Oberst Dr. Akaltin – zunächst einen herzlichen Dank, dass Sie mitten in der herausfordernden Kommandoübergabe für ein Gespräch mit VDE Defense zur Verfügung stehen. Lassen Sie uns mit einem Blick in die Historie der operativen Kommunikation starten. In der Antike war die operative Kommunikation auf dem Schlachtfeld sichtbar und hörbar. Banner, imposante Uniformen, Marschordnungen und Trommeln sollten eine psychologische Wirkung beim Feind erzielen: Einschüchterung und Demoralisierung. Im Kalten Krieg wurde die Information als Waffe angesehen. Begrifflichkeiten wie „Psychological Operations – PSYOPS“ und „Minds and Hearts“ bestimmten die Herangehensweise. Seit der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2014 wird auch der digitale Informationsraum mehr Gefechtsfeld und eigenständige militärische Domäne. Wie definieren Sie „Operative Kommunikation“ heute und welche Rolle spielt das Zentrum Operative Kommunikation der Bundeswehr in diesem Zusammenhang? Was wird aus Ihrer Sicht oft beim Begriff „Operative Kommunikation“ missverstanden und inwiefern unterscheidet sich operative Kommunikation der Bundeswehr von klassischer strategischer Kommunikation? Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen Information, Einflussnahme und Manipulation?
Oberst Dr. Ferdi Akaltin: Operative Kommunikation erschließt das Informationsumfeld als militärischen Handlungsraum. Das Zentrum Operative Kommunikation der Bundeswehr bündelt dabei die Fähigkeiten zur Durchführung von Informationsoperationen und psychologischen Operationen. Diese Fähigkeiten sind ein zentraler Teil der strategischen Kommunikation – StratKom – unseres Staates, die darüber hinaus noch die Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr oder die Zivil-Militärische Zusammenarbeit umfasst. Ziel dieses übergreifenden StratKom-Ansatzes ist es, alle Handlungen und diesbezügliche Kommunikation kohärent auf politische und militärische Ziele im Konfliktfall auszurichten. Die Grenze zwischen Information, Einflussnahme und Manipulation ist oftmals nicht deutlich. Information vermittelt wahrheitsgemäße Fakten mit dem Ziel – wie die Bezeichnung bereits impliziert – rein sachlich und objektiv zu informieren. Information beinhaltet somit keine Lenkungsabsicht. Einflussnahme nutzt ebenfalls wahre Inhalte, aber mit der Absicht, Einstellungen oder Verhalten zu beeinflussen und zu ändern. Manipulation hingegen liegt vor, wenn Inhalte oder Absichten verschleiert werden und dadurch die freie Meinungsbildung gezielt beeinträchtigt wird.
In unseren westlichen Demokratien vertreten wir einen nahezu identischen Wertekanon, der auf ethischen und demokratischen Wurzeln fußt. Wer die Taten der russischen Streitkräfte in der Ukraine und den Umgang mit kritischen Köpfen im eigenen Land betrachtet, stellt sehr schnell fest, dass die Verantwortlichen in Moskau, die hinter diesen Massakern, Terrorangriffen auf die ukrainische Zivilbevölkerung und Säuberungen im eigenen Land stehen, alles andere im Sinn haben als die von uns in Deutschland und Europa gelebten Werte. Ethik und demokratische Strukturen sind dort Fehlanzeige. Wie stellt die Bundeswehr sicher, dass operative Kommunikation mit demokratischen Werten, Transparenz und Pressefreiheit vereinbar bleibt? Gibt es ethische rote Linien, die auch im Einsatz niemals überschritten werden dürfen – selbst wenn es operativ von Vorteil wäre? Eine Frage, die ich oft in Gesprächen höre, möchte ich nun Ihnen stellen: Sind wir – wenn wir uns an demokratische Werte, Ethik und Moral halten – nicht immer im Nachteil gegenüber Diktaturen und totalitären Regimen, wo jedes Mittel recht ist, um den gewünschten Erfolg zu erzielen?
