Frank Westphal im Austausch mit Dr. Ralf Petri
| Sarah Kastner / VDEVDE: Herr Westphal, Sie waren nach Ihrer Lehre zum Elektromonteur und dem Elektrotechnikstudium in Ihrer Karriere u.a. bei AEG, ALSTOM und Thyssen Krupp tätig. Welche Station hat Sie besonders geprägt – und wie hat sich in dieser Zeit die Energie- und Infrastrukturlandschaft verändert?
Westphal: Das ist eine gute Frage. Ehrlicherweise würde ich keine dieser Stationen besonders herausstellen. AEG war mein erster Job – ich bin damals nach einem dreitägigen Assessment Center in Frankfurt als erster „Ossi“-Trainee eingestiegen. Das war für beide Seiten sehr spannend. Alstom entstand aus Teilen der AEG, nachdem diese 1996 zerschlagen wurde. Dort wurde ich relativ jung für mehrere Niederlassungen verantwortlich, eine sehr prägende Erfahrung. Bei Thyssenkrupp ging es um die Idee eines „One-Stop-Shops“ rund um die Elevator-Sparte. Das hat so nicht funktioniert, aber ich habe enorm viel über Unternehmensführung gelernt.
VDE: Seit über 20 Jahren sind Sie bei VINCI Energies …
Westphal: … für mich ein perfektes Match.
VDE: Sie beschäftigen sich täglich mit der Transformation unseres Energiesystems. Was treibt Sie persönlich dabei an?
Westphal: Im Kern ist es für mich die Transformation der Elektrotechnik. Wir erleben gerade eine historisch spannende Zeit – vergleichbar mit der vor etwa 100 Jahren. Dabei bin ich überzeugt: Die Energiewende wird von Menschen gestaltet. Wir z. B. sind eine klassische People’s Company. Menschen zu begeistern, sie zu fördern und ihnen zu ermöglichen, etwas Sinnvolles zu tun, ist extrem erfüllend für mich.
VDE: Sie haben im letzten Jahr die S.A.M. Electronics-Gruppe übernommen. Welche Rolle spielen solche Akquisitionen für Ihr Wachstum? Bleiben die zugekauften Unternehmen eigenständig?
Westphal: Akquisitionen sind ein zentraler Bestandteil unserer Strategie – neben organischem Wachstum. Die Unternehmen bleiben dabei immer eigenständige Einheiten. Wir kaufen entweder, um geografisch stärker zu werden oder um Kompetenzen zu ergänzen. Die technische Integration geht schnell – die kulturelle Integration dauert jedoch zwei bis drei Jahre. Das ist ein Prozess, der sich am Ende aber immer lohnt.
VINCI Energies als „Hidden Champion“ der Energiewende
VDE: Wir haben nun viel über die Menschen in Ihrem Unternehmen gesprochen. Lassen Sie uns den Blick nach außen richten: Können Sie ein konkretes Beispiel nennen, bei dem Ihre Lösungen und Dienstleistungen für die Gesellschaft – also für Menschen im Alltag – direkt erlebbar und greifbar sind?
Westphal: Ich bin fest überzeugt, dass bis 2050 alles, was wir konsumieren, in irgendeiner Form mit elektrotechnischen Lösungen verbunden sein wird. Wir sind dabei ein klassischer Dienstleister. Wenn Sie zu Hause keinen Strom haben, haben wir vermutlich etwas damit zu tun. Aber auch wenn Sie Strom haben, sind wir im Hintergrund beteiligt: Der Strom fließt durch Leitungen und Umspannwerke, die wir gebaut haben. Wenn Sie Ihre Milch oder Ihr Bier kaufen, stehen die Chancen gut, dass wir die Produktionsanlagen automatisiert haben.
VDE: Was heißt das konkret?
Westphal: Wir haben nicht die Steuerung selbst entwickelt, sondern die Gesamtlösung realisiert. Genau das ist unser Anspruch: Wir schaffen Lösungen, die das Leben für Menschen einfacher machen. Ich würde sagen, wir sind „Hidden Champions“ – man sieht uns nicht, aber wir sind immer da.
