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01.04.2026 VDE dialog

Smarte Normen: „Eine echte Erfolgsgeschichte!“

Die DKE gibt mit ihren Digitalisierungsinitiativen den entscheidenden Impuls für die zukünftige Bereitstellung von Normen.  Im Interview erläutert Janos Koschwitz, Abteilungsleiter Digital Hub der DKE, welche Rolle maschinenlesbare Normen dabei spielen, warum klassische PDF-Dokumente an ihre Grenzen stoßen und welche internationale Bedeutung das Thema inzwischen hat.

Interview: Martin Schmitz-Kuhl

Porträtfoto von Janos Koschwitz

Janos Koschwitz, Abteilungsleiter Digital Hub der DKE

| Privat

VDE dialog: Sie verantworten bei der DKE das Thema SMART Standards. Was verbirgt sich konkret hinter diesem Begriff?

Janos Koschwitz: SMART Standards sind Normen, deren Inhalte nicht nur für Menschen lesbar, sondern auch für Maschinen unmittelbar nutzbar sind. „SMART“ steht dabei für anwendbar, lesbar und übertragbar: Die Informationen aus Normen werden so strukturiert und semantisch angereichert, dass sie direkt in Software-Systeme importiert und dort weiterverarbeitet werden können. Ziel ist es, Normeninhalte anwendungs- und nutzerspezifisch digital bereitzustellen – etwa für Entwicklungs-, Prüf- oder Anforderungsmanagement-Systeme.

Warum reicht das klassische PDF-Format für Normen dafür nicht mehr aus?

PDF-Normen sind für Menschen geschrieben und müssen linear gelesen, interpretiert und manuell verarbeitet werden. In der Praxis bedeutet das häufiges Kopieren und Einfügen einzelner Textpassagen in interne Systeme. Dieser Prozess ist zeitaufwendig, fehleranfällig und wird in vielen Organisationen über Jahre hinweg immer wieder neu durchgeführt. Gerade neue Anwender investieren einen erheblichen Teil ihrer Arbeitszeit in die Analyse und Interpretation von Normen. SMART Standards setzen genau hier an, indem sie Inhalte „process-ready“ machen und redundante Arbeit vermeiden.

Seit wann beschäftigt sich die DKE mit der Digitalisierung von Normen, und wie hat sich dieses Themenfeld entwickelt?

Eigentlich schon seit dem IEC General Meeting 2016. Das Geschäftsfeld Digitalisierung gibt es in der DKE bereits seit dem Jahr 2022. Es wurde damals gezielt aufgebaut und ist seither kontinuierlich gewachsen. Über die Jahre hat sich gezeigt, dass Digitalisierung kein Randthema ist, sondern ein zentraler Bestandteil moderner Normungsarbeit. Ein wichtiger Schritt war dabei, Normen nicht mehr nur als Dokumente zu verstehen, sondern als Inhalte, die in unterschiedlichen Nutzungskontexten funktionieren müssen.

Welche Zielsetzung verfolgte das Geschäftsfeld Digitalisierung der DKE, als es aufgebaut wurde?

Als das Geschäftsfeld Digitalisierung aufgebaut wurde, ging es uns vor allem darum, Normanwendern einen echten digitalen Mehrwert zu bieten. Im Mittelpunkt stand die Frage: Wie können Normeninhalte so bereitgestellt werden, dass sie im Arbeitsalltag einfacher, schneller und weniger fehleranfällig genutzt werden können? Wir wollten weg von der rein dokumentenzentrierten Sicht und hin zu einem Ansatz, bei dem Normeninhalte so strukturiert sind, dass sie in digitalen Prozessen unmittelbar weiterverarbeitet werden können. Das bedeutete für uns auch ein verändertes Rollenverständnis: Wir haben nicht nur Normen erarbeitet, sondern auch darüber nachgedacht, welches Format, welche Struktur und welche Form von Digitalservice Anwender wirklich benötigen. Mit VDE CaaS haben wir erstmals sehr konsequent die Perspektive der Anwender eingenommen. Die zentrale Frage lautete: Wie werden Normen tatsächlich angewendet, und wie können wir diese Anwendung durch Digitalisierung erleichtern? Das war ein Stück weit ein verändertes Rollenverständnis. Wir haben nicht nur Normen geschrieben, sondern aktiv darüber nachgedacht, wie Norminhalte ausgeliefert werden müssen, damit sie im Alltag nutzbar sind. Daraus ist ein Ansatz entstanden, bei dem SMART Standards in verschiedenen Formaten bereitgestellt werden – orientiert an konkreten Nutzer- und Kundenanforderungen.

