DER RESILIENZ-CODE: Von der Verwundbarkeit zur Resilienz – wie Technologie Sicherheit und Verteidigung in Europa fördern kann
Der VDE steht seit seiner Gründung am 22. Januar 1893 für Wissen, Fortschritt und Sicherheit. Seine Wurzeln reichen in die 1870er-Jahre zurück, als Werner von Siemens die enorme Bedeutung der Elektrizität erkannte – und zugleich den „Mangel an Ordnung und Berichtigung“. Technik sollte nicht ungeordnet wachsen, sondern durch normative Regeln sicher und verlässlich werden. Es entstand ein Verband mit ordnender und korrigierender Funktion. Heute ist der VDE die größte Technologie-Organisation der Europäischen Union.
Diese Gründungs-DNA des VDE wirkt bis heute. Sicherheit bedeutete für den VDE nie nur technische Fehlervermeidung, sondern die Schaffung von Vertrauen in neue Technologien. In einer Zeit hochvernetzter, komplexer und störanfälliger Systeme reicht klassische Sicherheit jedoch nicht mehr aus. Gefragt ist Resilienz – also die Fähigkeit technischer Systeme und Infrastrukturen, Störungen standzuhalten, sich anzupassen und schnell wieder funktionsfähig zu werden.
Die Hinwendung zur Resilienz ist daher kein neues Kapitel für den VDE, sondern die konsequente Weiterentwicklung des ursprünglichen Auftrags: Technik so zu gestalten, dass sie verlässlich, vertrauenswürdig und tragfähig für eine stabile und freie Gesellschaft bleibt.
Gesellschaftliche Resilienz als Grundlage demokratischer Stabilität und innere Stärke als Voraussetzung für Freiheit und Rechtsstaatlichkeit
Wir stehen an einem Wendepunkt – und viele Menschen in den westlichen Demokratien wollen es noch immer nicht wahrhaben. Während in den Jahren des Friedens – vor allem nach dem Fall des „Eisernen Vorhanges“ in zahlreichen europäischen Staaten die militärische Schlagkraft herabgefahren worden ist, ist es vor allem etwas anderes, das uns heute als Gesellschaft verwundbar macht: Es ist die mitunter fehlende gesellschaftliche Entschlossenheit, Aggressoren und Angreifern auf unsere Demokratie entschieden und entschlossen entgegenzutreten.
Der gegenwärtige Angriff Russlands auf die Ukraine richtet sich nicht nur gegen Territorien in der Ukraine. Er richtet sich gegen unsere Köpfe, gegen unser Vertrauen, gegen den inneren Zusammenhalt unserer Demokratien. Mit hybrider Kriegsführung, gezielter Propaganda und systematischer Desinformation versuchen die Strippenzieher in Moskau, das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in die Handlungsfähigkeit demokratischer Institutionen zu untergraben. Das Ziel ist klar: Zweifel säen, Gesellschaften spalten, Demokratie diskreditieren.
Der ein oder andere gleicht dabei jenem Frosch im Wasser – die Temperatur im Kochtopf steigt langsam. Weil es nicht plötzlich kocht, weil es keinen lauten Knall gibt, keine sichtbare Explosion, bleibt der Frosch sitzen. Er merkt nicht, dass die Gefahr wächst – bis es zu spät ist. Auch hybride Kriegsführung funktioniert so: schleichend, graduell, unterschwellig. Ein manipulatives Narrativ hier, eine gezielte Falschmeldung dort. Ein wenig mehr Misstrauen. Ein wenig mehr Polarisierung. Kein einzelnes Ereignis scheint alarmierend genug – doch in der Summe verändert sich das Klima unserer Demokratie.
Eine Gesellschaft aber, die nicht erkennt, dass ihre Lebensweise angegriffen wird, wird sich nicht verteidigen. Eine Gesellschaft, die Desinformation für Meinung und Manipulation für Debatte hält, wird nicht resilient sein. Und ohne Resilienz – ohne innere Widerstandskraft – werden wir die Herausforderungen der kommenden Jahre nicht bestehen.
Abschreckung funktioniert nicht allein durch Waffen. Sie funktioniert durch Haltung. Aggressoren wie Russland einzudämmen heißt, bereit zu sein, einen Preis zu zahlen. Dieser Preis ist hoch und er wird schon heute fällig: in steigenden Verteidigungsausgaben, in wirtschaftlichen Belastungen, in politischen Priorisierungen. Wer Sicherheit und Resilienz will, muss akzeptieren, dass beides Ressourcen bindet. Wer Freiheit bewahren will, kann nicht so tun, als sei sie kostenlos. Es wird Verteilungskonflikte geben – trotz der Möglichkeit als Bundesrepublik Deutschland mehr Schulden machen zu können. Es wird unbequeme Entscheidungen geben. Aber die Alternative ist nicht Bequemlichkeit – die Alternative ist Schwäche. Und Schwäche lädt Aggression ein.