„Think global, act local": Erfolgsmodell in internationalen Märkten
VDE: Viele Ihrer Geschäftsfelder sind weltweit hart umkämpft – von Übertragungsnetzen bis zur Cybersecurity. Wo verorten Sie heute Ihre stärksten Wettbewerber: eher in Europa, den USA oder zunehmend in Asien?
Westphal: Unsere Märkte sind im Grunde global, aber unser Geschäft ist immer lokal. Das ist ein zentraler Punkt: Wir folgen konsequent dem Prinzip „Think global, act local“. Das heißt, jedes unserer Geschäftsfelder ist in einem lokalen Markt verankert – und dort auch im Wettbewerb. Entsprechend unterscheiden sich auch die Wettbewerber je nach Region. In Nordamerika haben wir andere Wettbewerbsstrukturen als in Europa. Für uns ist das aber ein Vorteil, weil wir in vielen Märkten gleichzeitig präsent sind und entsprechend flexibel agieren können.
VDE: Gibt es auch noch weiße Flecken?
Westphal: Es gibt weltweit einzelne Regionen, in denen wir heute noch nicht stark vertreten sind – Indien ist zum Beispiel ein Markt, in dem wir bislang kaum aktiv sind. Ansonsten verfolgen wir aber den Ansatz, unsere Märkte möglichst vergleichbar zu entwickeln und breit aufzustellen.
VDE: Welche Rolle spielt Deutschland für VINCI Energies?
Westphal: Deutschland ist nach Frankreich der zweitgrößte Markt für VINCI. Wir sehen Deutschland als möglichen Trendsetter für die Energiewende. Wir arbeiten in verschiedenen Bereichen – Energie, Industrie, Building Solutions und ICT – mit unterschiedlichen Marken. Besonders spannend ist, dass wir Erfahrungen sehr schnell international skalieren können, etwa von Nordamerika nach Europa oder Asien.
Der Faktor Mensch: Fachkräfte für die Energiewende
VDE: Der Standort Deutschland steht vor strukturellen Herausforderungen: steigender Energiebedarf, Standortkosten, demografischer Wandel, Fachkräftemangel und notwendige Digitalisierung. Welche Maßnahmen ergreifen Sie, um hier langfristig wettbewerbsfähig und innovativ zu bleiben?
Westphal: Ich glaube, dass wir für den Standort Deutschland vor allem eines brauchen: mehr Arbeitsmigration. Wir benötigen Menschen, die bereit sind, hierherzukommen und direkt in den Arbeitsprozess einzusteigen. Dabei geht es nicht nur um hochqualifizierte Fachkräfte – oft denkt man sofort an IT Spezialisten aus Bangalore. Aber tatsächlich brauchen wir schlicht Menschen, die bereit sind zu arbeiten.
VDE: Was tun Sie hier schon?
Westphal: Wir arbeiten hierzu sehr eng mit dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit zusammen, um beispielsweise vietnamesische Kolleginnen und Kollegen nach Deutschland zu holen, die bereits mit unserem Know-how vor Ort ausgebildet werden. Zudem investieren wir als Unternehmen sehr stark in Aus- und Weiterbildung. Wir haben eine eigene VINCI Energies Academy, in der wir grundlegende Themen vermitteln. Das funktioniert global, wird aber in jedem Land zusätzlich spezifisch angepasst. Darüber hinaus betreiben unsere einzelnen Marken sogenannte Institute, in denen die fachliche Qualifikation für interne wie externe Mitarbeitende weiter vertieft wird. Ein Beispiel ist unser Institute im Bereich Hochspannung in Korbußen bei Gera – das größte europäische Trainingszentrum für Freileitungsmonteure. Dort lassen auch viele Übertragungsnetzbetreiber ihre Mitarbeitenden ausbilden. Das ist gut und wichtig – und genau in diesen Bereichen müssen wir künftig noch deutlich stärker werden.