Kraftwerk Borken_Bild 1
2008 Norbert Gilson
29.07.2020

Kraftwerk Borken

Am Kraftwerk, 34582 Borken (Hessen)

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VDE-Ausschuss Geschichte der Elektrotechnik

Beschreibung


erbaut:  1922-23 / 1929-30, 1943, 1950-52, 1957, 1960, 1964 (Erweiterungen)
Architekten: Werner Issel, Walter Klingenberg
Bauherren: Gewerkschaft Großkraftwerk Main-Weser / Preußenelektra (Erweiterungen)


Kurz vor dem Ersten Weltkrieg hatte der Staat Preußen beschlossen, sich aktiv in die elektrizitätswirtschaftliche Entwicklung seiner Provinzen und Landesteile einzuschalten. Im Juni 1913 verabschiedete der Preußische Landtag ein Gesetz, das den Staat zur Errichtung von zwei Wasserkraftwerken an der Weser, am Oberlauf bei Hemfurth sowie an der Unterweser bei Dörverden ermächtigte. Für die Verwaltung der Kraftwerke wurden die staatlichen  Elektrizitätsämter Hannover und Kassel eingerichtet.

Das auf eine Maximalleistung von 11.000 kW ausgebaute Kraftwerk Hemfurth an der Ederstaumauer (heute Kraftwerk »Hemfurth I«) war stark von der Wasserführung der Eder und damit vom Wasserstand des Ederstausees abhängig. Während des trockenen Sommers 1921 konnte nur ein Bruchteil der installierten Leistung - rund 1.000 kW - ausgenutzt werden. Dies war der Anlass für Planungen des Preußischen Staats, zusätzlich ein Dampfkraftwerk im nordhessischen Gebiet zu errichten. Als günstig bot sich die Gegend um das hessische Borken an, da hier ausreichende Braunkohlevorräte vorhanden waren. Die Nutzungsdauer dieses Braunkohlevorkommens wurde damals auf rund 90 Jahre bemessen.

1922 erwarb Preußen das Braunkohlenbergwerk der Gewerkschaft Arnsbach in Borken. Für den Bau des neuen Kraftwerks wurde die Gewerkschaft Großkraftwerk Main-Weser gegründet, unter deren Regie Mitte 1922 die Baumaßnahmen begannen. In der ersten Ausbaustufe war eine Leistung von 32.000 kW vorgesehen. Bereits im März 1923 ging die erste Turbine des Kraftwerks Borken in Betrieb, 1924 waren alle drei Turboaggregate installiert. Für die Dampferzeugung standen acht Kessel (18,5 atü, 375°C) zur Verfügung. Gebaut wurde das Kraftwerk von der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft (AEG), für die architektonische Gestaltung zeichnete das mit der AEG eng verbundene Büro von Werner Issel und Walter Klingenberg verantwortlich.

Mit der in Borken erzeugten elektrischen Energie wurde Nord- und Südhessen, Südniedersachsen, Nordbayern und Thüringen versorgt. Eine 60 kV-Doppelleitung führte von Borken über die Umspannwerke Feslberg und Sandershausen bis nach Hann. Münden. 1925 wurde eine Hochspannungsleitung, ebenfalls 60 kV, von Borken nach Hersfeld errichtet, um die vertraglichen Stromlieferungen an die in Gotha ansässige Thüringische Elektrizitäts-Lieferungs-Gesellschaft bewerkstelligen zu können. Seit 1925 verband eine weitere Hochspannungsleitung, erstmals mit 110 kV betrieben, das Kraftwerk Borken über Gießen, Wölfersheim und Frankfurt mit dem Umspannwerk Dörnigheim, in das die inzwischen errichteten Kraftwerke an den drei Mainstaustufen (Mainkur, Kesselstadt, Krotzenburg) einspeisten. Als 1927 aus den verschiedenen Vorgängerunternehmen die  Preußische Elektrizitäts-AG (Preußenelektra) entstand, war das Kraftwerk Borken zur wichtigsten Stütze des südlichen Versorgungsgebietes des neuen Unternehmens geworden.

Nachdem die Leistung in Borken in den Jahren 1929/30 durch den Bau eines zweiten Kesselhauses und die Aufstellung neuer Maschinen auf 82.800 kW erhöht worden war, wurde eine Hochspannungsverbindung zum nördlichen Versorgungsgebiet der Preußenelektra mit dem Zentrum in Hannover geschlagen. Diese Kupplungsleitung von Borken zum Umspannwerk Lehrte wurde nun als 220 kV-Verbindung ausgeführt. Bis 1943 stieg die Maschinenleistung in Borken durch Modernisierungen und Einbau weiterer Turboaggregate auf insgesamt 136.800 kW.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stand Ende der 1940er Jahre eine weitere Erhöhung der Kraftwerksleistung zur Debatte. Da die Kesselanlage des Sammelschienenkraftwerks nicht mehr entsprechend erweitert werden konnte, um den Dampfbedarf moderner Turbinen decken zu können, fiel die Entscheidung zugunsten einer neuen Hochdruck-Vorschaltanlage. Projektierung und Bauleitung wurden der Brown, Boveri & Cie. AG (BBC) übertragen. Die Ausrüstung der Vorschaltanlage umfasste vier Strahlungskessel (jeweils 125 t/h Dampfleitung, 125 atü Frischdampfdruck von 520°C) der Deutschen Babcock & Wilcox-Dampfkesel-Werke AG sowie der Maschinenfabrik Buckau R. Wolf AG. Die zugehörigen Vorschaltturbinen (je 21.000 kW) kamen von BBC.

