Miteinander vernetzte Menschen
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01.04.2026 VDE dialog

Die Kraft der Vielen!

Rund 2.000 Menschen arbeiten weltweit für den VDE – hauptamtlich. Das ist allerdings nichts im Vergleich zu all den Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren. In ihrem Einsatz zeigt sich, wie aus vielen einzelnen Beiträgen eine gemeinsame Stärke entsteht – und warum der VDE ohne dieses Engagement kaum vorstellbar wäre.

Von Martin Schmitz-Kuhl

Wenn sich an einem ganz normalen Wochentag irgendwo in Deutschland Mitglieder eines VDE Bezirksvereins treffen, wirkt das von außen eher unspektakulär. Man setzt sich im Konferenzbereich einer Hochschule, dem Seminarraum eines Stadtwerks, manchmal auch nur im Nebenzimmer einer Gaststätte zusammen. Auf dem Tisch liegen Protokolle und Unterlagen, irgendwo steht vielleicht eine Kiste mit Lötstationen für den nächsten Workshop, auf dem Laptop leuchtet eine Präsentation zur Energiewende oder zu Cybersicherheit. Alle Teilnehmenden können sich sicher sein, dass am nächsten Tag nichts über dieses Treffen in der Zeitung stehen wird, wahrscheinlich wird es noch nicht einmal eine Pressemitteilung geben. Und doch ist das, was sich hier abspielt, das Kernstück dessen, was den Verband im Inneren zusammenhält: ehrenamtliche Arbeit in den Regionen, getragen von Menschen, die ihre Freizeit in ein Netzwerk investieren, das viele von ihnen seit Jahren begleitet.

Strukturell ist dieses Engagement mehr als ein freundlicher Zusatz. Der VDE versteht sich seit seiner Gründung am 21. Januar 1893 als Verein, dessen Grundarchitektur von Ehrenamtlichen geprägt ist. „Im Organigramm des VDE stehen Delegiertenversammlung und Präsidium über allem. Das Ehrenamt bestellt auch den hauptamtlichen Vorstand“, betont Dr. Martin Hieber, Mitglied eben dieses Vorstands. Und er unterstreicht: „Wir sind und bleiben ein technisch-wissenschaftlicher Verein, getragen von seinen Mitgliedern!“ Diese Haltung ist kein nostalgischer Verweis auf alte Zeiten, sondern beschreibt ein lebendiges Geflecht: Die rund 28 Bezirks- und Regionalvereine sind nicht einfach Untergliederungen, sondern eigenständige Vereine mit eigener Historie, eigener Satzung und eigener Verantwortung.

Wer sich hier engagiert, übernimmt oft Aufgaben, die anderswo nicht selten bezahlte Kräfte erledigen würden. Dr. Kevin Rick, Leiter des Mitgliederservices im VDE, beschreibt diese Bandbreite so: „Das reicht von klassischen Vereinsfunktionen wie Kassenwart oder Jungmitglieder-Referent bis hin zur amtslosen Organisation von Veranstaltungen oder Aktionen wie Lötkursen.“ Für viele Engagierte ist gerade diese Mischung aus formalen Ämtern und flexiblen Rollen attraktiv, weil sie Freiraum lässt, aber dennoch klare Verantwortung mit sich bringt.

Dr. Kevin Rick steht vor einem Publikum mit Mikrofon in der Hand

Dr. Kevin Rick als Moderator einer Fachveranstaltung: Inhaltliche Arbeit zu gesellschaftlich relevanten Themen.

| Nicole Lipphardt

Die Satzung des VDE e. V. verankert die Bezirksvereine ausdrücklich als diejenigen, die in ihrem Bereich die Zwecke des Verbandes vertreten. Übersetzt in den Alltag bedeutet das: Sie organisieren technisch-wissenschaftliche und gesellschaftspolitische Diskussionen, fördern den Austausch der Mitglieder untereinander und mit der Öffentlichkeit, ermöglichen berufliche Zusammenarbeit und tragen zur Weiterbildung bei. In der Praxis entstehen daraus Vortragsabende in regionalen Unternehmen, Seminare zu Normungsthemen, Exkursionen zu Netzbetreibern, Besichtigungen von Laboren oder Kraftwerken, aber auch ungezwungene Stammtische, bei denen Studierende, Berufseinsteiger und erfahrene Ingenieure miteinander ins Gespräch kommen.

