Dr. Martin Hieber und Dr. Kevin Rick stehen lachend nebeneinander

Dr. Martin Hieber, Mitglied des Vorstands im VDE (l.), Dr. Kevin Rick, Leiter des Mitgliederservices im VDE (r.)

| Petra Löw
01.04.2026 VDE dialog

VDE: „Ein Verband, der vom Mitmachen lebt“

Ein Gespräch mit Dr. Martin Hieber, der für die Mitglieder zuständige Vorstand des VDE, und Dr. Kevin Rick, Leiter des Mitgliederservices im VDE, über die Bedeutung des Ehrenamts, die Rolle der Bezirksvereine und die Zukunft der Mitwirkung im Verband. 

Interview: Martin Schmitz-Kuhl

VDE dialog: Herr Hieber, Herr Rick, welche Rolle spielt das ehrenamtliche Engagement strukturell im Verband? 

Dr. Martin Hieber: Im Organigramm des Verbandes steht die Delegiertenversammlung nicht umsonst über allem. Das ehrenamtliche Präsidium bestellt zum Beispiel den hauptamtlichen Vorstand. Nicht zuletzt deshalb sind und bleiben wir ein technisch-wissenschaftlicher Verein, getragen von seinen Mitgliedern. Dieses Grundprinzip ist wichtig, weil es zeigt, dass das Ehrenamt keine Zierde ist, sondern unser Fundament. Es trägt die Bezirksvereine, die fachliche Arbeit und letztlich den gesamten Verband. 

Dr. Kevin Rick: Und ganz praktisch spielt sich dieses Engagement an zwei Orten ab: in den Fachgesellschaften einerseits und in den Bezirksvereinen andererseits. Wir haben momentan 28 dieser Vereine, alle eigenständig, alle mit eigener Satzung. Die Mitglieder sind gleichzeitig Mitglieder ihres Bezirksvereins und des Hauptverbandes. Und alles, was dort passiert – Exkursionen, Veranstaltungen, Stammtische, Mitgliederbetreuung – läuft über Ehrenamtliche. Ohne dieses Engagement gibt es keine Bezirksvereine, so einfach ist das. 

Hieber: Was wir auch satzungsgemäß ganz oben stehen haben, ist das Vernetzen von Mitgliedern, also das Vernetzen von technisch-wissenschaftlich Interessierten und von Experten. Und das funktioniert natürlich nur, wenn wir Mitglieder haben, die mitmachen, mitorganisieren, sich einbringen, sich austauschen. 

Welche Aufgaben übernehmen Ehrenamtliche dabei typischerweise in den Regionen? 

Rick: Das Spektrum ist riesig. Klassische Funktionen wie Kassenwart, Vorstand oder Jungmitglieder-Referent gehören dazu. Aber es gibt auch Leute, die einfach machen – die ohne offizielles Amt Veranstaltungen planen, Lötkurse organisieren oder beim Mitgliedertag helfen. In der Jury der VDE MINT-Sterne sitzen zum Beispiel Ehrenamtliche, die Bewerbungen bewerten und Urkunden verleihen. Und es gibt richtige Leuchtturmprojekte: Im Bezirksverein Kurpfalz arbeitet der Vorstand seit zwei Jahren an einer strategischen Weiterentwicklung und hat den „Kurpfälzer Weg in der Energiewende“ entwickelt. Da setzen Ehrenamtliche gemeinsam mit der Energietechnischen Gesellschaft lokale Energiewendethemen um und nutzen die Expertise unserer Mitglieder. Das ist richtig starkes Engagement. 

Hieber: Und es zeigt, dass die Aufgaben nicht nur organisatorischer Natur sind. Ehrenamtliche gestalten Inhalte, entwickeln Ideen, bringen Themen in den Verband hinein. Die Satzung sagt klar: Bezirksvereine vertreten die Ziele des Verbandes vor Ort, pflegen technisch-wissenschaftliche und gesellschaftspolitische Diskussionen, ermöglichen berufliche Zusammenarbeit und Weiterbildung. Das ist keine Verwaltungstätigkeit – das ist inhaltliches Arbeiten. 

VDE Mitglieder sind zum einen ihrer Fachgesellschaft, zum anderen ihrer Region zugeordnet. Wie unterscheidet sich das Engagement dieser Organisationseinheiten voneinander? 

Hieber: Fachgesellschaften sind national ausgerichtete, thematische Einheiten. Sie haben hauptamtliche Geschäftsführer, größere Veranstaltungen und wissenschaftliche Schwerpunkte. Dort ist das Engagement eher thematisch-wissenschaftlich geprägt. Es geht um Vorträge, Studien, Positionspapiere und fachliche Entscheidungen. 

