Soft Skills
David Ausserhofer, ICWE GmbH, Studyworld 2013
05.07.2013 Seite 29 0

​Hard Work on Soft Skills

AUSLANDSERFAHRUNG

Studierende technischer Fächer tun sich häufig immer noch schwer, für ein Praktikum oder ein Semester ins Ausland zu gehen. Warum auch, nirgends ist die Ausbildung und die Lage auf dem Arbeitsmarkt besser als hierzulande. Was junge Leute jedoch im Ausland ausbauen können, sind bestimmte soziale Kompetenzen – und die werden zunehmend wichtig.

Es gibt gute Gründe, während seines Studiums eine Zeit lang ins Ausland zu gehen. Die einen machen daher ein Auslandssemester, die anderen ein Praktikum. Die meisten Studierenden der Ingenieurwissenschaften machen jedoch weder das eine noch das andere. Während in vielen Studiengängen ein Auslandsaufenthalt als selbstverständlich gilt, zählen technische Fächer zu jenen Disziplinen, in denen Auslandsphasen während des Studiums eher selten sind.
Neueste Zahlen aus der Young-Professionals-Studie des VDE deuten jedoch ein Umdenken an. So gaben immerhin rund 21 Prozent der Befragten an, sich für ein Praktikum im Ausland entschieden zu haben. 16 Prozent antworteten, ein Auslandssemester gemacht zu haben. Und weitere zwei Prozent hatten sogar komplett im Ausland studiert. Besonders beliebt sind offenbar englischsprachige Länder wie die USA, England, Kanada und Irland. Aber auch Frankreich liegt in der Studierenden-Gunst weit vorne.
Diese Zahlen dürfen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie nach wie vor weit hinter denen anderer Fachdisziplinen zurückbleiben. Insbesondere an den Fachhochschulen bewegt sich die Auslandsmobilität schon seit Jahren auf einem deutlich unterdurchschnittlichen Niveau. Die Zurückhaltung der angehenden Ingenieure scheint tief verankert zu sein. Experten vermuten daher auch nicht zuletzt generelle Zweifel an der Sinnhaftigkeit von Auslandsaufenthalten. Denn schließlich ist Ausbildung nirgends besser als hierzulande, attraktive und lukrative Praktikumsangebote aus dem Inland gibt es zuhauf. Warum, so die anscheinend weitverbreitete Meinung an deutschen Hochschulen, sollte man dann ins Ausland gehen?

Warum gehen so wenig Studenten ins Ausland?

Doch Untersuchungen des HIS-Instituts für Hochschulforschung im Auftrag des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) belegen, dass Auslandsstudien und -praktika auch für Ingenieurstudierende hohen Gewinn bringen. So verweist die Mehrzahl der auslandserfahrenen Studierenden auf den Erwerb von Kenntnissen anderer Arbeits- und Lebenskulturen sowie von fremdsprachlichen Fähigkeiten. Zudem zahlen sich interkulturelle Kompetenzen und fremdsprachliche Fähigkeiten im späteren Beruf aus. Schließlich gibt es inzwischen kaum ein mittelständisches Unternehmen, das nicht auf dem internationalen Markt agiert. Von den großen Unternehmen ganz zu schweigen. Sehr häufig arbeiten Ingenieure hier in international besetzten Projektteams. Dafür benötigen sie interkulturelle Kompetenzen, die am besten durch Auslandserfahrungen zu erlangen sind. Abgesehen davon, stellen Unternehmen bei Bewerbern mit Auslandserfahrungen häufig eine größere Selbstständigkeit und -sicherheit fest, die es anderen Studierenden, die frisch von der Hochschule kommen und noch nichts von der Welt gesehen haben, zuweilen fehlt.
Kurz: Der Vorteil eines Praktikums oder eines Studiums im Ausland liegt für Studierende technischer Fächer weniger bei dem Ausbau der fachlichen Qualifikationen, den sogenannten „Hard Skills“. Hier bieten deutsche Unternehmen wie Hochschulen bekanntermaßen eine exzellente Aus- und Weiterbildung. Immer wichtiger jedoch werden auf dem Berufsmarkt die sogenannten „Soft Skills“, also fachübergreifende beziehungsweise soziale Kompetenzen. Das Bewegen und Arbeiten in einer fremden Umgebung mit einer fremden Kultur und Sprache, so das einhellige Urteil aller Fachleute, scheint sich auf die Persönlichkeit der jungen Menschen und ihrer „Soft Skills“ ungemein positiv auszuwirken. Warum also die Zurückhaltung? Fachleute benennen noch weitere Gründe für die weitverbreitete Auslands-Skepsis. So belegen die HIS-Studien, dass hohe Studienanforderungen sowie das enge Korsett an Studienmodulen und zu erbringenden Prüfungsleistungen Auslandsaufenthalte verhindern. Wohingegen überall dort, wo in den Studiengängen so genannte Mobilitätsfenster bestehen, die Praktika oder Studienaufenthalte im Ausland ohne größeren Studienzeitverzug ermöglichen, die Zahl der auslandsaktiven Studierenden deutlich höher ausfällt. Ohne solche organisatorische Unterstützung sowie die Anerkennung der im Ausland erbrachten Leistungen scheint es für Ingenieurstudenten offenbar schwierig zu sein, eine längere Studienphase im Ausland zu absolvieren.

Auch ohne die Erfahrung sind die Aussichten rosig

Ein weiterer Grund für die fehlende Auslandsmobilität wird in den allgemein positiven Berufsaussichten für Ingenieure gesehen. Wenn ein Studierender sich seiner beruflichen Zukunft sicher ist und weiß, dass er auch ohne Auslandserfahrung höchstwahrscheinlich einen Job bekommt, steht ein Auslandspraktikum oder -semester offenbar nicht ganz oben auf der Agenda.
Doch eines kann man den Studierenden der Ingenieurwissenschaften trotzdem nicht unterstellen: Die fehlende Erkenntnis, dass Mobilität und Internationalität voraussichtlich zum späteren Berufsalltag gehören wird sowie die fehlende Bereitschaft, nach dem Studium zumindest eine Zeit lang auch ins Ausland zu gehen. So gaben 85 Prozent der 718 befragten Young Professionals der Elektro- und Informationstechnik in oben genannter Studie an, dass sie bereit wären, für eine Weile ins Ausland zu gehen. In die USA würden immerhin noch 69 Prozent gehen. Spätestens dann also müssten die geforderten Soft Skills ohnehin aufgebaut werden.

Autor: Martin Schmitz-Kuhl, Redakteur des VDE dialog. Als Journalist schreibt er unter anderem über Themen aus den Bereichen Beruf, Ausbildung und Karriere.

Artikel aus dem VDE dialog 03/2013

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