Ohne den Rückhalt der Gesellschaft können staatliche Sicherheitskräfte ihren Auftrag nicht erfüllen. Ohne Vertrauen in demokratische Institutionen kann kein Staat dauerhaft Sicherheit garantieren. Resilienz ist deshalb keine abstrakte Vokabel aus Strategiepapieren – sie ist die Voraussetzung dafür, dass Regierungen überhaupt handlungsfähig bleiben.
Darum braucht es Ehrlichkeit. Die Politik und alle Personen, die Verantwortung für Deutschland und Europa tragen, müssen klar benennen, was auf dem Spiel steht. Hybride Kriegsführung ist real. Desinformation ist kein Randphänomen, sondern ein von unseren Gegnern genutztes strategisches Instrument. Und letztlich geht es um mehr als geopolitische Einflusssphären. Es geht um unsere demokratische Staatsform. Es geht um Rechtsstaatlichkeit. Es geht um Freiheit. Es geht um die Art, wie wir leben und wie wir leben wollen. Wir dürfen nicht der Frosch sein, der sitzen bleibt, weil das Wasser noch nicht kocht. Wir müssen aufstehen, bevor es zu spät ist. Resilienz beginnt im Bewusstsein. Widerstand beginnt mit Klarheit. Verteidigung beginnt mit der Bereitschaft, für die eigene Demokratie einzustehen.
Resilienz ist – zusätzlich zur dargestellten gesellschaftlichen Resilienz – ein zentraler Erfolgsfaktor für technische Systeme, Organisationen und Infrastrukturen
Angesichts zunehmender Komplexität, Vernetzung und externer Störfaktoren – etwa durch Cyberangriffe, Klimafolgen, geopolitische Spannungen, kriegerische Auseinandersetzungen, terroristische Anschläge oder Lieferkettenrisiken – reicht es nicht mehr aus, Sicherheit, Zuverlässigkeit, Qualität, Trainings, Awareness und Material- bzw. Personalbevorratung isoliert zu betrachten. Stattdessen braucht es einen ganzheitlichen, vorausschauenden Ansatz, der die Widerstands-, Anpassungs- und Wiederherstellungsfähigkeit technischer Systeme systematisch berücksichtigt.
Die Aktivitäten des VDE im Bereich Resilienz sind kein bloßes Zusatzthema. Sie sind ein logischer nächster Schritt zur Weiterentwicklung der VDE-Rolle in einer zunehmend unsicheren und dynamischen Welt. Sie schaffen Orientierung, stärken die Wirkung bestehender Aktivitäten und positionieren den VDE als zentrale Instanz für zukunftsfähige technische Systeme.
Für den VDE ergibt sich beim Thema Resilienz eine klare strategische Relevanz:
1. Gestaltungsanspruch und Verantwortung
Als anerkannter Taktgeber für Regelsetzung, Normung, Prüfung, Zertifizierung und Fachexpertise trägt der VDE insgesamt Verantwortung, Resilienz als integralen Bestandteil moderner Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik zu definieren und mitzugestalten – statt nur auf externe Vorgaben zu reagieren.
2. Querschnittsthema mit hoher Anschlussfähigkeit
Resilienz verbindet bestehende VDE-Kernfelder wie Funktionale Sicherheit, Cybersecurity, Nachhaltigkeit, Systems Engineering und Risikomanagement. Ein geplantes Vorgehen schafft einen gemeinsamen Rahmen, verhindert Insellösungen und erhöht die Kohärenz der VDE-Aktivitäten.
3. Relevanz für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft
Regulatorische Initiativen (z. B. KRITIS, Cyber Resilience Act, Lieferkettengesetzgebung) zeigen, dass Resilienz zunehmend eingefordert wird. Der VDE kann hier als kompetenter Übersetzer zwischen Technik, Regulierung und Anwendung auftreten und praxisnahe Orientierung bieten.
4. Mehrwert für Mitglieder und Partner
Ein klar positioniertes Resilienz-Vorgehen eröffnet neue Leistungen: Leitlinien, Regelsetzungs- und Normungsimpulse, Prüf- und Zertifizierungsansätze, Weiterbildungsangebote sowie Plattformen für interdisziplinären Austausch. Damit stärkt der VDE seine Attraktivität und Zukunftsfähigkeit.
5. Frühzeitige Positionierung statt reaktiver Anpassung
Ohne abgestimmte Planung besteht die Gefahr, dass Resilienz fragmentiert, uneinheitlich oder von externen Akteuren definiert wird. Ein strategischer Ansatz ermöglicht es dem VDE, frühzeitig Schwerpunkte zu setzen und die Entwicklung aktiv zu prägen.