Oberst. Dr. Akaltin

Oberst Dr. Akaltin während eines Vortrages an seine Soldatinnen und Soldaten

| Bundeswehr/ZOpKomBw
12.03.2026 Kurzinformation

Operative Kommunikation im Rechtsstaat: mit Rechtmäßigkeit und konsequenter Glaubwürdigkeit zum Erfolg!

Von den antiken Schlachtfeldern bis in die digitalen Echokammern der Gegenwart: Operative Kommunikation war stets Teil militärischen Handelns – doch ihr Charakter hat sich grundlegend gewandelt. Wie Deutschland darauf reagiert, darüber sprach Oberst Dr. Ferdi Akaltin vom Zentrum Operative Kommunikation der Bundeswehr mit VDE Defense.

Spätestens seit der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2014 ist der Informationsraum selbst zur militärischen Domäne geworden. Soziale Medien, Desinformation, KI-generierte Inhalte und gezielte Einflusskampagnen prägen moderne Konflikte – oft unterhalb der Schwelle eines offenen Krieges. Wie definiert die Bundeswehr heute „Operative Kommunikation“? Wo verläuft die Grenze zwischen legitimer Einflussnahme und Manipulation? Und wie lässt sich militärische Kommunikationsarbeit mit demokratischen Werten, Rechtsstaatlichkeit und ethischen Maßstäben vereinbaren – gerade im Wettbewerb mit autoritären Systemen? Welche Rolle spielen KI und andere neue digitale Möglichkeiten. Was ist mit Russland?

Darüber und einiges mehr hat sich Markus B. Jaeger, Bereichsleiter VDE Defense und Oberstleutnant der Reserve, jüngst mit Oberst Dr. Ferdi Akaltin unterhalten. Kennengelernt hatten sich Jaeger und Akaltin bei der Handelsblatt-Konferenz „Sicherheit & Verteidigung“ im Januar 2026 in Berlin. Zum Zeitpunkt des Gesprächs war Oberst Dr. Akaltin noch Kommandeur des Zentrum Operative Kommunikation der Bundeswehr – ZOpKomBw. Das Kommando über das ZOpKomBw hat Oberst Dr. Akaltin kurz vor dem Erscheinen dieses Interviews an seinen Nachfolger übergeben.



Oberst. Dr. Akaltin

Der promovierte Historiker Dr. phil. Ferdi Akaltin war seit Mitte 2021 Kommandeur des ZOpKomBw – einer Dienststelle der Bundeswehr für operative Kommunikation im Informationsraum. Das Zentrum gehört zum Kommando Cyber- und Informationsraum. Es hat die Aufgabe, das Informationsumfeld zu analysieren, Desinformation zu erkennen und freigegebene Informationsmaßnahmen zur Unterstützung militärischer Führung einzusetzen. Nach der Absolvierung des Generalstabslehrgangs in Deutschland und einem weiteren Lehrgang in Dänemark hatte Oberst Dr. Akaltin diverse militärische Verwendungen, darunter als Bataillonskommandeur, Chef des Stabes einer Panzerbrigade und als Abteilungsleiter im NATO-Hauptquartier LANDCOM in Izmir (Türkei).


Oberst Dr. Akaltin – zunächst einen herzlichen Dank, dass Sie mitten in der herausfordernden Kommandoübergabe für ein Gespräch mit VDE Defense zur Verfügung stehen. Lassen Sie uns mit einem Blick in die Historie der operativen Kommunikation starten. In der Antike war die operative Kommunikation auf dem Schlachtfeld sichtbar und hörbar. Banner, imposante Uniformen, Marschordnungen und Trommeln sollten eine psychologische Wirkung beim Feind erzielen: Einschüchterung und Demoralisierung. Im Kalten Krieg wurde die Information als Waffe angesehen. Begrifflichkeiten wie „Psychological Operations – PSYOPS“ und „Minds and Hearts“ bestimmten die Herangehensweise. Seit der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2014 wird auch der digitale Informationsraum mehr Gefechtsfeld und eigenständige militärische Domäne. Wie definieren Sie „Operative Kommunikation“ heute und welche Rolle spielt das Zentrum Operative Kommunikation der Bundeswehr in diesem Zusammenhang? Was wird aus Ihrer Sicht oft beim Begriff „Operative Kommunikation“ missverstanden und inwiefern unterscheidet sich operative Kommunikation der Bundeswehr von klassischer strategischer Kommunikation? Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen Information, Einflussnahme und Manipulation?

