Der eine oder andere erinnert sich sicherlich noch an die Autoquartettspiele aus Kinder- und Jugendzeiten: Ausgewählte technische Daten der Fahrzeuge wurden gegeneinandergestellt, Gewinner des Durchgangs war der Spieler, dessen Karte das schnellste oder stärkste Auto zeigte. Wer sogar einen Sportwagen mit Acht- oder Zwölfzylindermotor vorweisen konnte, hielt den Trumpf in den Händen.
Heute wäre das wahrscheinlich eher die Spielkarte des Elektrofahrzeugs mit der größten Batteriereichweite oder der kürzesten Ladezeit. Beide Parameter gelten als das neue Maß der Dinge in der Automobiltechnik. Batteriereichweiten von mehr als 400 Kilometern sind bei modernen Elektrofahrzeugen keine Seltenheit mehr, und auch die Ladetechnik hat sich mit riesigen Schritten weiterentwickelt.
Abzulesen ist das am Begriff des Schnellladens: Zogen Fachleute noch vor wenigen Jahren die Grenze bei 50 Kilowatt Ladeleistung, sind es heute beim High Power Charging (HPC) bis zu 350 Kilowatt. Zwar ist dieser Wert reine Theorie, denn er wird als rechnerisches Produkt des maximalen Ladestroms und der maximalen Spannung gebildet, und bei Lithium-Ionen-Batterien liegt beides niemals gemeinsam an, aber auch die praktisch erzielbare Leistung zeigt ihre Wirkung: „Die Ladezeit für eine Fahrstrecke von 400 Kilometern lässt sich dank HPC, je nach Batteriegröße, auf unter 20 Minuten reduzieren. Damit wird die Schwelle unterschritten, die von vielen potenziellen Kunden für die Alltagstauglichkeit der Elektromobilität angesehen wird“, so Dr. Ralf Petri, Leiter des Geschäftsbereichs Mobility beim VDE. Neben der Senkung der Batteriekosten gilt HPC daher als einer der wichtigsten Faktoren für eine weitere Verbreitung von Elektroautos, ungeachtet der Frage, wie häufig Kunden ihr Elektroauto in der Praxis wirklich schnellladen müssen.
Lässt man die emotionale Komponente außen vor und nähert sich dem HPC technisch, erkennt man schnell, dass HPC-Ladekonzepte in dieser Größenordnung bei den heute üblichen Elektrofahrzeugen mit 400-Volt-Spannungsebene nicht sinnvoll umsetzbar sind. Bekanntlich steigt in einem elektrischen Leiter bei unveränderter Spannung die Stromstärke proportional zur Leistung an; beim HPC-Laden mit 350 Kilowatt Leistung würden in 400-Volt-Systemen Ströme von 875 Ampere entstehen. Abgesehen davon, dass heutige Ladesysteme ohnehin auf maximal 500 Ampere begrenzt sind, müssten die Leitungsquerschnitte extrem groß dimensioniert werden, um die Verlustleistung durch die hohen Ströme in vertretbarem Rahmen zu halten. „Speziell im Fahrzeug ist das kontraproduktiv, da Gewicht, Kosten und Bauraumbedarf massiv ansteigen würden“, so Dr. Thomas Becks, Leiter des Bereichs Neue Technologien und Services im VDE. In der Realität ist daher bei 400-Volt-Elektrofahrzeugen mit 150 bis 200 Kilowatt Ladeleistungen die technisch sinnvolle Grenze erreicht. „Höhere Laderaten sind dann eigentlich nur noch durch höhere Spannungen realisierbar. In Hochleistungsanwendungen bietet eine 800-Volt-Spannungsebene im Vergleich zu 400 Volt mehr Leistungsreserven und eine wesentlich höhere Effizienz durch geringere Verluste. Das gilt sowohl beim Laden als auch beim Fahren.“