Der VDE reagiert: Wie schnell Deutschland und Europa verteidigungsfähig und vor allem in der Breite resilient werden, ist auch eine technologische Frage. Mit dem neuen Bereich VDE Defense greift der VDE die wachsende sicherheits- und verteidigungspolitische Bedeutung technologischer Systeme auf.
Der Bereich VDE Defense wird mit der festen Überzeugung aufgebaut, dass die zivile Sicherheit unserer Gesellschaft und die verteidigende Reaktionsfähigkeit unseres Landes und unserer Bündnispartner in EU und NATO heute nicht allein von seinen Streit- und Sicherheitskräften abhängt. Auch Ingenieurinnen und Ingenieure tragen dazu bei, indem sie Systeme robuster gestalten, technologische Abhängigkeiten reduzieren und digitale wie physische Infrastrukturen resilienter machen.
Gesellschaftliche Sicherheit, und dafür steht der VDE als Technologieorganisation, entsteht durch klug geplante Technologien, durch Standards, durch Forschung und durch das Verständnis komplexer Systemzusammenhänge. Die Sicherheit der Zivilgesellschaft ist historische VDE DNA. VDE Defense folgt auch dem Grundsatz Wilhelm von Humboldts: „Ohne Sicherheit ist keine Freiheit.“ Moderne zivile und militärische Sicherheit bedeuten, Verwundbarkeiten zu verringern – bevor sie ausgenutzt werden. So werden gesellschaftliche Lebensadern geschützt, lange bevor ein Schaden entsteht.
VDE Defense wird breit aufgestellt und international aktiv sein. Nicht jede Aktivität oder jedes inhaltliche Papier werden auf dieser Webseite im Detail ausgebreitet. Auch das versteht VDE Defense als einen Beitrag zur Sicherheit und Resilienz.
Fünf Schwerpunkte stehen im Fokus von VDE Defense
1. Resilienz ist der Schlüssel
Der VDE steht seit seiner Gründung im Jahr 1893 für die ordnende, sicherheitsstiftende Gestaltung technischer Innovationen. Bereits Werner von Siemens erkannte damals, dass technischer Fortschritt klare normative Regeln braucht, um verlässlich und vertrauenswürdig zu sein. Aus dieser Gründungs-DNA entwickelte sich der VDE zur größten Technologie-Organisation der Europäischen Union. Sicherheit bedeutete dabei stets mehr als Fehlervermeidung – sie sollte Vertrauen in neue Technologien schaffen.
In einer zunehmend vernetzten, komplexen und störanfälligen Welt reicht klassische Sicherheit jedoch nicht mehr aus. Gefragt ist Resilienz: die Fähigkeit von technischen Systemen, Infrastrukturen und Organisationen, Störungen zu widerstehen, sich anzupassen und schnell wieder funktionsfähig zu werden. Für den VDE ist Resilienz keine Abkehr vom ursprünglichen Auftrag, sondern dessen konsequente Weiterentwicklung. Resilienz ist jedoch nicht nur eine technische, sondern auch eine gesellschaftliche Aufgabe. Demokratien stehen unter Druck durch hybride Kriegsführung, Desinformation und gezielte Destabilisierung – etwa im Kontext des russischen Angriffs auf die Ukraine. Diese Angriffe – vor allem im digitalen Raum – zielen auf Vertrauen, gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Handlungsfähigkeit demokratischer Institutionen. Eine Gesellschaft, die solche Bedrohungen nicht erkennt oder ernst nimmt, verliert ihre Widerstandskraft. Abschreckung und Sicherheit beruhen daher nicht allein auf militärischer Stärke, sondern auch auf innerer Entschlossenheit, politischer Klarheit und gesellschaftlichem Rückhalt. Freiheit und Stabilität sind nicht kostenfrei – sie erfordern Ressourcen, Prioritäten und unbequeme Entscheidungen.
