(Frankfurt am Main, 18.06.2026) Moderne Medizingeräte können kontinuierlich Vital-, Bild- und Sensordaten erfassen, lokal verarbeiten und KI-gestützt interpretieren. Aber es gelingt bislang zu selten, diese Informationen systematisch zu vernetzen, interoperabel zu nutzen und in klinische Entscheidungsprozesse einzubetten. Die Deutsche Gesellschaft für Biomedizinische Technik (DGBMT) im VDE fordert daher in einem neuen Impulspapier, dass Medizintechnik-Hersteller, Krankenhäuser und Gesundheitspolitik in Deutschland die Vorteile der digitalen Vernetzung besser ausnutzen sollen. Während administrative Prozesse zunehmend digitalisiert werden, bleiben die Möglichkeiten vernetzter Medizintechnik in der klinischen Versorgung weitgehend ungenutzt.
Patienten präziser, schneller und sicherer versorgen
Verschiedene Anwendungsszenarien verdeutlichen das Potenzial: Werden Vitalparameter kontinuierlich überwacht, lassen sich kritische Zustände wie Sepsis, kardiale Dekompensation oder Ateminsuffizienz frühzeitig erkennen. KI-gestützte Analysen identifizieren Muster und Abweichungen vom individuellen Gesundheitszustand des Patienten und priorisieren Alarme, wodurch Reaktionszeiten verkürzt und Komplikationen reduziert werden.
Adaptive Therapie- und Rehabilitationssysteme eröffnen neue Möglichkeiten der personalisierten Versorgung. Neuroprothesen etwa passen Therapieparameter in Echtzeit an physiologische Veränderungen an und verbessern so Funktionalität, Therapieeffizienz und Patientenzufriedenheit. Genauso wie Functional Electrical Stimulation (FES) Systeme, wenn gezielte elektrische Impulse genutzt werden, um Muskeln künstlich zu aktivieren. Oder ein Closed Loop Stimulationsverfahren, das automatisch misst, entscheidet und eingreift, ohne dass ein Mensch jeden Schritt manuell steuern muss.
Technische Lösungen sind entwickelt! Es gibt keine Lücken bei den Standards!
Technische Grundlagen für vernetzte Medizintechnik sind vorhanden. Standards für Interoperabilität sind etabliert, doch wird die Integration in der Praxis erschwert etwa durch herstellerspezifische Schnittstellen, nicht vollständig umgesetzte semantische Konsistenz sowie unzureichende Cybersecurity‑ und Lifecycle‑Konzepte. Krankenhäuser stehen zusätzlich vor organisatorischen und wirtschaftlichen Hürden, darunter getrennte Zuständigkeiten in Medizintechnik und Informationstechnik, Fachkräftemangel und fehlende Finanzierungsmodelle.
Kritische Erfolgsfaktoren für eine erfolgreiche Umsetzung!
VDE DGBMT empfiehlt ein koordiniertes Vorgehen aller Akteure, um vernetzte Medizintechnik flächendeckend zu etablieren. Für Hersteller bedeutet das offene und standardkonforme Schnittstellen auch vor der Nachfrage durch den Nutzer zu etablieren, konsequente Security‑by‑Design‑Konzepte sowie eine klinische Validierung vernetzter und KI‑basierter Funktionen umzusetzen. Krankenhäuser sollen Netzwerkfähigkeit und Interoperabilität als Beschaffungsstandard verankern, Governance‑Strukturen stärken und Pilotprojekte mit messbaren klinischen Endpunkten umsetzen. Gemeinsam werden Integrationspiloten, klare Verantwortlichkeiten und standardisierte Testprozesse empfohlen. Die Politik soll die verbindliche Nutzung der vorhandenen internationalen Interoperabilitätsstandards, digitale Infrastruktur und Qualifizierungsprogramme fördern.