Jens Schueler begrüßt Dr. Ralf Petri am Sitz von Schaeffler Vehicle Lifetime Solutions in Frankfurt am Main

Jens Schueler begrüßt Dr. Ralf Petri am Sitz von Schaeffler Vehicle Lifetime Solutions in Frankfurt am Main

| Schaeffler Vehicle Lifetime Solutions
17.04.2026 Publikation

Interview mit Jens Schüler, Vorstand Schaeffler AG der Division Vehicle Lifetime Solutions.

Im Interview mit dem VDE spricht Jens Schüler, Vorstand Schaeffler AG der Division Vehicle Lifetime Solutions, über Mobilität, die strategische Bedeutung des Aftermarket-Geschäfts und die Zukunft des Geschäftsbereichs Vehicle Lifetime Solutions bei Schaeffler.

Jens Schüler setzt zunehmend auf Elektromobilität und sieht diese langfristig als dominante Antriebsform. Schaeffler positioniert sich dabei nicht nur als Technologieanbieter für Neufahrzeuge, sondern insbesondere als Lösungsanbieter über den gesamten Fahrzeuglebenszyklus hinweg.

Kontakt
Dr. Ralf Petri
Dennis Heusser
Jens Schueler im Austausch mit Dr. Ralf Petri über die Strategien im Aftermarket  und Elektromobilität

Jens Schüler im Austausch mit Dr. Ralf Petri über die Strategien im Aftermarket und Elektromobilität

| Schaeffler Vehicle Lifetime Solutions

VDE: Herr Schüler, vielen Dank für die Einladung zum Interview. Wie sind Sie heute angereist und welche Art der Mobilität bevorzugen Sie aktuell?

Schüler: Ich bin heute mit dem eigenen Auto gekommen, aktuell ist das eines mit Hybridantrieb. Bis vor Kurzem bin ich noch einen reinen Verbrenner gefahren, mein nächstes Fahrzeug wird aber vollelektrisch sein.

Mobilität der Zukunft: Elektromobilität im persönlichen Wandel

VDE: Wenn man Ihren Lebenslauf betrachtet, kann man Sie durchaus als ein „Schaeffler-Eigengewächs“ bezeichnen. Sie waren kurzzeitig und nur zu Beginn ihrer Karriere außerhalb des Konzerns bei der Deutschen Börse tätig, sind nun schon seit 23 Jahren ununterbrochen an Bord. Was verbindet Sie mit Schaeffler?

Schüler: Meine Zeit außerhalb von Schaeffler war nur von kurzer Dauer und spielt deshalb für meinen beruflichen Weg eine untergeordnete Rolle. Schaeffler war für mich immer spannend durch die große Technologievielfalt, kombiniert mit Innovation und der Möglichkeit, neue Dinge zu entwickeln und zu gestalten. Persönlich hat Schaeffler mir zudem immer neue Perspektiven eröffnet und ist als Gruppe breit international aufgestellt. Ich komme aus einem kleinen Ort in Nordhessen und wollte schon immer die Welt kennenlernen – genau das hat mir Schaeffler ermöglicht.

Vehicle Lifetime Solutions bei Schaeffler: Aftermarket über den Fahrzeuglebenszyklus

VDE: Die Schaeffler Gruppe beschäftigt weltweit über 110.000 Mitarbeitende an 250 Standorten und positioniert sich als führendes Unternehmen für Bewegungstechnologie mit klarem Fokus auf Technologie.

Schüler: Die Division Vehicle Lifetime Solutions verantwortet das globale Aftermarket-Geschäft der Schaeffler Gruppe und bietet Reparatur- und Servicelösungen über den gesamten Lebenszyklus eines Fahrzeugs. (Anm. d. Rd.: Unter Aftermarket versteht man das Reparatur- und Servicegeschäft) Vor zwei Jahren haben wir uns bewusst umbenannt in Vehicle Lifetime Solutions, um klarzumachen, dass wir dann ins Spiel kommen, wenn ein Fahrzeug bereits produziert ist und ein Teil ersetzt oder repariert werden muss. Der Begriff „Vehicle“ ist auch bewusst gewählt, da wir nicht nur im Pkw-Segment tätig sind, sondern auch bei Lkw, Nutzfahrzeugen wie Traktoren oder Two-Wheeler.