Eine besondere Rolle spielt dabei das Format ReqIF. Warum ist dieses Format für Normanwender so relevant?

ReqIF stammt aus dem Requirements Engineering und ist für viele Anwender ein etabliertes Standardformat. In der Praxis bedeutet das: Anstatt Inhalte aus einem PDF manuell zu kopieren und in ein Anforderungsmanagementsystem zu übertragen, können Normen direkt in die Software geladen werden, mit der ohnehin gearbeitet wird. Im SMART Standard ist bereits hinterlegt, was eine Anforderung ist, was eine Empfehlung ist und wie Inhalte einzuordnen sind. Es handelt sich also nicht mehr nur um Text, sondern um strukturierte, klassifizierte Daten. Für viele Unternehmen ist das ein erheblicher Fortschritt.

Gerade wird CaaS Service zur Marktreife gebracht und in ein eigenes Unternehmen ausgegründet. In Kürze ist es dann am Markt verfügbar. Warum war dieser Schritt notwendig?

Das Projekt wurde zunächst als Innovationsprojekt innerhalb der DKE im VDE gestartet und mündet nun in einer eigenständigen Ausgründung als Teil des VDE Verlags. Das ist folgerichtig, weil die DKE Norminhalte erarbeitet, während der Verlag für deren Vermarktung zuständig ist. Gleichzeitig erweitert sich damit das Angebot für die Kunden. Es geht nicht mehr nur um Textpublikationen, sondern um digitale Services von Normen. Der Verlag wird damit zum Serviceanbieter, der nicht nur textbasierte Inhalte, sondern auch nutzungsorientierte Formate bereitstellt. Für mich ist das eine echte Erfolgsgeschichte aus der DKE heraus: Ein Projekt mit hohem Innovationsgrad und durchaus auch Risiko wird aufgebaut und findet schließlich dort seine Heimat, wo es an Kunden ausgespielt werden kann.

Das Thema „SMART Standards“ wird auch eines der Fokus-Themen sein, die auf dem IEC General Meeting in Hamburg im November verhandelt werden. Warum setzt die DKE das Thema so weit vorne auf die Agenda?

Weil das einfach die Zukunft ist! Die Digitalisierung von Normen birgt enorme Effizienzpotenziale. Unternehmen können Zeit sparen, Kosten senken und Fehler vermeiden, wenn hochqualifizierte Normexperten nicht mehr manuelle Übertragungsarbeiten leisten müssen. Gerade weil es in vielen Normen um sicherheitsrelevante Aspekte geht, ist eine medienbruchfreie Weitergabe der Inhalte entscheidend. Und dieses Thema ist daher keineswegs nur national relevant. Rund 80 Prozent der Normen, die über den VDE vertrieben werden, sind IEC-Normen. Entsprechend klar ist auch die strategische Ausrichtung: international denken, „IEC first“. Schließlich benötigen international tätige Unternehmen auch international harmonisierte Normen. Folgerichtig müssen auch SMART Standards von Anfang an international ausgelegt sein. Die DKE nimmt hier eine Vorreiterrolle ein, weil früh und umfangreich investiert wurde.

IEC General Meeting 2026

Die DKE fühlt sich geehrt, Gastgeberin des Jahresevents der internationalen elektrotechnischen Normung zu sein. Unter dem Titel "Global Development. Driven by Standards." werden im November 2026 rund 3.500 Gäste in Hamburg erwartet.

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