Rick: Und in den Bezirksvereinen geht es viel breiter zu. Da treffen Disziplinen aufeinander: Energietechnik, Informationstechnik, Automation, Medizintechnik – und alle mischen sich. Themen wie Nachwuchsförderung, soziale Vernetzung, regionale Zusammenarbeit spielen eine große Rolle. Und ja, man merkt es: Das Engagement nimmt überall etwas ab. Aber unsere Mitgliederumfrage dieses Jahr hat gezeigt, dass mehr als die Hälfte findet, der Verband sei ein Verein zum Mitmachen – und dass sie mit den Möglichkeiten zufrieden sind. Das ist schon ein gutes Signal. 

Über welche Wege gelangen die Impulse der Ehrenamtlichen in die inhaltliche Arbeit des Verbandes? 

Rick: In den Bezirksvereinen läuft das meistens über die Regionalleiter oder direkt über die Delegiertenversammlung. Dort geht es dann um Nachwuchsgewinnung, Mitgliederbeiträge, Zielgruppen oder strategische Fragen. Viele Einzelmitglieder rufen aber auch einfach an oder schreiben Mails. Manchmal entsteht ein Impuls aus einem Gespräch zwischen Tür und Angel. 

Wie verläuft die Zusammenarbeit zwischen Hauptamt und Ehrenamt im Alltag? 

Hieber: Unterschiedlich, je nach Projekt und Region. Es gibt Strategierunden oder ganze Wochenenden, an denen sich Bezirksvereine austauschen und Ideen entwickeln. Bei den Delegierten-Taskforces wurden wichtige Weichen gestellt – etwa zur Struktur des Verbandes oder zur Zukunft der dezentralen Bezirksvereine. 

Rick: Und in den Fachgesellschaften gibt es noch mal ganz andere Austauschformate. Da trifft man Experten, die normalerweise Konferenzen leiten oder Normung betreiben. Aber im Alltag ist es meistens ganz pragmatisch: Man ruft sich zusammen, man plant etwas, man stimmt Dinge ab. Professionell und gleichzeitig sehr menschlich. 

Welche Qualifikationen bringen Ehrenamtliche mit – und was lernen sie selbst vielleicht auch dazu? 

Rick: Viele bringen Führungsverantwortung aus dem Berufsleben mit. Ansonsten ist die Gruppe super heterogen: Studierende, Berufseinsteiger, Leute kurz vor der Rente. Und ja, man lernt auch viel dazu. In Mannheim habe ich zum Beispiel mit einem Studenten aus Kaiserslautern gemeinsam das VDE Energy Forum organisiert. Er hat die Marketing-Aktivitäten übernommen und später zum ersten Mal auf einer Bühne moderiert. Für ihn war das ein richtiges Highlight – vor so vielen Leuten zu sprechen und eine professionelle Podiumsdiskussion zu leiten. Solche Erfahrungen sind Gold wert. 

Hieber: Und sie stärken die Verbindung zum Verband. Wenn junge Menschen erleben, dass sie Verantwortung übernehmen und sichtbar wirken können, dann entsteht Bindung. 

Welche Möglichkeiten gibt es für junge Mitglieder und Studierende? 

Rick: Jede Menge. Die VDE Skireise nach Davos gibt es seit vier Jahren – der „Reisebetreuer“ ist jedes Mal ein Jungmitglied, das vor Ort Ansprechpartner ist. In Hochschulgruppen können junge Leute komplett eigenständig mit Geldern der Bezirksvereine Events organisieren. Wer will, kann bei den Jungen Foren der Fachgesellschaften mitarbeiten und thematisch tief einsteigen. Oft sitzen Jungmitglieder auch mit am Tisch, wenn es in den Vorständen etwas zu beraten gibt. Also: Es gibt keine künstlichen Grenzen – wenn jemand mitmachen will, findet er seinen Platz. 

Wie wird ehrenamtliche Arbeit sichtbar gemacht oder anerkannt? 

Hieber: Anerkennung hat viele Formen. Manchmal ist es eine formelle Auszeichnung – eine Ehrennadel, eine Ehrenmitgliedschaft oder eine Urkunde für Vertrauensdozentinnen und Vertrauensdozenten. 

Rick: Und oft ist es einfach ein ehrliches „Danke“. Viele engagieren sich nicht wegen Auszeichnungen. Sie tun es, weil sie Lust auf Themen haben oder weil es ihnen etwas gibt, mit anderen zusammen Projekte umzusetzen. 