Wie viel Gestaltungsspielraum in diesem Rahmen steckt, zeigt sich in Bezirksvereinen, die gezielt eigene Schwerpunkte setzen. In der Kurpfalz etwa hat der ehrenamtliche Vorstand in den vergangenen Jahren mit dem „Kurpfälzer Weg in der Energiewende“ eine Strategie entwickelt, die regionale Industrie, kommunale Akteure und Wissenschaft an einen Tisch bringen will. Unter der Flagge des VDE und gemeinsam mit der Energietechnischen Gesellschaft werden hier lokale Fragen der Energiewende verhandelt, mit der Expertise von Mitgliedern, die aus der Energiewelt kommen. Solche Initiativen machen sichtbar, was sonst leicht abstrakt bleibt: dass Ehrenamt im VDE nicht nur Vereinsverwaltung ist, sondern inhaltliche Arbeit zu gesellschaftlich relevanten Themen.

Viele derjenigen, die sich in den Vorständen der Bezirksvereine engagieren, bringen Führungsverantwortung aus ihrem Berufsleben mit oder haben sie früher getragen. Dennoch geht das Engagement über die Übertragung bekannter Rollen hinaus. In den Regionen entstehen Räume, in denen sich auch jüngere und weniger erfahrene Mitglieder ausprobieren können. Solche Erfahrungen lassen sich schwer in ein Organigramm einzeichnen, sind für persönliche Entwicklung und Bindung an den Verband jedoch zentral. Genau hier liegt einer der Gründe, warum sich viele Aktive im VDE nicht über Titel oder Auszeichnungen definieren. Die Motivation ist meist intrinsisch: Freude an Themen, der Wunsch, Fachwissen weiterzugeben, Neugier auf neue Technologien sowie das Bedürfnis nach beruflicher Vernetzung. Formen der Anerkennung gibt es selbstverständlich. Sie reichen von Urkunden für Vertrauensdozenten über Ehrennadeln und Ehrenmitgliedschaften bis zur Mitarbeit in Jurys wie bei den MINT-Sternen, mit denen Engagement von Lehrkräften ausgezeichnet wird. Vieles ist jedoch leiser: ein Dank nach einer gelungenen Veranstaltung, das Feedback von Studierenden, die über ein Praktikum Kontakt zu einem Unternehmen bekommen haben, oder der Moment, in dem eine Exkursion ausgebucht ist.

Strukturell sind die Bezirksvereine in Regionen gebündelt, die intern als Cluster fungieren. Namen wie Hanse, Südwest, West, Bayern oder Ost-Mitte tauchen zwar nicht in der Satzung auf, schaffen aber eine zusätzliche Ebene des Austauschs. Gemeinsam mit den Regionalleitern sollen die Vereine besser miteinander kommunizieren, sich abstimmen und weiterentwickeln. Hintergrund ist der demografische und strukturelle Wandel: sinkende Mitgliederzahlen, Veränderungen in der Arbeitswelt, neue Anforderungen an ehrenamtliches Engagement. In Strategierunden und Klausurtagungen tauschen sich Delegierte darüber aus, wie der Verband auf diese Entwicklungen reagiert. Diskutiert werden Fragen wie die Höhe und Struktur der Mitgliedsbeiträge, die Zukunft der dezentralen Struktur mit vielen eigenständigen Vereinen und die Frage, wie viel Autonomie vor Ort nötig ist, um das Engagement lebendig zu halten.

Hauptamt und Ehrenamt stehen dabei nicht in Konkurrenz, sondern in einem Spannungsverhältnis, das produktiv sein kann. Auf der einen Seite sind die hauptamtlichen Mitarbeitenden in der Zentrale in Offenbach, auf der anderen Seite all die ehrenamtlich Aktiven, die quer über die Republik verteilt sind. Im Alltag bedeutet das gemeinsame Projektarbeit, Abstimmungen zu Veranstaltungen, Entscheidungen über Förderbudgets oder die inhaltliche Ausgestaltung von Programmen für den Nachwuchs. Wenn Delegierten-Taskforces Weichenstellungen für die Zukunft des Verbandes vorbereiten, ist jeder Vorschlag, jede Zahl und jede Formulierung auch Ausdruck regionaler Erfahrungen: Wie lassen sich junge Menschen gewinnen, wenn Studienpläne immer dichter werden und Berufseinsteigerinnen unter permanentem Leistungsdruck stehen; welche Formate funktionieren in ländlichen Regionen, welche in Metropolräumen.