Neben der gesellschaftlichen Dimension ist Resilienz ein zentraler Erfolgsfaktor für technische Systeme und kritische Infrastrukturen. Angesichts von Cyberangriffen, geopolitischen Spannungen, Klimarisiken und Lieferkettenproblemen braucht es einen ganzheitlichen, vorausschauenden Ansatz, der Widerstands-, Anpassungs- und Wiederherstellungsfähigkeit systematisch integriert.
Für den VDE im Kontext VDE Defense ist Resilienz kein „Nice-to-have“, sondern eine sicherheitsstrategische Kernanforderung und ein konsequentes Weiterdenken der historischen VDE DNA.
Im Bereich Resilienz unserer Strom- und Kommunikationsnetze wird es für den VDE konkret: Beide sind so eng miteinander verwoben, dass Störungen in einem Netz unmittelbar Auswirkungen auf das andere haben. Auch moderne Sicherheits- und Verteidigungssysteme sind hochvernetzt, softwaregetrieben und abhängig von komplexen Lieferketten. Genau das macht sie leistungsfähig – aber auch verwundbar. Für Deutschland als logistische Drehscheibe der NATO entsteht daraus eine besondere sicherheitspolitische Verantwortung.
Die Roadmap Systemstabilität des Bundeswirtschaftsministeriums soll den Übergang zu einem vollständig erneuerbaren, aber zugleich sicheren Stromsystem ermöglichen. Der VDE koordiniert oder begleitet viele der zentralen Maßnahmen der Roadmap – von der Integration dezentraler Erzeuger über den Schutz und die Notstromversorgung von Rechenzentren bis zu höheren Cybersicherheitsstandards. Verzögerungen auf EU-Ebene, konkret beim Connection Network Code 2.0, bremsen jedoch die Modernisierung. Der VDE betont zudem, dass auch die medizinische Versorgung – einschließlich Medizintechnik, Logistik und Dateninfrastruktur – sicherheitspolitisch relevanter wird, da sie zunehmend Ziel von Cyberangriffen und Lieferkettenrisiken ist.
2. Technologische Souveränität wahren: Mikroelektronik als strategische Schlüsseltechnologie für Europas Sicherheits- und Verteidigungsfähigkeit
Der VDE hat in seinem Positionspapier Technologische Souveränität: Vorschlag einer Methodik und Handlungsempfehlungen sowie in den Positionspapieren Hidden Electronics I, II, III, IV deutlich gemacht: Mikroelektronik ist das unsichtbare Nervensystem unserer Gesellschaft – häufig unterschätzt, aber systemkritisch. Technologische Souveränität bedeutet dabei nicht Autarkie, sondern die Fähigkeit, in strategischen Schlüsseltechnologien über eigene Kompetenzen, resiliente Lieferketten, Prüf- und Zertifizierungsstrukturen sowie ausreichend Fachkräfte zu verfügen.
Mikroelektronik ist das Fundament moderner Industrie-, Sicherheits- und Verteidigungsarchitekturen. Sie bildet die Grundlage nahezu aller sicherheitsrelevanten Anwendungen: Sensorik, Radar, sichere Kommunikation, Navigation, elektronische Kampfführung, Drohnen- und Raketenabwehr, Kryptotechnologien sowie medizinische Systeme in der Einsatzversorgung. Ohne leistungsfähige, verfügbare und vertrauenswürdige Chips gibt es weder digitale Transformation noch strategische Handlungsfähigkeit.
Gerade im Bereich der Halbleiter zeigt sich Europas Verwundbarkeit. Der europäische Anteil an der weltweiten Chipproduktion ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten von rund 20 Prozent auf unter 8 Prozent gesunken. Diese Abhängigkeit von Drittstaaten birgt erhebliche sicherheitspolitische Risiken: Im Krisen- oder Konfliktfall könnten kritische Komponenten nicht ausreichend verfügbar sein. Für Verteidigungs- und Sicherheitssysteme wäre das ein unmittelbares Problem.