Oberst Dr. Ferdi Akaltin: Operative Kommunikation erschließt das Informationsumfeld als militärischen Handlungsraum. Das Zentrum Operative Kommunikation der Bundeswehr bündelt dabei die Fähigkeiten zur Durchführung von Informationsoperationen und psychologischen Operationen. Diese Fähigkeiten sind ein zentraler Teil der strategischen Kommunikation – StratKom – unseres Staates, die darüber hinaus noch die Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr oder die Zivil-Militärische Zusammenarbeit umfasst. Ziel dieses übergreifenden StratKom-Ansatzes ist es, alle Handlungen und diesbezügliche Kommunikation kohärent auf politische und militärische Ziele im Konfliktfall auszurichten. Die Grenze zwischen Information, Einflussnahme und Manipulation ist oftmals nicht deutlich. Information vermittelt wahrheitsgemäße Fakten mit dem Ziel – wie die Bezeichnung bereits impliziert – rein sachlich und objektiv zu informieren. Information beinhaltet somit keine Lenkungsabsicht. Einflussnahme nutzt ebenfalls wahre Inhalte, aber mit der Absicht, Einstellungen oder Verhalten zu beeinflussen und zu ändern. Manipulation hingegen liegt vor, wenn Inhalte oder Absichten verschleiert werden und dadurch die freie Meinungsbildung gezielt beeinträchtigt wird.

In unseren westlichen Demokratien vertreten wir einen nahezu identischen Wertekanon, der auf ethischen und demokratischen Wurzeln fußt. Wer die Taten der russischen Streitkräfte in der Ukraine und den Umgang mit kritischen Köpfen im eigenen Land betrachtet, stellt sehr schnell fest, dass die Verantwortlichen in Moskau, die hinter diesen Massakern, Terrorangriffen auf die ukrainische Zivilbevölkerung und Säuberungen im eigenen Land stehen, alles andere im Sinn haben als die von uns in Deutschland und Europa gelebten Werte. Ethik und demokratische Strukturen sind dort Fehlanzeige. Wie stellt die Bundeswehr sicher, dass operative Kommunikation mit demokratischen Werten, Transparenz und Pressefreiheit vereinbar bleibt? Gibt es ethische rote Linien, die auch im Einsatz niemals überschritten werden dürfen – selbst wenn es operativ von Vorteil wäre? Eine Frage, die ich oft in Gesprächen höre, möchte ich nun Ihnen stellen: Sind wir – wenn wir uns an demokratische Werte, Ethik und Moral halten – nicht immer im Nachteil gegenüber Diktaturen und totalitären Regimen, wo jedes Mittel recht ist, um den gewünschten Erfolg zu erzielen?