VDE: Wie sieht Ihr Geschäftsmodell aus?

Schüler: Durch die Neuaufstellung basiert unser Geschäft auf mehreren Säulen: Die größte ist Repair & Maintenance, also Reparaturlösungen für alle Antriebsarten – vom Verbrenner bis zum vollelektrischen Fahrzeug. Hinzu kommt der Geschäftsbereich Plattform Business, der sich mit digitalen Way-to-Market-Modellen beschäftigt. Außerdem betreuen wir das OE-gebundene Geschäft (OES, Anm. d. Rd.: OES steht für Original Equipment Supplier und meint Originalausrüster) für Fahrzeughersteller weltweit. Eine weitere Säule ist das Emerging Business, in dem wir neue Geschäftsmodelle rund um Reparatur und Instandhaltung entwickeln. Ziel ist es, ein zukunftsfähiges Geschäftsfeld zu entwickeln, das Trends im Mobilitätsökosystem ganzheitlich adressiert.

Automotive Aftermarket: Technologie, Ersatzteile und Wertschöpfung

VDE: Das Aftermarket-Geschäft wird manchmal belächelt. Dort wird zwar Geld verdient, es gilt aber nicht als besonders „spannend“. Ist das bei Schaeffler auch so?

Schüler: Vielleicht früher einmal. Heute sind wir eine anerkannte Division mit über drei Milliarden Euro Umsatz. Schaeffler hat bereits früh erkannt, dass das Aftermarket-Geschäft eigene Prozesse und ein eigenes Geschäftsmodell benötigt.

Automobilstandort 2035 – Politik und Wirtschaft blicken auf die Zukunft der deutschen Automobilindustrie

Paar in einem Auto Big City
corepics / stock.adobe.com
29.04.2024 Studie

Automobilstandort 2035 – Meinungsführer*innen aus Politik und Wirtschaft blicken auf die Zukunft der deutschen Automobilindustrie.

Mehr erfahren
Jens Schueler über die Bedeutung der Elektromobilität im Aftermarket

Jens Schüler über die Bedeutung der Elektromobilität im Aftermarket 

| Schaeffler Vehicle Lifetime Solutions

VDE: Können Sie das näher erklären?

Schüler: Natürlich entwickeln wir nicht die grundlegenden (Basis-)Technologien und stehen auch nicht an der vordersten Front der Produktenwicklung. Aber auch Reparaturlösungen sind technologisch hoch anspruchsvoll: Wir halten rund 50.000 Teile teilweise über 25 oder 30 Jahre vor. Dafür braucht es spezielle Produktions- und Logistiktechnologien sowie Katalogisierungskonzepte. Unsere Wertschöpfung geht weit über das reine Ersatzteil hinaus: Wir liefern komplette Reparaturlösungen inklusive Anleitungen. Auch viele OE-Kunden fragen uns, wie sich Teile reparieren oder aufbereiten lassen. Dadurch schöpfen wir zusätzlichen Wert und Marge in einem hochkompetitiven Umfeld.

VDE: Das ist spannend. Wie lange hält Schaeffler Ersatzteile nach Serienende vor?

Schüler: Wir haben natürlich auch Verpflichtungen gegenüber unseren Kunden. Im Durchschnitt sprechen wir von etwa 15 Jahren Nachserienversorgung. Im Independent Aftermarket reicht das Portfolio oft deutlich darüber hinaus – wir haben Teile für Anwendungen, die wir 20 bis 25 Jahre vorhalten müssen. Die Bandbreite reicht dabei von unserer eigenen OE-Produktion über die Kleinserienfertigung bis hin zu extern zugekauften Teilen, um das gesamte Portfolio abzudecken. Diese Bandbreite und Flexibilität gehören zu unseren Stärken.

Elektromobilität im Aftermarket: Reparatur, Service und neue Anforderungen

VDE: Elektromobilität bringt neue Herausforderungen mit sich. Sie haben eingangs erwähnt, dass ihr nächstes Auto ein Elektroauto sein wird.

Schüler: Meine persönliche Meinung hierzu lautet: Aus energetischer Sicht ist das elektrische Fahren die effizienteste Lösung. Wer einmal elektrisch gefahren ist, merkt schnell: Es macht Spaß. Wir befinden uns nach wie vor in einer Transformationsphase mit Verbrennern, Hybriden und BEVs – aber ich bin überzeugt, dass das elektrische Fahren sich auch durchsetzen wird. Diskussionen gibt es aktuell noch zum Versorgungsnetz, Ladeinfrastruktur und zur Batterie.

