Roboterarmmaschine der schweren Automatisierung in der intelligenten Fabrik industriell, Industrie 4.0-Konzeptbild
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25.07.2019 Fachinformation 118 0

Arbeitswelten 4.0

In der industriellen Revolution wurde die Muskelkraft von der Maschine ersetzt. In der digitalen Revolution ersetzt sie (zumindest ein Stück weit) jetzt auch die menschliche Denkleistung. Was heißt das für den Arbeitsmarkt – und die Gesellschaft?

VWfgdHdM ist eine Abkürzung. Und sie steht für „Vorderste Widerstandsfront gegen die Herrschaft der Maschinen“. Bislang sind diese Maschinenstürmer – die Abkürzung lässt es ahnen – nur Satire. Entnommen ist sie dem Buch QualityLand von Marc-Uwe Kling, der darin eine humorvoll-dystopische Welt zeichnet, in der Digitalisierung, Automatisierung und Künstliche Intelligenz (KI) das Leben der Menschen bestimmen. Im Guten, vor allem aber auch im Schlechten. Immer jedoch äußerst unterhaltsam.

Rein fiktiv ist dies alles freilich nicht. Tatsächlich können Maschinenstürmer auf eine lange Tradition zurückblicken. So kam es bereits zu Beginn der industriellen Revolution, Anfang des 19. Jahrhunderts, in einigen Ländern Europas zu Protesten gegen die fortschreitende Mechanisierung und einsetzende Industrialisierung. Aufgebrachte Arbeiter zerstörten Maschinen und Fabriken, die sie für den drohenden Verlust ihrer Arbeitsplätze verantwortlich machten – und mussten damit oft mit ihrem Leben bezahlen. Denn die Zerstörung von Webstühlen und anderen Maschinen wurde bereits ab 1812 mit dem Tode bestraft.

Doch machen wir einen Sprung von der finsteren Vergangenheit ins Hier und Heute. Genauer: auf eine riesige Baustelle in Stuttgart-Sindelfingen. Was dort entsteht, wird einmal die modernste Autofabrik der Welt sein. Die rund 30 Fußballfelder große Fertigung soll ein Musterbeispiel für die Digitalisierung und Automatisierung werden und gleichzeitig als Blaupause für andere Mercedes-Werke rund um den Globus dienen. Maschinen werden dort selbstständig wie nie zuvor Autos bauen. Jedes Stückchen Blech, das sich ein Roboterarm greift, wird mit einer RFID-Kennung ausgestattet sein und vollautomatisch durch die Hallen transportiert werden. Die Roboter kommunizieren miteinander, planen und verteilen selbstständig die Arbeit. Big-Data-Analysen und präventive Fehlervermeidung garantieren eine möglichst effiziente Produktion. Und all das fast ohne menschliches Zutun. Doch damit nicht genug. Denn der Clou liegt in dem, was die Maschinen da über kurz oder lang zusammen setzen: nämlich vollautomatische Fahrzeuge, vielleicht sogar ohne Lenkrad und Gaspedal. Das heißt, Roboter montieren Roboter-Autos. Willkommen in der neuen Welt.

Die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes

Der offizielle Name des neuen Werks: Factory 56, der Stolz des ganzen Daimler-Vorstands und Ausdruck für die Zukunftsfähigkeit der deutschen Automobilindustrie im Allgemeinen und des Stuttgarter Automobilkonzerns im Besonderen. Doch bei den Arbeitern in den benachbarten Hallen, so heißt es, hat sich bereits ein ganz anderer Name eingebürgert: „fear factory“, die Fabrik der Angst. Denn was für die einen Effizienzsteigerung bedeutet, heißt für die anderen Arbeitsplatzverlust oder doch zumindest die Befürchtung, dass es dazu kommen könnte.

Auch wenn diese Arbeiter deshalb nicht gleich zum Maschinensturm blasen: Die Angst ist da! Und nicht zum ersten Mal in der jüngeren Geschichte. Bereits mit dem Siegeszug des Computers und der einsetzenden Vernetzung veränderte sich die Arbeitswelt radikal. Einher gingen düsterste Prognosen – die sich jedoch allesamt nie bestätigten.Im Gegenteil: Selbst wenn sich Berufe veränderten, im Einzelfall sogar wegfielen, wurden unter dem Strich durch den technischen Fortschritt immer mehr Arbeitsplätze geschaffen als beseitigt. Ein Umstand, den man übrigens schon seit der industriellen Revolution unter dem Begriff „Kompensationstheorie“ kennt und beschreibt.

