26.11.2019 Veranstaltungsrückblick 409 0

Der Mensch ist schuld, sagt der Computer

Die ethischen Implikationen der Künstlichen Intelligenz und die Würdigung menschlicher Ingenieurs-Intelligenz standen im Mittelpunkt des VDE-Hauptstadtforums 2019, das mit der Preisverleihung der Informationstechnischen Gesellschaft im VDE (ITG) verbunden war. Rund 100 Teilnehmer waren am 25. November zur traditionellen Jahresabschlussveranstaltung in die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW) am Gendarmenmarkt gekommen, um den jungen und ältere Leistungsträgern der Informations- und Kommunikationstechnik ihre Anerkennung zu zollen.

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ITG
Dr. Hermann, Vortragende der Keynote

Dr. Isabella Hermann: „Technik ist immer in einem sozialen Kontext eingebettet.“

| Hannibal / VDE

Nach der Begrüßung durch die Berliner VDE-Repräsentatin Sabine Schattke stellte die Politik-Wissenschaftlerin Dr. Isabella Hermann, die in der BBAW die Interdisziplinäre Arbeitsgruppe „Verantwortung: Maschinelles Lernen und Künstliche Intelligenz“ koordiniert, die Herausforderungen dar, die die Fortschritte der Künstliche Intelligenz an die Ethik der Forscher und Ingenieure sowie den Regulierungsbedarf durch die Politik stellen. Das Spannungsfeld zwischen Mensch und zunehmend autonom agierender Maschine hatte Frau Hermann unter ein Zitat aus dem Science Fiction-Film von Stanley Kubrick „2001- Odysee im Weltraum“ gestellt. „Es kann sich nur um einen menschlichen Fehler handeln“, diagnostiert darin der Supercomputer „Hal 9000“, als im Raumschiff ein technisches Problem auftritt. Da die Störung tatsächlich aber auf einer Fehlfunktion der Rechners beruht, agiert die Maschine mit ihrer verdrängenden Schuldzuweisung eher wie ein Mensch. KI-Spezialistin Hermann führte eine Reihe von Beispielen an, wie in der heutigen KI viele menschliche Annahmen stecken, die mitunter zu fatalen Ergebnissen führen. So etwa bei der Klassifizierung der Fotos von Menschen mit dunkler Hautfarbe als „Gorillas“, was letztlich auf einem zweideutigen Code der Programmierer beruhte, die „Menschen“ mit „weiße Hautfarbe“ gleichsetzten „Technik ist immer in einem sozialen Kontext eingebettet“, erklärte die BBAW-Referentin.

Prof. Schotten und

Sven Oswald und Prof. Dr. Hans Schotten beim VDE-Hauptstadtforum mit der ITG Preisverleihung 2019

| Hannibal / VDE

Sie plädierte dafür, in der aktuellen KI-Debatte die Frontstellung Maschine contra Mensch zu verlassen und sich stattdessen auf die Fragen zu konzentrieren, die in der Zukunft wirklich relevant sein werden: Was richten KI-Systeme innerhalb von Gesellschaften an und welche sozialen Gruppen können sie benachteiligen, wenn wir nicht vorab ihre Funktionsweise und ihren Einsatz regulieren?

Werden Ungleichheiten in Unternehmen und Behörden verfestigt,wenn immer mehr automatisierte Systeme zum Einsatz kommen? Werden die Menschen, die sowieso schon zu den Schwächeren in der Gesellschaft zählen, durch KI-basierte Scoring-Modelle bestraft? Übertragen computergestützte

Vorhersagemodelle Vorurteile weiter in die Zukunft?

Letztlich stecke in der gegenwärtigen KI so viel an menschenbedingten Voraussetzungen, lautete Hermanns Botschaft, dass eine Verselbständigung der Künstlichen Intelligenz und ihrer autonomien Systeme nicht zu erwarten sei. Das bedeute aber auch für den Menschen, dass beim Umgang mit Technik, so ihr Fazit, „die ethischen Dimensionen immer im Blick behalten werden müssen“.

Im Anschluss nahm Prof. Dr. Hans Schotten (TU Kaiserslautern) als Mitglied im VDE-Präsidium und Vorsitzender der Informationstechnischen Gesellschaft im VDE (ITG) die Preisverleihung vor, mit der in mehreren Kategorien die außergewöhnliche Leistungen des akademischen Nachwuchses und herausragende Wissenschaftler in der Elektro- und Informationstechnik geehrt wurden. Schotten äußerte die Erwartung, dass sich nach der fünften Mobilfunk-Generation, an der die deutsche IKT-Industrie als Ausrüster micht präsent sei, das Blatt bei „6G“ wenden könnte. Darauf deuteten die Forschungsvorleistungen und industrielle Vorbereitungen, etwa bei Bosch und Siemens, hin. Schotten: „Bei 6G können die Deutschen wieder besser dabei sein“.

ITG-Auszeichnungen in vier Kategorien vergeben

Prof. Dr. Hans Schotten mit ITG Fellowship Preisträgern 2019

Prof. Dr. Hans Schotten mit ITG Fellowship Preisträgern 2019: Prof. Paul Walter Baier, Prof. Hermann Rohling, Prof. Werner Wiesbeck

| Hannibal / VDE

Zu ITG-Fellows 2019 wurden berufen:

Prof. Dr.-Ing. habil. Dr.-Ing. E.h. Paul Walter Baier, Kaiserslautern

Prof. Dr.-Ing. Dr. Ing. E.h. Joachim Hagenauer, TU München

Prof. Dr. rer. nat. Dr. h.c. Hermann Rohling, Technische Universität Hamburg-Harburg

Prof. Dr.-Ing. Dr. h.c. Dr.-Ing. E.h. mult. Werner Wiesbeck, Karlsruher Institut für Technologie (KIT)

 

Der ITG Preis 2019 ging an:

Prof. Dr.-Ing. Amelie Hagelauer, Friedrich-Alexander Universität, Erlangen-Nürnberg

Dr.-Ing. Andreas Tag, Florida, USA

Dr.-Ing. Ina Kodrasi, Idiap Research Institute, Martigny/Schweiz

Prof. Dr. Simon Doclo, Universität Oldenburg,

Dr.-Ing. Felipe Queiroz de Almeida

Dr.-Ing. Tobias Rommel

Prof. Dr.-Ing. Gerhard Krieger

Prof. Dr.-Ing. habil. Alberto Moreira, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V., Wessling

 

Mit der VDE-Ehrenurkunde wurden ausgezeichnet:

Prof. Dr.-Ing. Stefan Breide, Fachhochschule Südwestfalen, Hochschule für Technik und Wirtschaft, Meschede

Dr.-Ing. Wolfgang H. Döring, Aachen

Dr.-Ing. Jörg-Peter Elbers, Vice President Advanced, ADVA Optical Networking SE, Martinsried

Prof. Dr. Dr. Wolfgang A. Halang, FernUniversität Hagen,

Prof. Dr.-Ing. Ralf Tönjes, Hochschule Osnabrück

 

Der ITG-Dissertationspreis für ausgezeichnete Dissertationen 2019 ging an:

Dr.-Ing. Harry Weber, Leibniz Universität Hannover

Dr.-Ing. Jens Steinwandt, TU Ilmenau

Dr.-Ing. Tobias Rommel, TU Chemnitz

Impressionen