Oberst Dr. Ferdi Akaltin: Der Einsatz von Wirkmitteln der operativen Kommunikation unterliegt denselben völker- und verfassungsrechtlichen Voraussetzungen wie der Einsatz anderer militärischer Fähigkeiten. Demnach ist für uns kein konkreter Konflikt erkennbar, der zwischen der operativen Kommunikation und demokratischen Werten steht. Potenziell kann operative Kommunikation genutzt werden, um Einfluss auf die Meinung gesellschaftlicher Gruppierungen in anderen Staaten auszuüben. Eine Einflussnahme ist aber nur unter bestimmten Voraussetzungen möglich. Beispielsweise kann man hier die Freigabe der Zielgruppen nennen – es braucht vorher immer eine rechtliche Ermächtigung. Auch die Ethik haben wir bei der Ausplanung der operativen Kommunikation immer im Hinterkopf. Zudem sichern wir uns immer über unsere Rechtsberaterinnen und -berater ab, um im Ernstfall keine falsche Entscheidung zu treffen. In Deutschland leben wir in einem Rechtsstaat – demnach sind wir verfassungsrechtlich an die Einhaltung des geltenden Rechtes gebunden. Ich würde daher nicht von einem Nachteil gegenüber einer Diktatur sprechen. Eine Diktatur sorgt nicht dafür, dass das Recht und die Freiheit des eigenen Volkes durch den Staat geschützt werden. Das sieht in Deutschland anders aus. Und genau dafür stehen wir ein. Zudem bezweifle ich, dass auch „jedes Mittel“ zu einem Erfolg führt, denn die Verbreitung von gezielt falschen oder ethisch nicht vertretbaren Informationen geht auch damit einher, dass man sich unglaubwürdig machen kann.

Mit dem digitalen Zeitalter, Sozialen Medien, sekundenschneller Informationsgewinnung bzw. -verbreitung im Internet hat sich die Lage für jede Art der Kommunikation grundlegend geändert. Welche Rolle spielen soziale Medien heute im modernen Konflikt – sind sie eher Werkzeug oder Gefechtsfeld? Wo sind die Vor und Nachteile? Vor allem: Wie verändert KI mit Deepfakes, Bots, automatisierten Narrativen die operative Kommunikation konkret?

Oberst Dr. Ferdi Akaltin: Soziale Medien sind beides zugleich: Werkzeug und Gefechtsfeld. Sie ermöglichen schnelle Lagebilder, direkte Ansprache von Zielgruppen und Gegenrede, schaffen aber zugleich ein hochdynamisches Umfeld für Desinformation, Mobilisierung und Eskalation. Oft ist hier Reichweite wichtiger als die Wahrheit. Vorteil ist die Geschwindigkeit und die angesprochene Reichweite. Nachteil hingegen die geringe Kontrollierbarkeit und hohe Anfälligkeit für Manipulation. KI verstärkt operative Kommunikation vor allem durch Skalierung und Automatisierung: Deepfakes, Bots und automatisierte Narrative erlauben es, Inhalte massenhaft, zielgruppengenau und scheinbar authentisch zu verbreiten. Gleichzeitig sinkt die Eintrittsschwelle für Desinformation erheblich, während Verifikation und Attribution – also die eindeutige Zuordnung, wer für die Verbreitung der Desinformation verantwortlich ist – deutlich schwieriger werden.

Sehen Sie Deutschland, vor allem die Medien und die Gesellschaft, als ausreichend resilient gegenüber gezielten Desinformationskampagnen? Und wie gehen Sie mit dem Spannungsfeld um, dass „Wahrheit“ im Informationsraum oft weniger Wirkung entfaltet als Emotionalisierung oder Desinformation?

Oberst Dr. Ferdi Akaltin: Eine vollständige gesellschaftliche Resilienz wird wohl immer ein Wunschtraum bleiben. Zumindest in der Bundeswehr sind wir aber auf einem guten Weg, unsere Soldatinnen und Soldaten gegen ausländische Desinformation zu rüsten. Seit vergangenem Jahr trainieren wir als ZOpKomBw die Resilienz der Angehörigen unserer Streitkräfte gezielt gegen ausländische Manipulation und Einflussnahme. Im Zentrum unserer Trainings steht dabei immer, den Einsatzwert – also insbesondere auch die Moral unserer Soldatinnen und Soldaten – zu erhalten und zu stärken. Operative Kommunikation bewegt sich stets in einem Spannungsfeld: Wahrheit allein erzeugt nicht automatisch Wirkung. Aufgabe ist es daher, wahre Inhalte zielgruppengerecht und nachvollziehbar aufzuarbeiten, ohne die Grenze zur Täuschung zu überschreiten. Wir sind überzeugt, dass langfristige Wirkung vor allem durch konsequente Glaubwürdigkeit entsteht.

