zu finden. Der Automobilzulieferer Dräxlmaier aus Vilsbiburg zum Beispiel. „Wir haben mehr offene Stellen als Interessenten“, sagt Axel von Varnbüler, Leiter Personal International. Das Unternehmen beschäftigt 50.000 Mitarbeiter weltweit, davon 5000 in Deutschland. Dräxlmaier hat 60 Standorte in über 20 Ländern und entwickelt und fertigt Bordnetzsysteme, exklusives Interieur und Elektrik- sowie Elektronikkomponenten. Für die USA oder Mexiko findet Varnbüler leicht Kollegen, die für einige Jahre dorthin gehen. Internationale Schulen für die Kinder, gute medizinische Versorgung und ein attraktives Freizeitangebot ziehen. Tunesien und Rumänien hingegen sind unbeliebt. Für Einsätze in diesen Ländern ködert er mit besseren Konditionen und Rahmenbedingungen, wie häufigen Freiflügen nach Hause.
„Ein Auslandseinsatz innerhalb des Unternehmens ist definitiv karrierefördernd“, sagt von Varnbüler. Rund 300 Expats hat Dräxlmaier zurzeit entsendet. Sie stammen aus Deutschland und anderen Ländern. „Sobald Ingenieure eine Familie gegründet haben, sinkt allerdings die Bereitschaft dazu, im Ausland zu arbeiten“, sagt von Varnbüler. Das sei aber völlig normal und verständlich.
Junge Fachkräfte sind häufig flexibler und mobiler. Doch denen mangelt es oft an der notwendigen Berufserfahrung. Die haben erfahrene Ingenieure. „Um die 50-Jährige werden wieder interessant, wenn deren Kinder aus dem Haus sind und sie eine neue Herausforderung suchen“, sagt Hans-Peter Kleitsch, Personalleiter beim Triebwerkshersteller MTU in München. Die Interessantesten aber seien die 30- bis Ende 40-Jährigen. „Die stehen mitten im Berufsleben.“ 70 Stellen im Ausland hat Kleitsch mit Expats besetzt und zehn Positionen sind zurzeit vakant. „Das hört sich nach wenig an. Doch weil es Schlüsselpositionen sind, ist es für uns sehr wichtig, sie besetzen zu können.“ Auch MTU tut sich damit schwer. Von etwa 15 möglichen Kandidaten zeigt meist nur einer Interesse. „Dann muss aber erst noch die Familie überzeugt werden“, sagt Kleitsch. Häufig scheitere Mobilität an der Familiensituation und der Frage: Welche Aufgabe bekomme ich nach meiner Rückkehr? Die kann ein Unternehmen vier, fünf Jahre im Voraus nur ganz vage beantworten. Wenn überhaupt. „Wer um die 30 ist und einen Auslandseinsatz absagt, der braucht schon einen guten Grund“, sagt Jutta Boenig, 1. Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Karriereberatung. „Mein soziales Leben hier ist mir wichtiger als Ausland“, genügt als Absagegrund nicht, wenn die Karriere keinen Knick bekommen soll. „Am besten hilft, wenn die Mitarbeiter einen Vorschlag machen können, wie sie vom Stammsitz aus das Unternehmen voranbringen können.“ Das kann eine Führungsaufgabe in der Zentrale sein.

Für die Promotion in Neuro-Ingenieurwissenschaften erschien USA reizvoller

Manfred Franke

Manfred Franke forscht und lebt seit fünf Jahren in den USA, will aber irgendwann nach Deutschland zurückkehren.

