Dr. Dirk Biermann im Austausch mit Dr. Ralf Petri
| 50HertzVDE: Herr Dr. Biermann, Sie begleiten die Energiewende bei 50Hertz seit mehr als 15 Jahren und haben den Wandel von einer überwiegend konventionellen Stromversorgung hin zu einem von erneuerbaren Energien geprägten Energiesystem aus nächster Nähe erlebt. Wenn Sie heute zurückblicken: Gab es einen entscheidenden Wendepunkt, an dem deutlich wurde, dass die Energiewende technisch machbar ist?
Dr. Biermann: Einen einzelnen Wendepunkt kann ich nicht benennen. Wenn ich 15 Jahre zurückblicke, hatten wir im Netzgebiet von 50Hertz zu der Zeit bereits einen Anteil von rund 30 Prozent erneuerbarer Energien am gesamten Jahresstromverbrauch in unserem Netzgebiet. Schon damals haben wir uns als Vorreiter der Energiewende verstanden. Insofern war der grundsätzliche Weg bereits vorgezeichnet.
VDE: Und wenn Sie noch weiter zurückschauen – zum Beispiel 30 Jahre?
Dr. Biermann: Dann sieht die Situation ganz anders aus. Damals hätte ich mir die heutige Entwicklung mit einem so hohen Anteil erneuerbarer Energien kaum vorstellen können. Die Veränderungen waren enorm. Die eigentliche Erkenntnis lautet für mich daher: Langfristige Entwicklungen können viel dynamischer verlaufen, als wir es uns zunächst vorstellen.
VDE: Sie haben das Ziel formuliert, bis 2032 den jährlichen Strombedarf bilanziell vollständig aus erneuerbaren Energien zu decken. Welche Weichenstellungen sind notwendig, damit dies technisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich gelingt?
Dr. Biermann: Neben dem Netzausbau benötigen wir ein Markt- und Steuerungssystem, das Flexibilitäten gezielt unterstützt. Zudem brauchen wir eine Form regionaler Steuerung beim Ausbau erneuerbarer Energien. Netzausbau allein wird nicht ausreichen.
VDE: Wie könnte diese Steuerung aussehen?
Dr. Biermann: Wie eine solche Steuerung konkret ausgestaltet werden soll, wird mit dem Redispatchvorbehalt gerade kontrovers diskutiert. Denkbar sind natürlich auch alternative Ansätze. Entscheidend ist, dass wir eine wirksame Steuerung schaffen, damit der Ausbau der Erneuerbaren effizient erfolgt. Eine besonders wichtige Rolle spielen Batteriespeicher. Sie sind für die Energiewende ein echter Gamechanger. Dass heute kostengünstige Batteriespeicher und gleichzeitig günstige Photovoltaik-Technologien verfügbar sind, ist ein großer Glücksfall. Allerdings müssen technische Standards, regulatorische Rahmenbedingungen und Marktdesign deutlich besser aufeinander abgestimmt werden als heute.
VDE: Wo sehen Sie darüber hinaus die größten strategischen Herausforderungen für Übertragungsnetzbetreiber in den kommenden zehn Jahren?
Dr. Biermann: Es gibt mehrere große Herausforderungen, die wir parallel bewältigen müssen. Zunächst brauchen wir einen weiteren Ausbau der Netzinfrastruktur. Gleichzeitig benötigen wir deutlich mehr Flexibilitäten im System, damit Erzeugung und Verbrauch besser synchronisiert werden können. Außerdem müssen sich auch Strommarkt und Marktdesign weiterentwickeln. Die heutigen Strukturen werden langfristig nicht ausreichen, um ein weitgehend erneuerbares Energiesystem sicher und effizient zu organisieren.