Dass dies auch in Zukunft so bleibt, darüber herrscht in deutschen Unternehmen große Zuversicht. Allein: Der prognostizierte Zeithorizont ist kurz; wie der Arbeitsmarkt in zwanzig, dreißig oder gar fünfzig Jahren aussieht, geht aus solchen Vorhersagen nie hervor. Und vor allem: Es handelt sich bei all den Prognosen um Einschätzungen von Arbeitgeberseite, die durch Umfragen erhoben wurden. Verwunderlich wäre daher wohl eher, wenn darin verkündet werden würde, dass die Unternehmen selbstverständlich so schnell wie möglich die teure menschliche durch eine günstigere und zudem noch effizientere maschinelle Arbeitskraft ersetzen werden und dass dies gewiss unter dem Strich auch sehr viel Arbeitsplätze kostet.

Genau das sind die Befürchtungen von Arbeitnehmerseite, auch hierzu gibt es Umfragen. So bereiten jedem zweiten volljährigen Berufstätigen Veränderungen im Arbeitsleben durch KI Sorgen. Das zeigt die Studie „Künstliche Intelligenz am Arbeitsplatz 2018“ des IMWF Instituts für Management und Wirtschaftsforschung und des Marktforschungsinstituts Toluna, für die 2000 Arbeitnehmer ab 18 Jahren repräsentativ befragt wurden. Demnach sehen 55 Prozent in KI-Anwendungen eine „billige Konkurrenz“, die zu sinkenden Löhnen für menschliche Arbeit führen wird und 41 Prozent befürchten den Verlust ihres eigenen Arbeitsplatzes. Sogar noch pessimistischer äußerten sich die Befragten in einer Studie des Bundesverbandes Digitale Wirtschaft (BVDW) aus dem gleichen Jahr. Hier waren es zwei Drittel der mehr als 1000 Befragten, die glaubten, KI werde „massenhaft Arbeitsplätze“ ersetzen. Bei der jüngsten Zielgruppe, der 16- bis 24-Jährigen, waren es sogar 76 Prozent.

Ist all diese Angst unbegründet? Handelt es sich bei diesen Menschen vielleicht um eine technologiefeindliche Unterspezies des „besorgten Bürgers“? Menschen mit der völlig irrationalen Befürchtung, der Roboter würde uns die Jobs wegnehmen – obwohl doch die Vergangenheit gezeigt hat, dass mit Fortschritt stets mehr und nicht weniger Arbeitsplätze entstehen? Zumal die demografische Entwicklung und der sich schon heute manifestierende Fachkräftemangel doch ohnehin solche Sorgen ad absurdum führen.

KI stellt erstmals den Menschen selbst infrage

Aber ganz so leicht sind diese Ängste vielleicht doch nicht wegzuwischen. Zum einen ist da nämlich der Faktor Globalisierung, der in dieser Dimension sicherlich ein neues Phänomen ist. Und ob sich auch in den globalen (Arbeits-)märkten der Verlust an Arbeitsplätzen so einfach kompensieren lässt (und wenn ja: wo), ist kaum seriös vorherzusagen. Hinzu kommt, dass sich die vierte industrielle Revolution in einer Hinsicht radikal von ihren drei Vorläufern unterscheidet. Denn bislang ging es bei dem technischen Fortschritt immer um neue „Werkzeuge“, die es dem Menschen ermöglichten, seine Arbeit besser und schneller zu bewerkstelligen. KI stellt jedoch erstmals den Menschen selbst infrage. Oder mit anderen Worten: Während sich gestern nur der Arbeitsplatz des Arbeiters veränderte, wird es morgen vielleicht gar nicht mehr der Arbeitsplatz dieses Arbeiters sein. Sondern der von Kollege Roboter.

Und noch etwas anderes hat sich verändert: Während sich bislang vor allem die (Industrie-) Arbeiter Sorgen machen mussten, könnte es in naher Zukunft bald jeden treffen. Denn der Begriff Industrie 4.0 greift ja viel zu kurz, da die digitale Revolution vor keiner Branche halt macht. Banken und Versicherer setzen längst auf die Kraft der Algorithmen und lassen digitale Chatbots auf die Kunden los. Bei Steuerberatern und Anwaltskanzleien übernehmen virtuelle Assistenten einen großen Teil der Arbeit. Die Verwaltung wird digital und smart. Und auch in all den anderen Büros und Unternehmen kann sich kaum noch jemand sicher sein, dass er tatsächlich unersetzbar ist. Das gilt für den einfachen Sachbearbeiter genauso wie für den Manager. Denn Maschinen lernen mittlerweile nicht mehr nur einfache Routinen, sondern auch weitaus komplexere Vorgänge. Sicher, mit KI lässt sich auf absehbare Zeit die menschliche Denkleistung nicht komplett ersetzen. Doch es würde ja schon reichen, einen großen Teil zu ersetzen, um die Arbeitswelt – und damit auch die Gesellschaft – radikal zu verändern.