Oberst Dr. Ferdi Akaltin: Der Einsatz von Wirkmitteln der operativen Kommunikation unterliegt denselben völker- und verfassungsrechtlichen Voraussetzungen wie der Einsatz anderer militärischer Fähigkeiten. Demnach ist für uns kein konkreter Konflikt erkennbar, der zwischen der operativen Kommunikation und demokratischen Werten steht. Potenziell kann operative Kommunikation genutzt werden, um Einfluss auf die Meinung gesellschaftlicher Gruppierungen in anderen Staaten auszuüben. Eine Einflussnahme ist aber nur unter bestimmten Voraussetzungen möglich. Beispielsweise kann man hier die Freigabe der Zielgruppen nennen – es braucht vorher immer eine rechtliche Ermächtigung. Auch die Ethik haben wir bei der Ausplanung der operativen Kommunikation immer im Hinterkopf. Zudem sichern wir uns immer über unsere Rechtsberaterinnen und -berater ab, um im Ernstfall keine falsche Entscheidung zu treffen. In Deutschland leben wir in einem Rechtsstaat – demnach sind wir verfassungsrechtlich an die Einhaltung des geltenden Rechtes gebunden. Ich würde daher nicht von einem Nachteil gegenüber einer Diktatur sprechen. Eine Diktatur sorgt nicht dafür, dass das Recht und die Freiheit des eigenen Volkes durch den Staat geschützt werden. Das sieht in Deutschland anders aus. Und genau dafür stehen wir ein. Zudem bezweifle ich, dass auch „jedes Mittel“ zu einem Erfolg führt, denn die Verbreitung von gezielt falschen oder ethisch nicht vertretbaren Informationen geht auch damit einher, dass man sich unglaubwürdig machen kann.
Mit dem digitalen Zeitalter, Sozialen Medien, sekundenschneller Informationsgewinnung bzw. -verbreitung im Internet hat sich die Lage für jede Art der Kommunikation grundlegend geändert. Welche Rolle spielen soziale Medien heute im modernen Konflikt – sind sie eher Werkzeug oder Gefechtsfeld? Wo sind die Vor und Nachteile? Vor allem: Wie verändert KI mit Deepfakes, Bots, automatisierten Narrativen die operative Kommunikation konkret?
Oberst Dr. Ferdi Akaltin: Soziale Medien sind beides zugleich: Werkzeug und Gefechtsfeld. Sie ermöglichen schnelle Lagebilder, direkte Ansprache von Zielgruppen und Gegenrede, schaffen aber zugleich ein hochdynamisches Umfeld für Desinformation, Mobilisierung und Eskalation. Oft ist hier Reichweite wichtiger als die Wahrheit. Vorteil ist die Geschwindigkeit und die angesprochene Reichweite. Nachteil hingegen die geringe Kontrollierbarkeit und hohe Anfälligkeit für Manipulation. KI verstärkt operative Kommunikation vor allem durch Skalierung und Automatisierung: Deepfakes, Bots und automatisierte Narrative erlauben es, Inhalte massenhaft, zielgruppengenau und scheinbar authentisch zu verbreiten. Gleichzeitig sinkt die Eintrittsschwelle für Desinformation erheblich, während Verifikation und Attribution – also die eindeutige Zuordnung, wer für die Verbreitung der Desinformation verantwortlich ist – deutlich schwieriger werden.
Sehen Sie Deutschland, vor allem die Medien und die Gesellschaft, als ausreichend resilient gegenüber gezielten Desinformationskampagnen? Und wie gehen Sie mit dem Spannungsfeld um, dass „Wahrheit“ im Informationsraum oft weniger Wirkung entfaltet als Emotionalisierung oder Desinformation?
