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Klimaschutz

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20.01.2021 Klimaschutz Publikation

Allein, es fehlt der Wille ...?

Der Klimawandel schreitet weiter voran, obwohl Technologien für seine Bekämpfung vorhanden sind. Aber noch werden sie nicht konsequent genug eingesetzt. Das hat Gründe: gesellschaftliche Konflikte, zu hohe Kosten, zu große Komplexität. Und die Politik dachte bisher zuerst an die Wähler von heute, nicht an die von morgen.

Von Susanne Ehlerding

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Für Deutschland haben renommierte Institute inzwischen mehrfach nachgewiesen, dass Klimaneutralität bis 2050 möglich ist. Einen wichtigen Beitrag zum klimafreundlichen Energiesystem der Zukunft haben forschende Ingenieure bereits geliefert: die Kostendegression bei der Photovoltaik. Inzwischen ist der Punkt erreicht, wo Strom aus Sonnenkraft billiger wird als alle anderen Formen der Energieerzeugung. Systemkosten wie neue Netze und Speicher sind da noch nicht mitgerechnet. Aber die Tendenz ist klar und Sonnenstrom wird künftig noch billiger werden. Auch die Klimapfade-Studie des Industrieverbandes BDI weist auf erneuerbare Energien als Weg zur Erreichung der deutschen Emissionsminderungsziele. Diese Studie ist zweifellos eine überzeugende Quelle, weil ideologisch unverdächtig. Nur, ob es volkswirtschaftlich richtig ist, allen erneuerbaren Strom im Land selbst zu erzeugen, ist noch umstritten. Die Deutsche Energie-Agentur (dena) ist einer der Player, der für größere Importmengen auch von synthetischen Brennstoffen eintritt.

Technisch sind Windkraft und Photovoltaik aber so ausgereift, dass sich angesichts der drohenden Klimakrise die Frage aufdrängt, warum es nicht schneller geht mit der Energiewende. Und natürlich auch mit der Wärme- und Verkehrswende. An fehlenden technischen Lösungen liegt es jedenfalls nicht. Aber woran dann? Es ist ein Bündel von Problemen, das für jeden Sektor – Energie, Verkehr, Gebäude und Industrie – anders aussieht.

Flächenkonflikte lassen sich nicht einfach auflösen

Noch vor wenigen Jahren war die Energiewende in Deutschland vor allem eine Bürgerenergiewende. Wind­räder von Bürgerenergiegenossen­schaf­ten, Solar­stromanlagen auf Eigenheimen und Biogasanlagen der Landwirte machten knapp die Hälfte der installierten Leistung aus. Die großen Stromkonzerne hielten Abstand. Legendär ist der Spruch des damaligen RWE-Chefs Jürgen Großmann aus dem Jahr 2012, Photovoltaik in Deutschland sei so sinnvoll wie „Ananas­züchten in Alaska“. Diese Einstellung hat sich geändert, und das ist gut so. Die Bürger allein könnten wohl nicht genug investieren, um die nötige elektrische Leistung für eine Dekarbonisierung der Wirtschaft zu installieren, zumal der Strombedarf in den kommenden Jahren steigen wird. Verkehr und Wärmesektor sollen ja auch mit grünem Strom elektrifiziert werden. Offshorewindkraft hat sich schneller als gedacht zu einem wichtigen Standbein der Energiewende entwickelt. Hier investierten Energie­konzerne passend zu ihrer Größe. Doch mit der Diskussion um hohe Strompreise durch die EEG-Umlage war 2014 der Anlass für die Umstellung des Fördersystems gekommen. Die Höhe der Vergütung für erneuerbaren Strom wird seitdem nicht mehr vom Bundestag, sondern in Ausschreibungen festgelegt. Das hat den Nachteil, dass nun die Ausschreibungsmengen staatlich vorgegeben sind. Die Preise sanken zwar stark, aber der ungebremste Ausbau war vorbei. Auf die Höhe der EEG-Umlage wirkte sich das leider kaum aus, denn sie wird vor allem von einem Kostenrucksack aus den Anfangsjahren der Förderung bestimmt. So wird die Vergütung von neuen Wind- und Solaranlagen im kommenden Jahr nur 0,7 Prozent der EEG-Umlage aus­machen.

Gleichzeitig kam die ­Bürgerenergie zum Erliegen. Das Ausschreibungsmodell war für Bürgerenergie­genos­senschaften wegen höherer Anfangsinvestitionen zu riskant. Ausnahmeregelungen wurden laut der Bundesnetzagentur oftmals von Fake-­Genossenschaften gekapert, sodass sie wieder abgeschafft wurden.

Die Umstellung auf Ausschreibungen ging einher mit einer sinkenden Akzeptanz von Windkraft. Das Thema Flächenkonkurrenz wird in einem dicht besiedelten Land wie Deutschland unabhängig davon bestehen bleiben. Laut der jüngsten Studie des Wuppertal Instituts müsste sich die installierte Leistung von Wind an Land bis 2050 mindestens verdoppeln, um den Klimazielen gerecht zu werden. Ein Konflikt mit dem Vogelschutz ist hier nicht wegzudiskutieren, obwohl es dafür Lösungsvorschläge etwa vom Bundesamt für Naturschutz gibt.