Die beste operative Kommunikation ist die, die niemand bemerkt, während der gewünschte Erfolg eintritt. Effizient, elegant und unsichtbar. Können Sie ein Beispiel nennen, in dem operative Kommunikation maßgeblich zum Erfolg eines Einsatzes beigetragen hat und wie passt man Kommunikationsstrategien an unterschiedliche kulturelle Kontexte und lokale Narrative an?

Oberst Dr. Ferdi Akaltin: Das ZOpKomBw hat in den vergangenen Jahrzehnten an nahezu jedem Einsatz der Bundeswehr teilgenommen. In Zeiten der Kriseninterventionseinsätze waren wir beispielsweise erfolgreich im Afghanistan-Einsatz mit vor Ort. Dort haben wir durch verschiedenste Produkte der operativen Kommunikation für eine positive Wahrnehmung des Einsatzes vor Ort gesorgt. Dies, und die hohe Einsatzbeteiligung unserer Soldatinnen und Soldaten zeigt, dass unser Aufgabenspektrum eine hohe Wichtigkeit im militärischen Kontext besitzt. Das ZOpKomBw verfügt über spezialisierte Regionalteams, in denen neben Offizieren und Stabsoffizieren auch zivile Regionalwissenschaftler das Informationsumfeld verschiedener Weltregionen kontinuierlich betrachten und analysieren. Diese Beständigkeit ermöglicht es unserer Dienststelle, Fachwissen aufzubauen und zu pflegen und somit im Bedarfsfall „kaltstartfähig“ zu sein. Durch die kontinuierliche Arbeit unserer Regionalteams besitzen wir die Fähigkeit, die eigenen Kommunikationsstrategien stetig an die jeweilige Zielgruppe anzupassen. Das ist aus unserer Sicht auch ein Schritt, der immer nötig ist.

Lassen Sie uns von den grundsätzlichen Dingen konkret zu Russland als Akteur im Informationsraum kommen. In einer, wie ich finde, leicht verharmlosenden Art wird dieser Tage davon gesprochen, dass es 2029 eine Verabredung an der NATO-Ostflanke mit Russland gebe. Wie bewerten Sie die russische Informations- und Einflussstrategie gegenüber Deutschland und Europa aktuell? Sehen wir eher einzelne Desinformationskampagnen oder eine langfristig angelegte, strategische Destabilisierung unserer Gesellschaft und welche Ziele verfolgt Russland aus Ihrer Sicht primär: politische Entscheidungsfindung, gesellschaftliche Spaltung oder Vertrauensverlust in staatliche Institutionen? Oder gar alles gleichzeitig?

Oberst Dr. Ferdi Akaltin: Wir gehen derzeit davon aus, dass sich Russlands militärische Fähigkeiten nach einem Kriegsende in relativ kurzer Zeit wieder erholen. Somit bleibt eine militärische Bedrohung für das Bündnis auch nach einem Ende des Krieges gegen die Ukraine weiter bestehen. Daher fokussieren sich auch die Soldatinnen und Soldaten des ZOpKomBw auf Szenarien der NATO-Bündnisverteidigung und leisten ihren Beitrag zur Stärkung unserer NATO-Ostflanke. Russland versucht unentwegt über gezielte Desinformationskampagnen die deutsche Öffentlichkeit zu erreichen und so Einfluss auf unsere Gesellschaft zu nehmen. Diese Kampagnen finden vor allem im digitalen Raum statt. Eine wirksame Maßnahme lag daher in der Sperrung von Nachrichtenseiten und Magazinen wie z.B. Russia Today. Diese wurden von der russischen Regierung finanziert, um Desinformationen in unserer Gesellschaft zu verbreiten. Mit der Sperrung wurde die Verbreitung von Desinformation verringert. Unser gesellschaftlicher Zusammenhalt soll durch regelmäßig wiederkehrende Narrative im Kontext des Krieges gegen die Ukraine, etwa die Darstellung westlicher Sanktionen als alleinige Ursache wirtschaftlicher Probleme oder die gezielte Verbreitung widersprüchlicher Versionen von Ereignissen, geschwächt werden. Ziel solcher Kampagnen ist die Erosion von Vertrauen in unsere Demokratie und die Verstärkung bestehender gesellschaftlicher Konfliktlinien. Aus unserer Sicht verfolgt Russland mit seiner Auslandskommunikation verschiedene politisch-strategische Ziele. Die wichtigsten sind mit Sicherheit die angesprochene Schwächung des gesellschaftlichen Zusammenhaltes in Deutschland, aber auch die Delegitimierung unserer demokratisch gewählten Regierung oder die Diskreditierung unserer Ukraine-Hilfen.

