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28.09.2016 Brüssel 29 0

Cyber-Sicherheit und Europas Rolle im Zeitalter der Digitalisierung


EU-Kommissar Günther H. Oettinger sieht Europas Industrie gut aufgestellt, sich der wachsenden Herausforderung der Cyber-Sicherheit zu stellen. Doch nur in enger europäischer Kooperation zwischen Politik, Wirtschaft und Verwaltungen sei die enorme Herausforderung auch im Alltag des wachsenden Datenverkehrs zu bewältigen: „Wir brauchen Teamwork auf europäischer Ebene, wenn wir in der großen und wachsenden Weltmarktkonkurrenz eine Rolle spielen wollen“, sagte der für Digitale Wirtschaft und Gesellschaft zuständige Kommissar am Donnerstag in Brüssel bei einer vom VDE und der Infineon Technologies AG organisierten Expertendiskussion in der EU-Vertretung des Landes Nordrhein-Westfalen. „Datensicherheit macht nur europäisch Sinn.“

Bei der von Europa angestrebten Schaffung einer Digitalen Wirtschaft sei neben der fünften Mobilfunkgeneration – dem Kommunikationsstandard 5G – kein Thema so wichtig wie die Gewährleistung der Cyber-Security, sagte Oettinger. Datenschutz sei immer wichtig gewesen, man müsse ihn jedoch rational und nicht emotional diskutieren. Datensicherheit werde immer wichtiger, sagte Oettinger. Angesichts eines täglich gewaltigen Anstiegs der Datenmenge spiele die Sicherheit – etwa in der Energie- und Wasserversorgung, bei Verkehrsleitsystemen, in der Gesundheit bis hin zur Finanzwirtschaft – eine entscheidende Rolle für das Funktionieren des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens.
Zeitverzug beim gebotenen gemeinschaftlichen Handeln könne sich Europa nicht erlauben. Denn in den Unternehmen und bei den Bürgern sei das Internet der Dinge längst Realität, sagte der CDU-Politiker bei der Brüsseler VDE/Infineon-Veranstaltung. Darauf müsse Europa mit der Schaffung einer europäischen „Kultur der Datensicherheit“ antworten und verwies darauf, dass die Kommission bereits vor mehr als drei Jahren eine „Cybersicherheitsstrategie“ sowie einen Richtlinienvorschlag zur Netz- und Informationssicherheit (NIS) veröffentlicht habe, der in diesen Wochen in Kraft tritt.

Oettinger zeigte sich erfreut, dass die für die Umsetzung des Regelwerks wichtige EU-Agentur für Netz- und Informationssicherheit (ENISA) auf die Expertise aus der Privatwirtschaf zurückgreifen könne. Mit Blick auf das wichtige Thema der Zertifizierung von Cybersecurity-Systemen sei eine enge Zusammenarbeit mit der Wirtschaft geboten. „Wir sind dankbar, dass hier eine öffentlich-private Partnerschaft Fahrt aufgenommen hat.“ Dies könne eine „Form kluger europäischer Industriepolitik“ werden. Auch im Bereich der Zertifizierung sei Kooperation angesagt. Einmal etabliert, könne ein kluges, europäisches System einen weltweiten Werbeeffekt haben. „Wir sollten da einen Wettlauf in Gang setzen, wer das beste System besitzt.“ Die Kommission sei dabei gerne der Dienstleister, die Industrie müsse jedoch der Schrittmacher werden.

Investitionspotential für Cyber-Sicherheit rund zwei Milliarden Euro

Oettinger sieht für die kommenden Jahre in der Datensicherheit ein Investitionsvolumen von rund zwei Milliarden Euro: jeder Euro, den öffentliche Stellen investierten, würde schätzungsweise durch einen dreifachen Betrag von Seiten der Industrie ergänzt.

Infineon-Chef und Mitglied im VDE-Präsidium Dr. Reinhard Ploss teilte die Haltung Oettingers und begrüßte die eingeleiteten Initiativen. Europa habe grundsätzlich die Kompetenzen, Datensicherheit zu schaffen. Entscheidend sei jetzt jedoch die Implementierung: „Wir müssen eine vertrauenswürdige Architektur für die Schaffung eines geeigneten europäischen Systems der Datensicherheit aufsetzen.“

Europa müsse dafür die Gesetzgebung schaffen und Programme auflegen, forderte Ploss. „Wir brauchen die Unterstützung der Kommission.“ Geboten sei ein leicht nutzbares europäisches System mit verschiedenen Sicherheitsebenen. Gleichfalls sinnvoll wären von möglichst vielen Nutzern angewandte europäische Standards, an denen sich auch die Welthandelspartner orientieren könnten. „Europa kann im Zeitalter der Digitalisierung auch eine enorme Rolle bei der Standardsetzung zur Datensicherheit spielen“, erläuterte Ploss.