Mögliche Verlierer bremsen die Klimapolitik

Nach dem Ausstieg aus der ­Kohle kommt mit der Dekarbonisierung des Verkehrs der nächste Großkonflikt auf die Gesellschaft zu. Auch hier ist die technische Lösung vorhanden: Batterie­elektrische Fahrzeuge sind trotz gegenteiliger, schöngerechneter Studien die effizienteste Möglichkeit, sich motorisiert fortzubewegen. Wer das Gegenteil behauptet, möchte fossile Kraftstoffe oder Verbrennungsmotoren im Spiel halten. Es geht hier um einen Konflikt zwischen Gewinnern und Verlierern von Klimapolitik. Ihn hat ein Aufsatz in der Fachzeitschrift „Global Environmental Politics“ jüngst als wichtigstes bremsendes Element für starken Klimaschutz ausgemacht.

Damit die Verkehrswende keine reine Antriebswende bleibt, braucht es neue Konzepte wie den reibungslosen Umstieg zwischen Verkehrsmitteln. Oder neue Fahrradwege. In der Verkehrspolitik sind die Bürger jedenfalls viel mehr als bei der Energiepolitik individuell betroffen – und damit als Wähler auf die Barrikaden zu bringen.

Wegfallen müsste hier die ideologische Brille, die neue Verkehrskonzepte als „grüne“ Projekte wertet. Sachgerechter wäre, auf die Vorteile der Bürger etwa durch bessere Luft in den Städten zu schauen. Gleichzeitig müssten Klimaschützer anerkennen, dass Mobilität eine zivilisatorische Errungenschaft ist, und noch mehr Gehirn­schmalz auf deren saubere Umstellung verwenden.

Die Wärmewende hat ein Komplexitätsproblem

Der Zug der Zeit ist jedenfalls nicht mehr aufzuhalten: Die chinesische Gesellschaft für Automobilexperten hat dem Industrieminister ihres Landes empfohlen, ab 2035 keine reinen Verbrenner mehr zuzulassen. Kalifornien und Großbritannien haben dies bereits beschlossen. Wer heute noch kein E-Auto kaufen würde, weil er fürchtet, keine Ladesäule zu finden, wird bald auf ein besseres Angebot stoßen. Umso mehr wird dann gesellschaftlich ausgehandelt werden müssen, wie lange die deutsche Autoindustrie noch Zeit für den Übergang vom Verbrenner zum E-Mobil haben sollte.

Im Gebäudesektor liegen die ­Herausforderungen wieder anders. Technisch gesehen gibt es mit der Wärmepumpe eine gute Lösung für erneuerbare Wärme. Auch Geo­thermie oder Solarthermie in Kombination mit Wärmenetzen sind eine Option. Biogas wird im neuen Gebäudeenergiegesetz zurecht gefördert und im bayerischen Haßfurt wollen die Stadtwerke ein Neubaugebiet demnächst sogar mit Brennstoffzellen heizen, deren Energie aus Wasserstoff erzeugt wird. Diese Aufzählung zeigt aber auch das Dilemma der Wärmewende: Es gibt viel mehr Technologien als bei der Stromerzeugung und der durchschnittliche Häuslebauer ist bei einer Sanierung überfordert.

Hinzu kommt: Jedes Haus verlangt seine individuelle Lösung. Das verschafft der Wärmewende ein weiteres Komplexitätsproblem. Die dena versucht hier gegenzusteuern und entwickelt mit der niederländischen Energiesprong-Initiative ein System der seriellen Sanierung weiter. Es wurde bereits in mehreren Ländern angewandt und passt in Deutschland vor allem auf Mehrfamilienhäuser aus den 50er- und 60er-Jahren, die architektonisch sehr ähnlich sind. Bei der seriellen Sanierung wird die Dämmung in einer Fabrik vorgefertigt, zum Heizen wird eine Wärmepumpe eingebaut und auf das Dach kommt Photovoltaik. In Serie zu sanieren verringert den Sanierungszeitraum und senkt die Kosten. Unter den aktuellen Rahmenbedingungen dagegen rechnet sich eine energetische Sanierung meist nicht. Die Kosten können über die eingesparte Energie nur auf einen sehr langen Zeitraum zurückgeholt werden. Das aber wird sich bald ändern: Mit dem neuen nationalen CO2-Preis steigen die Kosten für Heizöl ab Januar um rund 20 Prozent, die für Erdgas um 10 Prozent. Der CO2-Preis wird dann jedes Jahr weiter angehoben, bis er 2025 einen Preisanstieg gegenüber heute von 40 Prozent bei Öl und 20 Prozent bei Erdgas erreicht. Branchenkenner erwarten deshalb eine steigende Sanierungsrate, zumal die Bundesregierung die Fördersätze erhöht hat und man eine Sanierung jetzt auch steuerlich absetzen kann.