Fake News und Narrative: Die Menschen wissen nicht mehr, wem sie was glauben können. Vieles wird angezweifelt. Allein dieser Fakt ist bereits ein Erfolg der Destabilisierungsmechanismen, die von außen in unsere Gesellschaft getragen werden. Zum Teil steigen politische Akteure in diesen Gesang ein. Welche Narrative werden von russischen Akteuren besonders häufig genutzt, um demokratische Gesellschaften im Westen zu destabilisieren und warum sind Falschmeldungen oft erfolgreicher als faktenbasierte Kommunikation? Spielen in solchen Kampagnen emotionale Trigger wie Angst, Wut oder Kränkung eine Rolle ?

Oberst Dr. Ferdi Akaltin: Russische Einflusskampagnen nutzen wiederkehrende Narrative, die westliche Demokratien als schwach oder zerstritten darstellen und gleichzeitig bestehende gesellschaftliche Konflikte gezielt verstärken. Themenbereiche wie die Energie-, Migrations- oder Gleichstellungspolitik sollen als Beweis dafür dienen, wie gesellschaftsschädlich und moralisch verfallen der Westen angeblich agiert. Russland wird als der Gegenentwurf präsentiert, in dem traditionelle Werte noch Gültigkeit haben. Falschmeldungen wirken oft stärker als faktenbasierte Kommunikation, weil sie emotionalisieren, vereinfachen und klare Schuldzuweisungen bieten. Emotionale Trigger wie Angst oder Wut erhöhen die Verbreitungsdynamik erheblich, verwundbar wird eine Gesellschaft vor allem dort, wo Polarisierung und Vertrauensverlust bereits vorhanden sind.

Wo sehen Sie die größten Verwundbarkeiten der deutschen Gesellschaft gegenüber Desinformation? Und wie gefährlich ist es, wenn Bürgerinnen und Bürger staatlichen Institutionen grundsätzlich misstrauen – selbst dann, wenn Informationen korrekt sind?

Oberst Dr. Ferdi Akaltin: Gefährlich ist insbesondere ein generelles Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen. Denn wenn selbst korrekte Informationen nicht mehr geglaubt werden, wird der demokratische Diskurs nachhaltig geschwächt.

Oberst. Dr. Akaltin

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| Bundeswehr/ZOpKomBw

Blicken wir kurz auf die Rolle der Bundeswehr und die Operative Kommunikation im Kanon der „Dienste“. Den Verfassungsschutz des Bundes und der Länder kennt ein großer Teil der Gesellschaft aus der Medienberichterstattung. Gleiches gilt für den Bundesnachrichtendienst – mit dem wahrscheinlich in der Fantasie der Menschen einige James-Bond-Abenteuer verknüpft werden, was aufgrund der Gesetzeslage aktuell noch ausgeschlossen ist. Den Militärischen Abschirmdienst und das Zentrum Operative Kommunikation der Bundeswehr kennen die wenigsten Bundesbürger. Welche Rolle spielt die Bundeswehr im Umgang mit ausländischen, insbesondere russischen Desinformationskampagnen – und wo sind bewusst klare Grenzen zu den anderen genannten Diensten in Deutschland gezogen? Wie arbeiten Sie als Zentrum Operative Kommunikation mit anderen staatlichen Akteuren zusammen, ohne in die Meinungsbildung im Inland einzugreifen und wie stellen Sie sicher, dass Ihre Gegenmaßnahmen nicht selbst als Propaganda wahrgenommen werden?

