Mobility-Interview mit VDA-Präsidentin Müller

Die VDA-Präsidentin betonte im Interview den Stellenwert von Normen für Unternehmen sowie für Kunden und Verbraucher.

| Vadim Motov / Verband der Automobilindustrie e. V. (VDA)
07.12.2023 Webinhalt

"Das Mittelstandsforum für Zulieferer hat gezeigt, die Lage ist herausfordernd und für viele auch ernst"

Hildegard Müller, Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA), sieht ihre Branche und die Gesellschaft insgesamt vor einer gewaltigen Transformation, getrieben von Elektromobilität, Digitalisierung, neuen Technologien und Megatrends. Im Gespräch mit Dr. Ralf Petri, Geschäftsbereichsleiter VDE Mobility, erläutert Müller, worauf es in der aktuellen Zeit von sich überlagernden Krisen besonders ankommt.

VDE: Frau Müller, was war Ihr erstes Auto, und welche Emotionen und Erfahrungen verbinden Sie damit?

Müller: „Mein erstes Auto war ein ziemlich alter, gebrauchter Golf, den ich zu Beginn meines Studiums bekommen hatte. Dieses Auto war für mich Garantie für Mobilität und Teilhabe. Ich war damals schon in verschiedenen Organisationen aktiv und hatte damit die Möglichkeit, alles besser miteinander zu verbinden.“

VDE: Bei mir war es ein alter Opel Corsa, den ich und meine Mutter gefahren sind. Wie sieht es heute aus: Sind Sie zu unserem Termin mit dem Auto gekommen oder mit der Bahn?

Müller: Heute bin ich mit dem Auto gekommen, weil wir gleich zu einer Dienstreise aufbrechen, mit Gepäck und Mitarbeitenden. Grundsätzlich nutze ich aber alle Verkehrsmittel und entscheide jeweils, was praktischer ist.“

VDE: Kommen wir zur Normungsarbeit, da ist der VDA sehr aktiv. Es ist kein Geheimnis, dass VDE und VDA oftmals zusammenarbeiten in diesem Bereich. Haben Sie eine Lieblingsnorm?

Müller: „Also, eine Lieblingsnorm habe ich ehrlich gesagt, nicht (lacht). Allerdings halte ich die Normungsarbeit für sehr wichtig. Normen bieten Klarheit und Verlässlichkeit. Klarheit für die Unternehmen, damit sie einen Orientierungsrahmen haben. Verlässlichkeit und Sicherheit für Kundinnen und Kunden, damit Vertrauen entstehen kann. Dass das auch ein gewichtiges Anliegen und eine besondere Qualität der deutschen Autoindustrie ist, wurde dieses Jahr auf der IAA MOBILITY in München deutlich. Sehr spannend finde ich die Weiterentwicklung der Normung, zum Beispiel in Richtung Digitalisierung. Durch unsere interne Arbeit und die Kooperation mit dem VDE werden Entwicklungsprozesse sehr schnell begleitet, wodurch Klarheit und Sicherheit schneller gegeben sind.“

Kontakt
Dr. Ralf Petri
Ylber Azemi

"Die Politik muss zwingend Rahmenbedingungen wie den Ausbau der Ladeinfrastruktur umsetzen"

VDE: Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang unsere Rolle mit Blick auf China?

Müller: „Mit China wächst ein Markt heran, der mit großem Selbstbewusstsein an die Themen herangeht. Aber auch wir bleiben ehrgeizig und wollen weiter vorne bleiben. Und da bin ich sehr zuversichtlich, auch weil die deutsche Automobilindustrie nach wie vor sehr innovationsstark ist und sich vor niemandem verstecken muss. Es gilt jetzt, dass wir als deutsche Automobilindustrie unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit halten und ausbauen.“

VDE: Blicken wir kurz auf Ihren Werdegang. Sie haben viele Stationen absolviert. Angefangen haben Sie in einer Bank, Sie waren in der Politik, im Verband, im Unternehmen. Was haben Sie an Erfahrungen mitgenommen, und wie kam es zu diesem Weg?

