Der Workshop-Tag 1 des EFTS 2026 fand mit dem VDE Sommerempfang Brüssel 2026 seinen politischen und gesellschaftlichen Höhepunkt.
Der Empfang fand in der Vertretung des Landes Nordrhein-Westfalen bei der Europäischen Union in Brüssel statt und brachte Vertreterinnen und Vertreter europäischer Institutionen, der Industrie, der Wissenschaft, der Diplomatie sowie der Ingenieurgemeinschaft zusammen. Das Thema des Abends fand sehr großen Anklang in Brüssel und so überstieg die Zahl der Anmeldungen die Sitzplätze deutlich.
In seiner Eröffnungsrede zum VDE Sommerempfang 2026 bezeichnete Markus B. Jaeger, Global Head of Political Affairs des VDE und Leiter von VDE Defense, Resilienz als die prägende sicherheitspolitische Herausforderung dieses Jahrzehnts. Mit Blick auf die zunehmenden Angriffe auf kritische Infrastrukturen, Cybersysteme und demokratische Prozesse argumentierte er, dass Europa technologischen Fortschritt nicht länger von Sicherheitsfragen trennen könne. Resilienz sei zu einer grundlegenden Voraussetzung für Freiheit, Wohlstand und demokratische Stabilität geworden. Sehr deutlich wurde er in Richtung Russland: „Wir befinden uns zwar nicht im Krieg, aber wir leben auch nicht mehr in Frieden. Die Zahl der hybriden Angriffe und Sabotageakte nimmt zu. Diese Angriffe werden dem Einflussbereich und dem Bedrohungsspektrum Russlands zugeschrieben. Resilienz ist daher eine strategische Notwendigkeit. Technologie, Innovation und vertrauenswürdige Standards sind entscheidende Säulen der Sicherheits- und Verteidigungsfähigkeiten Europas.“
In seiner Begrüßung im Namen der Landesvertretung Nordrhein-Westfalen hob Rainer Steffens, Leiter der Landesvertretung des Landes Nordrhein-Westfalen in Brüssel, die Rolle Nordrhein-Westfalens als eine der führenden Industrie- und Technologieregionen Europas hervor. Er unterstrich die Bedeutung eines engen Austauschs zwischen politischen Entscheidungsträgern, Industrievertretern, Forschenden und Ingenieurinnen und Ingenieuren in einer Zeit, in der technologische Souveränität und Resilienz zunehmend zu zentralen politischen Zielsetzungen werden. Die Landesvertretung sei damit ein idealer Rahmen für Diskussionen über die zukünftige Sicherheit und Wettbewerbsfähigkeit Europas
Die zentrale Keynote „Der Resilienz-Code – Von Safety zu Resilience“ des VDE Sommerempfangs wurde von Ansgar Hinz, Vorstandsvorsitzender des VDE, gehalten.
Ausgehend von der Sabotage von Kommunikationsinfrastrukturen in der Ostsee verdeutlichte Hinz die Verwundbarkeit moderner, hochgradig vernetzter Gesellschaften. Seine zentrale These lautete, dass Europa weiterhin erheblichen Risiken ausgesetzt sei, weil wesentliche Systeme heute stark von digitalen Netzwerken, globalen Lieferketten und kritischen Infrastrukturen abhängen, deren gegenseitige Abhängigkeiten oftmals nur unzureichend verstanden werden. Er machte deutlich, dass traditionelle Sicherheitsansätze nicht mehr ausreichen. Während Prävention weiterhin von Bedeutung sei, müssen resiliente Systeme unter der Annahme entwickelt werden, dass Störungen und Angriffe trotz aller Schutzmaßnahmen auftreten können. Dies führte zu einer grundlegenden Unterscheidung zwischen zwei Konzepten: Security zielt darauf ab, Angriffe zu verhindern. Resilience akzeptiert, dass Angriffe erfolgreich sein können, und konzentriert sich darauf, Funktionen aufrechtzuerhalten sowie eine schnelle Wiederherstellung sicherzustellen. Hinz beschrieb diesen Paradigmenwechsel als den Übergang von „Security by Design“ hin zu „Resilience by Design“.
Die Keynote des VDE CEOs beleuchtete darüber hinaus die Kaskadeneffekte, die Infrastrukturausfälle in miteinander vernetzten Sektoren auslösen können. Stromversorgung, Kommunikation, Gesundheitswesen, Logistik und Finanzsysteme bilden zunehmend ein gemeinsames Ökosystem. Eine Störung in einem Bereich kann sich schnell auf zahlreiche weitere Bereiche ausbreiten.
