Ein Kreuzfahrtschiff wird mit Landstrom versorgt.
© HPA/Christian Bruch
01.04.2026 VDE dialog

Schiffsverkehr: Generatoren abschalten!

Container- und Kreuzfahrtschiffe erzeugen erhebliche Emissionen – selbst wenn sie nicht unterwegs sind. Während sie im Hafen liegen, werden die meisten von ihnen per Treibstoffgenerator mit Strom versorgt. Durch die Versorgung mit Strom aus erneuerbaren Energiequellen von Land aus soll die Schifffahrt klimafreundlicher werden.

Von Katja Dombrowski

Schiff am Liegeplatz festmachen, Maschine aus, Landstromkabel anschließen – für Sportboote ist das Standard, für die gewerbliche Schifffahrt hingegen noch die Ausnahme. Nur wenige Seehäfen weltweit bieten Fracht- und Passagierschiffen die Möglichkeit, ihren Strombedarf während der Liegezeit über einen Landanschluss zu decken und so Emissionen und Lärm zu vermeiden. Aber es werden immer mehr. Parallel dazu müssen auch die Flotten landstromfähig gemacht werden.

Derzeit nutzen die meisten Schiffe noch den besonders schmutzigen Treibstoff Schweröl. Ihr Anteil am globalen CO2-Ausstoß liegt zusammengenommen bei ungefähr drei Prozent. Diese Emissionen schaden nicht nur dem Weltklima, sondern verschmutzen auch die Luft in den Häfen massiv. Während der Liegezeit erzeugt ein Generator an Bord, in der Regel mit dem gleichen Treibstoff angetrieben wie die Hauptmaschine, den benötigten Strom. Im Falle von Kreuzfahrtschiffen kann dieser schon mal dem Bedarf einer Kleinstadt entsprechen.

International gilt das Ziel, die Treibhausgasemissionen aus der Schifffahrt sukzessive zu senken; Netto-Null-Emissionen sollen bis 2050 erreicht werden. Davon sind Emissionen in Häfen nur ein verhältnismäßig kleiner Teil: Bei Frachtschiffen entstehen nach Angaben des Verbands Deutscher Reeder (VDR) durchschnittlich sechs bis zehn Prozent der gesamten CO2-Emissionen im Betrieb während des Hafenaufenthalts. Bei Kreuzfahrten sind es hingegen wesentlich mehr: Der größte deutsche Anbieter AIDA Cruises gibt beispielsweise an, dass seine Schiffe im Schnitt 40 Prozent ihrer Reisezeit in Häfen verbringen. Zudem betreffen die Emissionen – neben Treibhausgasen sind das auch weitere Luftschadstoffe wie Stickoxide und Schwefeloxide sowie Lärm – in Häfen besonders viele Menschen direkt. Landstrom leistet daher einen Beitrag zur Reduktion an einer wichtigen Stelle.

Allerdings stellen bisher nach Informationen der Internationalen Schifffahrtskammer ICS (International Chamber of Shipping) nur drei Prozent der Häfen weltweit Landstrom zur Verfügung. Im Kreuzfahrtbereich sieht die Lage sogar noch schlechter aus: Nach Angaben aus der Branche gibt es weltweit nur etwas mehr als 20 Kreuzfahrthäfen mit Landstrom und damit weniger als ein Prozent. Allein drei der Häfen befinden sich in Deutschland: Hamburg, Kiel und Rostock-Warnemünde.

Kabelfahrzeugim Kieler Hafen

Im Kieler Hafen am Ostseekai bildet das Kabelfahrzeug eine flexible

Verbindung zur Landstromanlage.

| PORT OF KIEL

Bei der Landstromversorgung in Containerhäfen ist China Vorreiter. Auch einige Häfen in Nordamerika und Europa bieten die entsprechende Infrastruktur, und in Kalifornien ist die Landstromversorgung seit 2023 sogar Pflicht. Vorreiter in Deutschland ist der Hamburger Hafen: Der größte Seehafen des Landes bietet seit Mai 2024 neben den Systemen für Kreuzfahrtschiffe auch Landstromversorgung für Containerschiffe an. Seit Ende 2025 sind an allen Kreuzfahrt- und Großcontainerterminals entsprechende Systeme verfügbar.