Müller: "Meine Zeit in der Politik habe ich mit großer Leidenschaft erlebt, und ich bin auch heute sicher noch ein politischer Mensch. Vieles, was uns derzeit bewegt, verfolge ich mit Sorge und mit dem Bewusstsein, dass alle Teile der Gesellschaft aktiv sein müssen. Für Demokratie und Stabilität. Dennoch war mir immer klar, dass ich beruflich nach meinem Mandat zurück in die Wirtschaft gehe. Vor der Automobilindustrie war ich in der Energiewirtschaft tätig. Durch meine verschiedenen beruflichen Stationen habe ich ein großes Verständnis für verschiedene Perspektiven entwickelt. In komplexen Zeiten sollte man nicht nur seine eigene Sichtweise kennen und verstehen, sondern auch die Notwendigkeiten des anderen. Für die Transformation zur klimaneutralen Mobilität etwa bedeutet dies zum Beispiel, dass wir als Industrie die Produkte liefern. Und gleichzeitig muss die Politik Rahmenbedingungen schaffen, wie den konsequenten Ausbau der Ladeinfrastruktur. Und jeder muss verstehen, was für den anderen wichtig ist.“

VDE: Wie bewerten Sie den Faktor Zufall – oder war alles geplant?

Müller: „Wenn ich mich auf ein Karrieremuster eingelassen hätte, das mir angeraten wurde, wäre es so nicht gelaufen. Es ist immer eine Mischung aus dem Gefühl, dass etwas spannend ist, und dem richtigen Moment, einen nächsten Schritt zu wagen. Harte Arbeit, Zufall und Glück gehören selbstverständlich auch dazu. Bei mir hat sich durch die Offenheit für Ideen und manchmal Unvorhergesehenes diese Karriere ergeben.“

2023-12-04 Mueller Petri Bild2

Hildegard Müller: VDA und VDE arbeiten zusammen an der klimaneutralen Mobilität – und ergänzen sich dabei sehr gut.

| Copyright: Vadim Motov / Verband der Automobilindustrie e. V. (VDA)

"Ganz klar: Die Zukunft der Mobilität wird klimaneutral sein."

VDE: Können Sie uns einen Überblick über aktuelle Herausforderungen für die deutsche Automobilindustrie geben?

Müller: „Die aktuelle Lage ist sehr herausfordernd und für viele ernst, das hat zum Beispiel unser Mittelstandsforum für Zulieferer kürzlich gezeigt. Wir erleben, wie gesagt, eine gewaltige Transformation, getrieben von Elektromobilität, Digitalisierung, neuen Technologien und Megatrends. Gleichzeitig fehlt es seitens der Politik zu oft an innovativen Konzepten und langfristige Strategien für den deutschen und europäischen Standort. Wir erleben darüber hinaus eine Zeit von sich überlagernden Krisen mit der Pandemie, dem Ukrainekrieg und den Folgen des Terrorangriffs der Hamas. Wir wissen nicht, wie sich die Situation im Nahen Osten entwickelt, mit allen innen- und außenpolitischen Konsequenzen. All dies führt dazu, dass Menschen und Systeme stark gestresst bis überlastet und verunsichert sind."

VDE: Wie sieht die Vision des VDA zur Mobilität der Zukunft aus?

Müller: „Ganz klar: Die Zukunft der Mobilität wird klimaneutral sein. Dafür setzt sich die Industrie mit großer Kraft und mit viel Engagement ein. Außerdem wird sie digital und vernetzt sein. Darin liegen große Einsparpotenziale für CO2, und darin liegen große Chancen für Verbraucherinnen und Verbraucher, noch mehr Sicherheit und Nutzerfreundlichkeit in die Autos zu bringen.“

VDE: Unter klimaneutral kann man vieles verstehen. Woran denken Sie im Bereich Privat-PKW?

Müller: „Bezogen auf Europa und andere Leitmärkte wird es die Elektromobilität sein. Wir liefern die Produkte. Klar ist aber auch: Der Ausbau der Ladeinfrastruktur ist zwingend erforderlich, um Menschen zur Umstellung zu ermutigen und sie zu überzeugen. Stimmen Infrastruktur und Produktangebot wird der Hochlauf kommen. Dies ist essentiell für klimaneutrale Mobilität."