VDE: Was bedeutet die Elektrifizierung für den Aftermarket?

Schüler: Besonders interessant ist die Batteriethematik: Erste BEVs kommen nun in den Aftermarket. Anders als oft angenommen, altern viele Fahrzeugbatterien deutlich langsamer als erwartet. Bei sechs bis acht Jahre alten Fahrzeugen sehen wir häufig noch einen State-of-Health-Wert von rund 90 Prozent (Anm. d. Rd.: Bezeichnung für den jeweils aktuellen Gesundheits- und Alterungszustand einer Batterie im Vergleich zu deren Neuzustand). Das liegt klar über den Erwartungen vieler Konsumenten. Moderne Batterien könnten unter Umständen sogar länger halten als das Fahrzeug selbst. Dann stellt die Batterie kein Problem mehr dar.

VDE: Wie agiert Schaeffler in diesem Umfeld?

Schüler: Zwar ist bei der E-Mobilität nicht das erhoffte Volumen da, wie wir es in der Industrie erwartet haben, doch als Schaeffler sind wir hier breit aufgestellt in allen Regionen und setzten u.a. auf den hochkompetitiven chinesischen Markt. Mit dem Kauf von Vitesco – hier gab es bereits eine längere Zusammenarbeit – haben wir uns insbesondere in den Bereichen Elektronik und Leistungselektronik deutlich verstärkt. Auch im Aftermarket wird es weiterhin Reparaturen geben, von Fahrwerks- und Bremssystemen über Thermomanagement bis hin zur E-Achse und Batteriearchitektur. Weniger Teile heißt nicht zwingend weniger Umsatz: Da Fahrzeugsysteme zunehmend komplexer werden, steigen die Anforderungen an Reparaturen und schaffen so über die gesamte Lebensdauer des Fahrzeugs hinweg zusätzliche Wertschöpfung.

VDE: Wie genau ist das zu verstehen? Erschweren Elektronik, Softwarestände und kurze Innovationszyklen eine langfristige Reparierbarkeit?

Schüler: Ja, das ist eine zentrale Herausforderung. Elektronische Komponenten und zunehmend auch Software sind teilweise nach wenigen Jahren nicht mehr verfügbar. Um die Mobilität über den gesamten Fahrzeuglebenszyklus hinweg zu sichern, gewinnen Refurbishment, Remanufacturing und zirkuläre Produktkonzepte an Bedeutung, um Werte zu erhalten. Gerade bei Software und Elektronik brauchen wir ganz neue, flexible Ansätze – um sie auch in zehn bis fünfzehn Jahren vorzuhalten. Dazu setzen wir auf modulare Konzepte, Remanufacturing, Lösungen für kleine Liefermengen sowie – wo sinnvoll und wirtschaftlich machbar – Recycling. Gleichzeitig ist uns bewusst, dass nicht alle Herausforderungen bereits heute abschließend gelöst sind.

Standardisierte SoH-Bestimmung: Ein weiterer Baustein für die Zukunft der Elektromobilität

Lithium-Ionen-Hochspannungsbatteriekomponente für Elektrofahrzeuge oder Hybridautos.
IM Imagery / stock.adobe.com
02.06.2025 Fachinformation

Die Traktionsbatterie gehört zu den wertvollsten Bauteilen in einem Elektrofahrzeug und ist somit ein wichtiger Faktor beim Kauf eines gebrauchten Modells. Um nun herauszufinden, in welchem Zustand sich die Batterie befindet, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Nur: Gut vergleichbar sind die Informationen über den State of Health (SoH) bislang nicht – und somit auch nicht besonders aussagekräftig.

Eine Experten-Gruppe widmet sich aktuell genau dieser Herausforderung und arbeitet an standardisierten Anforderungen an die Bestimmungsverfahren.

Mehr erfahren

Aftermarket-Strategie von Schaeffler bis 2035

VDE: Wie unterscheiden sich Europa, USA und China in Ihren Aftermarket-Strategien?