Der VDE sieht deshalb die Notwendigkeit, strategische Schlüsseltechnologien gezielt auszubauen – etwa Leistungs- und Spezialhalbleiter, Radarchips, Sensorsysteme und hochzuverlässige Komponenten. Erforderlich ist ein langfristiger europäischer Ausbau von Design-, Fertigungs- und Packaging-Kompetenzen sowie der Aufbau industrieller Ökosysteme, die hohen Sicherheits- und Qualitätsstandards genügen. Ebenso müssen Forschungsergebnisse, etwa zu Quanten- und Hochfrequenztechnologien, konsequent in einsatzfähige Anwendungen überführt werden. Technologische Souveränität wahren bedeutet somit, Mikroelektronik als strategische Infrastruktur zu begreifen. Sie ist nicht nur ein Wirtschaftsfaktor, sondern ein Verteidigungsfaktor: Wer kritische Chips kontrolliert, behält operative Souveränität in Krisen und Konflikten.
3. Neue Technologien fördern und Rolle der Forschenden stärken
Für eine technisch-wissenschaftliche Organisation wie den VDE ist es aus mehreren strategischen, technologischen und gesellschaftlichen Gründen wichtig, sich mit Forschung und neuen Technologien im Sicherheits- und Verteidigungssektor sowie der Rolle der Forschenden zu befassen. Moderne Verteidigung und die zivile Sicherheit basieren heute fast vollständig auf Hochtechnologie: Cybersecurity & IT-Sicherheit, Künstliche Intelligenz, Sensorik & Kommunikationssysteme, Halbleiter- und Energietechnologien, Autonome Systeme usw.
Viele technologische Innovationen der Gegenwart sind als Dual Use Güter zu klassifizieren – also sowohl zivil als auch militärisch nutzbar. Die Abgrenzung wird immer fließender und damit schwerer, z. B. bei KI, Quantenkommunikation, Leistungselektronik, 5G/6G-Kommunikation oder Drohnentechnologie. Eine technisch ausgerichtete unabhängige und neutrale Organisation wie der VDE kann helfen, frühzeitig Sicherheitsstandards zu definieren, Risiken zu bewerten und ethische Leitplanken zu entwickeln oder internationale Normen mitzugestalten. So wird Innovation nicht unkontrolliert, sondern verantwortungsvoll vorangetrieben.
Ein Beispiel ist die Ortungstechnologie für Unbemannte Luftfahrzeuge (Drohnen) - ISAC – Integrated Sensing and Communication. Ursprünglich aus dem Bereich der autonom gesteuerten Mobilität auf der Straße kommend, kann ISAC auch zur Ortung von Drohnen im unteren Luftraum verwendet werden. Die Bedeutung von Drohnen hat schlagartig zugenommen: Drohnenflüge über Energieanlagen, Flughäfen oder kritischen Einrichtungen nehmen stetig zu, gleichzeitig erfassen klassische Radarsysteme den unteren Luftraum nicht flächendeckend. Durch den Scheinwerfer auf ISAC möchte der VDE Wege aufzeigen, wie Drohnen zum Schutz der Bevölkerung und Kritischer Infrastruktur flächendeckend geortet werden können.
Schließlich sind Sicherheits- und Verteidigungstechnologien ein gesellschaftlich sensibles Thema. Hier möchte VDE Defense als unabhängige, technisch kompetente Organisation Brücken bauen, faktenbasierte Expertise liefern, technologische Risiken transparent bewerten, Politik beraten und Innovation mit Verantwortung verbinden.
4. Fachkräfte im Bereich Elektro- und Informationstechnik im Blick
Der VDE weist seit Jahren in verschiedenen Studien darauf hin: Deutschland steht im Bereich der Elektro- und Informationstechnik vor einem strukturellen Engpass. Der Bedarf ist hoch, und er wächst stetig weiter. Die drastisch wachsende Nachfrage trifft auf einen seit Jahren schrumpfenden Nachwuchspool. 2025 stehen rund 12.700 Verrentungen nur 7.500 Absolventen in der Elektro- und Informationstechnik gegenüber, mit dramatischer Tendenz.