Oberst Dr. Ferdi Akaltin: Eine vollständige gesellschaftliche Resilienz wird wohl immer ein Wunschtraum bleiben. Zumindest in der Bundeswehr sind wir aber auf einem guten Weg, unsere Soldatinnen und Soldaten gegen ausländische Desinformation zu rüsten. Seit vergangenem Jahr trainieren wir als ZOpKomBw die Resilienz der Angehörigen unserer Streitkräfte gezielt gegen ausländische Manipulation und Einflussnahme. Im Zentrum unserer Trainings steht dabei immer, den Einsatzwert – also insbesondere auch die Moral unserer Soldatinnen und Soldaten – zu erhalten und zu stärken. Operative Kommunikation bewegt sich stets in einem Spannungsfeld: Wahrheit allein erzeugt nicht automatisch Wirkung. Aufgabe ist es daher, wahre Inhalte zielgruppengerecht und nachvollziehbar aufzuarbeiten, ohne die Grenze zur Täuschung zu überschreiten. Wir sind überzeugt, dass langfristige Wirkung vor allem durch konsequente Glaubwürdigkeit entsteht.
Die beste operative Kommunikation ist die, die niemand bemerkt, während der gewünschte Erfolg eintritt. Effizient, elegant und unsichtbar. Können Sie ein Beispiel nennen, in dem operative Kommunikation maßgeblich zum Erfolg eines Einsatzes beigetragen hat und wie passt man Kommunikationsstrategien an unterschiedliche kulturelle Kontexte und lokale Narrative an?
Oberst Dr. Ferdi Akaltin: Das ZOpKomBw hat in den vergangenen Jahrzehnten an nahezu jedem Einsatz der Bundeswehr teilgenommen. In Zeiten der Kriseninterventionseinsätze waren wir beispielsweise erfolgreich im Afghanistan-Einsatz mit vor Ort. Dort haben wir durch verschiedenste Produkte der operativen Kommunikation für eine positive Wahrnehmung des Einsatzes vor Ort gesorgt. Dies, und die hohe Einsatzbeteiligung unserer Soldatinnen und Soldaten zeigt, dass unser Aufgabenspektrum eine hohe Wichtigkeit im militärischen Kontext besitzt. Das ZOpKomBw verfügt über spezialisierte Regionalteams, in denen neben Offizieren und Stabsoffizieren auch zivile Regionalwissenschaftler das Informationsumfeld verschiedener Weltregionen kontinuierlich betrachten und analysieren. Diese Beständigkeit ermöglicht es unserer Dienststelle, Fachwissen aufzubauen und zu pflegen und somit im Bedarfsfall „kaltstartfähig“ zu sein. Durch die kontinuierliche Arbeit unserer Regionalteams besitzen wir die Fähigkeit, die eigenen Kommunikationsstrategien stetig an die jeweilige Zielgruppe anzupassen. Das ist aus unserer Sicht auch ein Schritt, der immer nötig ist.
Lassen Sie uns von den grundsätzlichen Dingen konkret zu Russland als Akteur im Informationsraum kommen. In einer, wie ich finde, leicht verharmlosenden Art wird dieser Tage davon gesprochen, dass es 2029 eine Verabredung an der NATO-Ostflanke mit Russland gebe. Wie bewerten Sie die russische Informations- und Einflussstrategie gegenüber Deutschland und Europa aktuell? Sehen wir eher einzelne Desinformationskampagnen oder eine langfristig angelegte, strategische Destabilisierung unserer Gesellschaft und welche Ziele verfolgt Russland aus Ihrer Sicht primär: politische Entscheidungsfindung, gesellschaftliche Spaltung oder Vertrauensverlust in staatliche Institutionen? Oder gar alles gleichzeitig?