Schüler: Historisch waren Aftermarket-Märkte und Funktionsweisen trotz unterschiedlicher Fuhrparks weitgehend vergleichbar. Das wird sich in Zukunft deutlich verändern. Die Flotten werden vielfältiger: Während in einigen Regionen der Verbrennungsmotor noch länger eine wichtige Rolle spielt, schreiten andere schneller in Richtung Hybrid- und Elektromobilität voran. Genau diese Vielfalt ist für uns eine Chance. Denn Mobilität über unterschiedliche Technologien hinweg zu sichern, erfordert Flexibilität, tiefes Know-how und die Fähigkeit, Komplexität zu beherrschen.

VDE: Und wo werden die entsprechenden Aftermarket-Strategien in der Schaeffler-Gruppe entwickelt, hier in Frankfurt oder in den jeweiligen Werken?

Schüler: Das gesamte After-Sales-Geschäft liegt bei uns in der Division. Wir arbeiten eng mit den OE-Kollegen zusammen, etwa bei Produktionskonzepten oder Kosten, aber Marktzugang, Strategie und Umsetzung verantworten wir zentral und bringen es dann in den Markt.

VDE: Blicken wir in das Jahr 2035: Wie wird sich das Geschäftsmodell von Vehicle Lifetime Solutions weiterentwickeln?

Schüler: Bis 2035 wird der Verbrenner im Aftermarket noch dominant bleiben, gleichzeitig wird der Fuhrpark deutlich älter. Es gibt beispielsweise Märkte mit einem Fuhrpark von durchschnittlich 15 Jahren – das ist jedoch nicht zwingend gut für unser Geschäft. Denn unser Kerngeschäft liegt bei Fahrzeugen zwischen sechs und zwölf Jahren – nicht im Oldtimer-Segment. Wir brauchen viele Fahrzeuge, die viel gefahren wurden im Aftermarket. Parallel bauen wir unser Produktportfolio für alle Technologien aus, inklusive der E-Mobilität. Zusätzlich entwickeln wir neue Modelle. vor allem in Emerging Markets wie Indien und China. Das ist für uns eine zweite wichtige Umsatzsäule.

Karriere in der Industrie: Kompetenzen, KI und Arbeitswelt von morgen

VDE: Zum Abschluss noch zwei persönliche Fragen: Früher, so scheint es, war der Berufsweg oft klarer als heute. Was raten Sie jungen Menschen in einer von Technologie und Künstlicher Intelligenz (KI) geprägten Arbeitswelt?

Schüler: Das ist schwierig zu beantworten. Ich habe selbst Kinder und sehe die Unsicherheiten. Technologie und KI verändern vieles. Mein Rat: Überall dort hingehen, wo man nicht einfach durch KI ersetzt werden kann. Damit meine ich den Dienst am Menschen, das Handwerk, die Reparatur. Es gibt ein schönes Buch mit dem Titel „Don’t be a Robot“. Wenn man sich heute, wie ein Roboter fühlt, ist der Job morgen möglicherweise weg.

VDE: Und wenn man das beherzigt, wird man irgendwann Vorstand?

Schüler: (lacht) Ich habe nie geplant, Vorstand zu werden. Mein Rat ist simpel: Tun Sie das, wovon Sie überzeugt sind, worin Sie gut sind und was Ihnen Spaß macht – auch wenn das bedeutet, mehr zu arbeiten als andere. Wenn diese drei Dinge zusammenkommen, steigen die Chancen.

VDE: Herr Schüler, vielen Dank für das offene Gespräch.

Schüler: Vielen Dank.

Dr. Ralf Petri im Gespräch mit Jens Schueler

Dr. Ralf Petri im Gespräch mit Jens Schüler

| Schaeffler Vehicle Lifetime Solutions

VDE E-MOBILITY CONFERENCE 2026

VDE E-MOBILITY CONFERENCE Mood

VDE E-MOBILITY CONFERENCE 2026

| VDE / Jonas Kron
11.05.2026 Frankfurt, Germany

Der VDE bringtführende Expertinnen und Experten aus Energie, Mobilität, Infrastruktur und Industrie zusammen.

Im Fokus stehen technologische Innovationen, Normen, Netzintegration und die Skalierung der Elektromobilität von Pilotprojekten in den Markt.

Diskutieren Sie mit über aktuelle Trends, Anwendungen und Geschäftsmodelle entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

Mehr erfahren