Dr. Ferdi Akaltin: Das ZOpKomBw ist weder Inlands- noch Auslandsnachrichtendienst, sondern hat den klaren Auftrag, zum Schutz und zur Aufrechterhaltung der Einsatzfähigkeit unserer Streitkräfte beizutragen. Unsere Dienststelle arbeitet dabei ressortübergreifend mit anderen staatlichen Akteuren zusammen, etwa im Austausch von Lagebildern oder in der Abstimmung strategischer Kommunikation. Gleichzeitig gilt eine klare verfassungsrechtliche Grenze: Wir greifen nicht in die politische Meinungsbildung im Inland ein und wirken nicht auf die eigene Bevölkerung. Entscheidend für die Glaubwürdigkeit sind Transparenz und Rechtsbindung. Gegenmaßnahmen müssen faktenbasiert, nachvollziehbar und verhältnismäßig sein. Wo sich Kommunikation an überprüfbaren Fakten orientiert, reduziert sich das Risiko, selbst als Propaganda wahrgenommen zu werden. Nochmal: Wir sind überzeugt, dass langfristige Wirkung vor allem durch konsequente Glaubwürdigkeit entsteht.

Herr Oberst, es hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass Russland massiv auch KI und Deepfakes einsetzt. Russland unterhält dauerhafte, organisierte digitale Einflussstrukturen, die auf die westlichen Demokratien und Gesellschaften zielen. Das tut es kontinuierlich im Informationsraum – nicht nur in Krisen oder im Krieg – schon jetzt. Diese hybriden Netzwerke, die auch als „Bot-Armeen“ bezeichnet werden, bestehen z.B. aus automatisierten Accounts (Bots) und menschlichen Akteuren, die in ein Netzwerk aus staatlichen Stellen, staatsnahen Firmen und ausgelagerten „Content-Fabriken“ eingeflochten sind. Wie stark verändern KI-generierte Inhalte aus Russland und ähnlich motivierten Staaten die Bedrohungslage im Informationsraum? Was ist mit gezielten Deepfake-Kampagnen aus Russland gegen politische Entscheidungsträger oder die militärische Führung in Deutschland? Ist unsere Gesellschaft technisch und mental auf eine Zukunft vorbereitet, in der visuelle Beweise nicht mehr verlässlich sind?

Oberst Dr. Ferdi Akaltin: KI-generierte Inhalte verschärfen die Bedrohungslage im Informationsumfeld deutlich, weil sie Desinformation skalierbar, schneller, glaubwürdiger und kostengünstiger machen. Entscheidend ist weniger die technische Perfektion einzelner Deepfakes als ihre Masse, Zielgenauigkeit und zeitliche Nähe zu politischen Entscheidungsprozessen, wodurch Vertrauen, Entscheidungsfindung und gesellschaftlicher Zusammenhalt unter Druck geraten. Mit Deepfake-Kampagnen ist aus unserer Sicht jederzeit zu rechnen, insbesondere in Krisen, Wahlkampfphasen oder bei sicherheitspolitisch sensiblen Entscheidungen. Schon jetzt diskreditieren russische Auslandsmedien wie RT (ehemals Russia Today) politische Entscheidungsträger wie Ursula von der Leyen oder Wolodymyr Selenskyj mit Hilfe von Deepfakes. Ziel ist es, deren Glaubwürdigkeit zu untergraben. Ob unsere Gesellschaft auf dieses Konfliktszenario vorbereitet ist, lässt sich meiner Meinung nach nur schwer einschätzen. Es existieren zwar Erkennungs- und Verifikationswerkzeuge, diese sind aber nur mit vertiefter Medienkompetenz sinnvoll nutzbar. Die rasante Entwicklung von KI hat aus unserer Sicht vor allem die Erkenntnis erbracht, dass wir uns auf vermeintliche visuelle Beweise nicht mehr verlassen können und die Grenze zwischen „echt und KI-generiert bereits heute kaum noch vorhanden ist.