Neben physischen Verwundbarkeiten ging Ansgar Hinz auch auf Angriffe gegen gesellschaftliches Vertrauen ein. Desinformation, Deepfakes und koordinierte Einflussoperationen wurden als ebenso schwerwiegende Bedrohungen beschrieben, da sie nicht primär Infrastrukturen, sondern den gesellschaftlichen Zusammenhalt angreifen. Ein weiterer Schwerpunkt war die technologische Souveränität. Europas Abhängigkeiten in Bereichen wie Halbleitern, Künstlicher Intelligenz, fortschrittlicher Elektronik und autonomen Systemen wurden als strategische Verwundbarkeiten identifiziert.
Als Antwort darauf stellte Hinz die Mission von VDE Defense vor, Resilienz entlang von fünf strategischen Säulen zu stärken: 1. Resiliente Infrastrukturen, 2. Technologische Souveränität, 3. Zukunfts- und Schlüsseltechnologien, 4. Fachkräfte- und Nachwuchsentwicklung sowie 5. Prüfung, Zertifizierung und Vertrauen. Besonderes Augenmerk legte er auf die nächste Generation von Ingenieurinnen und Ingenieuren. Die sehr zahlreich anwesenden jungen Fachkräfte aus weiten Teilen Europas wurden dazu aufgefordert, ihre Arbeit nicht nur als technologische Entwicklung, sondern als aktiven Beitrag zur zukünftigen europäischen Sicherheitsarchitektur zu verstehen.
Als Vertreter aus dem Kabinett des EU-Kommissars für Verteidigung und Raumfahrt, Andrius Kubilius, gab Micha Comnick einen umfassenden Überblick über die sich wandelnde europäische Verteidigungsstrategie. „Defence Ready 2030 – Europas Weg zu glaubwürdiger Abschreckung“ war der Titel seiner Keynote.
Die Keynote stellte einen direkten Zusammenhang zwischen der Verteidigung der Ukraine und den weitergehenden Sicherheitsinteressen Europas her und betonte die Bedeutung des gleichzeitigen Ausbaus industrieller Kapazitäten und militärischer Einsatzbereitschaft. Eine zentrale Botschaft war, dass die Unterstützung der Ukraine mehrere Ziele gleichzeitig erfüllt: Unterstützung der unmittelbaren Verteidigung der Ukraine, Stärkung der europäischen Verteidigungsindustrie und Beschleunigung der europäischen Verteidigungsbereitschaft.
Comnick erläuterte, wie umfangreiche Investitionen in die Produktion von Munition, Drohnen, Luftverteidigungssystemen, Lenkflugkörpern sowie in militärische Mobilität fließen. Besonders hervorgehoben wurde das Konzept der industriellen Einsatzbereitschaft – „Industrial Readiness“. Abschreckung, so seine Argumentation, erfordere nicht nur leistungsfähige Streitkräfte, sondern auch resiliente industrielle Ökosysteme, die ihre Produktionskapazitäten im Krisenfall rasch hochfahren können.
Darüber hinaus unterstrich Comnick die Bedeutung europäischer Zusammenarbeit. Fragmentierte Beschaffungsprozesse, inkompatible Systeme und Doppelstrukturen würden die Effizienz Europas weiterhin beeinträchtigen. Gemeinsame Beschaffungsprogramme, europäische Forschungsinitiativen und eine stärkere Interoperabilität entwickelten sich daher zu zentralen Pfeilern der europäischen Verteidigungspolitik.
In Richtung Russland wurde Micha Comnick deutlich: „Russland testet, ob sich Europa einschüchtern, spalten und aufhalten lässt. Unsere Antwort darauf ist, unsere Widerstandsfähigkeit zu stärken und unsere Abschreckungskraft zu erhöhen. Nicht nur, um Krieg zu verhindern. Sondern auch, um Angriffe unterhalb der Schwelle einer bewaffneten Aggression zu verhindern, wie wir sie in Leipzig erlebt haben: Angriffe müssen scheitern, die Verantwortlichen müssen entlarvt werden und Aggressionen müssen Kosten nach sich ziehen. Unsere Antwort ist die Ukraine: die Fähigkeit, jetzt Widerstand zu leisten, und die industrielle Partnerschaft, um Europa für die Zukunft zu stärken. Und unsere Antwort ist Readiness 2030: mehr, besser, gemeinsam und europäisch ausgeben. Die Ukraine verschafft uns Zeit. Die Industrie wandelt diese Zeit in Einsatzbereitschaft um. Einsatzbereitschaft schafft Abschreckung.
Comnicks Keynote endete mit einer klaren Botschaft: „Abschreckung beruht auf Einsatzbereitschaft – und Einsatzbereitschaft beruht auf industrieller Resilienz.