In der Diskussion waren sich die Experten einig, dass Datensicherheit längst nicht mehr ein Problem sei, das sich auf Software beschränken lasse. Der Leiter der Fraunhofer-Einrichtung für Mikrosysteme und Festkörper-Technologien (EMFT), Mitglied im VDE-Präsidium sowie Moderator der Veranstaltung, Prof. Dr. Christoph Kutter, wies – wie auch VDE-Vorstandsvorsitzender Ansgar Hinz – darauf hin, dass sich das Problem der Datensicherheit auch zunehmend bei der Hardware stelle. „Datensicherheit ist keine Aufgabe in der Zukunft, sondern in der Gegenwart und muss Bestandteil des täglichen Handels werden“, sagte Hinz.

Atos SE-Technikchef Philippe Vannier wies auf die Entwicklung von Hochleistungsrechnern: bis zum Jahr 2020 sei jedes Jahr mit einer Verdopplung des Leistungsvermögens zu rechnen. Im Jahr 2020 könnte damit die Intelligenz eines menschlichen Gehirns erreicht werden; im Jahr 2040 sogar von sechs Milliarden Menschen. Im Jahr 2020 dürften mindestens 15 Milliarden Objekte miteinander verbunden sein. „Wir haben keine Alternative, wir müssen Lösungen zur Datensicherheit finden“, sagte der Franzose. Überwachungsstellen könnten zwar bereits den Datenverkehr verfolgen. Doch in der Verfolgung von Angriffen auf Datensysteme seien viele Stellen nicht so kreativ wie die Hacker. „Hier fehlt es vielfach noch am Problembewusstsein“, sagte Vannier.

Im Kampf gegen die Cyber-Kriminalität will Europa alle Kräfte bündeln

Angesichts vielfältiger Hackeraktivitäten würden immer mehr Unternehmen und andere Internetnutzer jedoch anerkennen, dass das Problem angegangen werde, sagte der Direktor für die digitale Gesellschaft in der EU-Kommission, Dr. Paul Timmers. Eine der großen Herausforderungen sei es jetzt jedoch, ein geeignetes Sicherheitssystem zu entwerfen. Hier sieht der EU-Spitzenbeamte die europäische Industrie gefordert, Initiativen zu ergreifen und etwa selbstfahrende Fahrzeuge in Europa mit einem risikobasierten Ansatz zu testen. „Das wäre gut für Europa und könnte ein Qualitätsmerkmal werden“, sagte Timmers und kündigte an, dass die Europäische Kommission bis spätestens Ende 2017 einen Vorschlag zum Umgang mit dem „Internet der Dinge“ vorlegen werde, der auch gemeinsame Kriterien auflisten solle. Bereits in den kommenden Wochen würden in Brüssel intensive Debatten zur Datensicherheit geführt, bei denen auch die Expertise der Unternehmen stark gefordert sei, sagte Timmers.

VDE-Chef Hinz betonte, dass für all dies in Gesellschaft und Wirtschaft das Bewusstsein für Datensicherheit und Datenschutz geschärft werden müsse. Die Datenwelt werde zwar nicht immer komplizierter, jedoch komplexer. Komplexität managen, laute eine Vorgabe für die Schaffung abgestimmter Standards für verschiedene Sicherheitsebenen, erläuterte Hinz. Sei sich Europa uneinig, dann dürften andere Regionen voranschreiten.

Auch der Europaabgeordnete Dr. Paul Rübig sprach sich auf der VDE/Infineon-Veranstaltung für ein beherztes europäisches Vorgehen sowie Sicherheitsvorkehrungen aus, die möglichst bei allen Anwendungen eingesetzt werden könnten. Die Frage der Algorithmen werde immer wichtiger, sagte der Österreicher, und verwies auf den auch von anderen EU-Abgeordneten artikulierten Forschungs- und Beratungsbedarf im Blick auf die politische und rechtliche Behandlung der neuen Technologien.

Atos-Technikchef Vannier wies auf die Schwierigkeit hin, gute Datensicherheitsexperten zu rekrutieren. Die rund 8000 in Europa bereits tätigen Experten dürften schon bald nicht mehr ausreichen. Einig waren sich die Diskutanten in der Forderung, nicht auf Datensicherheitsnetzwerke von außen zu warten, sondern selbst tätig zu werden. Denn bei Angeboten aus Amerika, Russland oder Asien könne Europa nicht mitgestalten, sondern nur „Ja“ oder „Nein“ sagen, hieß es in der lebhaften Diskussionsveranstaltung, die von mehr als 130 interessierten Teilnehmern aufmerksam verfolgt wurde.