Christian Senger, Volkswagen, im Gespräch

Christian Senger: „So wie sich das Mobiltelefon zum Smartphone entwickelt hat, wird das Auto zum Smartcar. Dieser Logik folgen wir."

| Volkswagen
29.04.2020 Fachinformation

Das neue Auto ist ein elektrisch angetriebenes „Tablet on Wheels“

Elektromobilität und Digitalisierung – die Automobilindustrie befindet sich im Wandel. Über die künftigen Herausforderungen der Branche, den Stellenwert von Software im Auto der Zukunft und das Thema technologische Souveränität sprach Dr. Ralf Petri, Leiter Mobilität und Logistik im VDE, mit Christian Senger, CEO Car.Software-Organisation im Volkswagen Konzern und Volkswagen Markenvorstand für Digital Car & Services.

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Dr. Ralf Petri

Die Automobilindustrie befindet sich im Umbruch. Welche großen Herausforderungen sehen Sie?

Christian Senger: Elektromobilität und Digitalisierung sind die Taktgeber im Volkswagen Konzern. Und wir erhöhen das Tempo: Im Konzern werden wir bis 2024 rund 33 Milliarden Euro alleine für die Elektromobilität ausgeben, bis 2029 sind 26 Millionen E-Fahrzeuge für die Fertigung projektiert. Damit werden wir das größte und vielfältigste Elektroportfolio der Branche anbieten. Gleichzeitig verändert die Digitalisierung das Auto grundlegend. Unsere kommenden Modelle sind voll vernetzt, ihre Funktionalität lässt individuell konfigurieren und erweitern, die Fahrzeuge werden über Updates immer auf dem neuesten Stand gehalten. Vereinfacht gesagt: Das neue Ideal des Automobils ist ein elektrisch angetriebenes „Tablet on Wheels“.

Das Automobil als „Tablet on Wheels“: Welchen Stellenwert hat das Thema Software in Zukunft im Auto? 

Christian Senger: Software spielt bereits heute eine Schlüsselrolle im Auto, und sie wird künftig noch wichtiger. Denn die Erwartungen der Menschen an das Auto verändern sich, hin zu immer mehr digitaler Performance und Individualisierung. Hinzu kommen neue Assistenzsysteme, die das Autofahren noch sicherer und komfortabler machen. Wir müssen die digitale Leistungsfähigkeit unserer Fahrzeuge also stetig steigern. Das ist eine fordernde Aufgabe, denn die Komplexität moderner Autos ist enorm. So hat ein moderner Volkswagen bereits heute zehnmal mehr Code-Zeilen als ein Smartphone, und dieser Umfang wird sich in den kommenden Jahren nochmals verdreifachen. Diese Komplexität müssen wir beherrschen.

Wie gehen Sie mit diesen Herausforderungen im Volkswagen Konzern um?

Christian Senger: Uns ist klar, dass unsere herausragenden industriellen Kompetenzen allein nicht ausreichen werden. Wir machen Software deshalb zu einer weiteren Kernkompetenz. Dazu bauen wir die Car.Software-Organisation im Konzern auf, eine eigene Geschäftseinheit, die sich ausschließlich auf Softwareentwicklung konzentriert. Bis 2025 werden dort mehr als 10.000 Experten zusammenarbeiten. Ihre Hauptaufgabe ist die Entwicklung einer einheitlichen Software-Plattform für alle Marken im Volkswagen Konzern.

Auf welchen Ansatz setzen Sie dabei konkret?

Christian Senger: So wie sich das Mobiltelefon zum Smartphone entwickelt hat, wird das Auto zum Smartcar. Dieser Logik folgen wir. Unsere Car.Software-Organisation entwickelt eine Software-Plattform für alle Marken und Märkte im Konzern. Im Wesentlichen sind das unser eigenes Fahrzeug-Betriebssystem VW.OS und die dazugehörige Volkswagen Automotive Cloud. Damit umfassen wir alle softwarebasierten Funktionen bis tief ins Fahrzeug hinein, vom Infotainment und Cockpit-Funktionen hin zu Assistenzsystemen und Fahrwerksmanagement. Hinzu kommen digitale Services und Mehrwertdienste für unsere Kunden, bis hin zu Systemen im Handel.

Christian Senger, Volkswagen, Porträt

Christian Senger: „Wer sich das System eines IT-Riesen ins Auto holt, holt sich den IT-Riesen ins Auto."

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Wieso entwickelt Volkswagen eigene proprietäre Lösungen und setzt nicht auf Kooperationen mit großen IT-/Tech-Unternehmen wie Google oder Apple?

Christian Senger: Wir haben im Volkswagen Konzern das technologische Know-how und die notwendige Größe für ein eigenes Fahrzeug-Betriebssystem. Bei Software – das gilt erst recht für eine Plattformlösung – zählt allein Skalierung. Und unsere Konzernflotte hat ein enormes Potenzial für beträchtliche Skaleneffekte. Daher ergibt eine Eigenentwicklung für uns Sinn. Außerdem gibt es da noch die Datenfrage. Wer sich das System eines IT-Riesen ins Auto holt, holt sich den IT-Riesen ins Auto. Das gilt es sorgfältig und im Sinne unserer Kunden abzuwägen.

