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Jürgen Fälchle - Fotolia.com
04.10.2012 Seite 62 0

Verschmelzen Elektro- und Informationstechnik

Überall ist zu hören: Elektrotechnik und Informatik rücken näher zusammen. Während sich die Industrie durchaus einen Infotroniker vorstellen kann, ist die Lehre für eine Beibehaltung der Trennung. Die weitere Annäherung der beiden Disziplinen halten beide für realistisch.

An der Universität Ulm gibt es keine organisatorische Trennung mehr zwischen den Ingenieurwissenschaften und der Informatik. 2006 wurden die beiden Disziplinen als eine gemeinsame Fakultät zusammengelegt. Ulm ist ein Beispiel für einen Strukturwandel an Deutschlands Hochschulen. In Darmstadt an der Technischen Universität heißt der Fachbereich Elektrotechnik und Informationstechnik, die Universität Paderborn nennt ihr Institut ebenso. „Man bewegt sich aufeinander zu“, sagt Fraunhofer-Direktor Dr. Peter Liggesmeyer, Vizepräsident der Gesellschaft für Informatik und Professor an der Technischen Universität Kaiserlautern im Fachbereich Informatik.
Dieser Prozess ziehe sich über die vergangenen zehn Jahre. Und auch Kaiserlautern macht mit. „Bei uns hat sich neben Software Engineering Systems Engineering als deutlicher Schwerpunkt in der Informatik herausgebildet“, so Liggesmeyer. Systems Engineering erfordert die Integration von Wissen aus Ingenieurdisziplinen wie Elektrotechnik und Maschinenbau sowie Informatik. „Ich glaube, dass sich Elektrotechnik und Informatik weiter annähern werden. Ein wichtiges Ziel ist, aus einer einheitlichen Systembeschreibung sowohl Hardware als auch Software extrahieren zu können“, erklärt der Professor weiter. Doch das setze – zusätzlich zu einer entsprechend umfassenden Methodik – einen Systemingenieur voraus, der genug von beiden Themen versteht, um diese Aufgabe erledigen zu können. „Doch so weit sind wird noch nicht.“

Thorsten Schäfer, Manager im Fachbereich Global Information Services bei der Software AG in Darmstadt, könnte sich einen ganz neuen Beruf vorstellen, der Elektrotechnik und Informatik vereint: den Infotroniker. Für seinen Zuständigkeitsbereich würde ein solcher durchaus passen, denn Schäfer ist für die Hard- und Softwarebetreuung zuständig. Sinn macht seine Idee durchaus: Bekanntlich verbraucht eine Suchanfrage bei Google genauso viel Strom wie eine Energiesparlampe benötigt, um eine Stunde lang zu leuchten. „Gäbe es den Infotroniker, dann würde Energieeffizienz ein Parameter der Softwareentwicklung für die Suchmaschine sein“, macht Schäfer deutlich. Ist es aber nicht, weil Informatiker die Software entwickeln. Große Überschneidungen sieht er nicht bei den Absolventen beider Disziplinen, doch sie wären notwendig, weil es in der Praxis deutliche Überlappungen gibt.“ Nach Meinung des Managers wäre ein Infotroniker, ähnlich einem Mechatroniker, jemand, der unterschiedliche Welten interdisziplinär vereint.

„Die Kombination Elektrotechnik und Informationstechnik ergibt gerade in Deutschland viel Sinn, weil wir viele Arbeitsplätze in den sogenannten Softwaresekundärindus- trien haben“, stellt Liggesmeyer fest. Deutschland sei in den Ingenieurbranchen stark: Autos, Maschinen- und Anlagenbau. Und dort überall spielt Software eine riesige Rolle. „Ich behaupte, dass viele relevante Fragestellungen der Industrie zwischen der Informatik und einer oder mehrerer klassischen Ingenieurdisziplinen liegen. Am naheliegendsten ist hier die Elektrotechnik.“ Durch Zusammenkippen und kräftigem Durchrühren der beiden Studiengänge lasse sich aber kein positiver Effekt erzielen. „Alles würde zu oberflächlich und die Absolventen können dann gar nichts mehr richtig“, gibt der Wissenschaftler zu bedenken. Das darf natürlich nicht passieren.
Dr. Michael Schanz, der unter anderem den Fachausschuss Ingenieurausbildung im VDE leitet, geht von einer „nicht geringen Schnittmenge beider Disziplinen aus“, die oft im Fachgebiet der technischen Informatik zusammengefasst seien. Diese Ingenieure kommen einem Infotroniker schon recht nahe. „Elektrotechnik und Informationstechnik sowie die Informatik haben genügend Teilgebiete und damit genügend kritische Masse, dass sie als eigenständige Disziplinen organisiert sind“, meint Schanz. Viele Fragestellungen der Industrie liegen zwischen der Informatik und einer oder mehreren klassischen Ingenieurdisziplinen.

​Artikel aus dem VDE dialog 04/2012

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