Rundfunksendestelle Wachenbrunn_Bild 1
2012 Norbert Gilson
01.09.2020

Rundfunksendestelle Wachenbrunn

Hauptstraße, 98660 Themar

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VDE-Ausschuss Geschichte der Elektrotechnik

Die Mitte der 1950er Jahre aufgebaute Sendeanlage in Wachenbrunn im südlichen Thrüingen war eine der ersten modernen Rundfunksendeanlagen in der DDR. Bis zur Sprengung der Antennen des früheren Mittelwellensenders 2011 sowie der Quadratantenne aus vier Sendemasten im September 2013 war das Areal eine auch in technischer Hinsicht eindrucksvolle Anlage.

Beschreibung


erbaut: um 1955 / 1985-87 (Erweiterung)

Das Wachenbrunner Gebirgsplateau erstreckt sich auf knapp 500 m Höhe am Rande des Thüringer Waldes. Von hier aus hat man bei schönem Wetter eine phantastische Sicht auf den Thüringer Wald, die Rhön und das fränkische Land. Diese Sichtverhältnisse lassen optimale Ausbreitungsverhältnisse für eine Sendeanlage vermuten.

In den Jahren 1956/57 wurde hier ein erster Sender in Betrieb genommen. Der fahrbare 5 kW-Sender der Firma Lorenz war eine der ersten Sendeanlagen dieser Art in der DDR. Zur Abstrahlung wurde ein 51 m hoher selbststrahlender Gittermast errichtet. Von hier aus wurde zunächst das Programm des Berliner Rundfunks auf der Mittelwellenfrequenz 1.052 kHz ausgestrahlt.

1959 nahm ein wesentlich größerer Sender seinen Betrieb auf. Die 250 kW-Anlage war vom VEB Funkwerk Köpenick gebaut worden und strahlte das Programm des Deutschlandsenders - ebenfalls auf Mittelwelle - über einen selbststrahlenden Rohrmast ab. Nach Beschwerden eines frequenzgleichen jugoslawischen Senders über auftretende Interferenzen durch die Wachenbrunner Anlage fiel der Entschluss, die Antennenanlage von Rund- auf Richtstrahlbetrieb umzustellen. Dazu wurde ein in der Sendestelle Berlin-Köpenick stehender, 142,8 m hoher  Rohrmast demontiert, nach Wachenbrunn transportiert und hier wieder aufgebaut, und zwar in einem Abstand von einem Viertel der Sendewellenlänge (85 m) zum bereits vorhandenen Rohrmast. Die Hauptstrahlrichtungen wiesen zum einen in Richtung Erfurt, zum anderen nach Bayern.

Mitte der 1980er Jahre erfolgte auf Wunsch der sowjetischen Regierung eine Neukonzeption der Sendeanlagen. Mit einer großen Sendeanlage sollte die rundfunktechnische Versorgung der in den Ostblockstaaten lebenden Sowjetbürger gewährleistet werden. Außerdem sollte der Sender für Propagandasendungen in Richtung Westen dienen. Da die nachrichtentechnische Industrie der DDR über das Know how zum Bau derartig leistungsstarker Sendeanlagen nicht verfügte, übernahm die Sowjetunion nach Abschluss eines Regierungsabkommens die Lieferung der sendertechnischen Ausrüstung für jeweils zwei 500 kW- und 75 kW-Senderblöcke. Die Bereitstellung der Infrastruktur, wie Bauten, Hochspannungsversorgung oder Sendesignalzuführung sowie die Projektierung oblag dem  Rundfunk- und Fernsehtechnischen Zentralamt der DDR. Von Mitte 1985 bis Ende 1987 wurde die neue Sendeanlage errichtet. Als Antenne für den neuen, aus zwei Blöcken bestehenden 1.000 kW-Sender wurde eine Quadratantenne aus vier jeweils 125,1 m hohen Gittermasten errichtet. Da der verfügbare Platz auf dem eigentlichen Betriebsgelände nicht ausreichte, erfolgte die Installation der Antennenanlage auf einem rund 800 m entfernten, auf einem Hochplateau gelegenen Gelände. Die Hochfrequenz-Energieleitung führte - bis zu einer Modernisierung 2002/03 als Reusenleitung gestaltet - von der Sendeanlage dorthin durch ein schlauchartig eingezäuntes Gelände.

Seit der politischen Wende wurde über diese Antennenanlage - im Volksmund als »Russisches Quartett« bezeichnet - weiterhin das Programm des russischen Auslandsdienstes »Stimme Russlands« ausgestrahlt. Der 1959 installierte 250 kW-Sender stand seit Mitte der 1980er Jahre zunächst für die Ausstrahlung des Programms der »Stimme der DDR« auf der Frequenz 882 kHz zur Verfügung. Nach der Wende übernahm zunächst der Thüringer Rundfunk, ab 1992 der Mitteldeutsche Rundfunk die Anlagen für seine Programme. Bis zum 30. Juni 2011 wurde das Programm von »MDR Info« von hier aus abgestrahlt. Nur zwei Wochen nach der Abschaltung wurde die vom Ende der 1950er Jahre stammende Senderanlage gesprengt.

Das Gelände der Sendeanlage war im Januar 2012 nicht zugänglich und von außen nur teilweise einsehbar. Auf Foto 1 erkennt man die Zufahrt zum Gelände, Foto 2 zeigt die Betriebswache und auf Foto 3 sieht man im Hintergrund die Sendergebäude. Auf den Fotos 4 und 5 sind die vier damals noch vorhandenen Gittermasten der Quadratantenne wiedergegeben. Nachdem die »Stimme Russlands« ihre Mittelwellensendungen aus finanziellen Gründen zum 31. Dezember 2012 eingestellt hatte, wurde der Sender Wachenbrunn an Silvester 2012 um 23 Uhr planmäßig abgeschaltet. Am 19. September 2013 wurden die verbliebenen vier Sendemasten gesprengt.

Informationsstand: 31.12.2014
Schlagworte: Sendeanlagen; Informations- und Kommunikationstechnik (IKT); Nachrichten- und Kommunikationstechnik
Stichworte: Sender; selbststrahlender Gittermast; Berliner Rundfunk; Mittelwellenfrequenz; Mittelwelle; DDR; VEB Funkwerk Köpenick; Deutschlandsender; selbststrahlender Rohrmast; Richtstrahlbetrieb; Propagandasendungen; Rundfunk- und Fernsehtechnisches Zentralamt; Quadratantenne; Gittermast; Russisches Quartett; Stimme Russlands; Stimme der DDR; Thüringer Rundfunk; Mitteldeutscher Rundfunk; MDR; MDR Info
 

Quelle(n)

  • Gerd Klawitter (Hrsg.), 100 Jahre Funktechnik in Deutschland. Funksendestellen rund um Berlin, Berlin 1997

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