Wieso versuchen die deutschen/europäischen OEMs nicht, sich auf einen Industriestandard zu einigen?

Christian Senger: Die Automobilbranche ist recht heterogen. Ein Beispiel sind die alternativen Antriebe. Wir bei Volkswagen setzen aus mehreren guten Gründen auf den batterieelektrischen Antrieb. Andere gehen diesen Weg nicht so konsequent. Wie soll das erst bei einem automobilen Betriebssystem funktionieren? Hier geht es um Software, die tief ins Auto hineinreicht und dadurch eben auch im Wettbewerb differenziert. Wir konzentrieren uns in der Entwicklung deshalb erst einmal auf uns.

Sie sagten, dass bis 2025 mehr als 10.000 Experten in Ihrer Car.Software-Organisation zusammenarbeiten sollen. Kann die Autoindustrie in Sachen Arbeitgeberattraktivität denn mit IT-Unternehmen mithalten, wenn jetzt alle die gleichen Talente suchen?

Christian Senger: Wir sehen, dass die Automobilbranche für viele IT-Experten einen großen Reiz hat. Unsere Aufgaben sind spannend, die Entwicklung hin zum Tech-Unternehmen Volkswagen ist in vollem Gange. Und nun wollen wir den führenden Software-Stack für das Auto der Zukunft entwickeln. Das zieht. Genau daran setzen wir mit der Car.Software-Organisation an. Wir richten sie voll auf die Anforderungen moderner Software-Entwicklung aus, losgelöst von den Arbeitsmodellen des Maschinenbaus. So wollen wir immer mehr Talente und Experten für uns gewinnen. Der nächste spannende Schritt ist für uns, eine eigene Sprache und Kultur, eine „Markenidentität“ für Software im Volkswagen Konzern zu entwickeln.

Sind vor dem Hintergrund der skizzierten Entwicklungen pure Absatzzahlen künftig dann überhaupt noch die relevante Kenngrößen?

Christian Senger: Wir machen unseren unternehmerischen Erfolg nicht allein abhängig von der Zahl der produzierten Fahrzeuge. Eine hohe Nachfrage freut uns, ganz klar. Aber es geht auch um andere Faktoren, zuallererst die Profitabilität. Und Nachhaltigkeit wird ebenfalls immer wichtiger für die Bewertung unseres Geschäfts. So richten wir unser Handeln aus. Dazu gehört auch, neue Geschäftsmodelle zu prüfen und zu entwickeln. Denn Mobilität verstehen wir ganzheitlich, über den Bau und Verkauf von Autos hinaus. Ein Beispiel sind unsere Sharingunternehmen im Konzern, MOIA und WeShare.

Viele künftige Geschäftsmodelle basieren auf Daten. Wem gehören die Daten heute und wie sieht künftig das Zusammenspiel mit den Kunden aus?

Christian Senger: Daten haben dann einen Mehrwert, wenn aus ihnen konkrete Produkte oder Dienste werden, die den Alltag der Menschen sinnvoll bereichern. Und diese Angebote könnten selbstverständlich auch andere entwickeln. Es ist deshalb sinnvoll, bestimmte Daten im Fahrzeug mit Dritten zu teilen. Die Entscheidung darüber muss aber immer der Kunde selbst treffen. Unsere Aufgabe ist, Konzepte zu entwickeln, wie solche Daten dann wettbewerbsfördernd und diskriminierungsfrei geteilt werden können. Daran arbeiten wir im Moment.

Wie relevant ist die gerade einsetzende Diskussion über technologische Souveränität für Volkswagen?

Christian Senger: Technologische Souveränität ist entscheidend für wirtschaftlichen Erfolg. Wir verstehen unter Souveränität zwei wichtige Aspekte, die eng miteinander verknüpft sind: Eigenleistung und Expertise. Unser Ziel ist es, den Eigenanteil an der Softwareentwicklung im Fahrzeug bis 2025 auf mehr als 60 Prozent zu steigern. Konzernweit liegen wir heute noch unter 10 Prozent. Diese eigenen Fähigkeiten sind höchst relevant, denn sie sichern Unabhängigkeit. Wir bauen sie in der Car.Software-Organisation stark aus. Mehr selbst zu entwickeln bedeutet aber nicht, alles selbst machen zu müssen.

Sondern?

Christian Senger: Commodities, also etablierte Marktlösungen, werden wir sicher weiterhin von Dritten einkaufen. Hier kommt der zweite Aspekt von Souveränität ins Spiel: die Expertise. Dabei geht es vor allem um unsere Architekturkompetenz. Wir allein definieren die Architektur unseres Fahrzeug-Betriebssystems und legen damit Standards für Dritte fest. Wir selbst skizzieren die Software-Roadmap und entscheiden, welche Technologien eingebettet werden. Nicht umgekehrt. So bleiben wir als Automobilunternehmen auf Augenhöhe mit Technologiepartnern und Zulieferern auf der ganzen Welt.