Für Deutschland haben renommierte Institute inzwischen mehrfach nachgewiesen, dass Klimaneutralität bis 2050 möglich ist. Einen wichtigen Beitrag zum klimafreundlichen Energiesystem der Zukunft haben forschende Ingenieure bereits geliefert: die Kostendegression bei der Photovoltaik. Inzwischen ist der Punkt erreicht, wo Strom aus Sonnenkraft billiger wird als alle anderen Formen der Energieerzeugung. Systemkosten wie neue Netze und Speicher sind da noch nicht mitgerechnet. Aber die Tendenz ist klar und Sonnenstrom wird künftig noch billiger werden. Auch die Klimapfade-Studie des Industrieverbandes BDI weist auf erneuerbare Energien als Weg zur Erreichung der deutschen Emissionsminderungsziele. Diese Studie ist zweifellos eine überzeugende Quelle, weil ideologisch unverdächtig. Nur, ob es volkswirtschaftlich richtig ist, allen erneuerbaren Strom im Land selbst zu erzeugen, ist noch umstritten. Die Deutsche Energie-Agentur (dena) ist einer der Player, der für größere Importmengen auch von synthetischen Brennstoffen eintritt.
Technisch sind Windkraft und Photovoltaik aber so ausgereift, dass sich angesichts der drohenden Klimakrise die Frage aufdrängt, warum es nicht schneller geht mit der Energiewende. Und natürlich auch mit der Wärme- und Verkehrswende. An fehlenden technischen Lösungen liegt es jedenfalls nicht. Aber woran dann? Es ist ein Bündel von Problemen, das für jeden Sektor – Energie, Verkehr, Gebäude und Industrie – anders aussieht.
Flächenkonflikte lassen sich nicht einfach auflösen
Noch vor wenigen Jahren war die Energiewende in Deutschland vor allem eine Bürgerenergiewende. Windräder von Bürgerenergiegenossenschaften, Solarstromanlagen auf Eigenheimen und Biogasanlagen der Landwirte machten knapp die Hälfte der installierten Leistung aus. Die großen Stromkonzerne hielten Abstand. Legendär ist der Spruch des damaligen RWE-Chefs Jürgen Großmann aus dem Jahr 2012, Photovoltaik in Deutschland sei so sinnvoll wie „Ananaszüchten in Alaska“. Diese Einstellung hat sich geändert, und das ist gut so. Die Bürger allein könnten wohl nicht genug investieren, um die nötige elektrische Leistung für eine Dekarbonisierung der Wirtschaft zu installieren, zumal der Strombedarf in den kommenden Jahren steigen wird. Verkehr und Wärmesektor sollen ja auch mit grünem Strom elektrifiziert werden. Offshorewindkraft hat sich schneller als gedacht zu einem wichtigen Standbein der Energiewende entwickelt. Hier investierten Energiekonzerne passend zu ihrer Größe. Doch mit der Diskussion um hohe Strompreise durch die EEG-Umlage war 2014 der Anlass für die Umstellung des Fördersystems gekommen. Die Höhe der Vergütung für erneuerbaren Strom wird seitdem nicht mehr vom Bundestag, sondern in Ausschreibungen festgelegt. Das hat den Nachteil, dass nun die Ausschreibungsmengen staatlich vorgegeben sind. Die Preise sanken zwar stark, aber der ungebremste Ausbau war vorbei. Auf die Höhe der EEG-Umlage wirkte sich das leider kaum aus, denn sie wird vor allem von einem Kostenrucksack aus den Anfangsjahren der Förderung bestimmt. So wird die Vergütung von neuen Wind- und Solaranlagen im kommenden Jahr nur 0,7 Prozent der EEG-Umlage ausmachen.
Gleichzeitig kam die Bürgerenergie zum Erliegen. Das Ausschreibungsmodell war für Bürgerenergiegenossenschaften wegen höherer Anfangsinvestitionen zu riskant. Ausnahmeregelungen wurden laut der Bundesnetzagentur oftmals von Fake-Genossenschaften gekapert, sodass sie wieder abgeschafft wurden.
Die Umstellung auf Ausschreibungen ging einher mit einer sinkenden Akzeptanz von Windkraft. Das Thema Flächenkonkurrenz wird in einem dicht besiedelten Land wie Deutschland unabhängig davon bestehen bleiben. Laut der jüngsten Studie des Wuppertal Instituts müsste sich die installierte Leistung von Wind an Land bis 2050 mindestens verdoppeln, um den Klimazielen gerecht zu werden. Ein Konflikt mit dem Vogelschutz ist hier nicht wegzudiskutieren, obwohl es dafür Lösungsvorschläge etwa vom Bundesamt für Naturschutz gibt.