Selbst wenn sich an dieser Stelle nicht abschließend klären lässt, ob es durch die digitale Revolution in Zukunft mehr oder weniger für menschliche Arbeitskräfte zu tun geben wird, so dürfte unstrittig sein, dass die Arbeitswelten der Zukunft anders aussehen werden als heute. Nur ein paar Beispiele: Der feste Arbeitsort wird durch die Virtualisierung der Arbeitsinhalte und dank Cloud an Bedeutung verlieren. Zusammen mit Bürogemeinschaften auf Zeit – Stichwort: Coworking – und der Flexibilisierung der Arbeitsmittel etwa in Form von Smartphones oder Tablets werden gewohnte Strukturen aufgebrochen. Der Anteil an Freiberuflern wird sich weiter erhöhen, nicht unbedingt, weil die Menschen es wollen, sondern weil sich das projektbezogene Engagement freier Arbeitskräfte – Stichwort Crowdworking – für die Unternehmen einfach mehr rechnet. Bereits heute organisieren Unternehmen über Arbeitsvermittlungsplattformen Arbeit über alle Zeitzonen rund um die Uhr – effizient und vor allem kostengünstig.

Nicht jeder hat das Zeug zu einem KI-Experten

Selbstverständlich wird es Berufe geben, bei denen die Nachfrage eher noch steigen wird und mit denen man auch in Zukunft gutes Geld verdienen kann. Doch nicht jeder hat das Zeug zu einem KI-Spezialisten oder Robotertechniker, selbst wenn man noch so viel in entsprechende (Weiter-)Qualifizierung investiert. Auch Fähigkeiten, bei denen der Mensch der Maschine mutmaßlich langfristig überlegen sein könnte (wie Empathie, Kommunikationsfähigkeit, kritisches Denken oder Kreativität), sind nicht bei jedem Menschen vorhanden oder zu schaffen. Bleiben vielleicht noch einige klassische Handwerksberufe wie Dachdecker, Maler oder Elektroinstallateur, in denen es vermutlich noch sehr lange dauern wird, bis ein Android statt einer menschlichen Arbeitskraft zu Hammer, Pinsel oder Schraubenzieher greift. Und vor allem wären da noch jene Dienstleistungsberufe, die nah am Menschen sind und die ebenfalls nur unzureichend von Robotern erledigt wer- den können, zum Beispiel Erzieher, Kranken- und Altenpfleger oder Babysitter. Allerdings: Wenn künftig Bewerber massenweise um solche Jobs konkurrieren würden, wäre hier eher mit fallenden Löhnen zu rechen. So würde sich fortsetzen, was bereits heute zu beobachten ist: die Spaltung des Arbeitsmarkts und die Verschärfung von sozialen Ungerechtigkeiten, so zumindest die Befürchtungen von Gewerkschaftsseite.

Und was macht die Politik, um zu verhindern, dass die VWfgdHdM und der Maschinensturm nicht doch irgendwann Realität werden? Theoretisch hat sie längst erkannt, dass die gute Arbeit von morgen schon heute gestaltet werden muss. Nicht umsonst rückte das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Wissenschaftsjahr 2018 die „Arbeitswelten der Zukunft“ und 2019 die „Künstliche Intelligenz“ in den Fokus. Und nicht umsonst spielt auch in der gerade auf dem Digitalgipfel vorgestellten KI-Strategie der Bundesregierung der Strukturwandel auf dem Arbeitsmarkt eine ganz zentrale Rolle. Allein: Jetzt muss auch bald geliefert werden. Faire Bezahlung, sichere Arbeitsplätze, Sozialpartnerschaft, Mitbestimmung, Belastungsschutz, Gesundheitsvorsorge, Altersvorsorge – all das und noch viel mehr kennzeichnete die Arbeit in der zweiten Hälfte des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Jetzt muss geklärt werden, wie die Koordinaten für die Arbeit von morgen sein werden. Oder mit den Worten von Ansgar Hinz, dem Vorstandsvorsitzenden des VDE: „Wir haben in Deutschland und in Europa eine einmalige Chance, die zukünftigen Arbeitswelten mitzuformen und darin eine Spitzenposition einzunehmen – wir verfügen über Kreativität, Vielfalt und Mut. Machen wir etwas daraus.“

Martin Schmitz-Kuhl ist freier Journalist in Frankfurt am Main sowie Redakteur beim VDE dialog.

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27.02.2019 TOP

Der VDE wirkt an der Nahtstelle zwischen Technologien, IT und Anwendung. Er führt bei Themen wie zuverlässige drahtlose Kommunikation, Robotik und autonome Systeme sowie IT-Sicherheit vernetzter System führende Experten und Anwender zusammen und verbreitert deren Wissensbasis. VDE|DKE engagiert sich aktiv in der Plattform Industrie 4.0. Mit der Deutschen Normungs-Roadmap hat sie einen wichtige Grundlage gelegt und das „Standardization Council Industrie 4.0“ gegründet.

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