CO2-Differenzverträge als stützende Instrumente

Die Industrie ist beim Klimaschutz ein Sonderfall, weil es dort Branchen mit Prozessemissionen gibt. Bei der Herstellung von Stahl, Zement und chemischen Produkten wird unweigerlich Kohlendioxid frei, jedenfalls bei den heutigen Verfahren. Wie man sie umstellen könnte, ist theoretisch klar und wird in Versuchsanlagen auch schon probiert: HeidelbergCement hat im belgischen Lixhe eine Anlage gebaut, die das CO2 abscheidet, das beim Brennen von Kalk entsteht. Thyssenkrupp betreibt in Duisburg einen Hochofen, wo Wasserstoff statt Kohle eingeblasen wird. Die Salzgitter AG plant das Gleiche.

Seit dem Klimaabkommen von Paris wissen die Unternehmen, dass sie diese Verfahren entwickeln müssen, um in der klimaneutralen Welt von morgen konkurrenzfähig zu bleiben. Sie denken mit und bringen eigene Studien heraus, wie etwa der Verband der Chemischen Industrie mit seiner Roadmap 2050. Der Konflikt liegt hier ganz schlicht in der Investitionshöhe, die die Unternehmen leisten müssen.

Eines der Instrumente, um die Kosten zu begrenzen, sind CO2-Differenzverträge (Carbon Contracts for Difference). Darin vereinbaren Staat und Unternehmen einen Fixpreis pro Tonne CO2. Der Preis für Verschmutzungsrechte im europäischen Emissionshandel dient als Referenz. Hier bekommen energieintensive Unternehmen immer noch große Mengen kostenloser Zuteilungen, aktuell rund 80 Prozent aller Zertifikate, die sie brauchen. Ist der Zertifikatepreis höher als der Fixpreis, zahlt der Staat dem Unternehmen die Differenz. Ist er niedriger, zahlt das Unternehmen an den Staat. Die daraus resultierende Planungssicherheit senkt die Kapitalkosten. Weitere Möglichkeiten, die Unternehmen zu unterstützen, sind weitere freie Zuteilungen von Verschmutzungsrechten im Emissionshandel oder ein CO2-Grenzzoll. Er könnte die europäische Industrie vor Konkurrenzprodukten aus Regionen mit weniger Klimaschutz schützen und ist von der EU-Kommission geplant. Einen Vorschlag dafür will sie im zweiten Quartal 2021 herausbringen.

Die EU hat eine positive Dynamik ausgelöst

Um die Emissionen dauerhaft zu senken, braucht es vor allem strukturelle Veränderungen. Entscheidend angestoßen wurden sie von der Bewegung Fridays for Future, die der Politik reichlich Anlass bot, ausgetretene Pfade zu verlassen und endlich einen CO2-Preis einzuführen. Diese Entwicklung zeigt, dass Veränderungen von Menschen gemacht werden, nicht nur von Technologien. Auch dazu will die EU demnächst forschen: Die klimaneu­trale Stadt gehört zu den sozialen Entwicklungen, die als wichtige Themen für das Forschungsprogramm Horizont Europa identifiziert wurden. Die Politik hat jetzt einen Grund mehr, auf die zahlenmäßig geringen jungen Wähler zu hören, auch wenn ein Problem bisher ungelöst ist: Die ungeborenen Wähler von morgen haben keine Stimme. Initiativen, Generationengerechtigkeit ins Grundgesetz zu schreiben, sind bisher gescheitert.

Aktuell gibt es aber politisch eine positive Dynamik: Dem mutigen Bekenntnis der EU zur Klimaneutralität bis 2050 sind China, Japan und Südkorea gefolgt. Die Chancen stehen gerade wieder ganz gut, die schlimmsten Folgen des Klimawandels abzuwenden.

Susanne Ehlerding ist Redakteurin beim Tagesspiegel Background Energie & Klima.

 

Wanderer in tote Baumschaft

Wie der Wald noch zu retten ist

Wanderer in tote Baumschaft

Der Wald, Sehnsuchtsort der Deutschen, ist in Gefahr. Wohl kaum eine der bereits spürbaren Auswirkungen des Klimawandels hat die Öffentlichkeit so aufgerüttelt wie das Baumsterben nach drei Dürrejahren in Folge. Wegen der Trockenheit können die Bäume nicht mehr genug Harz gegen die Borkenkäfer produzieren. Stürme, die mit dem Klimawandel tendenziell stärker werden, richten weiteren Schaden an. Damit sinkt bereits jetzt die wichtige Fähigkeit des Waldes, CO2 zu binden. Das hat das internationale Forschungsprojekt ICOS nachgewiesen. Nicht jedes Jahr wird so trocken sein wie die vergangenen. Dürren aber werden mit hoher Wahrscheinlichkeit zunehmen, fasst der Weltklimarat IPCC den Forschungsstand zusammen. Der Umbau des Waldes mit neuen Arten wird hier gegensteuern. Dazu wird wohl auch eine naturnähere Bewirtschaftung gehören, ein Konfliktthema zwischen Waldbesitzern, Naturschützern und holzverarbeitender Industrie. Gerettet wird der Wald aber überall dort, wo CO2-Emissionen gesenkt werden. Wenn das gelingt, kann er leben.

Link zum Projekt ICOS https://royalsocietypublishing.org/toc/rstb/375/1810