Die Kohleversorgung des Kraftwerks Borken wurde aus den Feldern der Grube Altenburg der  Gewerkschaft Arnsbach bestritten. Nach 1944 wurde fast die gleiche Menge an Braunkohle (439.000 t) aus dem Tiefbau gefördert wie aus dem Tagebau (538.000 t). Nach dem Krieg wurde der Tiefbau weitergeführt, wobei sich die Schachtanlage Stolzenbach zum größten Tiefbaubetrieb im Borkener Revier entwickelte. Als Tagebaubetrieb wurde 1946 der Tagebau Altenburg III neu aufgeschlossen. Der weitere Ausbau des Kraftwerks durch Errichtung von drei neuen Kraftwerksblöcken bis Mitte der 1960er Jahre auf eine Leistung von zuletzt 356 MW hatte eine erhebliche Ausweitung der Braunkohlenförderung zur Folge. Der Brennstoffbedarf konnte aus dem Borkener Revier allein nicht mehr gedeckt werden. Zusätzliche Lieferungen kamen jetzt von den Zechen Hirschberg bei Großalmerode und Frielendorf. Versuche, neue Grubenfelder aufzuschließen, etwa am Meißner, bei Hessisch Lichtenau oder bei Ostheim, scheiterten.

Mitte der 1980er Jahre wurde das Kraftwerk durch die Abschaltung der Blöcke I und II schrittweise zurückgefahren, so dass 1987 noch eine Leistung von 100 MW zur Verfügung stand. Die Planungen sahen vor, dass die restlichen Kohlevorräte noch zum Betrieb des 3. Kraftwerkblocks bis zur Mitte der 1990er Jahre ausreichten. Das Grubenunglück in der Schachtanlage Stolzenbach am 1. Juni 1988 führte zur baldigen Schließung auch der übrigen Grubenbetriebe im Borkener Revier und damit zum endgültigen Aus für das Kraftwerk Borken. 1991 wurde es abgeschaltet.

Die denkmalgeschützten Gebäude der Gründungsanlage aus den 1920er Jahren blieben erhalten, während die Vorschaltanlage, die Kraftwerksblöcke der 1950er und 1960er Jahre sowie die Schornsteine und Kühltürme abgerissen wurden. Das Gelände wurde in einen Industriepark umgewandelt. Während das Kraftwerkgebäude von einem privaten Investor für Flohmärkte genutzt wird, haben sich in den übrigen Gebäuden Unternehmen niedergelassen, die im Bereich Recycling tätig sind.
 
Informationsstand: 31.12.2013
Schlagworte: Braunkohlenkraftwerke; Elektrizitätserzeugung; Stromerzeugung; Energie; Energy
Stichworte: Preußenelektra; Elektrizitätswirtschaft; Staat Preußen; Wasserkraftwerk Hemfurth; Wasserkraftwerk Dörverden; Elektrizitätsamt Kassel; Elektrizitätsamt Hannover; Braunkohlenbergwerk; Gewerkschaft Arnsbach; Gewerkschaft Großkraftwerk Main-Weser; Kraftwerk Borken; Stromlieferungen; Thüringer Elektricitäts-Lieferungs-Gesellschaft AG; Preußische Elektrizitäts-AG; Preußenelektra; Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft; AEG; Umspannwerk Lehrte; Hochdruck-Vorschaltanlage; Brown, Boveri & Cie. AG; BBC; Deutsche Babcock & Wilcox-Dampfkesel-Werke AG; Maschinenfabrik Buckau R. Wolf AG; Grube Altenburg; Tiefbau; Tagebau; Tagebau Altenburg III; Schachtanlage Stolzenbach; Werner Issel; Waltar Klingenberg; Grubenunglück

Quelle(n)

  • Preußische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft. Denkschrift anläßlich ihres 25jährigen Bestehens. 1927 - 1952, Hannover 1952
  • Thilo Warneke / Petra Most: Schichten, Schächte, Schlote. Nordhessen - wo Industriekultur lebendig ist. Netzwerk Industriekultur Nordhessen - Begleitbroschüre zur Wanderausstellung, Kassel 2008


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