(Frankfurt am Main, 19.03.2026) Die aktuelle Höhe und die prognostizierten Zuwächse der Netzkosten sind kein vorübergehendes Begleitphänomen der Energiewende. Zu diesem Fazit kommt ein aktuelles Impulspapier der Energietechnischen Gesellschaft im VDE (VDE ETG). „Die bisherigen Entwicklungen der Netzentgelte sind in diesem Sinne auch keine singulären oder selbstheilenden Ereignisse, sondern vielmehr Ausdruck eines strukturell zunehmend belasteten Systems, dessen aktuelle Leistungsfähigkeit, Planungsgrundsätze, Betriebsweisen und Anschlusslogiken vielfach noch nicht für die Anforderungen eines vollständig dekarbonisierten Energiesystems ausgelegt sind“, schreiben die Expertinnen und Experten aus dem Fachbereich V2 „Übertragung und Verteilung elektrischer Energie“ der VDE ETG darin – und drängen zu grundlegenden Reformen.
Kurative Ansätze erlauben
Konkret schlagen sie vor, situative, kontrollierte Eingriffe im Betrieb – sogenannte kurative Ansätze – zu erlauben, um eine bessere Ausnutzung vorhandener Betriebsmittel zu ermöglichen. „Diese Maßnahmen können dazu beitragen, die Kosten für den Netzausbau spürbar zu dämpfen – zum Beispiel, indem sie Teile des erforderlichen Netzausbaus ersetzen oder zeitlich verschieben“, erklärt Dr. rer. nat. Sebastian Wende-von Berg, kommissarischer Bereichsleiter Netzplanung und Netzbetrieb am Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik (IEE) und Mitautor des Positionspapiers. In diesem Zusammenhang sei es zudem wichtig, bei der wirtschaftlichen Bewertung auf die Gesamtkostenperspektive abzustellen. „Die Bundesnetzagentur sollte bei der Bewertung entsprechender Vorhaben den betrieblichen Aufwand gleichwertig zum klassischen, kapitalintensiven Ausbau der Netze behandeln – auch und vor allem im Hinblick auf finanzielle Anreize“, ergänzt Wende-von Berg.
Flexible Anschlussregelungen stärker nutzen
Daneben regen die Autorinnen und Autoren des Papiers an, flexible Anschlussregelungen stärker zu nutzen. Entsprechende Vereinbarungen können Versorger seit 2023 mit ihren Kunden vereinbaren, was eine kosteneffiziente Netzintegration ermöglicht. Zwar bestehe gerade hier noch erheblicher Forschungsbedarf, heißt es im Papier. „Um das zu ändern, muss der Gesetzgeber den Netzbetreibern bei entsprechenden Forschungsprojekten Unterstützen – und vielfach die Option für Experimentierräume wieder eröffnen“, sagt Wende-von Berg.
Wildwuchs verhindern
Kritisiert wird in dem Papier aber auch ein Wildwuchs. „Stromversorger sind dazu verpflichtet, Netzanschlussnehmenden – solange es nur der Klimaneutralität dient – quasi alles jederzeit an jedem Ort zu ermöglichen“, heißt es dort. Dabei seien Netzanschlüsse für transformationsrelevante, oftmals standortflexible Anlagen um ein Vielfaches kostengünstiger zu realisieren, wenn vor Ort bereits ausreichend Netzkapazität vorhanden ist. „Die Bundesregierung kann und muss für marktorientierte Großbatteriespeicher hinsichtlich Lage, Objektgröße sowie Netzebene entsprechende Vorgaben machen“, regt Wende-von Berg an. „Das Gleiche gilt für Freiflächen-Photovoltaikanlagen und – mit Einschränkungen – auch für Elektrolyseure und Windenergieanlagen.“
Bessere Netzplanung und mehr Forschung
Weitere Anregungen, die sich in dem Papier finden sind eine bessere Netzplanung, die sich an realen, beziehungsweise realistischen Lastprofilen statt an theoretischen Extremfällen orientiert, sowie die Grenzen der Steuerung klar zu definieren. Derzeit erlaubt das Energiewirtschaftsgesetz nämlich den Netzbetreibern, im Ausnahmefall erneuerbare Energien abzuregeln und Verbraucher vom Netz zu nehmen – ohne aber zu definieren, wie häufig und in welchem Umfang das gestattet ist, ohne einen Netzausbau erforderlich zu machen.
Auch wenn nach Ansicht der Autorinnen und Autoren die Stromverteilnetzkosten weiter steigen dürften – und damit negativ auf Investitions- und Nutzungsentscheidungen der Kunden wirken können – schließt das Papier vorsichtig optimistisch. „Mittel- und langfristig lässt sich nach unserer Einschätzung der Anstieg der Netzkosten spürbar dämpfen, wenn Verteilnetze aktiver, digitaler und flexibler betrieben werden“, heißt es im Fazit. „Die dafür nötigen Technologien und Methoden sind heute bereits weitgehend vorhanden, beziehungsweise erkennbar.“ Mit den richtigen politischen und regulatorischen Weichenstellungen könne der Transformationspfad auch im Bereich der Verteilnetze zügig und kosteneffizient fortgesetzt werden – im Einklang mit dem energiepolitischen Dreieck aus Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und Klimaschutz und zum Nutzen von Gesellschaft, Wirtschaft sowie Umwelt.