Elektro- und Informationstechnikingenieure werden z. B. dringend benötigt für Energiewende (Netzausbau, Integration der Erneuerbaren, Speicher), Digitalisierung & KI, Halbleiter- und Chipdesign, Automatisierung & Industrie 4.0, Cybersecurity & kritische Infrastrukturen sowie Sicherheits- und Verteidigungstechnologien. Diese Bereiche sind zentrale Zukunftsfelder – wirtschaftlich wie sicherheitspolitisch.
Besonders kritisch ist die Situation im Bereich der Sicherheits- und Verteidigungstechnologien, denn 83 Prozent der Masterabsolventen an den F&E-lastigen Universitäten in Elektro- und Informationstechnik haben keinen deutschen Pass. Davon stammt die Hälfte aus Ländern wie China und Indien, die aus Sicherheitsgründen zum Beispiel nicht für Projekte in der Landes- und Bündnisverteidigung zugelassen sind.
Die Zukunft verheißt keine Besserung, denn die jährlichen Schreckensmeldungen ähneln sich: Sinkende Studienanfängerzahlen in MINT-Fächern, hohe Abbruchquoten in Ingenieurstudiengängen, demografischer Wandel (viele erfahrene Ingenieure gehen in Rente), internationale Konkurrenz um Talente. Das Ergebnis trifft den Innovations- und Wirtschaftsstandort hart: Offene Stellen können nicht besetzt werden, Projekte verzögern sich, Innovationspotenzial bleibt ungenutzt. Die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie wächst jedoch rasant – von großen Rüstungsunternehmen bis zu spezialisierten Mittelständlern und Start-ups. Doch der Fachkräftemangel in der Elektro- und Informationstechnik gefährdet diesen Ausbau.
Hier legt VDE Defense „den Finger in die Wunde“, denn der VDE ist nicht irgendein Verband. Der VDE ist die größte Technologie-Organisation der Europäischen Union mit Strahlkraft in vielen europäische Länder und darüber hinaus. Der VDE steht auch für ein Netzwerk aus Wissenschaft, Industrie und Nachwuchs. Und der VDE ist auch die „Stimme der Elektro- und Informationstechnik“. Aus der eingangs erwähnten historischen Rolle des VDE – Technik sicher, verlässlich und zukunftsfähig zu gestalten – ergibt sich auch eine Verantwortung für die personellen Grundlagen dieser Technik. Ohne Fachkräfte und Elektro- und Informationstechnikingenieure keine technische Sicherheit, keine Verlässlichkeit und keine Zukunftsfähigkeit.
5. VDE Prüf- und Zertifizierungsinstitut: Garant für Sicherheit, Vertrauen und Resilienz
Das VDE Prüf- und Zertifizierungsinstitut steht grundsätzlich für technische Sicherheit, Vertrauenswürdigkeit und Qualitätsstandards für kritische Systeme. Moderne Sicherheitsanwendungen sind hochkomplex, software- und elektronikbasiert. Ihre Funktionsfähigkeit ist direkt mit der Sicherheit von Menschen, Infrastrukturen und staatlicher Handlungsfähigkeit verbunden. Hier setzt das Prüf- und Zertifizierungsinstitut an: Durch unabhängige Prüfungen, Normkonformitätsbewertungen und Zertifizierungen stellt es sicher, dass technische Systeme und deren Bauteile den hohen Anforderungen an Zuverlässigkeit, Robustheit und Resilienz genügen.
Die Dienstleistungen des Instituts gehen dabei weit über klassische Produktprüfungen hinaus. Sie umfassen Sicherheitsbewertungen für Hard- und Software, die Analyse von Lieferketten und Komponenten auf Schwachstellen sowie die Zertifizierung kritischer Technologien nach internationalen Standards. Für VDE Defense bedeutet dies, dass Systeme, die im zivilen wie im militärischen Umfeld eingesetzt werden, vertrauenswürdig und manipulationssicher sind – eine Grundvoraussetzung für operative Souveränität und strategische Resilienz.
Das VDE Prüf- und Zertifizierungsinstitut macht Sicherheit messbar und schafft Vertrauen.