Wir wissen, dass es die 100-prozentige Sicherheit nicht gibt. Stattdessen hören wir in vielen Diskussionen zu fast jedem Thema, dass wir resilient sein müssen. Der Unterschied zwischen 100-prozentiger Sicherheit – alle Angriffe werden verhindert – und Resilienz – Angriffe können verkraftet werden – kann grundsätzlicher nicht sein. Mein persönliches Lieblingsbild für das Thema lautet wie folgt: Familie Sicherheit will die Haustür immer geschlossen halten. Familie Resilienz hingegen sorgt dafür, dass das Haus bewohnbar bleibt, wenn jemand einbricht. Was bedeutet „gesellschaftliche Resilienz“ aus militärischer Sicht konkret? Welche Rolle spielen Medienkompetenz und politische Bildung im Schutz vor Desinformation? Wie kann die Bundeswehr da unterstützen, wo endet staatliche Verantwortung – und wo beginnt die Verantwortung jedes Einzelnen?

Oberst Dr. Ferdi Akaltin: Gesellschaftliche Resilienz bedeutet aus unserer Sicht, dass unsere Gesellschaft auch unter Einfluss- und Manipulationsversuchen ausländischer Staaten nicht ihren Zusammenhalt verliert und ihr demokratisches Wertesystem in Frage stellt. Resilienz zielt somit nicht darauf ab, Angriffe zu verhindern, sondern deren Wirkung zu begrenzen und Vertrauen in unsere staatlichen Institutionen und Demokratie zu erhalten. Medienkompetenz und politische Bildung sind zentrale Schutzfaktoren, weil sie Menschen befähigen, Informationen kritisch einzuordnen, Quellen zu bewerten und Manipulationsversuche zu erkennen. Auch aus diesem Grund leistet das ZOpKomBw - die angesprochene - Resilienzausbildung innerhalb unserer Streitkräfte. Sowohl die Bevölkerung als auch der Staat tragen gemeinsam Verantwortung im Kampf gegen Desinformation. Resilienz ist daher nicht nur eine gesamtstaatliche, sondern ebenso eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Der Staat trägt Verantwortung, dass die institutionellen und rechtlichen Rahmenbedingungen stimmen, dass wir also beispielsweise eine freie und professionelle Medienlandschaft haben. Das ermöglicht dann wieder dem einzelnen Bürger, sich eine eigene fundierte Meinung bilden zu können, Informationen kritisch zu prüfen und verantwortungsvoll weiterzugeben. Resilienz entsteht aus dem Zusammenspiel beider Seiten.

Ich muss es einfach fragen: Befinden wir uns aus Ihrer Sicht bereits jetzt in einem dauerhaften Informationskonflikt mit Russland? Wenn ja, wie stellt sich dieser Konflikt konkret dar, der nach meiner Ansicht leicht verharmlosend auch als „hybrider Krieg“ bezeichnet wird? Welche Lehren zieht die Bundeswehr aus dem russischen Informationskrieg im Kontext des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine und was müsste Deutschland heute tun, um dann, wenn die „Verabredung an der NATO-Ostflanke 2029“ akut wird, weniger anfällig für gezielte Desinformation aus Russland zu sein?

