Atomkeller-Museum Haigerloch_Bild 1
2015 Norbert Gilson
25.02.2020

Atomkeller-Museum Haigerloch

Pfluggasse 7, 72401 Haigerloch

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VDE-Ausschuss Geschichte der Elektrotechnik
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Aus heutiger Sicht klingt es fast wie eine „Räuberpistole”: hochrangige Kernphysiker versuchen in den letzten Monaten der NS-Herrschaft in einem Bierkeller am Rande der Schwäbischen Alb eine Uran-Kettenreaktion in Gang zu setzen, mit dem Ziel einer deutschen Atombombe? Die „wahre” Geschichte und ihre Hintergründe kann man im Atomkeller-Museum erfahren.


Beschreibung


Schrieb Haigerloch Wissenschaftsgeschichte? Häufig wird das malerische Städtchen Haigerloch im württembergischen Zollernalbkreis als »Wiege der deutschen Atomforschung« tituliert. Die Geschichte geht auf das Ende des Jahres 1944 zurück, als die im Berliner Kaiser-Wilhelm-Institut arbeitende Forschergruppe um Werner Heisenberg, Karl-Friedrich von Weizsäcker und Karl Wirtz wegen der zunehmenden Bombardierung Berlins nach einem Verlagerungsstandort suchte. Walter Gerlach, Leiter der »Arbeitsgemeinschaft Kernphysik« im Reichsforschungsrat, hatte in Tübingen studiert, war dort auch eine Zeitlang Professor und kannte sich in der Gegend um Hechingen und Haigerloch gut aus. In einem ausgedienten Bierkeller direkt unter der Schlosskirche in Haigerloch wurde er fündig und mietete den Keller von dem Besitzer an.


Ende 1944 wurden die Laboreinrichtungen von Berlin nach Haigerloch transportiert und Anfang 1945 begannen die letzten Experimente an der »Uranmaschine«. Diese war ein zylindrischer Behälter aus einer Magnesium-Aluminium-Legierung, in den ein in schweres Wasser getauchtes Gitter aus Uranwürfeln eingelassen wurde. Der Behälter war zum Schutz vor der Strahlung von einem Graphitmantel umschlossen, der wiederum von Wasser umgeben war. Weitere Sicherheitsmaßnahmen ließen Materialmangel und Zeitdruck nicht zu. Um jeden Preis wollten die Wissenschaftler eine Kettenreaktion auslösen und es schaffen, diese unbegrenzt lange aufrecht zu erhalten. Die Versuche fanden ihr Ende, als das aus US-Militärs und Wissenschaftlern zusammengesetzte Team mit seiner Mission unter dem Codenamen »Alsos III« am 23. April 1945 Haigerloch erreichte.

Die ganze spannende Geschichte, auch wie es nach der Ankunft der Amerikaner in Haigerloch weiterging, kann man heute im ehemaligen Bierkeller des Haigerlocher Schwanenwirts erfahren. Außer einer originalgetreuen Rekonstruktion des Reaktors ist auch der Experimentiertisch von Otto Hahn, ebenfalls als Nachbau des Originals im Deutschen Museum, zu sehen und auf zahlreichen Schautafeln und Medienstationen werden die damalige, streng geheimen Entwicklungsarbeiten nachgezeichnet.

Informationen über Anfahrt und Öffnungszeiten gibt es auf der Website der Stadt Haigerloch zum Atomkellermuseum (siehe -> »Link«). Dort gibt es auch eine ausführliche Dokumentation der letzten Versuchsreihe sowie den Text eines Interviews mit Werner Heisenberg (in englischer Sprache).

Informationsstand: 29.03.2017
Schlagworte: Atomkraftwerke
Stichworte: Haigerloch; Wissenschaftsgeschichte; Atomforschung; Kaiser-Wilhelm-Institut; Werner Heisenberg; Karl-Friedrich von Weizsäcker; Karl Wirtz; Walter Gerlach; Arbeitsgemeinschaft Kernphysik; Reichsforschungsrat; Hechingen; Bierkeller; Schlosskirche; Uranmaschine; Magnesium-Aluminium-Legierung; schweres Wasser; Uranwürfel; Graphitmantel; Kettenreaktion; Alsos III-Mission; Otto Hahn; Atomkellermuseum

Quelle(n)

  • Volker Rödel, Reclams Führer zu den Denkmalen der Industrie und Technik in Deutschland. Bd. 1. Alte Länder, Stuttgart 1992
  • Informationszentrale der Elektrizitätswirtschaft e.V. (Hrsg.), Zwischen Alb und Bodensee. Blatt West, (TechnikTouren, Nr. 4), Frankfurt am Main 1990
  • Ellen Aster (u.a.), Unser Technikerbe. 350 Denkmäler und Zeugnisse deutscher Technikkultur, München 2012

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