Oberst Dr. Ferdi Akaltin: Wir gehen derzeit davon aus, dass sich Russlands militärische Fähigkeiten nach einem Kriegsende in relativ kurzer Zeit wieder erholen. Somit bleibt eine militärische Bedrohung für das Bündnis auch nach einem Ende des Krieges gegen die Ukraine weiter bestehen. Daher fokussieren sich auch die Soldatinnen und Soldaten des ZOpKomBw auf Szenarien der NATO-Bündnisverteidigung und leisten ihren Beitrag zur Stärkung unserer NATO-Ostflanke. Russland versucht unentwegt über gezielte Desinformationskampagnen die deutsche Öffentlichkeit zu erreichen und so Einfluss auf unsere Gesellschaft zu nehmen. Diese Kampagnen finden vor allem im digitalen Raum statt. Eine wirksame Maßnahme lag daher in der Sperrung von Nachrichtenseiten und Magazinen wie z.B. Russia Today. Diese wurden von der russischen Regierung finanziert, um Desinformationen in unserer Gesellschaft zu verbreiten. Mit der Sperrung wurde die Verbreitung von Desinformation verringert. Unser gesellschaftlicher Zusammenhalt soll durch regelmäßig wiederkehrende Narrative im Kontext des Krieges gegen die Ukraine, etwa die Darstellung westlicher Sanktionen als alleinige Ursache wirtschaftlicher Probleme oder die gezielte Verbreitung widersprüchlicher Versionen von Ereignissen, geschwächt werden. Ziel solcher Kampagnen ist die Erosion von Vertrauen in unsere Demokratie und die Verstärkung bestehender gesellschaftlicher Konfliktlinien. Aus unserer Sicht verfolgt Russland mit seiner Auslandskommunikation verschiedene politisch-strategische Ziele. Die wichtigsten sind mit Sicherheit die angesprochene Schwächung des gesellschaftlichen Zusammenhaltes in Deutschland, aber auch die Delegitimierung unserer demokratisch gewählten Regierung oder die Diskreditierung unserer Ukraine-Hilfen.
Fake News und Narrative: Die Menschen wissen nicht mehr, wem sie was glauben können. Vieles wird angezweifelt. Allein dieser Fakt ist bereits ein Erfolg der Destabilisierungsmechanismen, die von außen in unsere Gesellschaft getragen werden. Zum Teil steigen politische Akteure in diesen Gesang ein. Welche Narrative werden von russischen Akteuren besonders häufig genutzt, um demokratische Gesellschaften im Westen zu destabilisieren und warum sind Falschmeldungen oft erfolgreicher als faktenbasierte Kommunikation? Spielen in solchen Kampagnen emotionale Trigger wie Angst, Wut oder Kränkung eine Rolle ?
Oberst Dr. Ferdi Akaltin: Russische Einflusskampagnen nutzen wiederkehrende Narrative, die westliche Demokratien als schwach oder zerstritten darstellen und gleichzeitig bestehende gesellschaftliche Konflikte gezielt verstärken. Themenbereiche wie die Energie-, Migrations- oder Gleichstellungspolitik sollen als Beweis dafür dienen, wie gesellschaftsschädlich und moralisch verfallen der Westen angeblich agiert. Russland wird als der Gegenentwurf präsentiert, in dem traditionelle Werte noch Gültigkeit haben. Falschmeldungen wirken oft stärker als faktenbasierte Kommunikation, weil sie emotionalisieren, vereinfachen und klare Schuldzuweisungen bieten. Emotionale Trigger wie Angst oder Wut erhöhen die Verbreitungsdynamik erheblich, verwundbar wird eine Gesellschaft vor allem dort, wo Polarisierung und Vertrauensverlust bereits vorhanden sind.
Wo sehen Sie die größten Verwundbarkeiten der deutschen Gesellschaft gegenüber Desinformation? Und wie gefährlich ist es, wenn Bürgerinnen und Bürger staatlichen Institutionen grundsätzlich misstrauen – selbst dann, wenn Informationen korrekt sind?
Oberst Dr. Ferdi Akaltin: Gefährlich ist insbesondere ein generelles Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen. Denn wenn selbst korrekte Informationen nicht mehr geglaubt werden, wird der demokratische Diskurs nachhaltig geschwächt.