Hieber: Richtig. Ich glaube auch, dass die Motivation für das Engagement oft intrinsisch ist. Menschen, die gerne etwas organisieren oder auf der Bühne stehen, tun das nicht, weil sie dafür irgendeine Medaille bekommen möchten! 

Wo liegen die größten Herausforderungen beim Gewinnen und Halten von Ehrenamtlichen? 

Hieber: Die Zeiten haben sich verändert. Stundenpläne sind dichter, der Druck auf Berufseinsteiger höher. Das klassische Vereinsleben ist weniger selbstverständlich geworden. Der Verband muss sich anpassen und neue Formen der Beteiligung ermöglichen. 

Rick: Und wir müssen das Ehrenamt sinnvoll einsetzen. Unsere Strukturen sind historisch gewachsen, aber nicht alles ist für jede Generation attraktiv. „Vereinsvorstand“ oder „Kassenwart“ klingt für viele nicht mehr sexy. Darauf müssen wir reagieren. Ich setze deshalb eher auf episodische Freiwilligenarbeit – Projekte mit klarer Laufzeit, klarer Zielgruppe und klarem Aufwand, wie bei unseren Vertrauensdozenten oder den Jurys für die MINT-Sterne und bei „Azubis volle Power“. Das heißt: Unser Ehrenamt wird älter, und die Nachwuchsgewinnung wird herausfordernder – aber nicht unmöglich. 

Gleichzeitig sind aber auch die Mitgliedszahlen rückläufig. Woran liegt das Ihrer Ansicht nach? 

Hieber: Man muss es so deutlich sagen: Der Feind eines jeden Vereins, der Menschen vernetzt, ist das Internet. Denn die Vernetzung findet heutzutage eben vor allem dort statt. Das gilt umso mehr für einen Verein wie den VDE, der ja vor allem auch eine Wissenscommunity ist. Doch gerade wenn man Wissen braucht oder sich über Wissen austauschen möchte, geht man heute eben oft nicht auf irgendeine Veranstaltung, sondern ins Netz. Das war vor 20, 25 Jahren noch ganz anders. 

Aber welche Schlussfolgerungen ziehen Sie aus den sinkenden Mitgliederzahlen? 

Hieber: Wir entwickeln unser Angebot weiter, um es noch attraktiver zu machen. Denn wir halten den persönlichen und direkten Kontakt und Austausch auch im digitalen Zeitalter für unverzichtbar. Und wir sehen auch durchaus, dass unsere Angebote angenommen werden, wenn sie richtig gut und up to date sind. Beispielsweise unsere Veranstaltung zu Quantencomputing in Berlin im vergangenen Jahr war bis auf den letzten Platz ausverkauft. Auch neue Formate wie unser Musik-Festival „bits, bonding, bassline“ war mit 1.000 Teilnehmern ein riesiger Erfolg. Zum anderen ist aber natürlich auch für uns die Zeit nicht stehen geblieben. Das heißt, auch unsere digitalen Angebote haben wir bereits ausgebaut und werden das natürlich auch in Zukunft weiter tun. 

Rick: Wir müssen heute auch stärker den Benefit einer Mitgliedschaft vermitteln. Während früher eine Mitgliedschaft für Elektroingenieure mehr eine Selbstverständlichkeit war, wird inzwischen gefragt: „Was bringt mir das?“. Darauf müssen wir eine Antwort geben, und die sieht bei dem einen Mitglied auch sicher etwas anders aus als beim anderen. Das heißt, der eine profitiert vielleicht eher etwas mehr vom fachlichen Austausch und der andere, weil er hier oder da eine attraktive Vergünstigung durch die Mitgliedschaft hat. Wichtig ist aber, dass wir vor allem engagierte Mitglieder brauchen, die sich mit unseren Werten identifizieren, keine beitragszahlenden Karteileichen. Vereine, bei denen die Leute nur wegen günstiger Versicherungen Mitglied sind, haben in der Regel kein Vereinsleben mehr. Das passt nicht zu uns! 

Aber insgesamt sehen Sie den VDE auf einen guten Weg? 

Hieber: Unbedingt! Der VDE war noch nie ein statischer Verein, sondern hat sich im Laufe seiner bald 150-jährigen Geschichte permanent verändert und weiterentwickelt – für seine Mitglieder, aber eben auch vor allem: mit und durch seine Mitglieder. Denn ohne sie und ohne ihr persönliches Engagement ist der VDE nichts! 

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