Pro Anlage kostet die Schaffung dieser Infrastruktur laut Hanno Bromeis, der beim Hafenbetreiber Hamburg Port Authority für Landstrom und Elektrifizierung zuständig ist, zwischen 10 und 20 Millionen Euro. Die Hälfte trägt die Stadt Hamburg, die andere Hälfte deckt eine Förderung des Bundes. Der Strom stammt zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen. „Nur so trägt Landstrom zur Dekarbonisierung des Gesamtsystems bei“, sagt Bromeis. Hamburg plane, dafür in der Zukunft auch eine Direktversorgung aufzubauen, mit Windkraftanlagen, Photovoltaikanlagen und Großspeichern auf dem Hafengelände.

Auch für die Reedereien ist die Umstellung auf Landstrom mit beträchtlichem Aufwand verbunden. „Auf den Schiffen müssen Transformatoren, spezielle Sicherheitseinrichtungen sowie die Anschlussvorrichtung installiert werden“, erklärt VDR-Pressesprecher Carsten Duif. „Hinzu kommen komplexe Eingriffe in die bordeigene Energieversorgung, einschließlich der Steuerungssysteme, damit der Übergang vom Schiffsdiesel auf Landstrom nahtlos und sicher erfolgen kann.“ Je nach Schiffstyp, Alter und technischen Voraussetzungen koste das bis zu einer Million US-Dollar.

Die Reedereien, die den Landstrom für ihre Schiffe nutzen, zahlen zum einen den Stromverbrauch pro Kilowattstunde und zum anderen eine Servicegebühr, die laut Bromeis bei Containerschiffen um die 4.000 bis 5.000 Euro beträgt und bei Kreuzfahrtschiffen bis zu 7.000 Euro. Der Strom werde am Spotmarkt eingekauft, wodurch der Preis stark schwankt. „Das geht nicht anders“, sagt Bromeis. „Der Bedarf schwankt zwischen Null und dem Verbrauch einer Kleinstadt, dafür kann kein Tarif angeboten werden.“

Im Moment trieben dennoch viele Reedereien die Umrüstung ihrer Bestandsflotten voran und statteten neue Schiffe von vorneherein mit Anlagen zur Landstromnutzung aus. Bei Deutschlands größter Container-Reederei Hapag Lloyd etwa ist das im Neubau nach Konzernangaben inzwischen Standard. Insgesamt verfügen demnach aktuell rund 30 Prozent der Flotte über die Technik. Dazu, wie sich die Situation global darstellt, liegen dem VDR zufolge keine Zahlen vor. Für Hamburg schätzt Bromeis, dass rund 50 bis 60 Prozent der Großschiffe, die den Hafen anlaufen, landstromfähig sind. Die gleiche Entwicklung ist in der Kreuzfahrtbranche zu verzeichnen: Laut dem internationalen Branchenverband CLIA (Cruise Lines International Association) kann bereits fast die Hälfte der Flotte seiner Mitgliedsunternehmen Landstrom anschließen; bis 2028 soll der Anteil auf knapp drei Viertel steigen.

Arbeiter schließen im Hamburger Hafen ein Schiff mit Landstromkabeln an die grüne Stromversorgung an.

Arbeiter schließen im Hamburger Hafen ein Schiff mit Landstromkabeln an die grüne Stromversorgung an.

| © HPA/Andeas Schmidt-Wiethoff

Ein großer Schub für den Landstrom wird mit dem Näherrücken des Stichtags der entsprechenden EU-Verordnung erwartet. Dabei ist die CO2-freie Stromversorgung in den Häfen nur ein Baustein auf dem Weg zum nachhaltigen Schiffsbetrieb. „Hapag Lloyd will bis 2045 Netto-Null-Emissionen erreichen“, sagt Sprecherin Hanja Maria Richter, also fünf Jahre früher, als die internationale Vereinbarung gilt. „Dafür brauchen wir unterschiedlichste Maßnahmen.“ Im Moment sei eine „Pionierzeit“, in der viele alternative Antriebsformen ausprobiert würden.

Am Ende dieser Entwicklung könnten E-Fuels stehen, die gar keine Emissionen mehr an Bord von Schiffen verursachen. Die Sorge, dass Landstrom dadurch bald schon wieder obsolet wird, ist laut Bromeis aber unbegründet: „E-Fuels sind teuer und knapp, und das wird auch noch eine Weile so bleiben. Und Schiffe, die mit Wasserstoff-Derivaten wie Ammoniak oder Methanol fahren, fallen unter die Landstrompflicht.“ Batterieelektrische Antriebe hält er für die nähere Zukunft lediglich für kleinere Frachtschiffe wie die sogenannten Feeder, die als Zubringer und Verteiler dienen, für realistisch. Und diese müssen ihre Batterien in den Häfen aufladen – auch dafür können die Landstromanlagen dienen.

Kontakt
VDE dialog - Das Technologie-Magazin