Oberst Dr. Ferdi Akaltin: Spätestens seit der russischen Invasion 2022 in die Ukraine befinden wir uns zwar in Deutschland nicht im Krieg, aber auch nicht mehr im über die vergangenen Jahrzehnte wahrgenommenen Frieden. Wir erleben seit Jahren eine kontinuierliche Auseinandersetzung im Informationsumfeld, die unterhalb der Schwelle eines offenen militärischen Konflikts stattfindet. Sie äußert sich in Desinformationskampagnen, Einflussnahme auf politische Debatten, Cyberoperationen sowie dem gezielten Versuch, gesellschaftliche Spaltung zu verstärken und Vertrauen in Institutionen zu untergraben. Der Begriff „hybrider Krieg“ beschreibt dabei weniger einen formalen Kriegszustand als vielmehr die systematische Verbindung militärischer, politischer, ökonomischer, diplomatischer und informationeller Mittel. Eine zentrale Lehre ist, dass Desinformationskampagnen kein Begleitphänomen, sondern integraler Bestandteil russischer Kriegsführung sind. Die Wirkung dieser Kampagnen erstreckt sich über den kompletten Kriegsverlauf hinweg – ebenso im Frieden, also noch vor kinetischen Operationen. Zudem zeigt sich, dass gesellschaftliche Resilienz ein entscheidender Faktor der Gesamtverteidigung ist. Resilienzstärkung gegen ausländische Desinformation ist dann auch der Hebel, der aus unserer Perspektive die größte Wirkung bringen kann.

Die letzte Frage: Was antworten Sie Menschen, die nicht anerkennen wollen, dass wir uns im Hier und Jetzt bereits in einer Auseinandersetzung mit Russland befinden? Menschen, die behaupten, es gebe keine Beweise, dass Russland hinter vielen Aktivitäten steckt, die wir im Laufe des Interviews dargestellt haben? Menschen, die behaupten, dass Russland angegriffen worden sei und sich nur verteidige? Menschen, die behaupten, es sei nur unsere Propaganda, Russland als den Schuldigen darzustellen?

Oberst Dr. Ferdi Akaltin: Ich würde zunächst anerkennen, dass kritisches Hinterfragen in einer Demokratie legitim und sogar notwendig ist. Gleichzeitig gilt: Die Einschätzung, dass wir uns in einer anhaltenden Auseinandersetzung mit Russland im Informationsumfeld befinden, stützt sich nicht auf Meinungen, sondern auf öffentlich dokumentierte Analysen von Sicherheitsbehörden, internationalen Partnern und unabhängigen Forschungsinstituten. Beispielsweise veröffentlicht die Europäische Union einmal jährlich ihren sogenannten FIMI-Report, der dezidiert aufführt, wie Russland – oder auch China – Meinungen manipulieren und den Westen versuchen zu beeinflussen. Die Darstellung, Russland sei angegriffen worden und handle ausschließlich defensiv, widerspricht der völkerrechtlichen Bewertung des Angriffs auf die Ukraine 2022, der international breit als Bruch des Gewaltverbots der UN-Charta eingeordnet wird. Diese Bewertung ist keine Propaganda, sondern eine rechtlich und politisch etablierte Einordnung auf Grundlage internationaler Normen. Und schließlich: Der Hinweis auf „unsere Propaganda“ zeigt, wie stark Informationskonflikte auf Vertrauen zielen. Gerade deshalb ist Transparenz und seriöse Quellenarbeit entscheidend. Eine Demokratie muss Kritik aushalten – aber sie darf belegbare Fakten nicht relativieren und vor allem darf sie nicht wehrlos sein im Kampf gegen Desinformation.

Resilienz

Resilienz
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12.01.2026

Sicherheit bedeutete für den VDE nie nur technische Fehlervermeidung, sondern die Schaffung von Vertrauen in neue Technologien. In einer Zeit hochvernetzter, komplexer und störanfälliger Systeme reicht klassische Sicherheit jedoch nicht mehr aus. Gefragt ist Resilienz – also die Fähigkeit technischer Systeme und Infrastrukturen, Störungen standzuhalten, sich anzupassen und schnell wieder funktionsfähig zu werden.

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