Der vom VDE und dem europäischen Dachverband EUREL ausgerichtete European Future Technology Summit (EFTS) forciert seit Jahren den Austausch zwischen Politik, Industrie, Wissenschaft, Ingenieurwesen und Sicherheitsorganisationen. Anfang September 2026 wurden unter dem Leitmotiv „The Resilience Code“ Wege erörtert, wie Europa seine Widerstandsfähigkeit stärken kann.
European Future Technology Summit 2026 – EFTS Europäische Resilienz schaffen
Sicherheit gesamtgesellschaftliche Aufgabe
Generalleutnant Wolfgang Wien, Deutscher Militärischer Vertreter bei NATO und EU, spannte den sicherheitspolitischen Rahmen. Russlands Krieg richtet sich nicht nur gegen die Ukraine. Die hybride Kriegsführung zielt auch darauf, in anderen europäischen Ländern Vertrauen in Institutionen zu untergraben und die Handlungsfähigkeit von Staaten zu beeinträchtigen. Wiens Botschaft: Resilienz und Sicherheit sind keine Aufgaben, die allein von Regierungen oder Streitkräften gelöst werden können. Sie erfordern das Engagement der gesamten Gesellschaft – und insbesondere einer starken Ingenieurgeneration.
Zivile Systeme im Fokus
Stefan Schönauer von den Hamburger Energienetzen zeigte am Beispiel des Anschlags auf das Berliner Stromnetz im Januar 2026, wie schnell aus einem Stromausfall eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung wird, die Gesundheitswesen, öffentliche Sicherheit, Verkehr und Telekommunikation erfasst. Klar ist: Netzbetreiber, Behörden sowie Rettungs- und Sicherheitsdienste müssen auch unter hoher Unsicherheit koordiniert handeln können. Zivile Systeme sollten wesentliche Funktionen dabei eigenständig aufrechterhalten und nicht von militärischer Unterstützung abhängen.
Energieinfrastruktur strategisches Ziel
Kristina Rimkunaite vom NATO Energy Security Centre of Excellence zeigte anhand der Ukraine, wie Energieinfrastruktur zum zentralen Ziel moderner Kriegsführung geworden ist. Seit Beginn der russischen Vollinvasion werden Strom-, Gas- und Wärmenetze systematisch angegriffen. Die Wiederherstellung beschädigter Anlagen werde – Stand heute – mindestens zehn Jahre und rund 77 Milliarden Euro erfordern. Eine wesentliche Lehre für Europa: Gemeinsame Krisenübungen von Versorgern, Behörden, Wissenschaft und Militär können Schwachstellen identifizieren und beheben, bevor die Krise eintritt.
Kommunikation ist kritische Infrastruktur
Galyna Rospopa vom ukrainischen Energieversorger Lvivoblenergo und Marian Shvets von A-Solutions Development zeigten: Bürgerinnen und Bürger brauchen im Fall von Stromausfällen präzise und zeitnah Informationen über Ursache, Ausmaß und Dauer der Störung. Ukrainische Versorger verbinden dafür operative Datensysteme mit Apps, Chatbots, sozialen Medien und Contact Centern. Verlässliche Kommunikation reduziert Unsicherheit, schützt operative Ressourcen und stärkt Vertrauen. Sie ist damit selbst zu einem Bestandteil kritischer Infrastruktur geworden.
Drei weitere Workshops beleuchteten technologische Bausteine resilienter Systeme. Marc Bovenschulte von VDI/VDE Innovation + Technik zeigte, wie fragmentierte Märkte und langsamer Technologietransfer Europas Innovationskraft bremsen. Reiner Thomä von der TU Ilmenau stellte Mobilfunknetze als künftige Sensorsysteme etwa zur Drohnenerkennung vor. Stefan Liesner von SL Naturenergie stellte dezentrale Erzeugung, Kraft-Wärme-Kopplung und intelligentes Energiemanagement als wichtige Bausteine robuster Energiesysteme heraus. Vor der Workshopphase besuchten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Europäische Kommission und das Europäische Parlament.
Mit der Europaabgeordneten Hildegard Bentele diskutierten sie insbesondere über kritische Rohstoffe: Der Critical Raw Materials Act soll Abhängigkeiten verringern und die Versorgung mit Rohstoffen für europäische Schlüsseltechnologien sichern. Was alle Vorträge und Workshops einte: Resilienz ist nicht die Abwesenheit von Verwundbarkeit. Sie ist die Fähigkeit, Risiken vorherzusehen, Belastungen standzuhalten, sich anzupassen und sich schnell zu erholen. Es gilt, kritische Infrastrukturen, technologische Fähigkeiten und gesellschaftliche Vorsorge jetzt aufzubauen. Europa braucht Resilienz, um auch unter Druck frei und handlungsfähig zu bleiben.
VDE Sommerempfang 2026: Von „Security by Design“ zu „Resilience by Design“
Beim VDE Sommerempfang in der Vertretung des Landes Nordrhein-Westfalen bei der EU warb VDE Vorstandsvorsitzender Ansgar Hinz in seiner Keynote für einen Paradigmenwechsel: Während „Security by Design“ als traditioneller Sicherheitsansatz darauf zielt, Angriffe zu verhindern, geht „Resilience by Design“ davon aus, dass Störungen trotz aller Schutzmaßnahmen eintreten können – und Systeme dennoch wesentliche Funktionen aufrechterhalten und schnell wiederherstellen müssen. Hinz verband diesen Ansatz mit technologischer Souveränität, Zukunfts- und Schlüsseltechnologien sowie Prüfung und Zertifizierung als Grundlage für Vertrauen. Micha Comnick aus dem Kabinett des EU-Kommissars für Verteidigung und Raumfahrt, Andrius Kubilius, schlug die Brücke zur europäischen Verteidigungspolitik. Im Zentrum seiner Keynote „Defence Ready 2030“ stand die industrielle Einsatzbereitschaft. Abschreckung brauche nicht nur leistungsfähige Streitkräfte, sondern auch resiliente industrielle Ökosysteme, die ihre Produktionskapazitäten im Krisenfall rasch hochfahren können. Gemeinsame Beschaffung, Interoperabilität und europäische Produktionskapazitäten werden damit zu Sicherheitsfaktoren. Seine Botschaft: „Abschreckung beruht auf Einsatzbereitschaft – und Einsatzbereitschaft beruht auf industrieller Resilienz.“ Das menschliche Gesicht der Resilienz zeigte das Gespräch von Markus B. Jaeger, Global Head of Political Affairs des VDE und Leiter VDE Defense, mit Galyna Rospopa. Die Kommunikationsdirektorin des ukrainischen Energieversorgers Lvivoblenergo schilderte, wie ukrainische Familien und Energieversorger trotz Raketen- und Drohnenangriffen Alltag und Versorgung aufrechterhalten. Ihre Erfahrungen zeigen: Resilienz entsteht vor allem durch Menschen, die auch unter extremer Belastung Verantwortung übernehmen und handlungsfähig bleiben. Ihre Botschaft an Europa war knapp: „Seid vorbereitet!“ Resilienz kann nicht erst in der Krise entstehen, sondern muss lange vorher aufgebaut werden.