Schaltkabel und Netzwerkschalter
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15.05.2018 Fachinformation 251 0

Wir möchten die Hoheit über Teile unserer Netze behalten

Gemeinsam mit dem Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) hat der VDE bei der Bundesnetzagentur einen Antrag für die Errichtung von eigenen 5G-Netzen in Fabriken gestellt. Im Interview mit dem VDE dialog spricht VDE-Präsident Dr. Gunther Kegel über die Gründe für diesen Vorstoß und die Rolle von Sensoren-Schwärmen.

VDE dialog: Herr Kegel, wie wichtig ist 5G für Industrie 4.0?

Dr. Gunther Kegel: Im Moment versuchen wir, mit den bestehenden Infrastrukturen sowohl drahtgebunden als auch drahtlos die ersten systemischen Schritte in Richtung Digitalisierung zu machen. Aufgrund der unzureichenden Übertragungsgeschwindigkeiten und Latenzzeiten in den aktuell genutzten Frequenzbändern geraten wir an Grenzen. So werden wir die zweite Stufe von Industrie 4.0 nicht zünden können.

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VDE-Präsident Dr.-Ing. Gunther Kegel

VDE-Präsident Dr. Gunther Kegel: „Es geht nicht darum, ein Netz zu entwickeln, das im Wettbewerb zu Telekommunikationsanbietern steht, da wir regional begrenzte Netze aufbauen möchten, die genau den dortigen Anforderungen der Industrie entsprechen."

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VDE dialog: Wie sieht diese zweite Stufe aus?

Dr. Gunther Kegel: Darin wird eine viel größere Zahl an Sensoren mit dem Netz verbunden. Diese smarten Sensoren müssen im Sinne einer Schwarmintelligenz einfache Signale so miteinander abgleichen, dass die Informationen in Echtzeit – innerhalb von Millisekunden – zu einem Gesamtmesswert verdichtet werden. So werden aus Daten Informationen, die der Anlage zur Verfügung gestellt werden. Jeder einzelne Sensor muss sich dabei über eine Industrie-4.0-konforme Kommunikation ansprechen lassen.

VDE dialog: Warum braucht die Industrie dafür ein eigenes 5G-Netz?

Dr. Gunther Kegel: Die Unternehmen bauen auch heute schon Teile der Netze, die sie nutzen, selbst auf. Diese Netze sind lokal begrenzt und so kleinteilig und spezialisiert, dass sie für einen Dienstleister wirtschaftlich nicht interessant sind. Bei den internen WLAN-Netzen käme auch niemand auf die Idee, diese zwingend von Netzprovidern umsetzen zu lassen. Wir wollen selbst entscheiden, ob wir räumlich begrenzt auf Produktionsstandorte eine eigene Infrastruktur aufbauen oder dafür einen öffentlichen Dienstleister in Anspruch nehmen. Unternehmen möchten manchmal gar nicht über eine öffentliche Struktur gehen, weil sie der Souverän über ihre Daten bleiben wollen und so selbst die für die jeweilige Anwendung geforderte hohe „Quality of Service“ gewährleisten können. Aus diesen Gründen haben wir so nachhaltig bei der Bundesnetzagentur gefordert, lokale und regionale Zuteilungen für Frequenzbänder für die Industrie zu bekommen.

VDE dialog: Werden die Industrieunternehmen damit zu Wettbewerbern der Telekommunikationsanbieter?

Dr. Gunther Kegel: Es geht nicht darum, ein Netz zu entwickeln, das im Wettbewerb zu Telekommunikationsanbietern steht, da wir regional begrenzte Netze aufbauen möchten, die genau den dortigen Anforderungen der Industrie entsprechen. Wenn wir über die Grenzen der Fabrik hinausgehen, sind wir auf die Mithilfe der großen Kommunikationsanbieter angewiesen. Wir wollen auch nicht die dafür notwendigen Netzgeräte selbst entwickeln. Aber wir möchten die Hoheit über Teile unserer Netze behalten.

VDE dialog: Aber ist denn der Vergleich mit IEEE 802.11 – also der WLAN-Technologie – angebracht? 5G wird sich kaum so einfach umsetzen lassen.

Dr. Gunther Kegel: Doch, neue innovative 5G-Technologie muss sich genauso einfach in privaten, lokal begrenzten Netzwerken aufbauen lassen wie eine bisherige WLAN-Struktur. Die Telekommunikationsfirmen sehen das allerdings anders. Auch in den Verbänden VDE und ZVEI wird das Für und Wider eigener lokaler Netze kontrovers diskutiert.

VDE dialog: Dann war die Intervention bei der Bundesnetzagentur vielleicht unnötig?

Dr. Gunther Kegel: Nein, es ergibt sehr viel Sinn, gleich von Beginn darauf zu drängen, Zuteilungen für lokale Netze in einem eigenen Frequenzband zu erhalten. Denn wenn wir erst im Nachhinein bemerken, dass wir dies benötigen, ist es zu spät. Dann sind wir auf die Telekommunikationsanbieter angewiesen. Im Übrigen ist es sehr viel wert, der Souverän über die eigenen Daten zu bleiben. Das kann man kaum in Euro und Cent messen.

VDE dialog: Wollen Sie auch auf die Entwicklung von 5G einwirken, um den Standard möglichst einfach zu halten?

Dr. Gunther Kegel: Ja, wir sind im ZVEI aktiv, eine entsprechende Arbeitsgruppe zusammenzustellen, um über die industriellen Anforderungen an 5G zu sprechen. Dort sollen auch Firmen teilnehmen, die nicht Mitglieder des ZVEI sind – wie zum Beispiel Stakeholder aus dem Bereich Netzwerkoperator, Netzwerkanbieter und Endanwender. VDE und DKE mit ihrer Standardisierungskompetenz werden hierbei ebenfalls mitwirken – für einen Branchenverband ein Novum.

VDE dialog: Wann, glauben Sie, wird 5G in Deutschland in der Fabrik eingesetzt werden?

Dr. Gunther Kegel: Große Unternehmen wie zum Beispiel Siemens werden wahrscheinlich als Erste in der Lage sein, eine 5G-Infrastruktur aufzusetzen. Ich schätze, das wird vielleicht in drei Jahren der Fall sein. Bis 5G flächendeckend in der Industrie genutzt wird, dauert es sicherlich noch fünf Jahre. Vielleicht bin ich mit dieser Einschätzung aber auch zu optimistisch.