VDE: Welche Möglichkeiten sehen Sie noch, mit Blick auf Antriebsdiversifikation, die globale Entwicklung und unterschiedliche Bedürfnisse?

Müller: Für schwere transeuropäische Lkw etwa ist die Wasserstoff-Brennzelle definitiv eine Option. Sprechen wir über Klimaneutralität im Verkehr, müssen wir uns darüber hinaus mit dem Fahrzeugbestand beschäftigen. Wenn wir in Deutschland das Ziel von 15 Millionen Elektroautos bis 2030 erreichen, haben wir immer noch mehr als 30 Millionen Pkw mit Verbrenner – 280 Millionen in der EU und rund 1,5 Milliarden Fahrzeuge weltweit. Dafür sind synthetische Kraftstoffe aus meiner Sicht eine unverzichtbare Option. Ich rate dazu, mit dem Wissen von heute nicht Innovationen für die Zukunft zu blockieren. Wir müssen technologieoffen sein und die Rohstoff- und Infrastrukturentwicklungen beobachten, die begleitend für alle Lösungen notwendig sind.“

VDE: Hand aufs Herz: Wie sehen Sie die deutsche Automobilindustrie im globalen Wettbewerb?

Müller: „Wir sind besser aufgestellt, als Ihre Frage anklingen lässt. Wir haben auf der vergangenen IAA MOBILITY in München über 300 Weltneuheiten gesehen. Ganz vorne mit dabei: die deutsche Automobilindustrie. Es gibt verschiedene Schwerpunkte, auch nach Regionen, das ist klar. Aber wenn ich sehe, wie weit wir beim autonomen Fahren sind, bei Digitalisierungsthemen oder Leistungselektronik und wie viele sehr gute Ingenieure wir immer noch haben, dann sind wir für den Produktwettbewerb sehr gut aufgestellt. Das sage ich voller Überzeugung, denn Fakt ist: Wir werden in den nächsten Jahren rund 250 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung investieren und weitere etwa 130 Milliarden Euro in den Umbau von Werken. Mit dieser Investitionswelle zeigen die Automobilhersteller klar, dass sie weiter vorne mit dabei sein wollen.“

"Wir müssen uns entscheiden, wie wir Europa als Kontinent wettbewerbsfähig halten"

VDE: Ich möchte noch einmal nachhaken. Früher waren Kernkompetenzen in Deutschland der Motor und der ganze Antriebsstrang. Heute kommen zentrale Komponenten wie die Batterie aus Asien. Sie ist eines der kostenintensivsten Bauteile im Fahrzeug. Macht es nicht ein wenig Sorge, dass dieses Know-how woanders liegt?

Müller: „Natürlich wollen andere Regionen ihre Märkte selbst entwickeln. Der Wettbewerb wird also härter werden, denn wir haben wachsende Volkswirtschaften. Wettbewerb ist für den Verbraucher aber auch eine gute Nachricht, das möchte ich betonen. 
Aber kommen wir nochmal zu den Rahmenbedingungen: Wie ist das innovative Umfeld, das gesetzt wird? Wie schnell ist der Staat bei Entscheidungen? Können wir bei uns die wichtigen Batteriezellen produzieren, wenn wir eine Energiepolitik machen, die international nicht wettbewerbsfähig ist? 

Die deutsche Automobilindustrie war sich immer bewusst, dass sie sich in globalen Märkten bewegt – rund 70 Prozent unserer Arbeitsplätze in Deutschland hängen vom Export ab. Es gibt eine internationale Arbeitsteilung, die gut ist und insgesamt zu Wachstum, Wohlstand und offenen Märkten führt. Wenn aber Protektionismus und andere Dinge zurückkehren, müssen wir überlegen, wie wettbewerbsfähig der deutsche Standort ist. Wir müssen schneller und konsequenter werden, wir müssen eine Energiepolitik machen, die mehr Energie zur Verfügung stellt. Deutschland investiert viel, aber zu oft in Symptombekämpfung, ohne an den Ursachen anzusetzen. Auch Europa muss seinen Weg finden: Während es in den USA den Inflation Reduction Act gibt und China mit direkter Subventionierung arbeitet, setzt die EU zu oft auf Regulierung. Wir müssen einen eigenen Ansatz finden und uns entscheiden, wie wir Europa als Kontinent wettbewerbsfähig halten.“

