Die zivile Sicherheit und die Verteidigungsfähigkeit hängen im Zeitalter der Hochtechnologie nicht allein von Sicherheits- und Streitkräften ab. Auch Ingenieurinnen und Ingenieure tragen dazu bei, indem sie Systeme robuster gestalten, technologische Abhängigkeiten reduzieren und digitale wie physische Infrastrukturen resilienter machen. Daher hat sich der VDE dazu entschieden, den neuen Bereich VDE Defense aufzubauen.
VDE Defense - Technologie für die Zeitwende
Fünf Schwerpunkte im Fokus
Der VDE steht seit seiner Gründung im Jahr 1893 für die ordnende, sicherheitsstiftende Gestaltung technischer Innovationen. Sicherheit ist die DNA des VDE. Verteidigung und zivile Sicherheit beginnen grundsätzlich bei der frühzeitigen Erkennung von Verwundbarkeiten. Hier setzt VDE Defense mit fünf Schwerpunkten an:
- Resilienz ist der Schlüssel: In der vernetzten, komplexen und störanfälligen Welt reicht klassische Sicherheit allein nicht mehr aus. Gefragt ist Resilienz: Störungen widerstehen, sich anpassen und im Schadensfall schnell wieder funktionsfähig werden. Für den VDE ist Resilienz die konsequente Weiterentwicklung seines historischen Auftrages. Resilienz hat neben der technischen auch eine gesellschaftliche Dimension: Demokratien stehen unter Druck durch hybride Kriegsführung, Desinformation und gezielte Destabilisierung – etwa im Kontext des russischen Angriffs auf die Ukraine. Diese Angriffe – vor allem im digitalen Raum – zielen auf Zerstörung von Vertrauen und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Sie sollen die Handlungsfähigkeit demokratischer Institutionen in Frage stellen. Eine Gesellschaft, die solche Bedrohungen nicht erkennt oder ernst nimmt, verliert ihre Widerstandskraft.
- Technologische Souveränität sichern: Technologische Souveränität ist nicht gleichzusetzen mit Autarkie. Wer technologisch souverän bleiben möchte, muss strategische Schlüsseltechnologien gezielt ausbauen. Beispiel Mikroelektronik: Sie bildet die Grundlage nahezu aller sicherheitsrelevante Anwendungen – Sensorik, Navigation, elektronische Kampfführung, Drohnen- und Raketenabwehr oder Kryptotechnologien. Doch gerade hier zeigt sich Europas Verwundbarkeit durch Abhängigkeiten von Drittstaaten.
- Neue Technologien fördern, Forschung forcieren: Moderne Verteidigung und die zivile Sicherheit basieren heute fast vollständig auf Hochtechnologie wie z.B. Cybersecurity, KI, Sensorik, Energietechnologien und autonomen Systemen. Viele technologische Innovationen sind als Dual-Use-Güter zu klassifizieren, die sowohl zivil als auch militärisch nutzbar sind. Der VDE kann als unabhängige Instanz helfen, frühzeitig Sicherheitsstandards zu definieren, Risiken zu bewerten und ethische Leitplanken zu entwickeln. Der VDE richtet den Scheinwerfer auf neue Technologien zur Verbesserung der Sicherheit. Der VDE stärkt Forschenden aus dem Bereich Sicherheit und Verteidigung den Rücken. Der VDE hat in seinem Positionspapier Technologische Souveränität: Vorschlag einer Methodik und Handlungsempfehlungen sowie in den Positionspapieren Hidden Electronics I, II, III, IV deutlich gemacht: Mikroelektronik ist das unsichtbare Nervensystem der Gesellschaft – häufig unterschätzt, aber systemkritisch.
- Fachkräfte gewinnen: Ohne Fachkräfte keine technische Sicherheit, keine Verlässlichkeit und keine Zukunftsfähigkeit – weder wirtschaftlich noch sicherheitspolitisch. 2025 standen rund 12.700 Verrentungen nur 7.500 Absolventen in der Elektro- und Informationstechnik gegenüber. Besonders kritisch ist die Situation im Bereich der Sicherheits- und Verteidigungstechnologien, denn 83 Prozent der Masterabsolventen an den F&E-lastigen Universitäten in Elektro- und Informationstechnik haben keinen deutschen Pass. Davon stammt die Hälfte aus Ländern wie China und Indien, die aus Sicherheitsgründen nicht für Projekte in der Landes- und Bündnisverteidigung zugelassen sind. Folge: Die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie kann offene Stellen nicht besetzen. Projekte verzögern sich, Innovationspotenzial bleibt ungenutzt.
- Vertrauen schaffen: Das VDE Prüf- und Zertifizierungsinstitut macht Sicherheit messbar und schafft Vertrauen. Die Dienstleistungen des Instituts gehen dabei weit über klassische Produktprüfungen hinaus. Sie umfassen Sicherheitsbewertungen für Hard- und Software, die Analyse von Lieferketten und Komponenten auf Schwachstellen sowie die Zertifizierung kritischer Technologien nach internationalen Standards. Für VDE Defense bedeutet dies, dass Systeme, die im zivilen wie im militärischen Umfeld eingesetzt werden, vertrauenswürdig und manipulationssicher sind - eine Grundvoraussetzung für operative Souveränität und strategische Resilienz.
Interview mit Oberst Dr. Ferdi Akaltin
Oberst Dr. Akaltin während eines Vortrages an seine Soldatinnen und Soldaten
| Bundeswehr/ZOpKomBwVon den antiken Schlachtfeldern bis in die digitalen Echokammern der Gegenwart: Operative Kommunikation war stets Teil militärischen Handelns – doch ihr Charakter hat sich grundlegend gewandelt. Spätestens seit der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2014 ist der Informationsraum selbst zur militärischen Domäne geworden. Soziale Medien, Desinformation, KI-generierte Inhalte und gezielte Einflusskampagnen prägen moderne Konflikte – oft unterhalb der Schwelle eines offenen
Krieges. Darüber und einiges mehr hat sich Markus B. Jaeger jüngst mit Oberst Dr. Ferdi Akaltin unterhalten. Zum Zeitpunkt des Gesprächs war Oberst Dr. Akaltin Kommandeur des Zentrums Operative Kommunikation der Bundeswehr – ZOpKomBw.
Interview mit Prof. Dr.-Ing. habil. Reiner S. Thomä (TU Ilmenau)
Prof. Dr.-Ing. habil. Reiner S. Thomä, im Gespräch mit Markus B. Jaeger
| Michael Reichel / VDEVDE Defense hat die feste Überzeugung, dass die zivile Sicherheit und die verteidigende Reaktionsfähigkeit Deutschlands nicht allein von seinen Streit- und Sicherheitskräften abhängt. Auch Ingenieurinnen und Ingenieure tragen dazu bei. Im Fokus des VDE Defense-Interviews: Unbemannte Luftfahrzeuge – Drohnen als ernsthafte Bedrohungen für die kritische Infrastruktur. Welche Rolle Mobilfunknetze für mehr Sicherheit spielen können und warum Integrated Sensing and Communication (ISAC) dabei eine Schlüsselrolle spielt, erklärt Prof. Dr.-Ing. habil. Reiner S. Thomä (TU Ilmenau) im Gespräch mit Markus B. Jaeger.