Die Ergebnisse dieser Diskussionen sind ambivalent, aber ermutigend. „In unserer Mitgliederumfrage von Anfang letzten Jahres haben mehr als die Hälfte der Befragten der Aussage zugestimmt, dass der VDE ein Verein zum Mitmachen ist und dass sie mit den Möglichkeiten zum Mitmachen zufrieden sind“, sagt Rick. Zugleich beschreibt er einen Trend, den viele Organisationen kennen: „Unser Ehrenamt wird älter, und die Nachwuchsgewinnung wird immer herausfordernder.“ Die klassischen Ämter in traditioneller Vereinsstruktur, das langfristige Übernehmen einer Funktion über Jahre hinweg spricht jüngere Generationen oft weniger an. Gefragt sind zeitlich begrenzte Projekte, klar umrissene Aufgaben und digitale Beteiligungsformen, die sich mit Studium, Familie und Beruf vereinbaren lassen.

Dr. Martin Hieber mit Mikrofon

Dr. Martin Hieber bei der VDE Bayern Tec Cruise 2025: Hauptamt und Ehrenamt in produktivem Spannungsverhältnis.

| Anja Rottke / VDE

Für den VDE bedeutet das, das Ehrenamt neu zu denken, ohne seine Grundlagen preiszugeben. Die Satzung lässt viel Raum für Engagement; Vernetzung steht im Vordergrund. In Hochschulgruppen können Jungmitglieder eigenständig mit Geldern aus dem Bezirksverein arbeiten und Veranstaltungen organisieren; bei Formaten wie der VDE-Skireise nach Davos übernehmen junge Engagierte als Reisebetreuer Verantwortung, sind Ansprechpartner für den Veranstalter und gestalten Programmteile mit. In den Jungen Foren der Fachgesellschaften wiederum können sie thematisch arbeiten, Vorträge organisieren oder selbst referieren. Auch wenn der Fokus hier über den engen Rahmen der Bezirksvereine hinausgeht, zeigt sich an diesen Beispielen, dass regionale Verankerung und thematische Arbeit einander ergänzen: Ohne das Netzwerk der Bezirksvereine gäbe es viele Zugänge zu diesen Angeboten nicht – und jedes Mitglied des VDE ist erst einmal Mitglied eines Bezirksvereins.

Der Verband nutzt zudem seine Landesvertretungen, um gegenüber Landesregierungen, technologiepolitischen Institutionen, Hochschulen und Unternehmen mit einer Stimme aufzutreten – etwa beim jährlich stattfindenden Parlamentarischen Abend des VDE Hessen. Die Landesvertretungen sind dabei weniger eine zusätzliche ehrenamtliche Spielfläche als vielmehr eine koordinierende Ebene, die regionalen Anliegen Gewicht verschaffen soll.

Im Kern bleibt die Botschaft unverändert: Ohne die Engagierten vor Ort wäre der Verband ein anderer. Viele Themen, die heute die Agenda bestimmen – von Energiewende über Digitalisierung bis hin zur Nachwuchsförderung – entstehen zuerst in den Regionen, bevor sie in Gremien und Positionspapiere wandern. Präsenz an Schulen, Hochschulen oder bei kommunalen Akteuren ist selten Ergebnis zentraler Programme, sondern die Arbeit einiger weniger Ehrenamtlicher, die sagen: Wir machen das. Für sie ist der Verband im Alltag nicht die große Zentrale in Offenbach, sondern der Bezirksverein, die Runde beim Stammtisch, der Kontakt zur Hochschulgruppe oder die Exkursion, die man seit Jahren mitorganisiert. Sie setzen Themen, sprechen neue Menschen an und entscheiden, welche Schwerpunkte vor Ort sichtbar werden. Hieber bringt es auf den Punkt: „Ohne ehrenamtliches Engagement gibt es keine VDE Bezirksvereine und ohne diese Bezirksvereine wäre der VDE als Verband nur eine Hülle.“

VDE: „Ein Verband, der vom Mitmachen lebt“

Dr. Martin Hieber und Dr. Kevin Rick stehen lachend nebeneinander

Dr. Martin Hieber, Mitglied des Vorstands im VDE (l.), Dr. Kevin Rick, Leiter des Mitgliederservices im VDE (r.)

| Petra Löw
01.04.2026 VDE dialog

Ein Gespräch mit Dr. Martin Hieber, der für die Mitglieder zuständige Vorstand des VDE, und Dr. Kevin Rick, Leiter des Mitgliederservices im VDE, über die Bedeutung des Ehrenamts, die Rolle der Bezirksvereine und die Zukunft der Mitwirkung im Verband. 

Interview: Martin Schmitz-Kuhl

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