| Privat

Manfred Franke, 32, schwankte gegen Ende seines Studiums der Elektrotechnik an der Technischen Universität Dresden zwischen einem Job in der Industrie oder einer Promotion in seinem Interessengebiet, den Neuro-Ingenieurwissenschaften – wofür er sich schließlich entschied. Er informierte sich an deutschen Universitäten, die Doktorarbeiten in dieser Disziplin anbieten; und reiste mit dem gleichen Ziel in die USA, um vergleichen zu können. „Danach war klar, dass ich in Amerika eine stärkere Vertiefung bekomme und zudem am elektrischen Neuro-Block forschen kann.“ Dieser ermöglicht zusammen mit der elektrischen Neuro-Stimulation die Regulierung von Nervenaktivitäten und bietet so eine elektrische Ansteuerung von Organen und Organsystemen. Ein verwandtes Beispiel ist der Herzschrittmacher, der seinerseits Muskelzellen im Herz elekt-risch aktiviert, die dann das Blut im Körper pumpen. Auf ähnliche Weise kann man Querschnittsgelähmten, Blinden oder Tauben mithilfe von Elektrostimulation und Neuro-Block einen guten Teil der verlorenen Organfunktionen wiedergeben. Seit Teenagertagen ist Franke von den technischen Möglichkeiten fasziniert, Menschen mit scheinbar unheilbaren Krankheiten zu helfen. Im Studium spezialisierte er sich zunächst in Richtung Feinwerk- und Mikrotechnik an der TU Dresden, dann Biomedizintechnik und schließlich Neuro-Fein-und-Mikrotechnik am Institut für Mikrosystemtechnik an der Uni in Freiburg. „In den Neuro-Ingenieurwissenschaften kann man als junger Wissenschaftler noch richtig Neuland entdecken und das Gelernte relativ schnell in Produkten umsetzen, die dann dem Wohl von Patienten dienen“. Das ist auch die Herangehensweise, die an der Case Western Reserve University seit etwa 45 Jahren in der Neurotechnologie gepredigt wird. Die Case Western Reserve University ist eine private Forschungsuniversität in Cleveland im US-Bundesstaat Ohio. Dort hat Franke in den Neuro-Ingenieurwissenschaften promoviert und im Frühjahr 2014 seinen Abschluss erhalten. Er wollte nach seiner Diplomarbeit von Anfang an in seiner Promotion die medizinische Seite der Neurotechnologie besser kennenlernen, um sich in den Arzt am OP-Tisch hineinversetzen zu können. In Deutschland war das nicht und auch in den USA nur an ganz wenigen Universitäten möglich. „Trotz Freifahrschein-Angeboten von den bekannten Küsten-Unis Stanford und Duke habe ich mich für Case Western entschieden, die mir mit einer Chirurgieausbildung genau diesen Einblick in die Arbeit eines implantierenden Arztes geboten hat.“ Ein weiterer Grund für seine Auslands-Entscheidung: „In der Neurotechnologie sind die amerikanischen den deutschen Universitäten voraus und denken neben der Grundlagenforschung immer gleich an mögliche Anwendungen in Form von Produkten oder verbesserten Heilmethoden.“
Seit fünf Jahren lebt und forscht Franke nun in den USA. Er hofft, eine Brücke zwischen der deutschen und der US-Forschung bauen zu können. Das kann in der Industrie oder an einem Forschungsinstitut sein. Langfristig sieht er sich in der Lehre. Im Oktober wird Franke erstmal Vater. Seine Frau stammt aus Indien und beschäftigt sich mit der elektrischen Tiefenhirnstimulation zur Behandlung der Parkinsonkrankheit. Sie haben sich an der Case Western kennengelernt und wohnen jetzt gemeinsam in San Francisco. Franke arbeitet dort als Wissenschaftler in einem Start-up-Unternehmen, das mithilfe von Neurostimulation Patienten mit Dry-Eye-Syndrom hilft, die Tränendrüsen wieder funktionsfähig zu machen. „Meine Hoffnung ist, hier weiterhin drei bis fünf Jahre Arbeitserfahrung zu sammeln, dann heimzukehren, um auch in Deutschland die Forschung und Entwicklung in der Neurotechnologie voranzutreiben“, so der zukünftige Familienvater.

Autor: Peter Ilg

Artikel aus dem VDE dialog 04/2014

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