VDE: Gehen wir von der Welt noch einmal zurück auf das Produkt. Wir haben viele Bestandsfahrzeuge und viele Menschen, die sich kein Fahrzeug für 40.000 oder 50.000 Euro leisten können. Wenn man sich am Markt umsieht, gibt es nahezu kein Angebot unter 30.000 Euro.

Müller: „Zunächst einmal: Da fallen mir schon Modelle ein, ich möchte hier aber keine explizite Werbung für einzelne Anbieter machen. Zu bedenken ist, dass wir gewisse Erwartungen an Modernität, Sicherheit, Effizienz und Komfort eines Autos haben und dass wir mitten in einer Transformationsphase sind. Das heißt, wir haben hohe Entwicklungskosten und Investitionen in die Umstellung der Werke, bis wir wieder massiv in die Produktion einsteigen können. Wir hoffen aber, dass Elektroautos günstiger werden als Verbrenner. 

Uns ist bewusst, dass das im Moment auch ein sozialpolitisches Thema ist, deshalb haben wir kritisiert, dass die Bundesregierung die Elektroautoförderung streicht. Ich rufe damit nicht nach Subventionen für die Automobilindustrie, das möchte ich betonen. Aber die Politik muss überlegen, wie sie die Verbraucher unterstützen kann. Der Vorwurf, wir gingen nur in das Premiumsegment, ist auf jeden Fall falsch. Unser Ziel ist es auch ganz klar, Angebote für das Volumensegment zu machen."

VDE: Kommen wir zum Schluss zur Zusammenarbeit zwischen VDE und VDA. Wie ist Ihre Einschätzung dazu?

Müller: „Ich nehme die Zusammenarbeit sehr positiv wahr. Wir haben dasselbe Ziel, die klimaneutrale Mobilität, und wir ergänzen uns mit unseren Kompetenzen sehr gut. Wir arbeiten nicht nur im Heute gut zusammen, sondern auch bei Zukunftsthemen wie der Normungsroadmap zu Wasserstofftechnologien. Vielen Dank daher für diese gute Zusammenarbeit.“

VDE: Letzte Frage: Was können Sie jungen Menschen mitgeben für ihren Weg?

Müller: "Ich glaube, in einer diversen Welt muss man auf jeden Fall offen sein. Man sollte netzwerken, ganz bewusst branchenübergreifend, denn so bekommt man sehr viele Anregungen, Ideen und Tipps. Manchmal hört man etwas Spannendes, woran man noch gar nicht gedacht hat. Natürlich gibt es klassische Karrierewege, das ist auch gut. Mein Rat ist, auf den eigenen Bauch zu hören und bereit zu sein, etwas Neues zu beginnen. Begeisterung, Leidenschaft und Einsatz gehören selbstverständlich dazu. Vielleicht darf ich an dem Punkt noch Eigenwerbung machen (lacht): Wir suchen immer motivierte, engagierte junge Leute, die sich für die klimaneutrale und digitale Mobilität begeistern.“

Frau Müller, besten Dank für das Interview.

VDE Mobility Interviews

Dr. Gerrit Marx (l.) im Interview mit Dr. Ralf Petri (r.)

Dr. Gerrit Marx (l.) im Interview mit Dr. Ralf Petri (r.)

| foto.text/Richard Kienberger
25.01.2024

Die Mobilitätsbranche befindet sich im Umbruch: Neue Player und neue Konzepte drängen auf den Markt und auch die Digitalisierung sorgt für neue Impulse. Dr. Ralf Petri, Geschäftsbereichsleiter Mobility beim VDE, beleuchtet mit namhaften Vertretern aus dem Mobilitätssektor Chancen und Herausforderungen für die Branche.

Zu den Interviews